Autobiografie

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„Als ich zu schreiben begann, gab es noch das Café `ino, mein Lieblingsmantel war noch da, meine Lieblingsshow lief noch im Fernsehen. Ich hatte keine Ahnung, das am Ende des Buches so vieles, was ich liebte, verschwunden sein würde. Sogar zwei meiner Katzen waren tot, als ich mit dem Buch fertig war.“
(Patti Smith im Interview mit Susanne Mayer, Zeit Literatur No. 13 / März 2016)

„In meiner Sehnsucht nach Dauerhaftem musste ich vermutlich daran erinnert werden, wie flüchtig Dauerhaftes ist.“
(Patti Smith, M Train, Abgeschrittene Erde)

Patti Smith – M Train. Erinnerungen (2016, Kiepenheuer & Witsch)

Der M Train als Titelgeber, die New Yorker U-Bahn-Linie, die bis 2010 nach Coney Island/Brooklyn fuhr, dort, wo sich Patti Smith in einem renovierungsbedürftigen Bungalow in der Nachbarschaft am Rockaway Beach ein neues Zuhause suchte, diese Geschichte wird auch erzählt im Buch, „M“ will die Autorin aber in erster Linie im Sinne von Mind, Gedanken verstanden wissen.
Nach den hochgelobten und eminent erfolgreichen Erinnerungen „Just Kids“ (2010, Kiepenheuer & Wirsch) an ihren langjährigen Freund und ‚Horses‚-Cover-Fotografen Robert Mapplethorpe nun im aktuellen Werk das Gedenken an verblichene literarische Helden, verschwundene Kaffeehäuser und die Toten aus dem engsten Familienkreis.
Patti Smith erzählt von Reisen nach Yorkshire an das Grab von Sylvia Plath und auf die zu Französisch-Guayana gehörende Teufelsinsel, um am Sehnsuchtsort des französischen poète maudit Jean Genet Steine von den Ruinen der örtlichen Strafkolonie für ihn zu sammeln, die sie ihm zu Lebzeiten nicht mehr überreichen konnte und bei einer Reise nach Marokko auf sein Grab in Larache legte, zu der Gelegenheit besuchte sie auch den Schriftsteller Paul Bowles für ein Interview für die deutsche Vogue. Die Nummer geht nicht ohne Pathos ab im Buch und das mitunter arg aufgesetzt wirkende Gewese um literarische Vorbilder/Helden muss von der Leserschaft des öfteren schwer verdaut werden, in Sachen Namedropping und Ikonenverehrung übertreibt das Werk in einigen Passagen gehörig in Richtung Besessenheit, weitere Größen wie Frida Kahlo, William Blake, Roberto Bolaño, Tolstoi, Schiller, Murakami erhalten die entsprechende (oft selbstredend trotz allem auch berechtigte) Beweihräucherung.

„Ich persönlich halte nicht viel von Symbolismus. Ich verstehe ihn nicht. Warum können Dinge nicht so sein, wie sie sind? Mir kam nie in den Sinn, Seymour Glass zu analysieren oder „Desolation Row“ aufzuschlüsseln. Ich wollte mich nur verlieren, mit etwas anderem eins werden, einen Kranz auf einen Turm stülpen aus dem einzigen Grund, weil ich es wollte.“
(Patti Smith, M Train, Tierkekse)

Weitaus unterhaltsamer ist die Schilderung ihrer Begegnung mit dem ehemaligen Schachweltmeister Bobby Fischer am Rande einer Tagung des dem Gedenken an den Polarforscher Alfred Wegener verpflichteten Continental Drift Clubs in Reykjavik, Smith war Mitglied der Gesellschaft bis zu deren Auflösung, nachdem Fischer rassistischen Müll und Verschwörungstheorien zum Besten gab (Patti Smith: „Hör mal, du verschwendest deine Zeit. Ich kann genau so widerlich sein wie du, nur in Bezug auf andere Themen.“), sang man gemeinsam Buddy-Holly-Lieder, an der Stelle endlich ein Bezug zur Popmusik ;-))
Parallel dazu ist die 330-Seiten-Textsammlung eine schöne Studie über die Kaffeehaus-Kultur, speziell das 2013 aus Patti Smith‘ Village-Nachbarschaft verschwundene Café `ino erhält ein würdiges literarisches Denkmal, stellvertretend für ihre geistige Heimat New York.

