Arizona

Raut-Oak Fest 2019 @ Riegsee, 2019-06-29

Der Samstag/Tag 2 des Raut Oak am Riegsee eröffnete mit einem heimischen Beitrag aus dem Münchner Hause Gutfeeling Records: Wo Kapellmeister Andreas Staebler aka G.Rag im vergangenen Jahr mit seinen Hermanos Patchekos das gute Gefühl beim sonntäglichen Faulenzen und den Genuss beim Blicke-Schweifen über das herrliche Bergpanorama im Grünen zusätzlich mit opulenten wie wunderbar schrägen Big-Band-Sounds beförderte, war heuer die schmale Trio-Besetzung der G.Rag/Zelig Implosion Deluxxe angezeigt. Zusammen mit Drummer Mikel „Mr. Zelig“ Jack und Electronica-Tüftler Fritz Fritzmann lieferte Gitarrist/Sänger Staebler den scheppernden Weckruf für die 2. Festival-Runde am frühen Nachmittag mit einem grundsoliden wie unkonventionellen Einstieg in das Konzert-Programm. Weit ab von rauem Blues und artverwandten Variationen bespielte die Band ihr hochgeschätztes Potpourri aus stoisch reduzierten No-Wave- und Postpunk-Perlen, elektronisch veredelten Cumbia-Rhythmen und experimentellen Ausflügen in die Drone- und Space-Welt des Geräte-schraubenden Synthie-Tüftelns, die Sänger G.Rag zuweilen mit verzerrter Singstimme und dadaistisch-minimalistischer Lyrik bedachte. Mindestens die vor der Bühne versammelten Lokalpatrioten wussten wie zu vielen anderen Gelegenheiten in der Vergangenheit den ewig jungen und frischen Punk/Wave-Swing der Münchner Indie-Institution schwerst zu goutieren und starteten den 2. ROF-Tag im Blauen Land mit einem – genau! – Gutfeeling.

Die nächste Runde gehörte den vier Ladies von The Darts aus Phoenix/Arizona, dort ist es nach Ansage von Sängerin Nicole Laurenne regelmäßig noch wesentlich heißer als am hochsommerlichen Riegsee, mehr als knappe Textilien im Bühnen-Outfit haben die Mädels trotzdem nicht aufgetragen für ihre Bad-Taste-Show im Geiste des Sixties-Trash und der Psychedelic-Garage. Krawalliges Uptempo-Gepolter mit Glam-Appeal, Punk-Drive, Horror-B-Movie-Potential und exzessivem Malträtieren der Weltraum-Orgel. Die Band ist beim Alternative-Tentacles-Label von Jello Biafra am Start und präsentierte am Samstag vorwiegend das Material des Ende Mai erschienenen aktuellen Longplayers „I Like You But Not Like That“. Wer’s braucht, war vorn am Bühnenrand, alle anderen im Schatten unter der Eiche oder am Bierstand. Lux Interior hätte sich bei der Wahl zwischen Weibsen oder Drinks wohl zerreißen müssen, aber dieses Dilemma ist ja eine altbekannte Geschichte…

Gritty Tails of the Essex Underworld: Feinsten britischen Pub-Rock zelebrierten Eight Rounds Rapid aus dem südenglischen Southend On Sea. Wer sich spontan an die schneidigen Gitarren-Riffs von Dr. Feelgood’s Wilko Johnson erinnert fühlte, lag goldrichtig und musste nicht lange nach den Wurzeln suchen: ERR-Gitarrist Simon Johnson ist als Sohn des einflussreichen Musikers familiär geprägt vom englischen Prä-Punk der Siebziger und hat sich dabei unverkennbar den ein oder anderen Griff vom Altvorderen abgeschaut. Die Band lieferte im feinen Zwirn bei brütender Hitze ein vollmundiges Gebräu aus der harten Rhythm’n’Blues-Mutation der englischen Kaschemmen und Reminiszenzen an die Aufbruch-Jahre des Punk-Rock auf der Insel vor gut vier Dekaden, mit Verweisen auf die Mod-Nummern des frühen Paul Weller mit The Jam, auf die ungestüme Energie der Pistols bis hin zum fortgeschriebenen PiL-Kapitel. Speziell die stilistische Nähe zu den Johnny-Rotten-Kapellen war durch den schneidenden, fordernden Vokal-Vortrag von Sänger David Alexander offenkundig. Exzellenter erster Eindruck einer bis dato in unseren Breitengraden weithin unbekannten Band, allein dafür ein großes Dankeschön an Organisator Christian Steidl für die Ausgrabung und Präsentation derartiger Perlen.

