Avantgarde

frameless15: Kama Aina + Hochzeitskapelle, John Chantler, Qubibi @ Einstein Kultur, München, 2017-11-14

Die Münchner frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter hatte in der letzten Ausgabe in 2017 neben australischem Electronica-Experiment und japanischer Videokunst mit dem gemeinsamen Auftritt von Kama Aina und der ortsansässigen Hochzeitskapelle ein besonderes tonales Gustostück zu bieten, eingangs erfreute Moderator Dr. Daniel Bürkner die treuen frameless-Fans mit der Nachricht, dass die finanzielle Förderung der von Karin Zwack veranstalteten Konzert-/Medien-Reihe durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München für das kommende Jahr gesichert ist.

Den ersten Teil des Abends bespielte der in Australien geborene und in Schweden arbeitende Klang-Tüftler John Chantler mit seiner Electronica-Komposition „Logic Being The Lowest Form Of Magic“, die sich in einem weiten wie erratischen Klangraum bewegte zwischen sporadischen, isolierten Noise-/Interferenz-Drones, digitalen Samplings, in denen er unter anderem Aufnahmen von der Orgel der neuen Hamburger Elbphilharmonie verarbeitete, und einem feinen, konträren Synthie-/Ambient-Flow, der ein artifiziell-digitales, entspanntes Unterwasser-Rauschen simulierte.
Intensive Brachial-Lautmalereien gaben sich die Hand mit schönen Sphärenklängen, organisch erzeugte Töne aus analogem Instrumentarium in Form von Field Recordings wurden durch digitale Strukturen verzerrt, ein spannungsgeladener Ansatz, der in den Ohren-schmeichelnden Passagen sehr zu gefallen wusste, im losgelösten Kunst-Lärmen jedoch mitunter die ausgereifte Finesse vermissen ließ.
(*** ½ – ****)

Die Münchner Hochzeitskapelle hat im vergangenen Jahr auf ihrer exzellenten CD/LP „The World Is Full Of Songs“ (Gutfeeling Records) das Stück „Wedding Song“ des japanischen Komponisten Takuji Aoyagi aka Kama Aina interpretiert und im Nachgang ein Exemplar des Tonträgers nach Okinawa an die Adresse des „Native Underground“-Musikers geschickt. Im März war der Hochzeitskapelle-Drummer (und Notwist-Gitarrist/Sänger) Markus Acher mit der Band Tenniscoats in Tokio für einen Auftritt zu Gast, er traf bei der Gelegenheit Kama Aina und fragte ihn, ob er für die Hochzeitskapelle neue Stücke komponieren könne, dieser konnte, und so kam es am vergangenen Dienstag Abend zur gemeinsamen konzertanten Premieren-Aufführung von zehn neuen Aoyagi-Werken durch die München-/Weilheim-Rumpeljazz-Institution mit dem japanischen Indie-Musiker Kama Aina im bis auf den letzten Platz besetzten Keller des Einstein Kultur.
Der zierliche asiatische Komponist begleitete die fünf bayerischen Ausnahme-Musiker_Innen an Gitarre, Banjo und Akkordeon, Evi Keglmaier, die Acher-Brüder, Mathias Götz und Alex Haas glänzten wie nicht anders zu erwarten an diversen Instrumenten wie Schlagwerk, Kontrabass, Posaune, singender Säge, Violine, indischem Harmonium oder Sousaphon und verzüchten so gemeinsam die Zuhörerschaft mit einer stringent durchkomponierten Mixtur aus melancholischer Schwere in herbstlichen Klangfarben und luftiger Leichtigkeit, die Erinnerungen an den verschwundenen Sommer weckte. Die Stücke bewegten sich stilistisch in einem Spannungsfeld aus kammermusikalischer Eleganz, bewusst simpel gehaltenem japanischem Minimalismus und Filmmusik-verwandten Klängen, eine einnehmende Aufführung, die durchgehend auf den gemeinsamen Nenner der musikalischen Brillanz gebracht wurde.
Das bewährte, bekannte, hochgeschätzte, geradezu spontan anarchistisch-freie Spiel der Hochzeitskapelle mit entsprechendem Raum für Improvisationen und Soli der begnadeten Klangkünstler_Innen und einhergehender Ausdehnung in viele stilistische Richtungen musste an dem Abend selbstredend hintanstehen, der Vortrag der neuen Stücke nach Notenblatt steckte einen strengeren formalen Rahmen ab, für die Aufführenden des Abends kein Hindernis für versiertes Glänzen.
Das begeisterte Publikum bedachte die konzertante Premiere der japanisch-bayerischen Kollaboration mit gebührend langanhaltendem Applaus und wurde dafür mit einer Version des „Wedding Song“ und einer Wiederholung aus dem neuen Instrumental-Zyklus im Zugabenteil belohnt. Würdiger konnte das frameless-Jahr 2017 vermutlich nicht zu Ende gehen.
(***** – ***** ½)

Die Hochzeitskapelle unterstützt heute Takuji Aoyagi/Kama Aina bei seinem Gesangs-Projekt „Circle Voice“ im Innenhof der Kunsthalle Lothringer13, Beginn 16.00 Uhr, der Eintritt ist frei. Adresse: München/Haidhausen, Lothringer Straße 13.
Ohne japanische Unterstützung spielt die Hochzeitskapelle morgen, am 17. November, in der Münchner Gaststätte Goldmarie den Soundtrack zum Abendessen, München/Ludwigvorstadt, Schmellerstraße 23.