„Ich hatte keine Ahnung, ob Bachs Kaffeekantate ein geniales Werk war, aber seine Begeisterung für Kaffee zu einer Zeit, in der er als Droge verpönt war, ist wohlbekannt. Eine Gewohnheit, die Glenn Gould vermutlich übernahm, als er mit den Goldberg Variationen verschmolz und ziemlich verrückt am Klavier rief: Ich bin Bach! Nun, ich war niemand. Ich arbeitete in einem Buchladen und nahm Urlaub, um ein Buch zu schreiben, das ich nie wirklich schrieb.“
(Patti Smith, M Train, Wheel Of Fortune)

Großartig ist das Buch in den Momenten, in denen Patti Smith ihren Songtexten gleich scheinbar fließend die Themen und Bilder wechselt und oft unvermittelt ihrer verstorbenen Liebsten gedenkt, ihrem Vater Ian Smith und der Kindheit in New Jersey, ihrem im Jahr 1994 früh verstorbenen Ehemann, dem MC5-Gitarristen Fred ‚Sonic‘ Smith, und dem ebenfalls kurz darauf früh verblichenen Bruder Todd. Hier werden ihre Gedanken persönlich, zupackend, direkt, oft sehr berührend, trotz des fühlbaren Schmerzes aber immer auch tröstlich, im besten Falle transportiert Patti Smith hier religiös anmutende, Religions-freie Weisheiten.

„Ich möchte die Stimme meiner Mutter hören. Ich möchte meine Kinder als Kinder sehen. Kleine Hände, flinke Füße. Alles verändert sich. Der Junge ist erwachsen, der Vater ist tot, die Tochter ist größer als ich und erwacht weinend aus einem schlimmen Traum. Bitte bleibt für immer, sage ich zu den Dingen, die ich kenne. Geht nicht fort. Werdet nicht groß.“
(Patti Smith, M Train, Sturmluftdämonen)

Die Gedanken zur eigenen Vergangenheit, zu nicht immer angenehmen oder rätselhaften Träumen, das Reisen um die Welt zu den Gräbern und Lieblingsorten der Helden und Vorbilder sind ergänzt mit Schwarz-Weiß-Polaroid-Fotos der Künstlerin, vom Schachtisch etwa, an dem sich Fischer und Spasski 1972 gegenüber saßen, Bilder diverser Cafés oder vom Strand in Far Rockaway nach den Verwüstungen des Orkans „Sandy“, mit einer persönlichen Note versehen wie die individuellen Gedanken zu den angerissenen Themen.
„Just Kids“ war durchgehend großer Autobiographie-Stoff, bei „M Train“ muss der Leser in etlichen Passagen Abstriche machen, zu erratisch ist das Wandeln zwischen den Sujets, zu Stakkato-haft werden die Eindrücke und Gedanken geschildert, der sprichwörtliche rote Faden ist oft schwer zu erkennen. Die große thematische Klammer bleibt die Erinnerung, die in einigen Kapiteln zu vieles gleichzeitig dokumentieren und wachrufen will.
Um einen im schlimmsten Fall hinkenden Vergleich zu den musikalischen Patti-Smith-Werken zu wagen: Wo „Just Kids“ qualitativ im Transport großer Momente und eindrücklicher Bilder auf literarischer Ebene dem 70er-NY-Punk-Meilenstein ‚Horses‚ gleichkommt, stagniert „M Train“ auf ‚Gung Ho‘-Level (2000, Arista), bestenfalls oder immerhin, je nach Sichtweise.
Erfreulicher, unterhaltsamer und gewinnbringender ist die M-Train-Lektüre nichtsdestotrotz allemal mehr als der Konsum von Patti Smith‘ zuletzt veröffentlichten, tendenziell belanglosen Alben ‚Twelve‘ (2007) und ‚Banga‘ (2012, beide Columbia).

