Reingehört (392): Peter Hammill

Peter Hammill – From The Trees (2017, Fie! Records / Rough Trade)

Von den altgedienten Helden ist dieser Tage nicht mehr allzu viel Erbauliches zu erwarten, Leonard Cohen ist tot, bei Old Neil Young ist – falls überhaupt – nur noch alle heiligen Zeiten zwischen Dahindümpeln im Mittelmaß mit Erwähnenswertem zu rechnen, über Figuren, die aufgrund ihres belanglosen Outputs in den vergangenen Jahren längst der Zwangs-Verrentung zugeführt werden sollten, mag man sich sowieso nicht mehr weiter auslassen, der letztjährige Literaturnobelpreisträger-Witz etwa oder der irische Ungustl Van The Boring Man drängen sich dahingehend einmal mehr als abschreckende Beispiele auf, da kommt ein neues Solo-Werk vom Van-Der-Graaf-Gründer Peter Hammill als Gegenwurf zu dieser Einschätzung gerade recht.
Der charismatische Engländer transferiert auf seinem 35. Solo-Album die hohe Kunst des komplexen Progressive Rock seiner Stammformation Van Der Graaf Generator in Richtung entschleunigter wie klar strukturierter Balladen-Vortrag, in reduzierten Arrangements, die weitestgehend von karger Akustikgitarre und ergreifenden Piano/Keyboard-Passagen dominiert werden, dezent erweitert um mehrstimmige Gesangsunterstützung aus dem Off, zurückgenommene Basslinien und filigrane, unterschwellige, als Hauchen im Hintergrund vernehmbare Streicher-Beigaben, ein auf das Wesentliche heruntergebrochenes Konzept, dass angenehm an Hammills sporadische Solo-Konzerte seit den Achtzigern erinnert.
Die Zeit ist auch am Meister nicht spurlos vorübergegangen, nächstes Jahr feiert er sein siebzigstes Wiegenfest, an der Stimme ist das am deutlichsten auszumachen, Hammill beherrscht zwar nach wie vor eine eindringliche Bandbreite zwischen vehementem Fordern und jammerndem Sermon, die einhergehenden Extreme, die er in vergangenen Zeiten präsentierte zwischen schneidender Schärfe des Inquisitors und verzweifelter Klage des gefolterten Opfers sind indes abgeschliffen und in dieser radikalen Ausprägung nicht mehr zu vernehmen.
Weitaus weniger Ausloten der Möglichkeiten und Forschen an neuen Ufern, wie man es aus der Sturm-und-Drang-Zeit des Progressive-Pioniers kennt, als vielmehr Bestandsaufnahme, Innehalten, Justieren für die Zielgerade, Hammill selber merkt hierzu an: „In the third act of life it’s time to look with a clear eye at where one’s been, at where one’s going“. Auch in der angedeuteten Altersmilde bliebt Peter Hammill einer, der nach wie vor, auch musikalisch, Gewichtiges zu vermelden hat, wie eingangs erwähnt lässt sich das nicht über jeden aus seiner Alterskohorte anmerken, und über viele wesentlich jüngere Musikanten auch nicht…
(*****)

5 Kommentare

  1. Ich habe einen großen Respekt vor diesen Musiker, der auch mit fast 70 Jahren solche Musik machen kann. Und die Latte liegt bei Peter Hammill ziemlich hoch. Was würden oder werden wir in diesen Alter noch zustande bringen ?

    Gefällt 1 Person

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