Albert Pöschl

Reingehört (551): H

H – H (2019, Echokammer)

Die Münchner Musiker Leo Hopfinger und Tom Simonetti kennen selbst bei ihrer nicht zuletzt deswegen so herausragenden Desert-Blues-Band DAS Hobos keine Berührungsängste mit den Möglichkeiten der digitalen Electronica-Gerätschaften. In ihrem Indie-Disco-Zweitwohnsitz Rhytm Police fanden sie sich in jüngster Vergangenheit zwecks Einspielen neuen Materials zusammen, haben im Studio aber irgendwann einen anderen Eingang an den Pforten der Wahrnehmung erwischt und auf diesem Weg das fehlende H des Duo-Bandnamens gefunden. H wie Hypnose. H wie Heavy-Trance-Vollrausch. Oder Herrliche Halluzinationen. Oder Hofmann, Albert, Doktor der Chemie, der selbst ähnlich zufällig über die entsprechende psychedelische Wirkung des LSD stolperte, wie Autor Pico Be im Pressetext in Analogie anmerkt, eine Geschichte, die auch der US-Literatur-Star T. C. Boyle vor Kurzem in seinem jüngsten Roman „Das Licht“ über den amerikanischen Psychologen und Drogen-Pionier Timothy Leary als Prolog erzählt.
Zusammen mit dem Giesinger Studiobetreiber Albert Pöschl generieren die beiden Experimental-Musiker tatsächlich selbst bunteste Klangfarben in analoger und digitaler Dualität. In mitnehmenden Trance-Beats, mit zugänglichen, repetitiven Minimal-Melodien aus der Synthie-Kiste, die sich spätestens nach dem zweiten Durchlauf als die berühmten Ohrwürmer in den Hirn-Kompost krallen. Mit abstrakten Digital-Drones aus dem Sounddimensionen- und Horizont-erweiternden Elektro-Zauberkasten, eingebetet in einen vierzig-minütigen Endlosschleifen-Flow zwischen nordafrikanisch-arabischen Tribal-Beschwörungen und hochmodernen, synthetischen Electronica-Kraut- und Dub-Vibrationen. Die reduzierten, dadaistischen Sprach-Samplings entwickeln als permanent wiederholte Slogans eine eigene Rhythmik neben der Eindringlichkeit der monotonen Maschinen-Beats, dem analogen Trommeln und Wummern der Bässe. Durch gesampelte Verfremdung klingt etwa die kurze, permanent wiederholte Ansage in der Dub-Nummer „Nebenan zieht’s“ nach französischem Akzent und das liebliche „I Love You“ im letzten Song des Albums nach großem Elektro-Pop.
Die hypnotische Tanzveranstaltung von Hopfinger, Simonetti und Pöschl entwickelt trotz schmaler Band-Besetzung, minimalistischer, monoton wiederholter Taktgebung im handwerklichen Anschlag und gezielt reduzierter, elektronischer Anreicherung ungeahnten Tiefgang, die Klangfarben-Explosion funktioniert auch völlig ohne zusätzliche, stimulierende chemische Substanzen, womit wir irgendwie wieder beim Eingangs-Thema wären. „Mei, is des schee“ schallt es in „Alpensee“ in entrückter Verzückung aus dem Off, im oberbayerischen Idiom, etwas Lokal-Kolorit darf schon sein auf einer Münchner Produktion, und damit ist eigentlich alles gesagt zu diesem massiv anregenden Flow von internationalem Dub-Experiment-Format.
„H“ ist Ende August beim Münchner Indie-Label Echokammer von Albert Pöschl erschienen. H wie „Haben muss!“
(***** – ***** ½)

H spielen live am 10. Oktober im Münchner Glockenbachviertel-Club Milla, Holzstrasse 28, 20.00 Uhr.