„Sie verschwanden hastig um die Ecke und ließen einen schrumpfenden silbernen Luftballon zurück, der über dem Gehsteig schwebte. Ich ging hin, um ihn zu retten, als er gerade schlaff den Boden berührte.
– Ein ziemlich gutes Sinnbild für alles, sagte ich laut.“
(Patti Smith, M Train, Umschalten)

PATTI SMITH AND HER BAND perform HORSES @ Tollwood München 2015-07-13 (7)

Reingelesen (45)

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„So habe ich aus irgendeinem Grund nie was von den Beatles gehalten, während meine Eltern vernarrt in sie waren. Immer dieses „She loves you, yeah, yeah, yeah“-Zeug. Igitt! Ich hasste ihre Frisuren, ich hasste alles an ihnen.
(…)
Authentizität? Aufhören! Diese Leute, die den authentischen Blues predigten, das waren so Typen wie Eric Clapton – geh mir bloß weg! Dass er dafür aus dem falschen Land kommt, ist nur eine Sache. Aber er imitiert was und hat dann plötzlich zu bestimmen, was geht und was nicht? Er kapiert nicht, das Musik von Menschen für Menschen geschrieben wird.“
(John Lydon, Anger Is An Energy, Roots And Culture)

John Lydon mit Andrew Perry – Anger Is An Energy: Mein Leben unzensiert (2015, Heyne)

This Is Not A Love Song: Englands schillerndste Punk-Ikone hat seine Vita zu Papier gebracht, wenn einer wie der unvergleichliche John Lydon aka Johnny Rotten zu einem derartigen Wurf ausholt, liegt es auf der Hand, dass er bei der Nummer kein Blatt vor den Mund nimmt.
Die von der katholischen Kirche und dem Irisch-stämmigen Arbeiterklassen-Elternhaus geprägte Kindheit und Jugend verlebte der junge Johnny im multikulturellen Londoner Stadtteil Holloway/Finsbury, der ortsansässige Fußball-Club Arsenal, dessen Hooligan-Umfeld und vor allem die lebensbedrohliche Menengitis-Erkrankung Lydons im Alter von acht Jahren waren maßgebliche Einflüsse in der kindlichen und jugendlichen Prägung des späteren Punkrock-Stars.

„In unserem Haus war vollkommen klar, dass der Nikolaus entweder brennen oder zu Brei geschlagen würde, falls er versuchte, den Kamin runterzukommen. Als zutiefst suspekte Erscheinung, die er war – ein Pfaffe und potenzieller Kinderschänder!“
(John Lydon, Anger Is An Energy, Born For A Purpose)

Seine Eindrücke aus erster Hand aus der spannendsten Zeit der durch Punk bedingten musikalischen Revolution im London Mitte der siebziger Jahre sind die Würze des Buchs, seine Erlebnisse mit den Pistols, die Anekdoten und Anmerkungen zum schwierigen Verhältnis zu den Bandkollegen Matlock, Jones und Cook, zu seiner offenen Feindschaft zum Pistols-Manager Malcolm McLaren, dem hinlänglich bekannten Bill-Grundy-Scharmützel, seinen nicht in den Punk-Kontext passenden Vorlieben für Musiker wie Peter Hammill, Captain Beefheart, Neil Young und den Krautrockern von Can und zu den Aufnahmen und dem Release-/Plattenlabel-Zirkus zum Punkrock-Meilenstein ‚Never Mind The Bollocks, Here’s The Sex Pistols‘ (1977, Virgin) sorgen für amüsante Lektüre, aufschlussreich und so manche Legende geraderückend sind seine Ausführungen zur seit seiner Schulzeit bestehenden Freundschaft mit dem Glen Matlock ersetzenden Sex-Pistols-Bassisten Sid Vicious, der laut Lydon maximales Talent als Junkie hatte, als Musiker jedoch ein Totalausfall war, da blieben selbst die gutgemeinten Übungsstunden, die ihm Motörhead-Basser Lemmy Kilmister angedeihen lies, fruchtlos – O-Ton Lemmy: „Sid hat keinerlei Begabung, kein Rhythmusgefühl, und er hat kein Gehör.“