Großes Staunen und Kinnladen-Runterfallen beim Auftritt von Bones Shake aus Manchester. Sänger David Brennan hat bereits am Vortag mit seinem energischen Auftritt zusammen mit der Combo The Dee Vees mächtigen Eindruck hinterlassen, am Samstag legte er am Spätnachmittag noch eine ordentliche Portion an Bühnenpräsenz und beinhartem Rock’n’Roll-Entertainment drauf. Der rohe, harte und überdrehte Fuzz-Trash und Primitiv-Blues-Rock dröhnte rudimentär und reichlich dissonant mit Gitarre und Drums der Sheffield-Brüder Andy und David aus den Tiefen einer versifften Garage, aus der Brennan in seiner Rolle als sich völlig verausgabender Frontmann wie der sprichwörtliche Springteufel herauskrakeelte, schrie, jaulte und heulte, als seien die letzten Tage und das jüngste Gericht angebrochen. Ein Verrenken, Wälzen auf den Bühnenbrettern und manisches Predigen, das die ohnehin schon völlig kompromisslose Bühnenshow des australischen Bruders im Geiste und Beasts-Of-Bourbon-Vorturners Tex Perkins in seinen besten Zeiten um ein Vielfaches steigerte und auf die Spitze trieb. Mehr Intensität und frenetisches Fiebern beim Grenzen-niederreißenden Herauskehren der inneren Dämonen und wütenden Entladen der Energie ist kaum vorstellbar. Großes Underground-Blues-Kino und damit selbstredend einer der exzellentesten Momente der ROF-2019-Ausgabe. Das jüngst bei Abattoir Blues Record, dem Label von Bandleader David Brennan erschienene Vinyl „Sermons“ ist auch ein sehr feines Teil für alle Freunde der raueren Gangart des Blues.

Zum Auftritt von Repetitor darf das Kulturforum zur Abwechslung mal ganz unbescheiden aufs Blech hauen: Dezenten Hinweis auf das Glockenbachwerkstatt-Konzert der serbischen Postpunk-Granaten im vergangenen Herbst an ROF-Mastermind Christian Steidl gesteckt, der fand Gefallen und hat postwendend mit dem Vertrag gewedelt, das Publikum am Samstag war nicht minder angetan vom Auftritt des gemischten Trios aus Belgrad, alles paletti. Die furios aufspielenden Rhythmus-Musikerinnen Milena Milutinović und Ana-Marija Cupin und ihr in Sachen Intensität in nichts nachstehender Band-Kollege Boris Vlastelica an Gitarre und Gesang zündeten ein Feuerwerk an Postpunk-Vehemenz und progressiven Ideen im Uptempo-Drive ihrer ureigenen Interpretation des harten, lauten und schnellen Alternative-Rock. Virtuos treibende Bass-Linien, entfesseltes Getrommel, schwergewichtige Gitarren-Attacken und verzweifeltes Herausschreien in offensiver Bühnen-Präsentation versetzen große Teile des Publikums in euphorische Ekstase, für nicht wenige war der scharfe Balkan-Noise einer der herausragenden Sets des Festivals. Wer die Band bereits bei früheren Gigs erleben durfte, war nicht wirklich überrascht vom schwer für sich einnehmenden Auftreten der entfesselt aufspielenden Formation, die drei jungen Musiker_Innen haben im Postpunk und seinen zahlreichen Nebensträngen eine eigene Sprache gefunden, die frontal und mit überbordendem Spielwitz zum Vortrag kommt. Der exzellent abgemischte Sound tat das Seine zum herzerfrischenden, frenetisch beklatschten Repetitor-Orkan, zu dem selbst die gröbsten Feedback-Dissonanzen noch glasklar und differenziert vernehmbar waren. Mit derart beherztem Herangehen schreibt man wohl Raut-Oak-Geschichte. Nächstes Jahr gerne wieder.