Howie Reeve + 4Shades @ Café Schau Ma Moi, München, 2018-10-30

Gepflegtes Indie-Doppelpack am vergangenen Dienstag im Café Schau Ma Moi, dem Giesinger Wohnzimmer, Treff der alternativen „Löwen“-Fanszene und vermutlich kleinsten Münchner Konzertsaal im ehemaligen Bahnwärter-Häusl an der Tegernseer Landstraße: Den Auftakt des popmusikalischen Abends bespielten die Lokalmatadoren der 4Shades, die ihre Schatten dem eindeutigen Bandnamen zum Trotz auch zu dieser Veranstaltung – wie stets – zu dritt warfen, Clubzwei-Konzertveranstalter Ivi Vukelic an Gesang und halbakustischer Gitarre, Echokammer-Labelchef und Grexits/Weißes-Pferd-Musikant Albert Pöschl an den elektrischen sechs Saiten und Domhans-Drummer Martin Rühle schepperten, folk-rockten und schrammten sich in Trio-Besetzung durch ihren entspannten, unaufgeregten 45-Minuten-Set aus feinen, ansprechend melodischen Songwriter-/Indie-Pop-Perlen, flotten Surf-Rock-Instrumentals und die sporadischen Ausflüge in atmosphärische Desert-Gefilde, Alternative-Country-Reminiszenzen und ein inwendiges Grundverständnis für die beschwingte Psychedelic der Pop-historisch relevanten Spät-Sixties.
Die 4Shades sind stilistisch schwer zu greifen, kaum auf eine einzige Attraktion des alternativen Indie-Zirkus festzulegen, völlig anders als der nicht an die Wand zu nagelnde Joghurt dabei jedoch kaum beliebig und keineswegs austauschbar. Der Gesang vom hochgeschätzten Clubzwei-Organisator Ivi Vukelic wurde andernorts mit einer „sexy Ü40-Knabenstimme“ charakterisiert, vielleicht ist es auch nur die individuelle Interpretation von reduziertem, minimalistischem Soft Soul, wer mag das schon abschließend definieren?
Die 4Shades bewegen sich in einem weitläufigen Feld, innerhalb weit gesteckter Grenzen zwischen großen, ergreifenden Songwriter-Harmonien, grob die Ecke Go-Betweens/Robert Forster als Hausnummer, beseeltem Cosmic-American-Folkrock-Flow und verhallt scheppernder Pulp-Fiction-Beschallung a la Dick Dale, sie sind sowas wie die wandelnde, in Praxis umgesetzte Pop-Lexika-Theorie, und damit bei weitem mehr als die Summe der Erfahrungen, Fertigkeiten und kompositorischen Ideen ihrer einzelnen Protagonisten.
Geschmeidiges Alternative-Entertainment, notgedrungen auf engstem Raum ohne große Show-Elemente, dafür mit umso mehr musikalischer Substanz und Finesse, und zu der speziellen Gelegenheit der weitaus weniger sperrige Part des konzertanten Doppels.