„Es machte mich fertig, wenn ich merkte, das andere ihn ansahen und tatsächlich dachten, Heroin wäre richtig groovy. Sids Verhalten kommt für mich einem Verbrechen gegen die Menschheit nahe. Sein Leben war reine Selbstzerstörung.“
(John Lydon, Anger Is An Energy, Kämpfen oder untergehen)

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Unterhaltsam-informativ bleibt es im weiteren Verlauf der Dokumentation nach dem Pistols-Exit Lydons vor allem wegen den Entstehungsgeschichten zu den beiden mit seinem Folgeprojekt Public Image Ltd produzierten musikalischen Post-Punk-/Kraut-/Experimental-Wundertüten ‚First Issue‘ (1978) und ‚Metal Box‘ (1979, beide Virgin) und insbesondere der auch hier erneut auftretenden persönlichen Animositäten mit den weiteren maßgeblichen Bandmitgliedern, dem Bassisten John Wardle aka Jah Wobble und dem The-Clash-Gründungsmitglied Keith Levene, der mit dem Post-Punk-Ansatz in seinem Gitarrenspiel zu jener Zeit großen Einfluss auf den U2-Musiker The Edge gehabt haben soll, nach den Worten Lydons war er nichtsdestotrotz vor allem ein von Komplexen geplagter und verhaltensgestörter Zeitgenosse.
Hier erfährt der Leser auch, woher die Inspiration für die sperrige Blechbüchsen-Verpackung der Erstauflage von ‚Metal Box‘ herrührte: John Lydon bekam in jener Zeit die Probeaufnahmen zu ‚Quadrophenia‘ in einer Filmrollen-Metalldose zugeschickt, er war kurzzeitig auf Initiative Pete Townshends für die Rolle des Jimmy Cooper in der 1979er-Film-Adaption des Who-Klassikers angedacht.

„Meine Rolle bei dem Ganzen? Ich hatte ein völlig neues musikalisches Genre, ein völlig neues Musikverständnis erschlossen. Und wer strömte herein, nachdem ich die Tür aufgestoßen hatte? Lauter Penner, die auch noch stolz darauf waren, dass sie nichts im Kopf hatten.
Mir ging es darum, meine Lebenserfahrungen mit anderen zu teilen, nicht um die selbst gewählte Isolation, in die sich Punk dann begab. Durch so was verengt sich die Weltsicht – was der arme alte Joe Strummer für mich exemplarisch verkörperte. Er bildete sich ein, Anführer einer politischen Punk-Bewegung zu sein, und dass wir bei Solidarnosc mit Spruchbändern durch die Gegend laufen würden. Kompletter Schwachsinn.“
(John Lydon, Anger Is An Energy, Getting Rid Of The Albatross)

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Die ablehnende Einstellung Lydons zu einem Großteil seines sozialen und vor allem beruflich-musikalischen Umfelds, darunter etlichen Wegbegleitern aus der Hochphase des britischen Punk, zieht sich wie ein roter Faden durch das autobiografische Werk.
Selbst einem renommierten Musik-Journalisten wie Jon Savage spricht Rotten jegliche Kompetenz ab. Obwohl er selbst als Input-Geber an Savages von der Presse hochgelobtem Standardwerk ‚England’s Dreaming: Sex Pistols and Punk Rock‘ (1991) zur englischen Punk-Historie beteiligt war, ist letztendlich in der Dokumentation nach seinem Dafürhalten nahezu alles falsch dargestellt, Savage könne es auch nicht besser wissen, „er war ja kein Sex Pistol„.

