Asien

Soundtrack des Tages (184): Country & Western goes Vietnam

Das Münchner Indie-Label Trikont hat 1998 einen Sampler mit Feldaufnahmen vietnamesischer Straßenmusik veröffentlicht, auf „Hò! #1 – Roady Music From Vietnam“ wird deutlich, dass die Amerikaner zwar den zweiten Indochina-Krieg verloren, Pop-kulturell aber nachhaltigen Eindruck in den Straßen Saigons hinterlassen haben. Trikont feiert heuer im Übrigen fünfzigjährigen Geburtstag, hierzu dann morgen ein paar Anmerkungen mehr.

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frameless11: Gletschermusik + KIM/JUNG @ Einstein Kultur, München, 2017-04-12

„Do glaciers make music? Yes, when they melt!“
(Barbara von Münchhausen, Goethe-Institut Almaty)

Die lose Münchner frameless-Reihe mit experimenteller Musik ging am vergangenen Mittwoch im Einstein Kultur mit der ersten Veranstaltung im Jahr 2017 in die nächste Runde, Ausgabe 11 widmete sich im Schwerpunkt asiatischen Klangexperimenten.

Die Veranstalter Dr. Daniel Bürkner und Karin Zwack begrüßten zur Eröffnung des spannenden und höchst anregenden Abends das Projekt Gletschermusik, der vom Berliner Postrock-Trio To Rococo Rot bekannte Sampling-Tüftler Robert Lippok, der deutsche Videokünstler Lillevan und der traditionelle kirgisische Musiker Askat Zhetigen widmeten sich in ihrer Multimedia-Arbeit dem Phänomen der schmelzenden Gletscher als Folge der dramatischen Umweltveränderungen in Zentralasien, die Gletscher in dieser Region sind für die Wasserversorgung der angrenzenden Länder von entscheidender Bedeutung, Gletschermusik setzen sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Schneeregionen in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan auseinander.
Das Projekt förderten die Goethe-Institute in Almaty und Taschkent, im Juli 2012 wurden während einer Expedition zum Tujuksu-Gletscher in Kasachstan Field Recordings vom schmelzenden Gletscher aufgenommen, die als Grundlage für die Performance der drei aufführenden Künstler dienten.
Zu verfremdeten Videoscreens von Gletscher-Fotografien des Berliner Visualkünstlers Lillevan entwarf Robert Lippok über Sampling-Schichten und Bearbeitung diverser Electronica meditative Ambient-Flows und abstrakte, Industrial-artige Drones aus den Aufnahmen vom knirschenden, schmelzenden Eis, die in ihrem dumpfen, düsteren Pochen die Bedrohung der Umwelt-Katastrophe hörbar machten. Askat Zhetigen bereicherte die Aufführung intensivst durch solistische und ergänzende Einlagen seiner organischen Tonkunst, sein auf traditioneller kirgisischer Volksmusik basierender Vortrag auf der Langflöte und insbesondere seine Fertigkeiten auf der Komuz, einer traditionellen zentralasiatischen Langhals-Laute, sowie sein ausgeprägtes, ausdrucksstarkes Sangestalent wussten das zahlreich anwesende Publikum in nachhaltige Begeisterungszustände zu versetzen.
Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, das die herausragende Qualität der frameless-Präsentationen einmal mehr mit dicker Feder unterstrich. Die Musik zum Projekt Gletschermusik ist als gleichnamige CD im Oktober 2016 bei Interbang/Folk Wisdom erschienen, neben Askat Zhetigen und Robert Lippok war die südkoreanische Klassik-Pianistin SooJin Anjou bei der Einspielung beteiligt.
(***** ½)

Der zweite Teil des frameless-Abends war nicht minder spannend hinsichtlich optischer und tonaler Präsentation, das Klangobjekt „Schubladen“ der beiden südkoreanischen Musikerinnen und bildenden Künstlerinnen Yoonji Kim und Youngjik Jung lud zum Staunen, musikalischen Genuss und Selbst-Hand-Anlegen ein, die Performance von Yoonji Kim am Objekt zauberte durch ihr Öffnen der diversen Schubladen Klänge in den Raum, durch entsprechendes Herausziehen und Schließen der Schubfächer des Möbelstücks entstand eine neoklassich-experimentelle Komposition, die einzelnen Schubläden beherbergten Lautsprecher mit angeschlossenen MP3-Playern, Verstärkern und Mikroschaltern, die Wiedergabegeräte wurden beim Öffnen aktiviert und erzeugten ein beeindruckendes Gesamtklangbild, das sich aus unterschiedlichsten Samples wie Alltags-Geräuschen, gregorianischen Gesängen, Tonbeispielen aus der asiatischen und der westlichen Klassik und Ambient-Drones speiste.
Die ausführende Künstlerin Kim komponierte quasi im Moment der Live-Präsentation und präsentierte so einen faszinierenden Grenzgang zwischen Performance und Konzert.
Im Anschluss an die außergewöhnliche und beeindruckende Aufführung durften die Gäste der frameless-Veranstaltung selbst an den Schubläden praktizieren und ihr kompositorisches Geschick testen, ein heiterer Ausklang eines über die Maßen gelungenen Experimental-Abends.
(*****)

Der Eintritt war wie gehabt bei den frameworks/frameless-Veranstaltungen dank Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und zusätzlich an diesem speziellen Abend auch des Goethe-Instituts frei.

Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner präsentieren die nächste Ausgabe der frameless-Reihe am 5. Mai im Einstein Kultur, auftreten werden der kanadische Experimentalmusiker Martin Messier und die finnische Folk-/Digital-Music-Grenzgängerin Laura Naukkarinen aka Lau Nau, den visuellen Teil des Abends übernimmt der britische Regisseur Liam Young mit seiner Film-Arbeit „In the Robot Skies“, die komplett mit automatisierten Drohnen gedreht wurde.

