Ambient

A-Sun Amissa + BaShBozouki´s @ Glockenbachwerkstatt, München, 2019-10-03

Mit dem Etikett „Psychedelische Kunst der Einheit“ als thematischer Aufhänger war das präsentierte Doppel-Konzert in der Münchner Glockenbachwerkstatt am vergangenen Feiertag des 3. Oktober überschrieben. Während das Gros der hiesigen Nachtschwärmer den nationalen Gedenktag auf dem Oktoberfest begoss – oder vielleicht auch mit reichlich Alkoholika verdrängte – fand sich eine überschaubare Schar an Unbeirrbaren im Saal der „Glocke“ zur experimentellen Beschallung ein. Den Abend eröffnete Konzert-Veranstalter Asmir Šabić aka Chaspa Chaspo himself mit seinem Ein-Mann-Projekt BaShBozouki´s. Der Musiker, den man neben seiner jahrelangen Organisations-Arbeit für zahlreiche exzellente, handverlesene Konzerte im Rahmen des Maj Musical Monday, des Noise Mobility Festivals oder in Einzel-Veranstaltungen in Sachen Postrock-, Electronica- und Jazzrock-Crossover im Stadtteiltreff auch als Kollaborateur von Bands wie Majmoon oder D’Aqui Dub kennt und schätzt, bot für gut 40 Minuten in freier Improvisation einen gelungenen Grenzgang zwischen Tradition und Moderne. Šabić ließ den Flow des elektrisch verstärkten Bouzouki-Sounds und seine sporadischen, klagenden, zu Chören gesampelten Gesänge in Anlehnung an Generationen-übergreifende Balkan-Folklore und uralte Südost-europäische Volksweisen auf den geloopten Beat der Synthie-Maschinen, auf pochende Trance-Drones und abstrakte Industrial- und Techno-Elemente treffen. Der Künstler selbst merkt zu seinem Ansatz der konzeptionellen Verbindung aus Vergangenheit und Zukunft, aus jahrhundertealten Volksmusik-Traditionen und futuristischer Electronica-Anreicherung an: „Es ist eine Live-Performance, die Geschichten von bewaldeten Bergketten und wilden Flüssen erzählt. Ein musikalisches Crossover von Melodien, Beats, Gedanken, einer Ästhetik, die von Arbeit, der Fremde, der Heimat und von dem Dazwischen berichtet. Es ist die Musik, die uns hält, die uns die Vielfalt der Welt zeigt; geschrieben, um uns zu fangen, um unsere Seelen zu retten“. Ob die ein oder andere Seele an diesem Abend ihre Rettung erfuhr, bleibt bis auf weiteres ungeklärt, Schaden dürfte an dieser in den Bann ziehenden, höchst erbaulichen Klang-Kollage sicher niemand genommen haben. Über eine geglückte oder misslungene deutsche Einheit streiten bis heute Historiker und Politiker in diesem Land, die gelungene Verschmelzung von Alt und Neu in Sachen experimentelle Balkan-Folk-Electronica ließ am vergangenen Donnerstag-Abend hingegen keine zwei Meinungen zu. In dieser oder ähnlicher Form darf Asmir Šabić in Zukunft gerne jede seiner anberaumten Veranstaltungen eröffnen.

Hinsichtlich hypnotischer Wirkung des Sounds wusste der Hauptact der Veranstaltung für die folgenden fünfzig Minuten die Dosierung nochmals um ein Vielfaches zu steigern. Der englische Multimedia-Künstler Richard Knox ist derzeit auf Konzertreise zur Promotion des neuen Albums „For Burdened And Bright Light“ in unseren Breitengraden unterwegs, der Longplayer seines Kollektivs A-Sun Amissa erschien im vergangenen Monat als Co-Produktion des belgischen Labels Consouling Sounds und Knox‘ eigener Indie-Firma Gizeh Records. Der in zahlreichen weiteren Formationen engagierte Multiinstrumentalist arbeitete in der Vergangenheit bereits mit so profilierten Postrock- und Experimental-Musikern wie der bezaubernden Jo Quail oder Oiseaux-Tempete-Mastermind Frédéric D. Oberland zusammen, auf der aktuellen Tournee wird er von seiner Partnerin Claire Knox begleitet. Das Duo entwarf zu den bewegten Schwarz-Weiß-Bildern vom archaischen, immerwährenden Wogen der Meeres-Gezeiten, von Impressionen aus dem Regenwald-Unterholz und von urzeitlichen Höhlen-Lagerfeuern ein dunkel fließendes, Text-freies Klang-Mäandern, das der Eindringlichkeit der wunderschönen Filmbilder einen bedrohlichen, ins Geheimnisvolle driftenden, bedeutungsschwangeren Unterton verlieh und seine Sog-artige Wirkung zur meditativen Kontemplation entfaltete. Knox selbst entlockte den Maschinen-Gerätschaften finstere, experimentelle Doom-, Kraut- und Electronica-Drones, wob handgemachte Klangfarben mit seinen klar angeschlagenen Gitarrenriffs ein und verfeinerte den Sound mit Samplings von analogen Tapes, die er im Verlauf der schwärenden, raumgreifenden und in den Bann ziehenden Symphonie mehrfach von Hand im Kassetten-Deck austauschte. Das tiefe Brummen der atmosphärischen Düsternis verstärkte Claire Knox mit Bogen-bestrichenen E-Bass-Saiten und gespenstischen, durch den Verzerrer abstrahierten, vokalen Lautmalereien. Die Dimension dieser improvisierten Komposition dehnte sie bisweilen mit Hilfe melancholischer Klarinetten-Phrasierungen in Richtung Free- und Dark-Jazz, in dem Kontext fast ein versöhnliches Element zur Minderung der tonalen Schwermut, wie die gegen Ende des Konzerts eingewobenen, pointierten, wenigen Dur-Töne in den Gitarren-Melodien.
Mit dieser intensiven Klang-Erfahrung zwischen abgründiger Schwere und entrückter Schönheit zeigten Richard und Claire Knox im minimalisitischen Duett, dass der Postrock von A-Sun Amissa keine stilistischen Grenzen kennt: wo die herkömmlichen Bands des Genres kaum den Blick über die Soundwände der E-Gitarren-Crescendi wagen oder – im schlimmsten Fall – irgendwann daran zerschellen mögen, sind diese Kreativitäts-einengenden Barrieren für die Klangreisen des Kollektivs aus Manchester keine Limitierung und kaum mehr als eine Spielart unter vielen.