„Die Sex Pistols hätten ohne ihn niemals diese Wirkung erzielen können. Trotz McLarens Spott war es eben genau Lydons Interesse an den Eigenheiten von Post-Hippie-Pop – dem Expressionisten Peter Hammill und dem hochexplosiven Captain Beefheart – -, die den Sex Pistols einen Ausweg aus der Nostalgie oder dem Jungsrock bot und den Zugang zu einem neuen, unbekannten Gebiet ermöglichte. Lydons Interesse an musikalischen Experimenten verlieh den Sex Pistols den Schneid, ihre immer extravaganteren Forderungen durchzuziehen.“
(Jon Savage, England’s Dreaming, 2/9)

So, wie der PiL-Output nach dem ‚Metal-Box‘-Release an Qualität zum Teil deutlich zu wünschen übrig lies, so verflacht auch die Biografie Lydons im weiteren Verlauf zusehends, für punktuelle Highlights sorgen seine schonungslose Replik gegen den Kinder-schändenden BBC-Moderatoren Jimmy Savile, seine Gedanken zum schwierigen Verhältnis zu seiner Stieftochter, der Slits-Musikerin Ari Up, seine Anmerkungen zu der von ihm geschätzten Reggae-Musik und die Entstehungsgeschichte des von Bill Laswell produzierten PiL-Tonträgers ‚Album‘ (1986, Virgin), auf dem illustere Gäste wie die Ausnahmemusiker Ginger Baker, Tony Williams, Steve Vai und Ryuichi Sakamoto zu hören sind, alles Könner ihres Fachs, die man zu jener Zeit nicht unbedingt als Mitmusikanten auf einem Johnny-Rotten-Album vermutet hätte.
Das letzte Drittel des Buchs ist tendenziell belangloses Geschwaller zu den Themen Pistols-Reunion, Lydons geplanter Teilnahme in der Rolle des Judas Ischariot bei einer letztendlich geplatzten Jesus-Christ-Superstar-Produktion am Broadway, seinem Auftritt bei „I’m a Celebrity…Get Me Out of Here!“, der britischen Ausgabe des Prekariatsfernsehen-Dschungelcamps und seiner Beteiligung an einem Werbespot für irische Butter. Wegen des lieben Geldes hat Rotten all diesen Firlefanz nicht veranstaltet, was sein jeweiliger Antrieb für die Aktionen war, kann er dem Leser in der Autobiografie aber leider auch nicht plausibel erläutern.
Seine Ergüsse, warum er nicht gern zum Zahnarzt geht, interessieren möglicherweise seinen Friseur oder den Gasmann, und seine Verehrung für Gandhi nimmt ihm bei gleichzeitiger Befürwortung der amerikanischen Waffengesetze – Lydon ist seit kurzem US-Bürger – irgendwie auch niemand ab…

Immerhin, aufgrund der weiterhin gepflegten und in der Biografie hinlänglich ausgekosteten Animositäten zu den ex-Pistols-Kollegen Matlock und Jones dürfte den Musik-Interessierten die Peinlichkeit einer erneuten Reunion erspart bleiben, aber hinsichtlich exzentrischer Ideen ist man bei John Lydon letztendlich vor nichts gefeit, wie die Lektüre seiner Autobiografie eindrucksvoll unter Beweis stellt.

So wie Lydon seine Erinnerungen, Anekdoten und Lebensweisheiten verbal rausgehauen hat, so hat sie Co-Autor Andrew Perry offensichtlich mehr oder weniger ungefiltert zu Papier gebracht, großes Rumfeilen und Ringen um gepflegtere Formulierungen sind nicht zu erkennen, literarischer Anspruch ist was anderes.
Anger Is An Energy: Nichts für Feinschmecker der gehobenen Schreibkunst, aber für Interessierte am Werdegang einer der schillerndsten Pop-Ikonen der vergangenen vierzig Jahre ist das Pamphlet alles in allem dann doch partiell lesenswert.

