Asien

frameless17: Lawrence English, Antti Tolvi, Lynne Marsh @ Einstein Kultur, München, 2018-04-25

Bereits zwei Wochen nach der letzten Ausgabe der frameless-Reihe für experimentelle Musik und Medienkunst im digitalen Zeitalter ging es am vergangenen Mittwoch im Kellergewölbe des Einstein Kultur in die nächste Runde, den kontrastreichen Abend zur Erweiterung der Hörgewohnheiten präsentierte wie gewohnt das Kuratoren-Duo Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner, letzterer fand einmal mehr in der Anmoderation der Klang- und Video-Künstler die passenden wie informativen Worte.

Bevor es im ehemaligen Brauerei-Keller extrem elektronisch und heftig wurde, stimmte der finnische Musiker Antii Tolvi mit entspannten und organischen Tönen die frühabendliche Klangreise an, der autodidaktische Komponist und Sound-Forscher, der auf einer Schären-Insel zwischen Helsinki und Turku lebt und arbeitet, überzeugte mit einem Solo-Piano-Stück im Kontext der klassischen Minimal Music, ein Loop-artiges Wiederholen eines im Wesentlichen immer gleichen Klaviermusters entfaltete einen hypnotischen Sog, dem sich im Saal andächtig lauschend kaum jemand entziehen konnte. Tolvi löste die Struktur auf, indem er die Tasten immer schneller bespielte und gegen Ende nur noch in grober Manier seine Handflächen zum Anschlag einsetzte, ein steter Fluss oder ein Aufziehen von Gewitterwolken, die sich gegen Ende entluden, einem Damm-Brechen gleich. Der Piano-Flow wurde von dezent eingesetzter, pointierter Electronica begleitet, die der finnische Performer auch im weiteren Lauf zum sanften Loopen seiner angeschlagenen Gongs im zweiten Teil seiner Darbietung einsetzte. Das perkussive Klangspiel zwischen sanftem Rauschen, Nachhallen und punktuell dunklerem Pochen entfaltete schnell eine kontemplative Stimmung, der Künstler hat sich in der Vergangenheit mit Zen-Meditation, Qigong und Tai Chi beschäftigt, die Auseinandersetzung mit fernöstlichen Philosophien fand unverkennbar Einfluss in den Vortrag.
Zum Beschließen seiner Aufführung wandelte Antti Tolvi ein einzelnes Gong-Becken anschlagend durch den Keller-Raum, bis in die hintersten Ecken, in den Garderobenraum, vor die Eingangspforte in den Gang vor dem Saal, wieder zurückkommend, einem schamanischen Ritus gleich, zur Vertreibung böser Geister, zur Reinigung der Aura, zu was auch immer, begleitet von einem wechselnd-bunten Farbenspiel der Raum-Illumination.

Den zweiten Teil der konzertanten Experimental-Tonkunst gestaltete der australische Komponist und Medienkünstler Lawrence English mit seiner im wahrsten Sinne des Wortes überwältigenden Sound-Collage „Cruel Optimism“, Dr. Daniel Bürkner regte eingangs ob der zu erwarteten Heftigkeit eindringlich den Gebrauch von Gehörschutz an und warnte explizit die Schwangeren vor dem Beiwohnen der Aufführung. English selbst erläuterte vor dem Konzert in sympathischem, britisch geprägtem Understatement ausführlich prägende Einflüsse und Kontext seines Programms. „Cruel Optimism“ bezieht sich auf das gleichnamige Buch der amerikanischen Philosophin Lauren Berlant, der australische Klangforscher empfahl explizit die Lektüre der Analyse der US-Professorin zur Beurteilung aktueller Krisen, die, bedingt durch den Neoliberalismus, die Entfaltungsmöglichkeiten in einer freien Gesellschaft zusehends mehr konterkarieren. Der Musiker regte weiter zum Dialog über seine Arbeit an, jede/r würde das Erlebte und Gehörte anders interpretieren und empfinden, umso wichtiger wäre der Austausch der Gedanken im Nachgang. Auf der englischen Wikipedia-Seite zum Künstler findet sich die Anmerkung „His work is broadly concerned with the politics of perception, specifically he is interested in the nature of listening and sounds‘ capability to occupy the body“, insofern war es nicht weiter verwunderlich, als English dem Publikum während seines Konzerts das Liegen auf dem Boden empfahl, so könnte seine Electronica-Komposition am Umfänglichsten wahrgenommen und genossen werden, ausreichend Platz für diese unkonventionelle Positionierung zum Klangerlebnis war da, es gab an dem Abend genug Absenzen, haben doch Etliche das vorhersehbare Abschneiden der ortsansässigen europäischen Fußball-B-Ware gegen die „Königlichen“ den experimentellen Exerzitien vorzogen.
Lawrence English sollte mit seinem Vorschlag Recht behalten, sein Extrem-Intensiv-Drone, das finstere, abgrundtief düstere Pochen und die Noise-Attacken, die sich immer wieder in der rauschhaften audiovisuellen Performance aus abstraktem Synthie-Grundrauschen, Trockeneis-Nebel, Stroboskop-Blitzen und den Field Recordings einer Meeres-Brandung Bahn brachen, gingen in der Tat durch Mark und Bein und waren nicht zuletzt mittels Erschütterungen der baulichen Fundamente durch Vibrationen am ganzen Körper spürbar – eine über die Maßen tonal-atonale Wucht, die den bekannten Krach-Hochämtern von Größen wie Ben Frost oder Michael Gira und seinen Swans neue Aspekte und Grenzerfahrungen hinzufügte. Well done, Mr. English.