Die zweite dreiviertel Stunde des Abends im Schau Ma Moi gehörte dem Schotten Howie Reeve, der Songwriter aus Glasgow, der in vergangenen Zeiten bereits mit seinem Folk-Landsmann Alasdair Roberts und dem ehemaligen Minutemen-/fIREHOSE-/Stooges-Basser Mike Watt zusammenarbeitete, ist ein fleißig durch Europa tourender Solist, der als DIY-Entertainer mit britischem Humor und unverstellten, konkreten Ansagen den direkten Draht zum Publikum sucht und die Hörerschaft weit aus der Komfort-Zone lockt, mit seinen eigenwilligen, hybriden, lustigen wie nachdenklichen Kleinoden in einem Crossover aus avantgardistischem Free-Folk und lärmendem Akustik-Postpunk.
Reeves Vokalvortrag ähnelt in seiner expressiven Art weit mehr dem Erzählen von kurzen Geschichten, Impressionen und Gedichte-Rezitationen im Rahmen eines spontanen Poetry Slam als konventionellem Liedersingen, der außergewöhnliche Barde wechselt erratisch Tempo und Lautmalerei seiner Sprechgesänge, dabei begleitet er sich selbst gleichsam unvermittelt in Extreme verfallend am Akustik-Bass mit filigranem Anschlag, schrammelnden Lagerfeuer-Akkorden, experimentellen Saiten-Übungen und brachialem, nachschwingendem Dröhnen der E-Saite. Zu diesem Spiel in losgelöster Form, als Ausloten der Möglichkeiten des Instruments, mit sprunghaften Tempi-Wechseln, zuweilen atonalen Exzessen und dem Bass-Anschlag fernab jeglicher Harmonie-Lehre mögen sich Assoziationen an Free Jazz, Canterbury-Progressive, American Primitive Guitar und an die Exerzitien verwandter Freigeister-Kollegen wie Eugene Chadbourne, Daniel Johnston oder Fred Frith durch die Gehörgänge und Hirnwindungen verirren, das dürfte für ausgewählte Momente seine Richtigkeit haben, und doch gelingt es Howie Reeve permanent, den britischen Akustik-Folk als Grundtenor ins Zentrum seines Schaffens zu stellen, freilich in einer reichlich weirden und angeschrägten LoFi-/Outsider-Ausgestaltung inklusive dissonantem Punk-Appeal.
Für eine kurze, deutsch besungene Dada-Nummer über Feuerwehr-Einsätze und die Liebe wechselte Howie Reeve ans Daumenklavier, eine launige Bereicherung des Solo-Programms, wie die spontanen Aktionen des lokalen Part-Time-Roadies Anton, der mit Handreichungen des Instrumentariums wie beim Trockenlegen der winzigen 3-Quadratmeter-Bühnen-Nische nach zwischenzeitlich auftretendem Wasserschaden glänzte und sich damit die verdienten Dankesworte und Song-Widmungen des schottischen Musikanten abholte, ein Leichtes für einen verkappten Profi wie den Anton, der im fernen Chicago bereits mit dem Bass des großen Willie Dixon hantierte… ;-)))
Die Songauswahl zu jedem Konzert legt Howie Reeve während des Gigs spontan fest, auch dahingehend großes One-Man-Improvisationstheater, damit bereitete es dem Schotten keine Probleme, zum Ende die ein oder andere zusätzliche, vom Auditorium gewünschte Experimental-Miniatur als Extra draufzupacken, trotz seiner sich zusehends verschlimmernden Erkältung in ungebremster Spiellaune und mit Lust am Feixen mit dem Publikum. Absolut unkonventioneller, grundsympathischer Typ, mit kleinem Equipment und einem Riesen-Koffer an überbordenden Ideen im Gepäck unterwegs, ein Unikat sondergleichen. Und im Verbund mit den Local Heroes von den 4Shades der Garant für ein ohne Abstriche einnehmendes Kontrastprogramm. Der Abend muss erst noch kommen, an dem man nach mittelprächtigem oder gar schlechtem Konzert-Entertainment aus dem Giesinger Wohnzimmer stolpert…

Die Tourplanung von Howie Reeve für die nächsten Tage und Wochen wird vom Musiker selbst wie folgt annonciert – vielleicht sollte der Anton aus seiner lokal begrenzten, sporadischen Tourbegleiter-Beschäftigung doch ins Vollzeit-Management wechseln zwecks konkreterer Kommunikation – jeweilige Veranstaltungsorte sind in dem Fall dann wohl der lokalen (Tages)presse zu entnehmen:

„Ok, here’s the next tour: Germany, Italy, Belgium, Holland. It would be so nice to fill those hmmmmms in…“