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„Ah-ha-ha. Ever get the feeling you’ve been cheated? Good night.“
(Johnny Rotten, Winterland Ballroom, San Francisco, 1978-01-14)

„The King Is Gone But He’s Not Forgotten,
Is This The Story Of Johnny Rotten?“
(Neil Young, Hey Hey, My My (Into The Black))

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„Moritz von Uslar: Gefärbter Bart?
Lemmy Kilmister: Gefärbte Haare. Sonst sähe ich aus wie Willie Nelson.“
(100 Fragen an Lemmy Kilmister, Süddeutsche Zeitung 2003, wiederveröffentlicht 29.12.2015)

„Im Fernsehen wurde ich zur Witzfigur: ‚Kennen Sie schon den, mit Willie Nelson? Als seine Rechnung über 32 Millionen Dollar Steuerschulden mit der Post kam, hat er sie genommen, Gras drübergekrümelt, sich daraus einen Joint gedreht und seine Probleme einfach weggeraucht. Am nächsten Morgen konnte er sich an nichts mehr erinnern.'“
(Willie Nelson, Mein Leben, Erster Teil, Mein Anfang)

Willie Nelson mit David Ritz – Mein Leben: Eine lange Geschichte (2015, Heyne)

Franz Dobler hat vor kurzem im Rahmen der Heyne-Hardcore-Veranstaltung im Münchner Unter Deck so schön daraus vorgelesen, aber auch ohne die feine Veranstaltung zum Anfixen kommt man als alter Country-Verehrer nicht umhin, in die Lebensgeschichte vom alten Willie reinzulunzen. Der mittlerweile 82-jährige ist neben Emmylou Harris, Kris Kristofferson und Merle Haggard einer der letzten großen Country-Ikonen, die sich ungebrochen, stilsicher und mit Vehemenz dem glattpolierten Nashville-Sound verweigern. Bevor der Begriff des ‚Alternative Country‘ geprägt wurde, nannte man das Outlaw-Musik, und in der Rolle des Outsiders hat sich der olle Nelson zeit seines Lebens wohl gefühlt, wovon er auf den knapp 450 Seiten seiner „langen Geschichte“ eindrucksvoll und mit viel Humor und Augenzwinkern Zeugnis ablegt.

„Wieso mich Zekes Draufgängertum so begeisterte? Weil es eine gewisse Gefahr ins Spiel brachte. Weil das Leben dadurch Biss bekam. Weil es das Unberechenbare möglich machte und das Unbekannte willkommen hieß.“
(Willie Nelson, Mein Leben, Erster Teil, Familienbande)

In lockerem Slang erzählt der alte Mann mit dem Zopf seine Geschichte über das Aufwachsen bei den Großeltern während der ‚Großen Depression‘ in Abbott/Texas, das unkonventionelle, aber herzliche Verhältnis zu seinen getrennten Eltern, über seine verflossenen Ehefrauen, seine musikalischen Einflüsse, das schwierige Verhältnis zur Nashville-Country-Industrie, das weniger schwierige Verhältnis zum Hanf-Produkt, für dessen Legalisierung er sich permanent stark macht, und seine lebenslange Freundschaft zum Country-Outlaw Waylon Jennings.
Die bereits eingangs zitierte Auseinandersetzung mit der US-Steuerbehörde IRS, verursacht durch zweifelhaftes Finanzgebaren seines langjährigen Managers Neil Reshen, die Nelson an den Rand des Ruins brachte, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, die Episoden zum Thema sind gespickt mit Willies herzerfrischenden Anekdoten, allein dafür lohnt die Lektüre des Schmökers.

„Doch als der Oberboss von Columbia die Aufnahmen hörte, sagte er: ‚Wieso spielst du mir ein Demo vor?‘ ‚Das ist kein Demo‘, erklärte ich. ‚Das ist das fertige Produkt.'“
(Willie Nelson, Mein Leben, Dritter Teil, Pure Sunshine & Purple Jesus)