Die Videoarbeit im separaten Nebenraum stammte an dem Abend von der kanadischen Medienkünstlerin Lynne Marsh, sie setzt sich in ihrer Arbeit „Plätterwald“ mit der menschlichen Wahrnehmung und deren Beeinflussung durch Medien und Bilder auseinander. Die Video-Installation zeigt eine fingierte Achterbahn-Fahrt durch einen ehemaligen, heute verwilderten DDR-Vergnügungspark im Osten Berlins. Im Film werden verschiedene Ebenen der Vergangenheit und Gegenwart des Ortes durch Stilmittel der Virtual Reality verschoben und ineinander verwoben, die digitale Welt bestimmt die Wahrnehmung der Realität.

frameless18 wird voraussichtlich im kommenden Herbst folgen, wesentlich zeitnäher findet das verwandte frameworks-Festival statt, von 9. bis 11. Mai, zum ersten Mal im Blitz Club im Gebäude des Deutschen Museums, Museumsinsel 1, München, Einlass jeweils ab 19.00 Uhr, der Eintritt ist frei. Auftreten werden unter anderem die Wiener Experimental-Band Radian, das gemeinsam von Schneider TM und Ilpo Väisänen/Pan Sonic konzipierte Duo-Projekt Die Angel und die ägyptische Sängerin Nadah El Shazly, einmal mehr darf man wie der sprichwörtliche Flitzebogen gespannt sein auf Horizont-erweiternde Klang-Experimente.

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Soundtrack des Tages (184): Country & Western goes Vietnam

Das Münchner Indie-Label Trikont hat 1998 einen Sampler mit Feldaufnahmen vietnamesischer Straßenmusik veröffentlicht, auf „Hò! #1 – Roady Music From Vietnam“ wird deutlich, dass die Amerikaner zwar den zweiten Indochina-Krieg verloren, Pop-kulturell aber nachhaltigen Eindruck in den Straßen Saigons hinterlassen haben. Trikont feiert heuer im Übrigen fünfzigjährigen Geburtstag, hierzu dann morgen ein paar Anmerkungen mehr.

frameless11: Gletschermusik + KIM/JUNG @ Einstein Kultur, München, 2017-04-12

„Do glaciers make music? Yes, when they melt!“
(Barbara von Münchhausen, Goethe-Institut Almaty)

Die lose Münchner frameless-Reihe mit experimenteller Musik ging am vergangenen Mittwoch im Einstein Kultur mit der ersten Veranstaltung im Jahr 2017 in die nächste Runde, Ausgabe 11 widmete sich im Schwerpunkt asiatischen Klangexperimenten.