Die Medienkunst im separaten Nebenraum des Einstein-Kultur-Kellers stammte an dem Abend vom japanischen Künstler Kazumasa Teshigawara/Qubibi, der sich in seinen Arbeiten mit der Frage auseinandersetzt, ob Maschinen Gefühle zeigen können. In München präsentierte er die minimalistische Videoarbeit „Kokuhaku“ mit Musik der japanischen Band Asa-Chang & Junray, der Film wird mit Hilfe binärer Codes durch ein Endlosschleifen-Programm generiert, er zeigt immer neue Formen zwischen rein digitalen Strukturen und kurzen, animierten Momenten der Kindheit.

Advertisements

frameless14: Noveller, Jung An Tagen, Clare Rae @ Einstein Kultur, München, 2017-10-11

Die Münchner frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter startete mit Auflage 14 nach ausgedehnter Sommerpause in den Winterhalbjahr-Zyklus mit einer Auswahl an internationalen Künstlern, New Yorker Gitarren-Noise traf auf Wiener Klangexperiment und australische Videokunst, präsentiert von Karin Zwack sowie dem fördernden Kulturreferat der Landeshauptstadt München, wie stets charmant anmoderiert von Dr. Daniel Bürkner.

Zum Einstieg in den experimentellen Abend lotete der Wiener Klangkünstler Stefan Juster aka Jung An Tagen vom Virtual Institute Vienna die Möglichkeiten elektronischer Musik aus, die sich in seinem Vortrag mit Hilfe gesampelter Beats und abstrakter Töne wiederholt in Richtung verstörender Klangkollagen, weißes Rauschen, dunkler Klang-Explosionen aus den Tiefen des Raums und schwergewichtiger Industrial-Drones entwickelte, atonale Grenzerfahrungen, die an den Nerven der Hörerschaft zerrten und den Herzrhythmus partiell Stress-bedingt in die höheren Frequenzen zu treiben wussten. In den überwiegend strukturierteren Passagen pendelte die futuristische Electronica des jungen Österreichers zwischen reduzierter, repetitiver, hart wie artifiziell pochender Minimal Music, künstlichem Kraut-Space und – mitunter – tanzbarem, Melodien-andeutendem Techno-Flow, der zu den Gelegenheiten dann tatsächlich auch angenehm ins Ohr gehen mochte. Synthetische, konzeptionelle Verfremdung von Tönen und Rhythmen ist der Aufhänger, unter dem die avantgardistischen Klanglandschaften von Jung An Tagen zu verorten sind, nicht jede/r aus der Hörerschaft mochte an dem Abend den reinen Kunstgenuss aus der Aufführung ziehen, eine hochspannende wie alles andere als alltägliche konzertante Erfahrung war es in jedem Fall.
(**** – **** ½)

Die unter dem Pseudonym Noveller auftretende Sarah Lipstate aus Brooklyn ist in der Welt der Noise-Gitarre kein unbeschriebenes Blatt, die junge Amerikanerin hat bereits mit gewichtigen Namen des Genres wie der australischen Experimental-Koryphäe Ben Frost, dem ex-Sonic-Youth-Gitarristen Lee Ranaldo oder dem kürzlich hier vorgestellten Kanadier Eric Quach und seinem Projekt thisquitarmy kollaboriert, dementsprechend war der Vorschusslorbeeren-Strauch ein ausgewachsener hinsichtlich anstehendem frameless-Auftritt, die Erwartungen wurden am Mittwoch-Abend indes nur bedingt erfüllt. Optisch wurde das Konzert von einer Video-Arbeit der Komponistin und Filmemacherin begleitet, auch hinsichtlich der abstrakten, beliebig wie zusammenhanglos wirkenden, bewegten Bilder hielten sich die Begeisterungsstürme in Grenzen. Der musikalische Vortrag von Noveller war bestimmt von Loop-gestütztem, Ambient-Sampling-begleitetem, hypnotischem Gitarren-Drone und schwergewichtig angeschlagenen Indie-/Noise-/Post-Rock-Phrasierungen, punktuell bereichert vom Spiel mit dem Geigenbogen auf den sechs E-Gitarren-Saiten zur Erzeugung dezenterer, elegischer Sphären-Klänge, leidlich gefällig im rein instrumentalen Gewand als einzelne Skizzen und Miniaturen, im Gesamtbild aber kaum mehr. Zu erratisch und zerklüftet in der stilistischen Ausgestaltung, zu sehr auf optische Präsenz und Frickeln an den zahlreichen Gitarren-Effektgeräten als auf einen stringenten, ein Konzept erkennen lassenden Flow war das knapp 45-minütige Solo-Konzert von Sarah Lipstate ausgerichtet, als dass am Ende mehr als der höfliche Applaus der frameless-Besucher_Innen hätte herausspringen können.
(*** ½)