Neben seiner bewegten Vita schreibt Nelson über die Entstehungsgeschichten zu zahllosen Songs und ausgewählten Klassikern wie dem Jahrhundertwerk und Billboard-Nummer-1-Album ‚Red Headed Stranger‘ (1975), bei dem sich Columbia Records zuerst sträubte, es in der Form zu veröffentlichen, oder dem ‚Teatro‘-Album (1998, Island), einem seiner atmosphärisch dichtesten Werke, das aus seiner Zusammenarbeit mit dem kanadischen Produzenten Daniel Lanois resultierte. Namedropping kommt bei einem, der seit weit mehr als fünfzig Jahren in vorderster Linie im Musik-Business mitmischt, selbstverständlich nicht zu kurz, allein die Liste derer, die seit 1985 bei den von Willie Nelson mitinitiierten ‚Farm Aid‘-Benefit-Konzerten zur Unterstützung der amerikanischen Kleinbauern auftreten oder über die Jahrzehnte anderweitig mit dem Country-Star zusammenarbeiteten, ist zum Zunge-schnalzen. Kollaborationen wie etwa das Highwaymen-Projekt zusammen mit Johnny Cash, Kris Kristofferson und Waylon Jennings mögen nicht weiter verwundern, dass bei Nelson-Duett-Partnern auch ein spanischer Schmalz-Barde wie Julio Iglesias auftaucht, legt Zeugnis ab von der Unvoreingenommenheit des Texaners gegenüber anderen Musik-Genres – überhaupt ist der alte Mann in seiner ganzen über achtzigjährigen Lebensweisheit ein Ausbund an Toleranz, der dem Leser höchsten Respekt abnötigt.

Das im ‚Hardcore‘-Programm des Heyne-Verlags veröffentlichte Werk ist seit langem eine der sympathischsten Lebens-Beichten aus dem weiten Feld der Musiker-Autobiografien, man kann nur den Cowboy-Hut ziehen vor einem wie Willie Nelson, der sich trotz oft widriger Lebensumstände, drei gescheiterter Ehen, dem frühen Tod seines ersten Sohns Billy und dem ewigen Zirkus mit der amerikanischen Steuerbehörde nie die gute Laune verderben lies und der auch im hohen Alter positiv gestimmt und voller Tatendrang den Blick nach vorne richtet. Der Tod hat für ihn keinen Stachel, glaubt er doch im Sinne einer nie endenden Reise analog zu immerwährenden Zweitligisten-Aufstiegs-Phantasien: „Wir kommen wieder!“, in einem Fall wie seinem selbstredend nur in einer höheren Lebensform, während Garth Brooks, Donald Trump, die Bush-Brut und FC-Bayern-Nachläufer im nächsten Leben maximalst die Stufe von Würmern, Grottenolmen und anderem Ungeziefer erreichen werden, da ihnen der Himmel auf Erden –  ungerechterweise – bereits jetzt zuteil wird.

„Nashville war ein Kampf. Es gab auch gute Momente, aber insgesamt war es mühsam. Ich brachte meine Ware wohl ins Kaufhaus, aber das reichte nicht, um mich durchzusetzen. Angesichts all der Musik, die aus Nashville kam, angesichts der großartigen Musiker und legendären Produzenten, sollte man meinen, dass ich da genau richtig war. War ich aber nie. Ich mache es Nashville nicht zum Vorwurf. Wahrscheinlich bin ich einfach eigen.“
(Willie Nelson, Mein Leben, Zweiter Teil, Das Kaufhaus)

David Ritz verfasste als Co-Autor die Autobiographien unter anderem von B. B. King, Smokey Robinson und Etta James. Zuletzt war er als Co-Autor am Lebensbericht des ex-CBS-Records-Chefs Walter Yetnikoff beteiligt. Er verfasste zudem die von der Kritik gepriesenen Biographien »Divided Soul: The Life of Marvin Gaye« und »Faith in Time: The Life of Jimmy Scott«.

Willie Nelson, geboren 1933 in Abbott, Texas, ist einer der großen amerikanischen Country-Musiker und Songwriter. Er ist außerdem Autor, Lyriker, Schauspieler und Aktivist. 1993 wurde er in die Country Music Hall of Fame aufgewonnen. Mit 22 Nummer-1-Singles, 14 Nummer-1-Alben und 10 Grammy-Auszeichnungen ist er einer der erfolgreichsten Musiker so far. Außerdem war er in fast 40 Film- und Fernsehproduktionen als Schauspieler tätig. Der Rolling Stone wählte ihn auf Platz 77 der 100 besten Gitarristen aller Zeiten.