Ambient

Reingehört (483): Alexandra Stréliski

Alexandra Stréliski – Inscape (2018, Secret City Records)

Eines der Highlights im Leben von Alexandra Stréliski dürfte der Moment gewesen sein, als Matthew McConaughey 2014 zur Oscar-Verleihung für seine dort ausgezeichnete Hauptrolle in „Dallas Buyers Club“ schritt, zur Zeremonie in Los Angeles ließ das Orchester eine Melodie aus dem Soundtrack zum Streifen erklingen, komponiert von, genau, Alexandra Stréliski.
Die im kanadischen Montreal beheimatete Musikerin zeichnete in der Vergangenheit tatsächlich vor allem für Soundtracks in Filmproduktionen des Regisseurs Jean-Marc Vallée verantwortlich, neben dem erwähnten, mit einem Academy Award prämierten Kinofilm erklingt ihre Musik in dessen gefeierten HBO-Serien „Big Little Lies“ und „Sharp Objects“. Ihr Landsmann Vallée entdeckte Stréliski einst im Internet über ihr nur dort selbst veröffentlichtes Erstwerk „Pianoscope“ (2010) und engagierte daraufhin die junge Frau als federführende Tondichterin zur Untermalung seiner bewegten Bilder.
Dafür dürften sich vordergründig auch die elf Nummern ihres jüngsten, zweiten Albums „Inscape“ eignen, in erster Linie ist das wunderschöne und sehr getragene Piano-Instrumental-Gesamtkunstwerk jedoch eine Auseinandersetzung der Künstlerin mit sich selbst und ihrer individuellen Lebenssituation: „I had to go through various interior landscapes – hectic, beautiful and painful at the same time. I found myself in a space filled with grey areas that I didn’t know how to escape. A piano, on its own, is a very vulnerable thing, and I want to share this moment with the listener.“ Die Verarbeitung einer persönlichen Krise, die Reflexion über das Platzfinden im Leben und Erkennen der ureigenen Schwächen und Stärken manifestiert sich in neoklassischen Solo-Klavier-Arbeiten, die im ersten gehörten Eindruck in einer unbeschwerten Leichtigkeit vorgetragen scheinen und bei genauerer Begutachtung doch mit dem gebotenen, schwergewichtigen, erhabenen Tiefgang in der Auseinandersetzung mit der Thematik zu überzeugen wissen. Alexandra Stréliski beherrscht ihre elegische Melodik, den minimalistischen Tastenanschlag und die klare Klangsprache meisterhaft, präsentiert mit „Inscape“ schwelgerische, erhebende wie gleichsam dunkle, introvertierte, meditative Musik zur eigenen Kontemplation und reiht sich damit ein in eine Liga mit geschätzten und gewichtigen Solo-PerformerInnen wie Poppy Ackroyd, Jóhann Jóhannsson oder Richard Luke.
„Inscape“ erscheint am 5. Oktober beim kanadischen Independent-Label Secret City Records, das im vergangenen Sommer auch das Re-Release des Stréliski-Debüts „Pianoscope“ besorgte.
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Reingehört (482): Møster!

Møster! – States Of Minds (2018, Hubro)

Experimenteller Instrumental-Klangrausch im Übermaß, garantiert ohne Kater, dicken Schädel oder andere Unpässlichkeiten: Der norwegische Jazz-Bläser Kjetil Møster hat mit einer Formation aus renommierten Landsmännern – unter anderem ist Motorpsycho-Gitarrist Hans Magnus Ryan mit von der Partie – ein Doppelalbum eingespielt, das vor kreativen Ideen nur so strotzt und auch nach dem x-ten Abhören und Eintauchen in diesen überbordenden Kosmos der Töne in seiner gesamten Virtuosität kaum zu fassen ist. Auf „States Of Mind“ geschieht in 80 Minuten mehr als bei vielen Bands und Solisten über die Jahre in ihrem kompletten Gesamtwerk.
Die fünfköpfige Zusammenkunft aus Jazzern und Rock-Musikanten zelebriert ihre exzeptionelle Klangkunst in einem weiten Feld von abstrakter Losgelöstheit von gängigen kompositorischen Strukturen über ungebändigte Improvisations-Flows bis hin zu konkreter Formgebung, mit allen denkbaren Freiheitsgraden dazwischen. Aus intensivem Ambient-Trip, irrlichternden, experimentellen Psychedelic-Drones und unkonventioneller Kraut- und Progressive-Electronica aus dem modularen Synthie schält sich ein Bläser-dominierter Groove, der sich zu einem eigenständigen Werk innerhalb eines Stückes einschwingt, Ansätze sowohl von Big-Band-Jazz, Blues, tanzbarem Soul wie auch Harmolodic-Funk aus der James-Blood-Ulmer-Ecke erkennen lässt, um sich im weiteren Verlauf in Jazzcore-Härte, lärmende Noise-Gitarren, erratische Tempi-Wechsel und strenge No Wave zu verflüchtigen. Und im nächsten Stück dekonstruiert das Quintett dann wieder alles komplett anders, zerlegt die zahllosen Spielarten der avantgardistischen Musik in ihre Einzelteile und setzt sie neu zusammen. Jede Nummer gleicht einer Spielwiese für hunderte von Ideen und inspirierte Umsetzung, dabei wirkt trotz furiosem Zusammenprall der Stile und Einstürmen auf die Hörerschaft nichts beliebig, jeder Ton scheint den stimmigen Platz zu finden und liefert so seinen Beitrag zu einem faszinierenden Gesamtkunstwerk. Jazz, der quasi als Industrial, Trance oder Hardcore mit anderen Mitteln funktioniert, eine gedeihliche Symbiose mit experimentellem Rock eingeht, und selbst für Strömungen der Klassik im Geiste der Neuen Musik offen ist.
Dem musikalischen Verständnis von Kjetil Møster und seinen Begleitern das Label Free- oder Avantgarde-Jazz aufzudrücken, würde den zehn Kompositionen mit einer Laufzeit zwischen einer und über zwanzig Minuten in keinster Weise gerecht werden, hier ist eine Combo am Werk, die sich in keinen gängigen Rahmen fügt und mit einer Handvoll stilistischer Beschreibungsversuche nicht fassen lässt. Das ausgewählte Soundbeispiel für diesen Beitrag mag stellvertretend für den Spirit des Albums stehen, als exemplarische Nummer für das gesamte Werk kann es nicht taugen, zu einzigartig ist jeder Titel ausgestaltet.
Möglicherweise ist das sogar der Jazz für Leute, die mit Jazz ansonsten wenig bis nichts anfangen können. Garantiert ohne Nervengift vom Schlage Miles Davis oder ähnlichen Ungenießbarkeiten. Trotz aller Fokussierung auf das Neue finden sich Reminiszenzen an Coltrane, Coleman, Ayler, transformiert und nur in homöopathischen Dosen, das taugt als raffinierte Würze natürlich immer. Wie eben auch punktuelle, als kurze Spots aufleuchtende Querverbindungen zu This Heat, Blurt, Thurston Moore, Black Flag, Can und vielen anderen Musikern, die im Zweifel nicht im Fokus des klassischen Jazz-Fans stehen. Insofern: wer Ohren hat, der höre hinein in diesen Quell der unerschöpflichen Unfassbarkeiten.
„States Of Minds“ ist vor einigen Tagen beim norwegische Label Hubro veröffentlicht worden, dem geschätzten Experimental- und Jazz-Spezialisten für ebensolche Ausnahme-Artefakte.
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Very special thanks an Henry vom radiohoerer-Blog.