Die Brüder Aled und Brenning Clifford aus Wales beeindruckten als klassisches Gitarren/Drums-Duo Henry’s Funeral Shoe durch erdigen Heavy-Blues, wuchtige Soul-Grooves und lärmenden Rock’n’Roll, die Mixtur zeigte in der Form auf dem Festival gewiss keine neuen Perspektiven des Genres im Raut-Oak-Standardformat auf, wurde aber energisch, im satten Anschlag und mit Herzblut durch das fein abgemischte Equipment gerockt und ist damit selbstredend eine lobende Erwähnung wert. Slide-Gitarrist Aled Clifford hat sein Handwerk vom langjährigen Van-Morrison-Musiker Ned Edwards erlernt, da ist unzweifelhaft so manche Unterrichtsstunde auf fruchtbaren Boden gefallen. Dieser Umstand und seine raue, voluminöse Bluesmänner-Stimme wie der druckvolle Trommelanschlag seines jüngeren Bruders Brenning sorgten allemal für ein breites Grinsen bei den Freunden ausladender E-Gitarren-Soli und grundsolider, harter Bluesrock-Kost.

In den Abendstunden des Samstags stand der bei weitem kontroverseste Auftritt beim diesjährigen Raut Oak an: Am durchgeknallten Gig des deutschen Duos Dÿse schieden sich die Geister, wo es zu vielen exzellenten Festival-Auftritten keine zweite Meinung gab, war zum Gewerk der Herren Dietrich und van Gohl dahingehend reichhaltige Diversität bei der Konsumenten-Schar geboten. Rammstein für Harzer? Helge Schneider goes Noise-Rock? Schwer erträgliches Blöd-Geblubber, wo man bekloppt von wird, einhergehend mit durchaus ansprechendem, lärmendem Rockmusik-Gewerk – oder tatsächlich genial-spontaner Dadaismus, mit schmissigem, schwerst gefälligem und brachial nach vorne abgehendem Trash-Metal orchestriert? Bis zur abschließenden Klärung dieser Fragen und dem Ausräumen aller etwaigen Unklarheiten: Sag einfach Hans zu mir… (Indifferent-Achselzuck und ab).

Mittlerweile Dauergäste beim Raut Oak sind Left Lane Cruiser aus Fort Wayne/Indiana, fortwährend gebucht und hochwillkommen wie der großartige Orgel-Wizard James Leg, der am kommenden Tag seinen großen Auftritt haben sollte, gehört das Trailerpark-Hardblues-Duo mittlerweile zum festen Inventar der Veranstaltung – und doch war nicht alles beim Alten zum 2019er-Gig: Fredrick „Joe“ Evans IV hat sich extra fein gemacht und war beim Bader („Barber Shop“ heißt der Friseur heutzutage bei den Rauschebart-Hipstern im Glockenbachviertel, in Williamsburg und allen anderen tot gentrifizierten Nachbarschaften), und eine Handvoll neue Songs wie einen neuen Trommler hatte er auch im Schlepptau. Pete Dio kümmert sich daheim in den Staaten um den Nachwuchs, dafür durfte Johnny Revers als Ersatz die Stöcke schwingen, weitaus defensiver und zurückgenommener als sein Vorgänger, was dem rauen und unverblümt aus der Hüfte geschossenen, hart und unverdaut vor die Front gerotzten Slide-Riffs und den Einsichten aus der prekären Welt der „Abgehängten“ im Mittleren Westen der US of A von Gitarrist/Sänger Evans etwas die schneidende Schärfe nahm. Als singender, Soul-infizierter Drummer im Geiste eines Levon Helm macht der Mann mit dem imposanten Bartwuchs in einer Handvoll an Nummern obendrein eine gute Figur. Evans der Vierte sorgte mit seinem permanenten „Fucking-dies-und-fucking-das“-Gefluche, polternden Knurren und Zuprosten zwischen den beinharten Trash- und Punk-Blues-Ausbrüchen dafür, dass es nicht allzu gemütlich wurde. Die hochgefahrene Lautstärke intensivierte den wie seit eh und je überwältigenden Auftritt der Blues-Berserker, eine schweißtreibende und herzerfrischende Angelegenheit, aber damit erzählt man der Raut-Oak-Gemeinde weiß Gott nichts grundlegend Neues, und das ist in dem Fall auch gut so.

