Anti-FCB

EMA + Dubais @ Kranhalle, München, 2017-09-27

Großartige Ladies-Night am vergangenen Mittwochabend in der Münchner Feierwerk-Kranhalle. Dabei ließen im Vorfeld zur Einstimmung auf den Abend abgerufene Videos der im Support-Programm auftretenden „Arabfuturist/Lo-fi Bedroom Pop/Dark-Disco“-Performerin Nadia Buyse aka Dubais Schlimmes an belanglosem Elektro-Pop-Gedöns vermuten, Erinnerungen wurden wach an Konzertabend-Standards vor etlichen Dekaden, als es an der Tagesordnung war, dass erst das Horror-Programm im Vorfeld überstanden werden musste, bevor man zum angenehmen Teil der Veranstaltung vordrang – doch Gottlob in dem Fall weit gefehlt. Die extrovertiert offensiv aufs Publikum zugehende Musikerin, die kosmopolitisch ihre Heimathäfen mit Berlin, Portland und Antwerpen benennt, gab zum Einstieg ein paar simple wie zupackende Folk-Songs zur E-Gitarre zum Besten, ließ sich zwischenzeitlich von EMA-Drummerin Susan begleiten und bestritt den Großteil des bizarren Auftritts dann Laptop-gestützt mit eingespieltem, groovendem Synthie-Pop-Playback formvollendet und Rampen-sauend als stimmlich groß auftrumpfende Disco-Soul-Queen, eine das Grinsen ins Gesicht treibende Aufführung so schräg wie unterhaltend, in der Form sowohl in den Grusel-Achtzigern in den Diskotheken jedes oberbayerischen (or elsewhere) Brunzkaffs wie auch als bereichernde Beigabe der cineastischen Auswüchse des Surrealisten-Maniacs David Lynch denkbar, circa „Blue Velvet“-Phase, befremdliche Dubais-Textpassagen wie „I don´t want to die alone so I´m gonna kill you when you sleep“ untermauerten letztere Einschätzung nachhaltig. Großer, schwer angeschrägter Entertainment-Sport, jedwede Befürchtung hinsichtlich Vorprogramm-Qualen in Luft auflösend.
(**** ½)

South-Dakota-Songwriterin/Gitarristin Erika M. Anderson/EMA, am Mittwoch-Abend exzellent unterstützt von der eingangs erwähnten Drummerin Susan und einem jungen, hochtalentierten Mann an Bass, Keyboard und elektrischer Violine, drehte das Intensitätslevel dann nochmal um einige Einheiten nach oben. Den Kontakt zum Konzertgänger-Volk von Beginn an suchend, ließ die einnehmende Musikerin ein paar abfällige wie willkommene Worte über den ein paar hundert Meter weiter stattfindenden Oktoberfest-Volksrausch und den Grenzdebilen im Oval Office fallen, selbstredend weitaus mehr noch glänzte das Trio im konzertanten Vortrag, die sozialkritischen Titel ihrer aktuellen Veröffentlichung „Exile In the Outer Ring“, die sich explizit mit dem aktuellen, heiklen Zustand ihrer US-Heimat auseinander setzen, präsentierte das Trio weitestgehend um jegliche Electronica entschlackt und ließ Gustostücke wie „I Wanna Destroy“ oder „Fire Water Air LSD“ im alternativen, dunklen, betörenden, in den Gitarren-Parts schwer krachenden Indie-Rock/Pop-Gewand glänzen, in den entschleunigten Passagen beeindruckten vor allem die selbst einem John Cale zur Ehre gereichenden Drone-Folk-Violinen-Fertigkeiten des Mitmusikers. Der Noise-Folk des 2011er-Tonträgers „Past Life Martyred Saints“ sollte an diesem Abend auch zu seinem Recht kommen, herausragende Nummer aus dieser Sammlung war zu der Gelegenheit die damals wie heute unvermindert bestechende Singles-Auskopplung „California“. EMA, passenderweise in Boxer-Shorts gewandet, gab sich dominierend im kontrolliert wütenden Angriffsmodus, nur um zu dezenteren, epischeren Slowcore-Klängen als sensible Songwriterin zu überraschen, eine Offenbarung an weitgefächerten Bühnentalenten.
Im Zugabenteil kramte Erika Anderson tief in der eigenen Vergangenheit und präsentierte die um jegliches Experimentelle entschlackte Nummer „Cherylee“ aus dem Fundus ihrer ehemaligen Drone-Folk-Band Gowns als erschütternde, herzergreifende Ballade im Solovortrag, um im Nachgang dann final den als viel zu kurz empfundenen Auftritt mit ihrer Band zu einem vehement-lärmenden Ende zu bringen.
Man vergaß ob der völligen Gefangennahme durch den intensiven Vortrag der jungen Amerikanerin und ihrer exzellenten Begleiter selbst die Erkundigung nach zwischenzeitlichen Spielständen im fernen Paris, umso erfreulicher im Nachgang dann das Vernehmen der 0:3-Abfuhr für den von Vorbestraften geführten Münchner Seitenstraßen-Bolzklub beim CL-Liga-Krösus PSG, die Abrundung für einen sowieso schon über die Maßen konvenierenden Abend – Geld schießt Tore, wussten Sie das schon, Herr Steuerhinterzieher? ;-)))) – im Indie-Rock hingegen, da befeuert das Leben auf schmalem Fuß und der Tanz am Abgrund prekärer Umstände den kreativen Forschungsdrang, wie EMA-Konzerte und -Tonträger eindrucksvoll unter Beweis stellen.
(***** ½)

