Augsburg

Carpet + 0101 @ Maj Musical Monday #80, Glockenbachwerkstatt, München, 2017-05-15

Die 80. Auflage des regelmäßig im Münchner Stadtteil-Treff Glockenbachwerkstatt stattfindenden Maj Musical Monday zeigte sich hinsichtlich Experimentierfreude von seiner besten Seite, die gut besuchte Montagabend-Veranstaltung eröffneten die unter dem Duo-/Projektnamen 0101 firmierenden Media-Künstler und Musiker Daniel von Rüdiger und Carl, die beiden Rosenheimer spielten hinter einer halbtransparenten Plastik-Folie ihren „Cinematic Postrock“ als Live-Soundtrack zu bewegten Bildern, die als Leinwand gedachte Abtrennung von Bühne und Zuschauerraum diente als Projektionsfläche für sozial-dokumentarische Filmaufnahmen, die Daniel von Rüdiger 2014 in Papua-Neuguinea drehte. Die schlagenden, hauenden, sägenden, monotonen Arbeitsgeräusche der Ureinwohner beim aufgezeichneten Bau eines Kanus wurden wunderbar stimmig als Rhythmus-gebende Field Recordings in den konzertanten Vortrag des Duos integriert und verliehen der instrumental dominierten Soundlandschaft aus karibischem Western, Ennio-Morricone-Anleihen, durch Effekt-Geräte behandeltem Gitarren-Postrock und maschinellen Elektro-/Industrial-Drones und -Loops die sprichwörtliche besondere Würze.
Die „1Hz“ betitelte Live-Performance ist eine mehr als sehens- und hörenswerte Multimedia-Präsentation, ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, dass in der Form 2015 beim Kasseler Dok-Fest uraufgeführt wurde.
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Den zweiten Auftritt des Abends bestritt das Quintett Carpet, die Augsburg-München-Connection präsentierte ihre Klangkunst zwar „nur“ im herkömmlichen Konzertformat, jedoch nicht minder anregend-spannend war ihr in Anlehnung an den großen Zappa selbstbetitelter „Jazz From Hell“, die hochqualifizierten fünf Virtuosen verstanden es meisterhaft, ihr Demokratieverständnis im musikalischen Kontext ohne die Dominanz eines einzelnen Instruments formvollendet vorzuleben, ihre Spielart des Jazzrock-Grooves in Grenzen-überschreitender Erweiterung hin zum Kraut-, Psychedelic-, Progressive- und Postrock-Flow und zur schweren Eindringlichkeit des Stoner Rock vermochte das aufmerksame, kundige Publikum für gute neunzig Minuten völlig in den Bann zu ziehen, die Präsentation des jüngst erschienenen Carpet-Werks „Secret Box“ (2017, Elektrohasch Schallplatten) gelang in nahezu perfektionistischer Manier. Neben den Detail-reichen, komplexen, stimmig austarierten Songstrukturen, die sich bei Carpet im Live-Vortrag zu großen Teilen im rein instrumentalen Bereich bewegen, gilt es das Können des Mannes am Mischpult ausdrücklich zu loben, der glasklare Sound sorgte für ein berauschendes Hörerlebnis, der Klang-Teppich war an dem Abend in allen Teilen ein fein gewobener.
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Die Veranstaltung Maj Musical Monday ist eine feste Einrichtung der Münchner Glockenbachwerkstatt, jeden dritten Montag im Monat präsentieren Musiker und Künstler aus dem Umfeld der ortsansässigen Postrock-Band Majmoon experimentelle Klänge und visuelle Kunst: „Supporting development of a solidarity event like this has made possible to host many European artists, create artistic exchange, and improve quality in logistic and technical conditions for independent music production.“

In dem Zusammenhang sei auch auf das kommende Noise Mobility Festival #7 zur Präsentation europäischer Underground-Kunst und -Musik von 3. bis 5. Juni in der Münchner Glockenbachwerkstatt und die dazugehörige Warm-Up-Night mit Ippio Payo und Igor Hofbauer am 1. Juni in der Roten Sonne verwiesen.

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Reingehört (238): Griswold

KULTURFORUM Winter www.gerhardemmerkunst.wordpress.com (18)

Griswold – Glue EP (2015, Hometown Music / Bandcamp)
Sechs junge MusikantInnen aus der Fugger- und Brecht-Stadt Augsburg, die nach eigenen Worten schon ihr halbes Leben zusammenspielen, die eigene Tondichtung als „indiepopjazzfolkrock from the woods“ bezeichnen und ihre Einflüsse mit so unterschiedlichen, herausragenden Kollegen wie den experimentellen Indie-Rockern von Neutral Milk Hotel, der Pop-Ikone David Bowie, dem amerikanischen Jazz-Saxophonisten Wayne Shorter und Folk-/LoFi-Maniac Daniel Johnston benennen. Auf der im letzten Herbst veröffentlichten 6-Stücke-EP „Glue“ glänzt das Sextett mit für Folkrock ungewohnte Rhythmik und schönen Jazz-Noten, durch den Saxophon-Einsatz entstehen im Indie-Folk so bisher nicht/selten gehörte Referenzen/Querverbindungen wie etwa zu Van-der-Graaf-Generator-Perlen der englischen Prog-Rock-Hochphase. Das Songmaterial deckt im Grundton eine stimmige Bandbreite zwischen getragener Folk-Ballade und beschwingtem Indie-Pop ab, die ihren besonderen Reiz durch dezent-tonale Beigaben und Spannungs-steigernde Bereicherungen erfährt, hier fiept ein Keyboard und erzeugt schön-schräge Electronica-Störgeräusche, dort klatschen die Hände den Rhythmus, das dem Folk mehrheitlich fremde Saxophon fand schon Erwähnung, alles feinst abgestimmt und zusammengehalten von der unaufgeregt-nachdenklichen Sangesstimme des Gitarristen Uwe Lukatsch, die der gehaltvollen Instrumentierung in nichts nachsteht. Mit den Nummern „Scissors“, „Pinhole“ und „Pocketwatch“ wartet in der zweiten Hälfte des Tonträgers ein wunderbares Balladen-Triple, das sich zur Entfaltung der ergreifenden Passagen die gebührende Zeit nimmt und im Sinne der musikalischen Dramatik im entscheidenden Moment zupackt.
Die Referenz auf die eingangs genannten Idole mag auf der EP nicht immer offensichtlich sein – was dem Klangbild der Band im Sinne der Eigenständigkeit nur zum Vorteil gereicht – ein hochanständiger erster Wurf ist der bayerischen Formation mit dieser Songsammlung allemal gelungen.
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Griswold / Homepage

Griswold / Bandcamp