01.11.Berlin
02.11.hmmmmm…
03.11.Leipzig
04.11.Dresden
05.11.Travel…
06.11.Ferrara
07.11.Venice
08.11.Feltre
09.11.Porcen
10.11.Finale Emilia
11.11.Finale Emilia
12.11.Travel…
13.11.hmmmmm…
14.11.Hamburg
15.11.Kassel
16.11.Düsseldorf
17.11.Leiden
18.11.hmmmmm…
19.11.Brussels
20.11.Deux-AcrenSchau
21.11.Dordrecht
22.11.hmmmmm…
23.11.Rotterdam
24.11.Amsterdam

Honkytonk Movement, Ippio Payo, Black Patti, The Grexits, Das Weiße Pferd, Philip Bradatsch @ Ois Giasing! 2018, München, 2018-09-08

Dass sie im schönsten Münchner Stadtteil Giesing Feste feiern können, weiß die Welt nicht erst seit dem 27. Mai, als die Fans der Münchner Löwen in den Straßen um das Grünwalder Stadion die Rückkehr in den Profi-Fußball nach gelungener Aufstiegs-Relegation bis weit in die Nacht hinein gebührend zelebrierten, und damit nebenbei auch den scheintoten rot-weißen Marienplatz-Jubelpersern vom Steuerhinterzieher-Syndikat eindrucksvoll demonstrierten, wie solche Gelegenheiten gebührend gewürdigt werden, am vergangenen Samstag mussten bei herrlichsten Sommerwetter zum Stadtteil-Fest Ois Giasing! rund um die Tegernseer Landstraße der Fußball und die Lokal-Rivalitäten hintenanstehen, Kultur in überbordender Vielfalt galt es zu genießen in einer der letzten noch verbleibenden Bastionen gegen die voranschreitende Münchner Gentrifizierung.

Organisiert vom Verein Real München e.V. in Kooperation mit dem Giesinger Stadtteilladen, gefördert aus Töpfen des Bezirksausschusses, der Stadt München und des Projekts Soziale Stadt Giesing, gab es in zahlreichen Lokalen, in öffentlichen Räumen, Gebäuden und auf diversen Open-Air-Bühnen neben kulinarischen Spezialitäten, Mitmach-Aktionen und Stadtteil-Führungen für nahezu jede kulturelle/musikalische Neigung viel Sehens- und Hörenswertes, von Worldbeat am Grünspitz, über folkloristische Konzerte der diversen Ethnien dieser Stadt, indischer Jazz-Fusion und jemenitischer Klassik in der Heilig-Kreuz-Kirche, zahlreichen Lesungen, unter anderem aus dem Werk von Oskar Maria Graf, bis hin zu bayerischem Folk-Jazz-Crossover vom großartigen Titus Waldenfels, und darüber hinaus so vieles mehr, das hier nicht einzeln aufgeführt werden kann, selbst mit Zwei- oder Drei-Teilen wäre bei weitem nicht alles Interessante zu bewältigen gewesen aus diesem Füllhorn an kultureller Vielfalt, und so kann dieser Bericht im Folgenden nur eine kleine und individuelle Auswahl an Schlaglichtern und Höhepunkten dieses über die Maßen gelungenen und sehr gut besuchten Stadtteil-Festes dokumentieren.