A-Sun Amissa sind in den kommenden Tagen noch zu folgenden Gelegenheiten live zu sehen, highly recommended:

08.10.Dresden – Zentralwerk
09.10.Hamburg – FSK-HH
10.10.Rotterdam – WORM
11.10.Gent – Herberg Macharius
12.10.Diepenheim – HANS Festival
05.12.Sheffield – Record Junkee – w/ Hundred Year Old Man & E-L-R

Reingehört (548): Alexander Tucker

“With this album I wanted to join together separate key influences that have affected my work, from science fiction and cosmic horror comics, film and literature to minimalist, drone and dream music composition. My aim was to weave these elements into repetitious cycles that guide the listener into worlds both uncanny and familiar”.
(Alexander Tucker)

Alexander Tucker – Guild Of The Asbestos Weaver (2019, Thrill Jockey Records)

A man of many talents: Der Multiinstrumentalist Alexander Tucker aus dem englischen Kent ist in der weiten Welt der freigeistigen und unkonventionellen Musik bisher gut rumgekommen. Solistischer Freak-Folk, lärmender Hardcore-Punk mit diversen Bands in jungen Jahren, experimenteller Drone-Metal in Kollaboration mit dem Sunn-O)))-Musiker Stephen O’Malley, schöner Electronica-Pop im Verbund mit Landsmann Daniel O’Sullivan beim gemeinsamen Duo Grumbling Fur, um ein paar Eckdaten in die Runde zu werfen. Daneben etliche Solo-Arbeiten seit Anfang der 2000er. Die aktuellste steht mit „Guild Of The Asbestos Weaver“ demnächst zur Veröffentlichung an, der Titel stammt aus dem Science-Fiction-Klassiker „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury. Die Vorliebe für Zukunftsvisionen und kosmischen Soundflow offenbart Tucker mit seiner Maschinenmusik in erhebender Pracht, in spartanischen Industrial-Beats und analog eingefangenen Cello-Samples, mit geloopten Chören und ineinander fließenden Space-Pop-Layern. Wo in visionären SciFi- und Horror-Szenarien so manche technische Gerätschaft aus dem Ruder läuft und im schlimmsten Fall die Herrschaft übernimmt, erweist sich Alexander Tucker als wahrer Meister der Regler, Samples und analogen wie synthetischen Sound-Quellen. Ihm gelingt dabei das Kunststück, einen minimalistischen Ansatz maximalst gefällig wie psychedelisch betörend zur opulenten Ausdehnung zu bringen, muss dem guten Mann auch erst mal wer nachmachen. Vorgemacht hat’s in jedem Fall schon mal einer in ähnlicher Form, es gibt auf dem neuen Album von Alexander Tucker nicht eben wenige Momente, die wie eine Jahrzehnte später entworfene Anmerkung/Fortschreibung zum Ambient- und Kunst-Pop-Großwurf „Another Green World“ von Brian Eno daherkommen oder der Cluster-Kooperation des Multimedia-Allrounders mit den deutschen Soundpioieren Moebius und Roedelius neue Aspekte abgewinnen, und das liegt nicht ausschließlich an Tuckers artverwandten, etwas dünnen und leiernden Gesängen. Wie dem großen britischen Landsmann gelingt ihm der Entwurf dichter, ausgedehnt mäandernder Soundflows, die trotz gefälligem Wohlklang eine Atmosphäre von geheimnisvoller Schemenhaftigkeit transportieren. Der Mann weiß, wie man seine Drones und abstrakten Soundscapes in den hypnotischen Flow einflechtet und damit einem vordergründigen Pop-Appeal den unterschwelligen, nichtsdestotrotz lange nachhallenden experimentellen Tiefgang verpasst.
Den frei fließenden Erzählungen und Gedanken-Strömen zu den breitflächig ausgedehnten, repetitiven Klangmustern liegt nach Aussage des Künstlers das „Dreamweapon“-Konzept des Avantgarde-Komponisten Angus MacLise zugrunde, Alexander Tucker versteht den Original-Drummer der Velvet Underground im esoterischen Sinn, dass Träume und unterschiedliche Bewusstseins- und Erkenntnis-Zustände im persönlichen Kampf gegen die gesellschaftlichen und politischen Unbilden zu nutzen sind – wir singen und träumen uns Frau von der Leyen, den Clown im Weißen Haus oder den Brexit einfach weg, wenn’s nur so einfach wäre. Solange das nicht ohne Nebenwirkungen klappt, kann man sich die Welt immerhin mit den fünf neuen Electronica-Perlen von „Guild Of The Asbestos Weaver“ erträglicher gestalten, das Album erscheint am 23. August beim Chicagoer Indie-Label Thrill Jockey Records.
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