Zu den Klängen von Radio Moscow ging es in Richtung heimatliche Gefilde, um Mitternacht war nach nahezu zehn Stunden konzertanter Beschallung, anregenden Gesprächen in den Umbaupausen und einem kurzen Abstecher an die Tiki-Bar der Almost Boheme die Aufnahmefähigkeit am Tiefpunkt, über die Psychedelic-Combo aus Iowa stand an dieser Stelle im Rahmen der Platten-Besprechung zum letzten Werk „New Beginnings“ folgendes zu lesen: „Bandgründer, Sänger und Multiinstumentalist Parker Griggs und die beiden anderen Langhaarigen hören sich auch auf dem fünften Radio-Moscow-Album so an, wie die Optik der Band mit dem ersten Gedanken spontan vermuten lässt: nach Heavy-Sound, Marshall-Boxen-Türmen, ausladenden Gitarren-Soli, rausgerotzten Rock’n’Roller-Weisheiten, säuerlichen Alkohol-Ausdünstungen am Tag danach, eingefangen in Biker-Garagen-Atmosphäre, die Luft geschwängert vom Motorenöl-Duft, Rauchwaren-Schwaden und dem Aroma von verschüttetem Bier“ – in der vernommenen ersten halben Stunde des ROF-Gigs des Power-Trios hat sich das nicht viel anders ausgenommen, die Band ist in den längst vergangenen Zeiten des Siebziger-Blues-Rock verhaftet, im ausgedehnten Ausleben der Gitarren-Exzesse zwischen Wah-Wah-Verzerrungen, psychedelischen Sound-Trips und endlosem Flow, getrieben vom wummernden Rickenbacker-Bass und einer latent zu schnellen, ausladenden Drum-Rhythmik, die das aus der Zeit gefallene Retro-Gebräu in Richtung Stoner-Härte drängt.
Zum Konzert des jungen spanischen Trash/Psychobilly-Duos Yo Diablo lassen sich mangels Anwesenheit nur die Zeugen vor Ort zitieren, es herrschte wohl einhellige Meinung, dass die Band mit ihrem zum orientalischen Swing neigenden Desert-Blues-Geschrammel völlig zu überzeugen wusste und damit jede/r das abrupte Ende des Auftritts um 3 Uhr morgens zwecks verordneter Nachtruhe schwerst bedauerte. Zweite Chance im nächsten Jahr, vielleicht?

ROF 2019 / Day 3 – coming soon…

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Giant Sand + Patsy’s Rats @ Hansa39, München, 2018-05-28

Bleibt alles in der Familie: Bevor Howe Gelb und das aktuelle Line-Up seiner Tucson/Arizona-Institution Giant Sand am Montagabend die Münchner Feierwerk-Hansa39-Bühne enterten, spielte Tochter Patsy zusammen mit dem Mean-Jeans-Frontmann Christian Blunda aka Billy Jeans plus Rhythmus-Abteilung-Verstärkung den Warm-Up-Gig zur Einstimmung des bis dahin noch spärlich anwesenden Publikums, und was Anheizen anbelangt, haben Patsy’s Rats mit einer Handvoll Songs dann auch vom Start weg für ordentlich Schwung gesorgt und ganze Arbeit geleistet. Das Indie-Power-Pop-Schrammeln der Band wusste ordentlichst zu überzeugen, die flotten Drei-Minuten-Gassenhauer hatten Punk- wie Pop-Appeal, die Trommeln schepperten, die Gitarren jaulten und schrammten am oberen Tempo-Level, griffige Melodien trafen auf Rock-and-Roll-Energie und jugendliche Unbeschwertheit, wunderschön garniert mit Patsy Gelbs lieblichem Gesang. Wer Einflüsse von C86-Indie-Pop, den Shop Assistants, den Ramones und der ein oder anderen halbwegs tauglichen Garagen-Trash-Combo in der musikalischen Sozialisation der jungen Leute vermutete, war gewiss nicht völlig auf dem Holzweg, und dahingehend gab es beileibe nichts Verwerfliches. Das haben auch die Sucht-Lungen vor dem Feierwerk irgendwann vernommen, ab da ging’s dann mit dem verdienten Halle-Füllen rapide vorwärts.
Ordentlich Rumpeln und Gitarre-Schrubben durfte auch sein, in der H39-Halle waren nicht wenige anwesend, denen die ausgiebige Löwen-Aufstiegsause vom Vortag im schönen Giesing and elsewhere noch in den müden Knochen steckte, nach der knackigen Uptempo-Vollbedienung des jungen US-Quartetts sollten dann zu fortgeschrittener Stunde endlich alle wach gewesen sein.
Alles richtig gemacht beim Feiern am Vortag – und im Hause Gelb in Sachen musikalische Früherziehung beim Nachwuchs sowieso.