15 Uhr war hinsichtlich überschneidender und gern besuchter Veranstaltungen eine extrem kritische Uhrzeit, das Honkytonk Movement am Grünspitz oder Ippio Payo auf der Open-Air-Bühne im Biergarten des Café Schau Ma Moi? Schwere Entscheidung, die durch partielles Beiwohnen beider Konzerte gelöst wurde, letztendlich ein nicht befriedigendes Unterfangen, da die jeweils gesamte Aufführung so nicht gebührend gewürdigt werden konnte.
Das Honkytonk Movement ist ein noch junges Trio, dem man mit der Bezeichnung Seitenprojekt dreier MusikerInnen von diversen Münchner Formationen aus dem Dunstkreis der Labels Gutfeeling und Echokammer wohl nur partiell gerecht wird, zu eigenständig ist die „New Exotica“ von Theresa Loibl an der Tuba, Manu Rzytki an Keyboard und Gesang und dem vielbeschäftigten Trommler Tom Wu, der dem Projekt auch mit Ukulele und zweiter Stimme unterstützend beisteht. Die Formation weiß mit eigenwilliger und wunderbar beschwingter Elektro-Chanson-/Folklore-Trip-Pop-Crossover-Kunst zu überzeugen, mit der sie ausgesuchte Perlen der Rock-, Punk- und Blues-Musik der vergangenen Dekaden in ein völlig neues Gewand hüllt und damit weithin bekanntem und mitunter bereits tot-gespieltem Liedgut nicht nur neues Leben einhaucht, sondern noch weit mehr einen eigenen, individuellen Stempel aufdrückt. Herrschaften wie Jimi Hendrix oder Tom Waits würden sich wundern, was auf ihren abgehangenen Heulern basierend alles an klanglichen Schönheiten und einschmeichelnden Ohrwürmern gezaubert werden kann. Ausführliche Würdigung mit entsprechendem Konzertbesuch über die volle Distanz dann hoffentlich beizeiten demnächst.

Was beim Honkytonk Movement hintenraus fehlte an Konzert-Beiwohnen, musste zwecks Zeit-Überschneidung logischerweise bei der ersten Hälfte des Solo-Auftritts von Josip Pavlov unberücksichtigt bleiben, der auch an diesem Tag in vielen Münchner Bands engagierte Multiinstrumentalist und Veranstalter der regelmäßigen Maj-Musical-Monday-Reihe eröffnete mit seinem One-Man-Postrock-Projekt Ippio Payo den Reigen auf der Trikont/Echokammer-Bühne neben dem geliebten Giesinger Wohnzimmer Café Schau Ma Moi, die im weiteren Verlauf dieses Geschreibsels der Ort des berichteten Geschehens bleiben wird. Bei Ankunft befand sich der verehrte Josip bereits im Trance-Flow seiner geloopten Soundlandschaften, die in Schleifen gesampelten Wiederholungen seiner eingespielten Gitarren-Akkorde erzeugten eine ureigene Rhythmik, dem Sog des Trips durch die instrumentalen Soundlandschaften war nach wenigen Minuten einmal mehr kaum zu entkommen. Die intensive, experimentelle Postrock-/Prog-Psychedelic fand ihren entschleunigten Schlusspunkt im sanften Gezeiten-Wogen der Nummer „Fisherman“ vom 2017er-Album „All Depends On Nature“, für die wohl wegen ihrer sommerlichen Leichtigkeit der Begriff des Surf-Postrock ins Feld geführt werden müsste. Ippio Payo: immer eine Bank, und beim nächsten Mal dann auch wieder das volle Programm, versprochen.

Wunderbaren Oldtime-Blues boten im Anschluss die Blues-Brothers von Black Patti, der Münchner Gitarrist und Mundharmonikaspieler Peter Crow C. und Kompagnon Ferdinand ‚Jelly Roll‘ Kraemer an Gesang, Gitarre und Mandoline wurden an diesem Nachmittag vom US-amerikanischen Kontrabassisten Ryan Donohue begleitet. Das Trio lieferte einen perfekten Soundtrack für einen entspannten Spätsommer-Nachmittag, mit einer Halben Giesinger Erhellung in der Hand ließ es sich gut mitwippen zu den Deltablues-Traditionals, Spirituals und Bluegrass-Ausflügen in die Inzucht-geprägten Appalachen, die Musiker glänzten einfühlsam mit Eigenkomponiertem wie ausgesuchtem Fremdwerk vom Kaliber „Bourgeois Blues“ aus der Feder von Huddie Ledbetter. Ein exzellentes, authentisches Gespür für den akustischen Südstaaten-Country-Blues der zwanziger und dreißiger Jahre, mit leichtem Ragtime-Touch wie ausgesuchte Fertigkeiten im Anschlag der National Steel, der Mandoline und im Losheulen der Bluesharp zeichnen die Münchner Formation aus, die seit 2011 filigran und gleichsam geerdet den Geist des uralten, seltsamen Amerika in ihrer Musik weiter trägt, und dafür bereits – offensichtlich völlig zurecht – mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Get your Blues-Tunes and lift up your spirit: Black Patti demnächst wieder in München live und in Farbe, am 14. September im Hide Out und am 30.9. im Crönlein, sowie am 27. Oktober im Rahmen der Neuhauser Musiknacht im Cafe Sarcletti.

