Reingehört (409): Textor & Renz

Textor & Renz – The Days Of Never Coming Back And Never Getting Nowhere (2017, Trikont)

Handverlesenes aus dem Hause Trikont, once more. Das Münchner Indie-Label, das kürzlich mit einem halben Jahrhundert auf dem Buckel runden Geburtstag feiern durfte, ist seit jeher dafür bekannt, nicht irgendwelche dahergelaufenen Hinzen und Kunzen unter Vertrag zu nehmen. Verhält sich somit beim Duo Textor & Renz nicht anders. Dabei wäre beim Herkunftsort Berlin erst mal Vorsicht geboten, in dem Fall allerdings: alles knorke. Die Stadt, die bekanntlich arm, sexy, zu deppert zum Flughafenbauen und Jugendstrafvollziehen ist, scheint immerhin ein gedeihliches Pflaster für exzellentes Alternative-Country-Songwriting zu sein, nach dem Motto: Je schlechter die Umstände, desto besser die Musik. Holger Renz und der früher mit dem deutschen Hiphop-Gedöns Kinderzimmer Productions beschäftigte Henrik von Holtum aka Textor stellen diese Vermutung auf ihrem vor kurzem erschienenen aktuellen Tonträger eindrucksvoll unter Beweis.
Acht völlig entschleunigte Kleinode, als spannendes Gebräu aus tiefenentspanntem Country-Blues, minimalistischen Kaffeehaus-/Bar-/Kneipen-Balladen und zeitloser, Wind-gegerbter, Wüstensand-angerauter Prärie-Americana reduziert mit Gitarre und Kontrabass serviert, versehen mit einem lakonischen, unaufgeregt-gedehnten Gesang, der in der melancholischeren Variante suggeriert, dass der Vortragende eh schon alles gesehen und erlebt hat und dementsprechend nichts mehr erwartet wie auch in den Stimmungs-erhellenderen Momenten die Aufforderung zum Locker-Bleiben mitschwingen lässt, kommt im Sinne der Vorsehung sowieso wie’s kommen muss…
Die wunderbare und seltsame Welt des Textor & Renz Country: Der bereits im Original spartanische und latent depressive Neil-Young-Blues aus der „On The Beach“-Phase bis auf die Knochen abgenagt, Townes Van Zandt auf Valium statt wie in seinen letzten Jahren ständig angesoffen mit der Bierflasche rumtorkelnd, und ganz weit hinten hallt der Desert-Psychedelic-Drone der Friends Of Dean Martinez dezent aus dem Off nach – damit hätte man eine ungefähre Vorstellung vom Treiben des Duos. Von allen semi-tauglichen Referenzen aber keineswegs ein opulentes Dick-Auftragen und aus dem Vollen schöpfen, im sachten Saiten-Anschlag wie im Sangesvortrag kein Ton und keine Nuance zu viel, jedoch auch nichts zu wenig, großartiger, nahezu meditativer und zeitloser Holzveranda-Roots-Blues, der Bilder von kargem Innen- und Außen-Leben heraufbeschwört, stilsicher im Eigen- wie Fremdwerk verpackt. Stichwort Coverversionen: Auch hier beweist das Duo wie im gesamten Konzept des Albums ein untrügliches Gespür für Qualität, bei der Big-Star-Nummer „Thirteen“ aus der Feder Chilton/Bell und erst recht bei Lowell George’s „Willin'“ gibt es nichts zu knurren, wem es gelingt, der von Little Feat selbst mehrfach interpretierten Fernfahrer-Hymne nach über dreieinhalb Dekaden noch neue Aspekte in Sachen desillusionierte On-The-Road-Gefühlslage hinzuzufügen, vor denen darf man unumwunden respektvoll das imaginäre Trucker-Käppi ziehen, egal ob in Tucson, Tucumcari, Tehachapi, Tonapah oder Kreuzberg, Prenzlberg oder sonst einem (Berliner) Schuldenberg.
Die mit 27 Minuten kurz bemessene Laufzeit des Tonträgers mag man beklagen, aber man bedenke: wie erwähnt kein Ton zuviel…
(*****)

Auch konzertant sind Textor & Renz dieser Tage in unseren Breitengraden zugange, am kommenden Donnerstag, den 18. Januar, im Münchner Vereinsheim, des Weiteren zu folgenden Gelegenheiten:

19.01.Linz – Stadtwerkstatt
20.01.Bergen – Loft 172
21.01.Ulm – Hommage Radgestaltung
01.02.Ravensburg – Neuer Ravensburger Kunstverein
02.02.Stuttgart – Kiste
03.02.Frankfurt am Main – Mousonturm
04.02.Mainz – Kaffeekommune

9 Kommentare

      1. Textor & Renz verwenden oft Stile des amerikanischen Country-Blues, die sie langsam und melancholisch spielen und so zu etwas Eigenem machen. Die Stücke des frühen Country Blues wurden aber ursprünglich zum Tanzen gespielt. Der Rythmus des Tanzes, der Groove und der Aufbau der Musik liegen dabei in der Picking-Hand. Deshalb mein Vergleich mit dem unternehmungslustigen Daumen.

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      2. Jetzt bin ich auch wieder dabei. Ja, stimmt schon, mit der traditionellen Form hat das weniger zu tun, aber in der individuellen Weiterentwicklung inklusive Entschleunigung von T&R kommt das auch nicht schlecht. Ist halt der Soundtrack für den gepflegten Fünf-Uhr-Tee und nicht für den Tanzboden.

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