Giant Sand live, was hat man schon alles erlebt in vergangenen Jahrzehnten mit Desert-Rock-Grandseigneur Howe Gelb und den Seinen: Ausfransendes, sich im Nirgendwo der Wüste verlierendes Bar-Jazz-Geklimper, erratische Alternative-Country-Nebenflüsse und Rinnsale aus verfremdetem Roots-Rock-Gefrickel, seltsame „Erosion Rock“-Americana, der Soundtrack für unwirtliche Wüstenlandschaften, deren Dürre und Kargheit sich auch im Klangbild widerspiegelte, am vergangenen Montag richteten sich die sodann auch keineswegs enttäuschten Erwartungen indes auf stringenten Prärie-Rock, war doch als Motto des Abends „Giant Sand Returns To Valley Of Rain“ angezeigt, „playing the first album in full“, alles auf Anfang mit kompletter Live-Präsentation des Desert-/Indie-Rock-Debüt-Klassikers aus dem Jahr 1985.
Back to the roots, das hat sich bereits vor ziemlich genau drei Jahren beim letzten Münchner Giant-Sand-Konzert angedeutet, wieder straightere Songs im Geiste der Band-Anfänge nach Jahren des Ausprobierens und solistischen Hacken-Schlagens, wenig bis kein Platz mehr für das sprunghafte, ab und an konzeptlos wirkende Free-Flow-Experimentieren, hingegen „Valley Of Rain“ als den Saal im Sturm nehmender, vehementer Desert-Rock-Gigant, den Howe Gelb mit Unterstützung von ex-Dylan-Drummer Winston A. Watson, Desoto-Caucas-Basser Thøger T. Lund, Langzeit-Spezi Gabriel Sullivan und der jungen Gitarristin Annie Dolan – letztere bereits am Bass im Vorprogramm zugange – entfachte. Die Songs haben auch nach 33 Jahren nichts von ihrem Zauber verloren, die Band garnierte getragen von drei jaulenden, heulenden, dem Wüstenwind gleichen Gitarren ihren Prärie-Sound euphorisch entfesselt mit toughen, melodischen Paisley-Underground-Reminiszenzen an längst vergangene Tage und vor allem einem voluminösen, griffigen Punk-Blues-Drive, der in der Güte zuletzt bei Konzerten des legendären, leider auch längst den Weg alles Irdischen gegangenen Gun Club dem geneigten Volk um die Ohren geblasen wurde. Gabriel Sullivan legte wohl ob der Freude über wesentlich mehr Zuschauerzuspruch als zu seinem letzten München-Gastspiel eine Spur zuviel an Enthusiasmus in seinen hart rockenden Gitarren-Anschlag und wurde mit gerissener Saite zum zwischenzeitlichen Party-Crasher durch minutenlanges Verschwinden in den Backstage-Bereich zwecks Instrument-Reparatur – Ersatz-Klampfe wäre zu der Gelegenheit eine Idee – der Stimmung im Saal tat es gleichwohl kaum Abbruch, die Band durfte sich für den ansonsten grandios überwältigenden Vortrag zurecht feiern lassen, wenn auch drei Zugaben on top zur Debüt-Album-Präsentation hinsichtlich Konzertdauer ziemlich mager ausfielen, immerhin bequemten sich Howe & Co durch schwerst animierte Publikums-Penetranz nach Anstarten der Saal-Beschallung aus der Konserve nochmals zu einem finalen Antanzen.
Ungefähr bestes Giant-Sand-Konzert seit Erfindung des Grand Canyons.