Bei der letzten Begegnung mit The Grexits war noch Daniel Murena mit von der Partie, inzwischen ist der Basser der Münchner Allstar-Combo von Simon Franke ersetzt worden, der Stimmung tut das keinen Abbruch beim Balkan-Punk-Crossover des Quartetts, der an dieser Stelle schon längst wieder mal für weitere konzertante Begutachtungen fällig war, Franke, Josip Pavlov in dem Verbund an den Drums, Echokammer-Labelchef Albert Pöschl an Gitarre und Frontmann/Sänger/Gitarrist Nikos Papadopoulos präsentierten eine Auswahl an Nummern aus ihrem letztjährigen Tonträger „Δε Γκρέξιτς“, der zuforderst im griechischen Idiom vorgetragene Rembetiko-Postpunk schallte druckvoll von der Schau-Ma-Moi-Bühne in die Kistlerstraße, die Band lieferte ein großartiges Konzert mit ihrer eigenkomponierten Mixtur aus dem Kaschemmen-Folk-Blues der griechischen Hafenkneipen, hart polternder Garagenrock-Kost und psychedelischen Prog- und Balkan-Elementen, die im ausgedehnteren instrumentalen Fluss dann und wann an die Hochzeiten des hypnotischen Krautrocks gemahnten.
Mit „A Hard Day’s Night“ verhackstückten sie einen alten Schlager dieser überregional bekannten, völlig überschätzten nordenglischen Sixties-Tanzkapelle zu einem sperrigen, stumpf leiernden No-Wave-Broken, best version ever, eh klar, und Albert Pöschl durfte sich vehement Punk-rockend zum Misfits-Klassiker „Attitude“ austoben. Die Grexits sind eine Kapelle, die es eigentlich viel öfter live zu genießen gilt, sie haben an diesem Samstag Nachmittag nicht viel Neues, aber alles richtig gemacht, und damit ein berauschendes und intensives Highlight dieser schönen Stadtteil-Sause abgeliefert.

Munich-Allstarig geht es auch bei Das Weiße Pferd und ihrem Anti-Rock über die Bühne, die Herren Wu, Pavlov, Pöschl und Franke hatten wir schon in diversen anderen Konstellationen, zum Septett gesellten sich Sänger Pico Be (Pacífico Boy), Drummer Martin Tagar (of Friends-Of-Gas-Fame) und Allrounder Basti Meyhöfer an Violine, Melodica und Marimba. Im großen Orchester lieferten die renommierten ortsansässigen Musikanten den Endlos-Sister-Ray-Drone-Flow, der mal krautig, mal funky, mal stumpf (Jazz-)rockend, mitunter schmissig poppig flackerte oder auch als Drop-Out-Bastard zu ehemaliger Kamerakino-Weirdness ausfranste. Das Weiße Pferd ist ein seltsamer Gaul, der im flotten Galopp versucht, alles Mögliche an Pop-historischen Sub-Kulturen der letzten ungefähr fünfzig Dekaden einzufangen, und dem das trotz offensichtlich gelebtem Chaos und musikalischer Anarchie auch erstaunlich oft gelingt. Sänger/Agitator Pico Be gab dazu den vehement in die Vollen gehenden Frontmann in einem Vortrags-Konglomerat aus latent schlecht gelauntem Klaus-Kinski-Gestus, den Ansagen/Aussagen eines Polit-Parolen-schwadronierenden Rio Reiser und improvisiertem, unkonventionellem Deutsch-Punk-Gebell aus den DIY-Aufbruch-Jahren der späten Siebziger. Man muss nicht alles per se für gut befinden, was Das Weiße Pferd an Stil-Gebräu zusammenpackt und aufsattelt, aber man muss es mal gehört und gesehen haben. Spontanität rules.

