Ambient

Reingehört (388): Gunn-Truscinski Duo

If I were forced to put what John and Steve play into a genre I would simply call it „music“. There’s a quality of timelessness to it without being nostalgic that is impossible to manufacture.
(Kim Gordon)

Gunn-Truscinski Duo – Bay Head (2017, Three Lobed Recordings)

Gibt eine Handvoll Musiker, denen kann man blind vertrauen. Der amerikanische Indie-Gitarrist Steve Gunn ist in jedem Fall so einer – ob mit modernem, unaufgeregtem Alternative-/Cosmic-American-Rock auf seinen Soloalben, im strengeren Country-/Bluegrass-Rahmen mit den Black Twig Pickers oder im Improvisations-artigen, freien Instrumentalflow wie auf der jüngsten Kollaboration mit dem Drummer und langjährigen Weggefährten John Truscinski, der in Brooklyn ansässige Ausnahmemusiker liefert permanent ohne Abstriche Qualität und Erbauliches.
Das Gunn-Truscinski Duo ist erstmals 2010 mit vier exzellenten Kompositionen auf der in Kleinstauflage limitierten „Sand City“-LP in Erscheinung getreten, seitdem sporadisch auf ein paar weiteren Tonträgern und zu konzertanten Zusammenkünften. Das Duo versteht sich blind im Entwickeln der einnehmenden Klangkonstrukte, oft kristallisiert sich in den einzelnen Werken aus eingangs abstraktem Ambient-Drone eine klare Struktur heraus durch Führung der Gitarre, die sich auf dem aktuellen Album in berauschender Psychedelic, ausladendem Cosmic-American-Höhenflug, filigranem Akustik-Gitarren-Gezupfe und arabisch-orientalischer Trance-Mystik ergeht, weitaus komplexer und vielfältiger, als man das gemeinhin von Duo-Aufnahmen erwarten darf. Sich wiederholende Melodien-Muster und die sich steigernde Intensität des Vortrags wie die stoisch-robuste Rhythmik erinnern an Genre-typische Elemente des Postrock, auch der hypnotische Charakter einiger Instrumental-Übungen des Albums passen dahingehend gut ins Bild, man täte dem Tonträger aber unrecht, ihn stilistisch auf eine einzige Spielart zu fixieren, eine reichhaltige Bandbreite an losgelöstem Blues, Gitarren-Jazz, Experiment, östlichen Anklängen und bewährten Rock-Riffs greift beim Zusammenspiel des Gunn-Truscinski Duo ineinander. Ray Manzarek von den Doors hatte in den Sechzigern Momente in seinem Orgelspiel, in dem er sich völlig in seiner Musik verlor, Steve Gunn tut es ihm dahingehend an der Gitarre auf „Bay Head“ wiederholte Male nach und präsentiert so die reine Schönheit seiner tonalen Kunst.
(*****)

Gunn-Truscinki Duo Live @ nyctaper.com.

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Konzert-Vormerker: After Is Better Than The Party / ABOP

„ABOP is best consumed live“ – Der monatlich im Münchner Bürgerhaus Glockenbachwerkstatt  stattfindende Maj Musical Monday als Plattform für experimentelle Musik hat morgen in seiner 83. Auflage die kroatische Live-Techno-Band After Is Better Than The Party aka ABOP zu Gast, die ihre Einflüsse aus Trance, Chicago House und Detroit Techno speist und den tanzbaren Club-Sound mit analogen Instrumenten und digitalen Electronica-Gerätschaften live auf der Bühne produziert. Man darf gespannt sein – und bei Gefallen auch abzappeln…

Maj Musical Monday #83: After Is Better Than The Party / ABOP – 20. November 2017, Glockenbachwerkstatt, München, Blumenstraße 7, 21.00 Uhr.

frameless15: Kama Aina + Hochzeitskapelle, John Chantler, Qubibi @ Einstein Kultur, München, 2017-11-14

Die Münchner frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter hatte in der letzten Ausgabe in 2017 neben australischem Electronica-Experiment und japanischer Videokunst mit dem gemeinsamen Auftritt von Kama Aina und der ortsansässigen Hochzeitskapelle ein besonderes tonales Gustostück zu bieten, eingangs erfreute Moderator Dr. Daniel Bürkner die treuen frameless-Fans mit der Nachricht, dass die finanzielle Förderung der von Karin Zwack veranstalteten Konzert-/Medien-Reihe durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München für das kommende Jahr gesichert ist.

