Sascha Henkel, Udo Schindler & Johannes Öllinger @ Köşk, München, 2018-03-21

„Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann“ hat der kickende Buddha-Statuen-Aufsteller Jürgen Klinsmann 1996 nach dem EM-Gewinn in ein Reporter-Mikro geschwäbelt, hinsichtlich Musik-Beschreibung wäre der „Klinsi“ zu den improvisierten Klangentwürfen am vergangenen Mittwoch im Münchner Köşk vermutlich auch keinen Deut sprachfähiger gewesen.
„Drei internationale Klangabenteurer der Extraklasse loten die Verbindung von Elektronik und akustischen Klangerzeugern aus“, so war es auf der Homepage des Zwischennutzungs-Raums für Kunst- und Kulturprojekte im Münchner Westend zur Vorankündigung der innovativen Experimental-Veranstaltung zu lesen, damit hatte man in etwa eine ungefähre Vorstellung der dargebotenen Aufführungen, die da auf die offenen Ohren und forschenden Geister im Auditorium zukommen sollten.
Nach kurzen, einführenden Worten vom Münchner Organisator des Abends Udo Schindler eröffnete der am Bodensee ansässige Gitarrist Sascha Henkel solistisch mit zwei Instrumental-Improvisationen auf seinen selbst gebauten Gitarren. Henkel, der neben seinen eigenen Arbeiten und Auftritten auch bei Formationen wie Mermaids, Options/8 und Mock Grandeur als Komponist und Musiker involviert ist, erging sich vom Start weg unvermittelt in schroffem Saitenanschlag und abgehackten Riffs in einer faszinierenden wie fordernden Spontankomposition, die sich wie die weiteren, folgenden Avantgarde-Klänge jeglicher Kategorisierung verweigerten, Referenzen zum New Yorker No Wave mögen erlaubt sein, wie an artifiziellen, abstrahierten Blues oder sich frei entfaltenden, losgelösten Gitarren-Jazz-Flow, an den die intensive Saitenkunst des Gitarristen im weiteren Verlauf erinnerte, nachdem Henkel unterstrich, dass er auch in ruhigeren, wenn auch kaum weniger spannungsgeladenen Fahrwassern seine Ideen zur Entfaltung bringen kann.
Neben der exzellenten Arbeit an der Gitarre in einer Bandbreite von filigraner Miniatur bis hin zu brachialer Breitband-Noise-Attacke – und allen möglichen Ausprägungen dazwischen inklusive partieller Auflösen der Saiten-Stimmung während des Spiels – setzt der akademisch ausgebildete Musiker eine Vielzahl von Reglern, Loop-, Effekt-Geräten und Pedalen bis hin zu Blechkästen und einer am Flohmarkt erstandenen alten Zither als Resonanzkörper ein, und so mochte es nicht weiter verwundern, dass der zweite Solo-Klangrausch virtuos mit einem Stakkato-artigen, kaum Struktur erkennen lassenden Punk-Swing startete, der Assoziationen an nervöses Aufprallen von heftigen Regentropfen weckte, und nach etlichen Windungen zwischen angespanntem Ambient und latent verstörendem Postcore (um irgendwelche Hausnummern als Anhaltspunkte zu nennen) in einem Fade-Out aus Space-Electronica mündete, zu dem Henkel die entsprechenden Soundeffekte durch beherztes Drehen an den Reglern seiner Verzerrer-Geräte erzeugte.
(*****)

Nach kurzer Pause reihte sich Sascha Henkel ein in eine in der Form erstmals zusammen auftretende Trio-Formation, zu der sich der renommierte Architekt und seit Jahrzehnten umtriebige und international bekannte Improvisationsmusiker und Moderator der Veranstaltung Udo Schindler und der Münchner Gitarrist Johannes Öllinger gesellten, beides wie Henkel akademisch ausgebildete Musiker, Schindler vornehmlich im Avantgarde-Jazz und in Ad-hoc-Klangperformances beheimatet, Öllinger in einem weiten Spektrum von Alter, Kammer-, Volks-, moderner und experimenteller Musik in diversen Formationen, Ensembles und Orchestern zugange – da trafen Welten aufeinander, entsprechend vehement fiel die raumgreifende musikalische Wucht dieses profunden Gipfeltreffens der drei Klang-Pioniere aus.
Zentral positioniert setzte Udo Schindler Widerpart zum Spiel der Gitarren mit seinen unkonventionellen Saxophon- und Tuba-Exzessen, eine an Heroen des Free-Jazz wie Roscoe Mitchell, Ornette Coleman oder Albert Ayler erinnernde, völlig von jeglichen Grenzen und formalen Beschränkungen losgelöste wilde Bläserkunst, die atonale Töne statt Melodiebögen, erratisches Lärmen statt komponierte Strukturen einsetzte und mit Laut/Leise-Intervallen die Intensität variierte. Mit Kategorisierungen wie Free- oder Avantgarde-Jazz wäre die Beschreibung der improvisierten Klangentwürfe jedoch bei Weitem zu kurz gegriffen, dafür sorgte Schindler selbst mit artikulierten Lauten und dem Spiel mit Sprachfetzen neben seinem Holz- und Blechbläser-Vortrag, und dafür zeigten vor allem die beiden flankierenden Gitarristen ein zu großes Spektrum an Können, Ideen und spontaner Umsetzung in ihrem letztendlich Genre-freien Musizieren, wobei Sascha Henkel der weitaus lärmendere Part mittels Saiten-Instrument-Traktieren und Drehen an den Reglern zukam, während Johannes Öllinger mit ausgeprägt filigranem Spiel faszinierte, das gleichwohl das Experiment nicht zu kurz kommen ließ, etwa mittels Kratzen und Trommeln an der Gitarrenhals-Bespannung oder Schaben über die Saiten mit einem Topfreiniger, ein isoliert betrachtet diffuses, unterschwelliges, dezentes Psychedelic-Lichtern, das Kontrapunkt setzte zur Kakophonie der rabaukenden Mitreisenden dieser Forschungsreise zur Auslotung der klanglichen Möglichkeiten.
Ein anregender und ergiebiger, in seinen Extremen bereichernder Konzert-Abend für alle, die sich herauswagten aus der Komfortzone der eingefahrenen Hörgewohnheiten und gewillt waren, die ausgetretenen Pfade der gängigen Rhythmen, gefälligen Melodien und altbekannten Harmonien weitestmöglich hinter sich zu lassen – ein Abend mit Musik, welcher kaum eine Beschreibung gerecht wird, mit Tönen, die mit allen Sinnen selbst erfahren und ergründet werden wollen.
(**** ½ – *****)

Sascha Henkel / Homepage
Johannes Öllinger / Homepage
Udo Schindler / Homepage

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