Die Veranstalter Dr. Daniel Bürkner und Karin Zwack begrüßten zur Eröffnung des spannenden und höchst anregenden Abends das Projekt Gletschermusik, der vom Berliner Postrock-Trio To Rococo Rot bekannte Sampling-Tüftler Robert Lippok, der deutsche Videokünstler Lillevan und der traditionelle kirgisische Musiker Askat Zhetigen widmeten sich in ihrer Multimedia-Arbeit dem Phänomen der schmelzenden Gletscher als Folge der dramatischen Umweltveränderungen in Zentralasien, die Gletscher in dieser Region sind für die Wasserversorgung der angrenzenden Länder von entscheidender Bedeutung, Gletschermusik setzen sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Schneeregionen in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan auseinander.
Das Projekt förderten die Goethe-Institute in Almaty und Taschkent, im Juli 2012 wurden während einer Expedition zum Tujuksu-Gletscher in Kasachstan Field Recordings vom schmelzenden Gletscher aufgenommen, die als Grundlage für die Performance der drei aufführenden Künstler dienten.
Zu verfremdeten Videoscreens von Gletscher-Fotografien des Berliner Visualkünstlers Lillevan entwarf Robert Lippok über Sampling-Schichten und Bearbeitung diverser Electronica meditative Ambient-Flows und abstrakte, Industrial-artige Drones aus den Aufnahmen vom knirschenden, schmelzenden Eis, die in ihrem dumpfen, düsteren Pochen die Bedrohung der Umwelt-Katastrophe hörbar machten. Askat Zhetigen bereicherte die Aufführung intensivst durch solistische und ergänzende Einlagen seiner organischen Tonkunst, sein auf traditioneller kirgisischer Volksmusik basierender Vortrag auf der Langflöte und insbesondere seine Fertigkeiten auf der Komuz, einer traditionellen zentralasiatischen Langhals-Laute, sowie sein ausgeprägtes, ausdrucksstarkes Sangestalent wussten das zahlreich anwesende Publikum in nachhaltige Begeisterungszustände zu versetzen.
Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, das die herausragende Qualität der frameless-Präsentationen einmal mehr mit dicker Feder unterstrich. Die Musik zum Projekt Gletschermusik ist als gleichnamige CD im Oktober 2016 bei Interbang/Folk Wisdom erschienen, neben Askat Zhetigen und Robert Lippok war die südkoreanische Klassik-Pianistin SooJin Anjou bei der Einspielung beteiligt.
(***** ½)

Der zweite Teil des frameless-Abends war nicht minder spannend hinsichtlich optischer und tonaler Präsentation, das Klangobjekt „Schubladen“ der beiden südkoreanischen Musikerinnen und bildenden Künstlerinnen Yoonji Kim und Youngjik Jung lud zum Staunen, musikalischen Genuss und Selbst-Hand-Anlegen ein, die Performance von Yoonji Kim am Objekt zauberte durch ihr Öffnen der diversen Schubladen Klänge in den Raum, durch entsprechendes Herausziehen und Schließen der Schubfächer des Möbelstücks entstand eine neoklassich-experimentelle Komposition, die einzelnen Schubläden beherbergten Lautsprecher mit angeschlossenen MP3-Playern, Verstärkern und Mikroschaltern, die Wiedergabegeräte wurden beim Öffnen aktiviert und erzeugten ein beeindruckendes Gesamtklangbild, das sich aus unterschiedlichsten Samples wie Alltags-Geräuschen, gregorianischen Gesängen, Tonbeispielen aus der asiatischen und der westlichen Klassik und Ambient-Drones speiste.
Die ausführende Künstlerin Kim komponierte quasi im Moment der Live-Präsentation und präsentierte so einen faszinierenden Grenzgang zwischen Performance und Konzert.
Im Anschluss an die außergewöhnliche und beeindruckende Aufführung durften die Gäste der frameless-Veranstaltung selbst an den Schubläden praktizieren und ihr kompositorisches Geschick testen, ein heiterer Ausklang eines über die Maßen gelungenen Experimental-Abends.
(*****)

Der Eintritt war wie gehabt bei den frameworks/frameless-Veranstaltungen dank Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und zusätzlich an diesem speziellen Abend auch des Goethe-Instituts frei.

Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner präsentieren die nächste Ausgabe der frameless-Reihe am 5. Mai im Einstein Kultur, auftreten werden der kanadische Experimentalmusiker Martin Messier und die finnische Folk-/Digital-Music-Grenzgängerin Laura Naukkarinen aka Lau Nau, den visuellen Teil des Abends übernimmt der britische Regisseur Liam Young mit seiner Film-Arbeit „In the Robot Skies“, die komplett mit automatisierten Drohnen gedreht wurde.