Den ersten Teil des Abends bespielte der in Australien geborene und in Schweden arbeitende Klang-Tüftler John Chantler mit seiner Electronica-Komposition „Logic Being The Lowest Form Of Magic“, die sich in einem weiten wie erratischen Klangraum bewegte zwischen sporadischen, isolierten Noise-/Interferenz-Drones, digitalen Samplings, in denen er unter anderem Aufnahmen von der Orgel der neuen Hamburger Elbphilharmonie verarbeitete, und einem feinen, konträren Synthie-/Ambient-Flow, der ein artifiziell-digitales, entspanntes Unterwasser-Rauschen simulierte.
Intensive Brachial-Lautmalereien gaben sich die Hand mit schönen Sphärenklängen, organisch erzeugte Töne aus analogem Instrumentarium in Form von Field Recordings wurden durch digitale Strukturen verzerrt, ein spannungsgeladener Ansatz, der in den Ohren-schmeichelnden Passagen sehr zu gefallen wusste, im losgelösten Kunst-Lärmen jedoch mitunter die ausgereifte Finesse vermissen ließ.
(*** ½ – ****)

Die Münchner Hochzeitskapelle hat im vergangenen Jahr auf ihrer exzellenten CD/LP „The World Is Full Of Songs“ (Gutfeeling Records) das Stück „Wedding Song“ des japanischen Komponisten Takuji Aoyagi aka Kama Aina interpretiert und im Nachgang ein Exemplar des Tonträgers nach Okinawa an die Adresse des „Native Underground“-Musikers geschickt. Im März war der Hochzeitskapelle-Drummer (und Notwist-Gitarrist/Sänger) Markus Acher mit der Band Tenniscoats in Tokio für einen Auftritt zu Gast, er traf bei der Gelegenheit Kama Aina und fragte ihn, ob er für die Hochzeitskapelle neue Stücke komponieren könne, dieser konnte, und so kam es am vergangenen Dienstag Abend zur gemeinsamen konzertanten Premieren-Aufführung von zehn neuen Aoyagi-Werken durch die München-/Weilheim-Rumpeljazz-Institution mit dem japanischen Indie-Musiker Kama Aina im bis auf den letzten Platz besetzten Keller des Einstein Kultur.
Der zierliche asiatische Komponist begleitete die fünf bayerischen Ausnahme-Musiker_Innen an Gitarre, Banjo und Akkordeon, Evi Keglmaier, die Acher-Brüder, Mathias Götz und Alex Haas glänzten wie nicht anders zu erwarten an diversen Instrumenten wie Schlagwerk, Kontrabass, Posaune, singender Säge, Violine, indischem Harmonium oder Sousaphon und verzüchten so gemeinsam die Zuhörerschaft mit einer stringent durchkomponierten Mixtur aus melancholischer Schwere in herbstlichen Klangfarben und luftiger Leichtigkeit, die Erinnerungen an den verschwundenen Sommer weckte. Die Stücke bewegten sich stilistisch in einem Spannungsfeld aus kammermusikalischer Eleganz, bewusst simpel gehaltenem japanischem Minimalismus und Filmmusik-verwandten Klängen, eine einnehmende Aufführung, die durchgehend auf den gemeinsamen Nenner der musikalischen Brillanz gebracht wurde.
Das bewährte, bekannte, hochgeschätzte, geradezu spontan anarchistisch-freie Spiel der Hochzeitskapelle mit entsprechendem Raum für Improvisationen und Soli der begnadeten Klangkünstler_Innen und einhergehender Ausdehnung in viele stilistische Richtungen musste an dem Abend selbstredend hintanstehen, der Vortrag der neuen Stücke nach Notenblatt steckte einen strengeren formalen Rahmen ab, für die Aufführenden des Abends kein Hindernis für versiertes Glänzen.
Das begeisterte Publikum bedachte die konzertante Premiere der japanisch-bayerischen Kollaboration mit gebührend langanhaltendem Applaus und wurde dafür mit einer Version des „Wedding Song“ und einer Wiederholung aus dem neuen Instrumental-Zyklus im Zugabenteil belohnt. Würdiger konnte das frameless-Jahr 2017 vermutlich nicht zu Ende gehen.
(***** – ***** ½)

Die Hochzeitskapelle unterstützt heute Takuji Aoyagi/Kama Aina bei seinem Gesangs-Projekt „Circle Voice“ im Innenhof der Kunsthalle Lothringer13, Beginn 16.00 Uhr, der Eintritt ist frei. Adresse: München/Haidhausen, Lothringer Straße 13.
Ohne japanische Unterstützung spielt die Hochzeitskapelle morgen, am 17. November, in der Münchner Gaststätte Goldmarie den Soundtrack zum Abendessen, München/Ludwigvorstadt, Schmellerstraße 23.

Die Medienkunst im separaten Nebenraum des Einstein-Kultur-Kellers stammte an dem Abend vom japanischen Künstler Kazumasa Teshigawara/Qubibi, der sich in seinen Arbeiten mit der Frage auseinandersetzt, ob Maschinen Gefühle zeigen können. In München präsentierte er die minimalistische Videoarbeit „Kokuhaku“ mit Musik der japanischen Band Asa-Chang & Junray, der Film wird mit Hilfe binärer Codes durch ein Endlosschleifen-Programm generiert, er zeigt immer neue Formen zwischen rein digitalen Strukturen und kurzen, animierten Momenten der Kindheit.