Reingelesen (68): Lucero Alanís – Das Margeritenkloster

„Manchmal befällt mich ein Zweifel: Wahrscheinlich fehlen mir die Jahre, es kommt mir vor, als würden es immer weniger; ich verdächtige die Nachbarin, die im Zimmer nebenan jault, oder die Hexe, die morgens hier putzt und diesen modrigen Chlorgeruch hereinbringt: Bestimmt stehlen sie meine Jahre.“
(Lucero Alanís, Das Margeritenkloster)

Lucero Alanís – Das Margeritenkloster (2017, Ripperger & Kremers Verlag)

Wäre das Werk ein Film, wäre die Geschichte naheliegend umgesetzt als eines dieser visuellen Mysterien in der surrealistisch-dunklen Bildsprache der cineastischen Meisterwerke des spanisch-mexikanischen Regisseurs Luis Buñuel denkbar, hinsichtlich emotionaler Intensität und Themen wie Gewalt, Religion und obsessive Sexualität ist es den Songs aus den verzweifelt-resignierten Frühwerk-Alben des australischen Schmerzensmanns Nick Cave ebenbürtig, als Lektüre verstört und fasziniert das Buch „Das Margaritenkloster“ nicht minder: Die Mexikanerin Lucero Alanís hat in Romanform ein beklemmendes wie phantasievolles Tagebuch der fiktiven jungen Ich-Erzählerin Margarita geschrieben, indem sie die Lebenslinien der jungen Frau auf verschiedenen Ebenen und in mehreren parallelen Erzähl-Strängen nachzeichnet.

Die Existenz der Romanfigur ist geprägt vom erschütternden familiären Drama des sexuellen Missbrauchs der jüngeren Schwester wie der physischen Gewalt gegen die eigene Ehefrau durch den Vater, der sich nach seinen schwerwiegenden Fehlgriffen aus dem Familienverbund verabschiedet, die Erzählung bleibt dahingehend an vielen Stellen vage und deutet nur an, verklausuliert und lässt für Interpretationen offen. Im Umfeld der Psychiatrie, in der sich die schwer traumatisierte Patientin zur erzählten Jetzt-Zeit befindet, wie in eingestreuten Reminiszenzen an die Kindheit im Elternhaus und in der Klosterschule bewegen sich die Erzählungen der jungen Frau, in knapp umrissenen Episoden, Betrachtungen und Aphorismen. Verstörende Albträume, in konterkarierender lyrischer Prosa verfasste Schilderungen von Selbstverstümmelung, Vergewaltigung und seelischer Grausamkeit lösen sich ab mit traumhaften, surrealen Phantasie-Sequenzen aus dem Innenleben, in das sich die mental labile Erzählerin als Überlebensstrategie immer wieder flüchtet. Bilder von panischer Düsternis lösen sich ab mit heiteren Episoden aus dem Anstalts- und Kloster-Leben wie mit nostalgisch verklärten Erinnerungen an die Kindheit. Den strengen Regeln der Nonnen in der katholisch geprägten Mädchen-Schule begegnet die zerbrechliche wie in helleren Phasen auch starke Frau mit feinem Spott und einer Portion unerwartetem Humor, die vom lateinamerikanischen Machismo geprägte brutale Männerwelt ist mit den Figuren des vergewaltigenden Vaters, des unfähigen, lüsternen Arztes und der von Sünde besudelten wie gestrengen Priesterschaft nicht ausschließlich negativ besetzt, im Gärtner der Heilanstalt findet die fiktive Tagebuchschreiberin die männliche Projektionsfläche für ihre sexuellen Gelüste und dahingehend ausgeschmückten Phantasien, auch diese retten die gefangen nehmende Erzählung immer wieder Stimmungs-aufhellend vor dem völligen Versinken in den düsteren Lebensumständen der Patientin.

Die knapp hundert Seiten des Romans wären vom Umfang her wie auch in der einfach gehaltenen Sprache in kürzester Zeit konsumierbar, aber für unbeschwertes Page-turnen ist das Werk schlicht wie ergreifend in seiner ernsthaften wie düsteren Thematik zu erschütternd – die Leserschaft wird durch den gewichtigen Stoff immer wieder zum Innehalten, Verarbeiten, Reflektieren und Pausieren von der schweren Kost genötigt, nur in dieser Herangehensweise wird der Roman nachhallen und seine komplexe inhaltliche Wucht entfalten.

„Ich habe gesehen, wie Beethoven seine Eroica auf das ockerfarbene Notenpapier gekrakelt hat, das sieht aus wie das unleserliche Gekrakel der Ärzte, was macht es schon für einen Unterschied ob Verdis Diazepam oder der vierte Satz von Mozarts Prozac.“
(Lucero Alanís, Das Margeritenkloster)

Die Schriftstellerin Lucero Alanís wurde 1947 in Durango/Mexiko geboren, sie lebt seit 1973 in Guadalajara und ist seit 1995 Mitglied des Internationalen PEN Clubs. Sie gründete die Literaturzeitschrift „Amoxcalli“ und ist Autorin zahlreicher Erzähl- und Gedichtbände, u.a. „Opus siglo XX“, „Tarde en el Tiempo“ und „Desierto de azul nativo“.
„Das Margeritenkloster“ ist 2015 in ihrer Heimat unter dem Titel „Claustro“ erschienen.
Lucero Alanís ließ darin zahlreich vernommene Geschichten von mexikanischen Frauen einfließen, die in ihrem sozialen Umfeld alltäglicher Gewalt ausgesetzt sind. Die Übersetzerin Christiane Quandt merkt in ihrem Nachwort treffend an: „Auch wenn die Lektüre immer wieder irritierend ist, bleibt sie ein poetischer Genuss.“

„Das Margeritenkloster“ ist am 29. September beim Berliner Verlag Ripperger & Kremers erschienen.

Vielen Dank an Dr. Mirko Gemmel für das Rezensionsexemplar.

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