Reingehört (457): Dirk Serries

„Das Mißverständnis aber zwischen der Größe meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, daß man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen eignen Kredit hin, es ist vielleicht bloß ein Vorurteil, daß ich lebe?“
(Friedrich Nietzsche, Ecco Homo)

Dirk Serries – Epitaph (2018, Consouling Sounds)

A Man Of Many Talents: Der Belgier Dirk Serries war in den vergangenen Dekaden unter eigenem Namen oder mit Projekten/Kollaborationen wie den Noise-Jazzern Yodok III und unter seinen Drone-Pseudonymen Microphonics, Vidna Obmana, Fear Falls Burning oder – zusammen mit Steven Wilson – Continuum zugange, darüber hinaus hat er unter anderem mit Godflesh/Jesu-Mastermind Justin Broadrick und dem amerikanischen Komponisten Steve Roach zusammengearbeitet und die Bühne mit den Indie-Bands Low und My Bloody Valentine geteilt.
In diesem Jahr steht Serries‘ fünfzigstes Wiegenfest an, wie auch Consouling Sounds zehnjähriges Dienstjubiläum feiert, was liegt näher, als die Sektkorken zur gemeinsamen Sause knallen zu lassen: Im April veröffentlichte das Genter Label für Experimental-Musik, Postrock und Artverwandtes eine feine Doppel-CD mit einer opulenten Sammlung aus zehn gedehnten Instrumental-Arbeiten des Musikers, der hier seinen expliziten Hang zur abstrakten Ambient-Musik dem Vernehmen nach final zelebriert. Dirk Serries selbst merkt in den Liner-Notes zur Veröffentlichung an, dass die Arbeiten den Stand der Klangforschungen nach über 30 Jahren Zweifeln, Frustrations-Momenten und vielen Ups und Downs zu seiner Vorstellung von Gitarren-Ambient und verfremdenden Electronica-Elementen dokumentieren, gleichsam ein Ende des Weges markierend mit Ausblick auf zukünftiges, weiteres Vordringen in individuell unerforschte Gebiete der Experimental-Musik, im Geiste einer lebenslangen tonalen Entdeckungsreise.
Direkt in den Computer eingespielt mit der E-Gitarre und ergänzt durch gesampelte Drone-Elemente, entstanden über neunzig Minuten improvisierte Melancholie, zum Innehalten gebietende Space-Reflexionen, die in hellen Klangfarben wie dunklem, unterschwelligem Rauschen und allen weiß-grau-schwarzen Schattierungen dazwischen in den Orbit driften und zum genauen Hinhören zwecks Erspüren der charakteristischen Nuancen gemahnen. „Epitaph“ ist weit von herkömmlichem Gitarren-Ambient entfernt, Serries abstrahiert, verfeinert und verfremdet den ursprünglichen Saiten-Anschlag zu synthetischen wie trotz Transformation organisch klingenden Sound-Scapes, die, einmal mit der verdienten Aufmerksamkeit und Konzentration bedacht, einen unglaublichen, Sucht-entfachenden Sog entfalten.
Wohin Genius in Verbindung mit Studiotechnik und handwerklicher Finesse Dirk Serries zukünftig führen, man darf wie stets bei diesem Musiker gespannt sein, mit dem letzten Kapitel der Bestandsaufnahme seiner experimentellen Ambient-Vergangenheit ist ihm zweifellos ein höchst gelungenes und hochspannendes Zwischenbilanz-ziehen geglückt.
(*****)

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6 Kommentare

  1. Dirk Serries! Einer meiner erklärten Favoriten. Es freut mich, dass er auf angenehme Weise von Dir beschrieben wird! DIRK SERRIES – MICROPHONICS XXX : THE DEPRIVATION OF HEART ist für mich ziemlich das Hörstück 2017 gewesen. … Ich reblogge mit Deiner freundlichen Erlaubnis!?

    Du hast eine neue Struktur für Kommentare, da werde ich mich mal durchwühlen. Einiges habe ich gelesen und gepostet; aber so einen schönen Kasten wie hier habe ich nicht!

    Viele Grüße, Ralph

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    1. Hallo Ralph, Dirk Serries, in der Tat, ein guter Mann, live beim dunk! 2016 gleich zweimal gesehen, war super. Man könnte sich tagelang mit ihm beschäftigen. Rebloggen immer gern, vielen Dank! Ja, Neuerungen u.a. bei den Kommentaren, „dank“ der neuen Datenschutz-Verordnung. Ob es das mit den Änderungen der Einstellungen schon war, mal sehen, was für ein Wahnsinn…
      Viele Grüße,
      Gerhard

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      1. Ja, zweimal auch gesehen und gehört. Einmal konnte ich sehen, wie er einen Kommentar in Richtung Twitter auf seinem Smartphone tippte. Die kleinen Erlebnisse. Ernsthaft: seine flinken Finger, wie auch sein Körper, schienen mir immer unterwegs. Seine Musik erhebt mein Herz. Die von Dir unlängst Poppy Ackroyd (?) erlebte ich mit Band mal in Münster. Auch da erinnere ich mich noch an die tanzenden Hände.

        Der WDR Schieb spricht sein Lob aus für den Datenschutz. Von dieser Seite nur eitel Sonnenschein. Eine verwickelte Angelegenheit. – there’s a light in vein höre ich gerade: wie schön. Dir einen schönen Tag! Ralph

        Gefällt 1 Person

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