Rauschangriff + Ramonas @ Glockenbachwerkstatt, München, 2016-10-27

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Wer kennt ihn nicht in heimatlichen Gefilden, den Landy Landinger, das Münchner Gitarristen-Unikat dürfte so manchem BR-Regionalprogramm-Glotzer schon mal im TV-Werbespot mit seinem unvergleichlichen „I bin da Landy und do bin i dahoam“ untergekommen sein, am vergangenen Donnerstag eröffnete er in der Münchner Glockenbachwerkstatt zusammen mit den Ramonas-Isarpunks Loni Lackschaden und Alfons „Al unter Palmen“ Hefter den krachig-beschwingten Konzertabend, in bewährter Manier stellte das Trio eine geballte Ladung Spaß auf die Bühnenbretter und in den Saal der Glocke mittels ihres ureigenen Pogo-Gebräus aus 70er-/Ramones-Punk und den auch gern und oft ins Derb-Groteske abdrehenden bayerischen Texten, die wie immer in dem Fall am umfänglichsten für Kenner und Versteher des oberbayerischen Idioms zu genießen waren. Allen anderen blieb immerhin das beherzte Tanzbein-Schwingen zum schmissigen, immerfrischen Speed-Rock’n’Roll-Sound der Combo und ab und an ein Schluck zur Abkühlung vom Gerstensaft, dessen Konsum das Trio auch oft und gerne thematisiert… ;-))
Die Ramonas: obszön, laut und grob, wie sie in eigenen Worten über sich selbst Zeugnis ablegen, und live nach wie vor eine Bank. Onetwothreefour, Mordsgaudi!
(**** ½ – *****)

Teil 2 des Münchner Punk-Rock-Gipfeltreffens bestritten die Veteranen von Rauschangriff, das altehrwürdige, musikalisch für das Genre hochqualifizierte Trio ist mit einer zwischenzeitlichen Auszeit seit 1995 fester Bestandteil der lokalen Punk-Szene, wie von den Herren Machtkrampf, O.S. und Küken nicht anders erwartet, wetterte die Band in ihrer Fundamental-Systemkritik gegen Führer, Klerus, Vaterland, aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen wie das Auftreten von Pegida/AfD, den täglichen Stumpfsinn im Arbeitsleben, die Allmacht der volksverdummenden Sprache, und begeisterte mit der deutschen Version der UK-Subs-Nummer „C.I.D.“ und „Deppert“, einer Adaption des Black-Sabbath-Klassikers „Paranoid“.
Als konzertantes Highlight durfte selbstredend auch am Donnerstag gemäß dem Gebot „Du sollst den FC Bayern schmähen alle Tage Deines Lebens, auf dass Dir der JVA-Landsberg-Aufenthalt und der Arroganz-Arena-Besuch erspart bleiben“ die Anti-FCB-Hymne „Faule Eier“ inklusive lautstarkem, textsicherem Fan-Chor nicht fehlen, mit anschließendem Lobgesang (was gibt es dahingehend eigentlich momentan groß zu loben??) auf die geliebten Münchner „Löwen“ nahm die Fußball-Thematik ihren gebührend-festen Platz im Rahmen des Rauschangriff-Auftritts ein.
Polit-Punk zuhauf und das für die Band obligatorische Gekicke-Thema inklusive Großklub-Beleidigung, mit schwergewichtig-wuchtigem Bass-/Drum-Rhythmus nach vorne getrieben und feinst garniert von technisch versierten, messerscharfen Gitarrenriffs, das kann in der bayerischen Landeshauptstadt nach wie vor keiner besser als die Punk-Altvorderen aus dem Neuaubinger Folterkeller.
(**** ½ – *****)

Das Rauschangriff-Kulturforum-Interview, Juli 1995: hier.