Die Legende will wissen, dass Howe Gelb seinerzeit bei den finalen Arbeiten am ersten Album die klanglichen Möglichkeiten des Fender 30 Röhrenverstärker entdeckte, mit maßgeblichem Einsatz dieser Gerätschaft spielten Giant Sand ihr Debüt-Album vor Tour-Start in aufgepeppten Sound gewandet neu ein, „Returns To Valley Of Rain“ erscheint am 20. Juli bei Fire Records.

Lost & Found (6): Rainer Ptacek

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Den geerdeten Indie-Slide-Gitarren-Blues haben sie nicht erst im Muddy-RootsUmfeld erfunden, man muss im Plattenregal nur ein wenig in der Arizona-Abteilung wühlen, dann stolpert man zwangsläufig über einen Mann, der in dem Bereich bereits vor Jahrzehnten großartige Pionier-Arbeit geleistet hat.

Rainer Ptacek, 1951 in Ost-Berlin als Sohn deutsch-tschechischer Eltern geboren und Mitte der fünfziger Jahre zusammen mit der Mischpoke dem Arbeiter- und Bauern-Paradies in Richtung Chicago/Illinois entflohen, ist in der nordamerikanischen Metropole intensiv mit dem Blues der großen schwarzen Urväter des Genres in Berührung gekommen. In den frühen Siebzigern zieht es ihn in die Wüste nach Tucson/Arizona, wo er sein eigenes Trio Rainer & Das Combo betreibt und zusammen mit Howe Gelb die Combo Giant Sandworms gründet, aus der später Gelb’s Band Giant Sand hervorgehen wird.
Billy Gibbons von ZZ Top und Robert Plant sind schwer beeindruckt von seiner Arbeit, mit dem ex-Zeppelin-Frontmann arbeitet Ptacek später im Rahmen der „Fate Of Nations“-Sessions zusammen.
1996 fällt er vom Fahrrad und erleidet einen Gehirn-Schlaganfall, im Rahmen der medizinischen Untersuchungen wird bei Ptacek ein nicht operabler Gehirntumor entdeckt. Bedingt durch die folgende Chemotherapie muss er das Gitarrenspiel neu erlernen, nach zwischenzeitlicher Erholung verschlechtert sich sein Zustand ab Mitte 1997, am 12. November desselben Jahres stirbt Rainer Ptacek im Alter von 46 Jahren, er hinterlässt in der zeitgenössischen Blues-Musik eine nicht mehr zu schließende Lücke und bleibt ein großer Unvollendeter seines Fachs.

Zur finanziellen Unterstützung der kostspieligen Therapien organisierten befreundete Musiker zwei Tribute-Sampler, auf der von Robert Plant und Howe Gelb initiierten Sammlung „The Inner Flame – A Tribute to Rainer Ptacek“ (1997, Atlantic) interpretieren Größen wie etwa Gelb und Plant selbst, Emmylou Harris, Jonathan Richman oder Evan Dando Rainer-Material, das Album ist 2012 in erweiterter Version bei Fire Records wiederveröffentlicht worden. Herausragend sind das LoFi-Kleinod, das Vic Chesnutt mit seiner Frau Tina beisteuert und der schräge Vaudeville-Kracher von PJ Harvey, John Parish und dem langjährigen Beefheart-Gefährten Eric Drew Feldman, der Glitterhouse-Katalog hat seinerzeit über die Harvey-Bearbeitung von „Losin‘ Ground“ den folgenden Schenkelklopfer rausgehauen: „PJ Havey läßt ihr ich-bin-ja-so-eine-intensive-Frau-Gehabe größtenteils bleiben, was dem Stück nicht schlecht bekommt“ ;-)) Besonders erwähnenswert ist auch die „Life Is Fine“-Interpretation von Madeleine Peyroux, die das Stück als entspannten New-Orleans-Sumpf-Blues bringt, auch in der Version bleibt der Titel eine exzellente Nummer.
Weitaus weniger prominent besetzt, dafür stilistisch stimmiger und homogener gestaltete sich das Fundraising-Tribute „Wood For Rainer – A Wooden Ball Compilation“ (1996, Epiphany) im Geiste des Alternative Country und Folk-Blues (mit einem nicht weiter störenden Soul-Ausreißer), live eingespielt im Club Congress in Tucson/Arizona, mit unter anderem Rainer himself („Top Of The World“, einer seiner größten Würfe, in jedweder Version), Howe Gelb, dem Rich-Hopkins-Spezi Billy Sedlmayr und Szene-Größen wie Al Perry („The Only Thing That Hurts Now Is The Pain“ !!!), Greyhound Soul und Naked Prey.

