Reingehört (357): Charlie Parr

And The Woods Around My Town Have No Ending
Pray For An Old HoBo Who´s Gone Wrong

Charlie Parr – Dog (2017, Red House)

Die Knie wund rutschen müsste man sich, vor Ergriffen- und Dankbarkeit über solche Alben, hallelujah: Der von altvorderen Größen wie Mississippi John Hurt und Reverend Gary Davis geprägte amerikanische Country-Blues-Musiker Charlie Parr, seines Zeichens ausgewiesener Ausnahme-Könner an Banjo-, 12-String- und vor allem National-Resonator-Gitarre, hat vor ein paar Tagen mit „Dog“ seine vielleicht bis dato reifste Arbeit veröffentlicht.
Bereits mit der Eröffnungsnummer über das verkorkste Leben des „HoBo“ macht sich eine wohlige Rührung breit ob dieser wunderbaren Ballade, die von latent resigniert-klagendem, forderndem Gesang und vor allem dem exzellenten, virtuosen und frei fließenden Picking des Musikers auf der National Steel getragen wird.
Hinsichtlich Sangesvortrag ist Charlie Parr im Vergleich zu früheren Werken präsenter, trotz vereinzelter Improvisationsläufe darf man bei „Dog“ von einem klassischen Songwriter-Album sprechen, das neben den Akustik-Blues- und Country-Elementen auch sporadisch die Folk-Variante in den Vordergrund stellt, neben dem eindringlich Balladen-haften, getragenen, erhabenen Grundton vereinzelt auch den schwungvolleren Anschlag zelebrierend und damit seine von der ländlichen Umgebung Minnesotas und der eigenen Arbeiterklassen-Herkunft geprägten Geschichten erzählend über die harten Zeiten und den Schwierigkeiten, um über die Runden zu kommen.
In „Another Dog“ lässt Parr mal eben die Grenzen zwischen Free-Flow-Country-Blues und indischem Raga verschwinden, in der unaufgeregten Beiläufigkeit gelingt Derartiges wohl tatsächlich nur absoluten Ausnahmekönnern – der hörende Laie lässt beeindruckt die Kinnlade runterfallen und erfreut sich bereits an seinem eigenen Staunen, der wunderbare Song ist dahingehend dann nochmal eine andere Hausnummer. Auch hinsichtlich freier Form und Erweiterung der traditionellen Blaugras-Musik das Best-gehörte seit mindestens 328 Tagen, das Eindrücklichste an dieser an imposanten, sich vermengenden und aufschichtenden Elementen und Aspekten nicht eben armen Arbeit dürfte dieses untrügliche Gespür und Verständnis für die uralten amerikanischen Musiktraditionen sein, wie der Umstand, dass Parr diese nicht einfach verwaltet und konserviert, sondern in seinem ureigenen Ansatz weiterentwickelt und in ihren Grenzen ausdehnt und bereichert, ohne je die Wurzeln aus dem Blickfeld zu verlieren. So geht Volksmusik im 21. Jahrhundert.
Soweit die Fakten. Nun zum Wunschkonzert, zum Geplanten, zur noch nicht komplett durchkomponierten Zukunftsmusik: Die Gerüchte verdichten sich, dass Charlie Parr im kommenden Sommer das alte Europa bereisen wird, sollte sich das bewahrheiten, wird er auch im Rahmen des großartigen Raut-Oak Fests am bayerischen Riegsee auftreten und damit dieses herausragende Festival noch einen Tick großartiger machen. So oder so, das Wochenende vom 8. bis 10. Juni 2018 ist im Terminkalender eh schon als nicht mehr disponibel geblockt…
(***** ½)

Massenhaft Live-Aufnahmen von Charlie Parr bei archive.org, kein Wunder, bei bis zu 300 Auftritten pro Jahr kommt was zusammen.

8 Kommentare

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