Jambinai 잠비나이 + Zwinkelman @ Import/Export, München, 2017-04-05

Ein feines Postrock-Paket haben die hochgeschätzten Münchner Clubzwei-Konzertveranstalter am vergangenen Mittwoch geschnürt, einmal die leise und einmal die laute Variante des Genres, eine stimmige Veranstaltung mit viel Raum für das Experiment, der optimal genutzt wurde und die unkonventionellen Spielarten der instrumentalen Progressiv-Musik ausleuchtete.

„Stuben-Postrock“ bezeichnet das Münchner Curt-Magazin die Musik von Zwinkelman in einem aktuellen Beitrag über Münchner Bands und ihre Übungsräume, eine treffende Bezeichnung für die Arbeit des Duos, mehr als zwei Stühle und zwei akustische Gitarren brauchen die beiden Ausnahme-Musiker Josip Pavlov und Dominik Lutter nicht, um Räumlichkeiten auch in überschaubarer Größe mit ihrer gepflegten Instrumental-Kunst zu beschallen. So auch bei ihrem Auftritt im Vorfeld der südkoreanischen Postrock-Kollegen von Jambinai 잠비나이, zu dem die beiden Musiker ihr spartanisches Equipment kurzerhand im Zuschauerbereich vor der Bühne platzierten. Die musikalische Vision der beiden Münchner bewegt sich im weitesten Sinne in Ansätzen zwischen der Gitarren-Klassik eines Andrés Segovia und der Chicagoer Akustik-Postrock-Schule der Neunziger, die Ecke David Grubbs/Jim O’Rourke, ohne sich groß bei irgendwelchen Referenzen aufhalten zu müssen, dafür ist der Akustik-Gitarren-Flow von Zwinkelman viel zu individuell, einzigartig und kaum in Schubladen unterzubringen. Das Duo beschreitet neue Wege des instrumentalen Ausdrucks, indem es abstrahiert und loslässt vom gängigen Postrock. Keine Gitarrenwände, keine explodierenden Lärm-Fontänen, kein altbekanntes Laut-Leise-Auf-und-Ab: Zwinkelman und ihr alternativer akustischer Routenplaner für das Beschreiten instrumentaler Klanglandschaften führt in ruhig-kontemplativer, nahezu meditativer Manier heran an die Erweiterung der Hörgewohnheiten.
Neben der demnächst bei Echokammer erscheinenden Single „Hallo Lullu/GoldWert“ präsentierten die beiden Gitarristen weitere neue Arbeiten, ein experimenteller, polyrhythmischer, meditativer Ambient-Flow, der den Postrock als minimalistische Kammermusik neu definiert und der Hörerschaft genügend Raum zwischen den glasklaren Tönen für eigene Gedanken lässt. Zu Gemüt gehend, den Kopf anregend, in den Bann ziehend.
Zwinkelman spielen am 13. Juni zusammen mit Special Guest Jason Arigato ihr Release-Konzert zum 7“-Vinyl in der Polka Bar, Pariser Straße 38, München, 20.00 Uhr. Besuch hiermit dringend angeraten.
(*****)

Auch Jambinai 잠비나이 aus Südkorea verlassen die ausgetretenen Postrock-Pfade in Riesenschritten, neben den handelsüblichen Bass-/Drum-/Gitarren-Ausbrüchen, die bei dem jungen Quintett gerne auch mal in Richtung intensivster Noise-Rausch wandern, besticht das Klangbild der Band aus Seoul vor allem durch den Einsatz traditioneller koreanischer Instrumente wie der Haegeum, eine zweisaitige koreanische Röhrenspießgeige, diverser asiatischer Holzblasinstrumente und der Geomungo, einem Zither-artigen Saiteninstrument zum Erzeugen Bass-lastiger, Drone-artiger Töne. Die Band verstand es am vergangenen Mittwoch meisterlich, im konzertanten Vortrag Tradition und Moderne in Einklang zu bringen, der in der westlichen Hemisphäre beheimatete Postrock erfuhr kongeniale Bereicherung aus der Welt der traditionellen koreanischen Volksmusik und der asiatischen Klassik, eine bezwingende Mixtur, die für entrückte Begeisterung bei der zahlreich erschienenen Zuhörerschaft sorgte.
Mehr Verzückung durch immer weiter treibende, sich in einen Rausch steigernde Instrumental-Intensität irgendwo zwischen fernöstlichem Martial-Arts-Filmsoundtrack und den instrumentalen Experimental-Ausbrüchen des Postrock-Wohlklangs und der Ambient-artigen Kontemplation im tonalen Breitband-Format als durch das Werk „Connection“ aus dem 2017 bei Bella Union wieder aufgelegten Jambinai-Album „Différance“ ist kaum vorstellbar, in diesem Schlusspunkt des regulären Sets vor den Zugaben kulminierte alles an individueller musikalischer Fertigkeit und Gespür für die Finessen des Crossover, mit denen diese asiatische Formation über die Maßen gesegnet ist, so mancher wäre nicht verwundert gewesen, wenn die maximale Heftigkeit des Vortrags das Dach des Import/Export-Saals weggeblasen hätte.
Einziger Wermutstropfen zu diesem Ausnahme-Konzert: am selben Tag wurde von Seiten der Veranstalter des belgischen Dunk!-Festivals bekannt gegeben, dass der geplante Auftritt der Südkoreaner beim diesjährigen Postrock-Gipfeltreffen in Ostflandern abgesagt wurde, gerne hätte man sich zu der Gelegenheit eine Neuauflage dieser musikalischen Intensiv-Bedienung im kommenden Mai nochmals angedeihen lassen, schade.
(***** ½ – ******)