Rainer & Das Combo – Barefoot Rock With Rainer & Das Combo (1998, Glitterhouse)
Bereits 1986 als LP veröffentlicht, hat das verdiente Beverunger Label Glitterhouse das mit seiner Stamm-Combo eingespielte Rainer-Werk in den Neunzigern mit vier zusätzlichen Bonus-Tracks wieder aufgelegt. Allein schon wegen „Life Is Fine“ im Band-Gewand jeden Cent wert. Das Opus offenbart sich als abgehackte Blues-Feedback-Orgie, hätten Pink Floyd in der Frühphase der Band schlechte Drogen konsumiert (haben sie wahrscheinlich sowieso) und im Bereich der afroamerikanischen Volksmusik weiterexperimentiert, wäre wohl etwas Vergleichbares in der Güte entstanden.
Ansonsten bietet das Album eine launige Sammlung von trashigem Bottleneck-Bluesrock, gestandenen Garagen-Boogie-Stampfern, süffigen Slide-Instrumentals und eine Handvoll psychedelische Prog-Blues-Perlen, die von der charakteristisch-fiebrigen Stimme Rainers gekrönt werden, die seltsamer Weise in etlichen Phrasierungen an Bryan Ferry in der Roxy-Frühphase erinnert, andere Hörer haben vermehrt den Talking Head David Byrne als Vokal-Referenz genannt. Neben Eigenkompositionen Coverversionen zuhauf von Robert Johnson, Willie Dixon, Billy Boy Arnold und anderen Ahnherren des Blues.

Rainer & Das Combo – The Texas Tapes (1996, Glitterhouse)
In Billy Gibbons‘ Gold Star Sound Services Studio abgemischt, aufgepeppt und klangtechnisch exzellent produziert. Seine eingängigste Platte, böse Zungen würden wohl „Mainstream“ und „Gary Moore“ motzen, was Wunder, die Stücke wurden mit den Rauschebärten von ZZ Top als Backing-Band eingespielt, Gibbons und Co durften aber aus rechtlichen Gründen namentlich nicht auf dem Platten-Cover genannt werden.
„Merciful God“ ist allerdings eine großartige Instrumental-Slide-Bluesrock-Ballade, die einer wie Ry Cooder wohl auch gerne eingespielt hätte.
Inklusive dreier Bonus-Tracks in gewohnt erstklassiger Rainer-Solo-/Akustik-Manier, in der Fremdkomposition „Another Man“ verneigt er sich würdig vor einem seiner vermutlich größten Vorbilder, der Delta-Blues-Legende Big Joe Williams.

Rainer – Nocturnes (1998, Glitterhouse)
Sechs Instrumental-Meditationen, mit National Steel Guitar und elektronischen Loops atmosphärisch dicht in Szene gesetzt, der „Paris, Texas“-Soundtrack von Ry Cooder mag ab und an als Bezugspunkt durch’s Hirn zucken, tribalistische Beschwörungs-Töne und Verneigungen vor American-Primitive-Guitar-Größen wie Leo Kottke oder John Fahey runden den Wüsten-Blues zu einem stimmigen Ganzen ab. „Within You, Without You“ vom Beatles-Fußeinschläferer Harrison treibt er in der Instrumental-Version in geradezu spannende Gefilde.
Das Glitterhouse-Label schrieb seinerzeit in der Presse-Info: „Etwa wie Ry Cooder auf schlechtem Acid. Perfekte late night music“, da mag man nicht widersprechen.
Als Bonus-Beigabe gibt es als The-Grid-Remix das extrem entspannte Trance-/Ambient-Stück „Nod To N2O“ als 12-minütigen, sphärisch-meditativen Rausch.