Zu bester abendlicher Showtime ein Highlight aus dem jüngsten Trikont-Veröffentlichungsprogramm: Dinosaur Trucker, Muddy-Roots-Veteran und Meister-Gitarrist Philip Bradatsch gab sich ein Stelldichein inklusive kompletter Band-Unterstützung und präsentierte das Material seines jüngst bei der Münchner Mutter aller Indie-Labels erschienenen Albums „Ghost On A String“. Wo Bradatsch solistisch mit Wandergitarre formvollendet den Bluegrass- und Alternative-Country-Picker gibt, zieht er mit entsprechender Bass/Drums/Orgel-Unterstützung in aktuellen Nummern wie „Outsiders“, „Down Down Down“ oder „Shadowland“ das Tempo an und überzeugt nicht minder mit melodischem, beherztem, elektrischem Folkrock, qualitativ und opulent sein Klangbild erweiternd in einem Quantensprung wie damals der gute alte Dylan 1966 im Verbund mit den Hawks (in einer Inkarnation weit vor seiner Zeit als schlechter Sinatra-Witz), in dem Fall hat niemand „Judas“ gerufen, und ein Pete Seeger lauerte auch nicht mit dem Hackebeil zum Durchtrennen der Verstärker-Kabel hinter der Bühne, warum auch, viel zu einnehmend und erhebend war das Gebräu aus Country-Rock, eingewobener Sixties-Melodik, virtuosen Gitarren-Soli und Reminiszenzen an Größen wie eben Dylan, old Neil Young oder den Roots- und Swamp-Rock von Creedence Clearwater Revival, die bei Bradatsch nie zur Kopie verkommen, nur den Respekt für die Altvorderen aus seiner Liga zollen.
Der Bob-Klassiker „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“ erklingt bei Philip Bradatsch aus gegebenem Anlass als erst kürzlich umgedichtet mit deutschem Text versehene, zeitlose, leider sehr aktuelle Interpretation unter dem Titel „Der einsame Tod des Ben Ahmad“, mit der der Songwriter seine Abscheu vor der Abschiebe-Politik des bedauerlicherweise immer noch im Sattel sitzenden Bundesinnenministers zum Ausdruck bringt. Wenn es stimmt, das finstere Zeiten große Songwriter und Protestsänger hervorbringen, dann müssen die Zeiten derzeit reichlich dunkel sein, der beseelte und herausragend grandiose, letztendlich viel zu kurze Auftritt von Philip Bradatsch würde sehr dafür sprechen.

Bleibt zu hoffen, dass alle anderen Ois-Giasing!-BesucherInnen genau so viel Spaß und exzellente musikalische Beschallung geboten bekamen wie Generationen-übergreifend die Omas und Opas, Weiblein und Männlein, Mädels und Buben vor der Trikont/Echokammer-Bühne neben the beloved Café Schau Ma Moi. War schätzungsweise ungefähr wie bei den Dead auf der Haight-Ashbury-Straßenbühne in den sagenumwobenen Sechzigern, hinsichtlich Vibes und Gutfeeling und Grooves und so, nur mit weniger Hippies und generell etwas weniger Leuten, dafür aber wohl mit abwechslungsreicherem Sound und besserem Bier ;-) Oder vielleicht auch ganz anders, in jedem Fall aber over the top gelungen und hoffentlich mit vielen Wiederholungen in den kommenden Jahren. Ois Giasing, Oida! Zur Not auch mit ein paar Rotbauern…