Rainer – Live At The Performance Center (2000, Glitterhouse)
Aufzeichnung des Solo-Konzerts, dass der Ausnahme-Musiker am Vorabend zu seinem 46. Geburtstag (es sollte sein letzter sein) in seiner Wahlheimat Tucson/Arizona gab.
Schwerer, dem angeschlagenen Gesundheitszustand entsprechender Solo-Slide-Blues, 20 ausgewählte Werke auf der National Steel dargereicht, gewichtige eigene Werke und Fremdmaterial aus der Feder von unter anderem Billie Holiday, Willie Nelson und J.B. Lenoir.
Die prägnant-eindringliche Stimme schwebt über dezentem Anschlag, beherztem Akkord-Greifen und dem Spiel mit zwei alten Bandschleifen, mit Hilfe derer Rainer Ptacek oft mehrere Riffs und Licks gleichzeitig gegeneinander oder ein darübergespieltes Solo laufen lässt, ohne je in undefinierbarem Soundgebräu zu scheitern, immer einer klaren Songstruktur verpflichtet. Selten war Akustik-Blues spannender.
Das Album dokumentiert einen vor Leben strotzenden Künstler, der auf der Höhe seines Könnens agiert. Fünf Monate später erliegt er seinem Krebsleiden.

Rainer – Worried Spirits (2000, Glitterhouse)
Wiederveröffentlichung des bereits 1992 in den Staaten erschienenen Solo-Albums, das die Intensität der Live-Auftritte perfekt widerspiegelt. Die Schwere der Einsamkeit und die Weite der Wüste Arizonas, es findet sich alles an Assoziationen auch hier im Existentialisten-Blues des Rainer Ptacek, der seine Slide-Gitarren-Kleinode oft bis auf das blanke Skelett der Songstrukturen freilegt und so diese traditionelle Musik in ihrer reinsten Erscheinungsform zeigt.
Eine intensive Folk-Blues-Messe mit Verweisen auf Roosevelt Sykes, Willie Nelson und Greg Brown. Enthält zudem die Solo-/Akustik-Version seines „Life Is Fine“-Krachers und eine sensationelle Fassung des Traditionals „Long Long Way To The Top Of The World“.
Stilistisch angelehnt an die großen Country-Blues-Solo-Scheiben der alten Helden John Lee Hooker, Big Joe Williams, Lightnin‘ Hopkins und Fred McDowell aus deren Schaffensphase von circa Ende der 50er bis Mitte der 60er-Jahre und somit ganz großer Sport.

Rainer – Alpaca Lips (2000, Glitterhouse)
Posthum veröffentlichte Studioaufnahmen, in denen Rainer größtenteils solistisch unterwegs ist, lediglich auf der sagenhaft intensiven Interpretation der Stevie-Wonder-Nummer „Pastime Paradise“, die er in der Version in Richtung schwerst ergreifende Ballade treibt, wird er von den beiden führenden Calexico-Köpfen John Convertino und Joey Burns optimalst unterstützt.
Das Album bewegt sich stilistisch zwischen instrumentalen Akustik-Drone-Experimenten und klaren Songstrukturen, in beiden Extremen eine gelungene Ergänzung und Erweiterung zu seinen zu Lebzeiten erschienenen Alben. Ambient und der immer zeitgemäße Country-Blues der Vorväter gehen eine gelungene Symbiose ein. Man kann mit diesem Album mehr als nur erahnen, was da noch gekommen wäre…

Rainer – 17 Miracles / The Best Of Rainer (2006, Glitterhouse)
Schöne Best-Of-Compilation des Hauses Glitter mit Schwerpunkt auf die Alben „Alpaca Lips“, „The Farm“ und „Live At The Performance Center“.
Ideale Übersicht als Einstiegspunkt in die wundersame Blues-Welt des Rainer Ptacek.

Rainer with Joey Burns & John Convertino – Roll Back The Years (2011, Bandcamp)
Im Sommer 1997 mit der ehemaligen Giant-Sand-Rhythmusabteilung eingespielt, die hier das Grundgerüst für den Rainer-Wüsten-Blues liefert. Der relaxte „Desert Noir“-Ansatz der beiden Calexico-Vorturner harmoniert perfekt mit dem National-Steel-Anschlag des Ausnahmegitarristen, der hier im Haus von Howe-Gelb-Freund Bill Carter eine der letzten Male für Studioaufnahmen zugange war. Stimmig restauriert, abgemixt und posthum veröffentlicht.

Rainer Live @ The Sound Factory, Tucson/Arizona, 1986-04-08 / KXCI Studios, Tucson/Arizona, 1983-12-05 / archive.org

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