Im Nebenraum des Konzert-Gewölbes wurde parallel zu den instrumentalen Aufführungen die Videoarbeit „The Good Girl And The Other“ der australischen Künstlerin Clare Rae gezeigt, der repetitive Endlosschleifen-Film, realisiert im Stop-Motion-Verfahren, zeigt die Video-Artistin, wie sie in einem Restaurant mit sich selbst Plätze tauscht. Der Film will sich mit dem Rollenverständnis des „braven Mädchens“ und dem ambivalenten Verhältnis zu digitalen Identitäten und den daran geknüpften Erwartungen auseinandersetzen.

frameless15 findet am 14. November an gewohnter Örtlichkeit im Einstein Kultur statt, Einsteinstrasse 42, München, 20.00 Uhr, Eintritt frei.
Die inzwischen weit über die Grenzen Münchens bekannte und außerordentlich geschätzte „Rumpeljazz“-Combo Hochzeitskapelle wird in einem gemeinsamen Konzert auf den japanischen „Native-Underground“-Musiker Takuji Aoyagi aka Kama Aina treffen, man darf sich bereits jetzt in den Zustand freudiger Erwartung versetzen. Darüber hinaus präsentiert die 15. Ausgabe der Experimentalmusik-Reihe ein Konzert des australischen Electronica-Tüftlers John Chantler und digitale Medienkunst des unter dem Label Qubibi arbeitenden Japaners Kazumasa Teshigawara.

Reingehört (369): Pere Ubu

„The new album is The James Gang teaming up with Tangerine Dream. The Chinese Whispers methodology we worked on the last two albums has been replaced by the Dark Room. Put musicians in a lightless room and by feeling one small section of an unknown object have them figure what it must be.“
(David Thomas)

Pere Ubu – 20 Years In A Montana Missile Silo (2017, Cherry Red Records)

Long May You Run: US-Avantgarde-Punk-Urgestein David Thomas ist fast 40 Jahre nach dem Debüt-Meilenstein „The Modern Dance“ unvermindert präsent mit seiner Outsider-Institution Pere Ubu, auf „20 Years In A Montana Missile Silo“ lässt er all das in gebrochenem Licht strahlen, was seit jeher ein gutes Werk der Ausnahme-Band aus Cleveland/Ohio ausmachte: Der stoische Ground-Zero-/Proto-Punk seiner ersten, kurzlebigen und seit 2003 wieder sporadisch aktiven wie allseits für den Punk-Underground eminent wichtig gewerteten Formation Rocket From The Tombs gleich vorneweg als massiv schneidender Brecher und Wegweiser im Album-Opener, der mehr als nur leicht angeschrägte Experimental-Postpunk und treibende Indie-Rock der folgenden Jahre, inklusive verquerer Rhythmik und dem Band-typischen Synthie-Pfeifen, -Knistern und -Funkensprühen, die apokalyptischen Klang-Kollagen, Misstöne und Störgeräusche in dichter, knapper, zupackender wie forcierter Gangart, weirde Tiraden im surrealen Garagen-Punk-Outfit – nur im Sangesvortrag des gewichtigen Vorstehers, da fordert der ein oder andere Schluck zuviel vom Hochprozentigen seinen Tribut von den Stimmbändern, wo früher das charakteristische Quäken und Nölen in den höheren Stimmlagen zu vernehmen war, dominiert heute oft ein dunkles, raues Grollen und zittriges, heiseres Schwadronieren den Lyrik-Teil, die Jahre sind dahingehend alles andere als spurlos an David Thomas vorübergegangen.
Erschreckend gut gehalten über die Zeit hat sich hingegen die Thematik, mit der sich Pere Ubu auch im Jahr 2017 neben anderem auseinandersetzen: Die ersten Singles der Band, der WW2-Atombomben-Song „30 Seconds Over Tokyo“ und die dunkle Endzeit-/Post-Cold-War-Phantasie „Heart Of Darkness“, sind Mitte der Siebziger inhaltlich auf die Bedrohung der nuklearen Zerstörung eingegangen, vier Dekaden später beschäftigen sich Pere Ubu im Schatten von Figuren wie Nordkoreas Nachwuchs-Diktator und dem erratischen Polit-Clown im Oval Office immer noch mit dem Droh-Potenzial der Atomsprengköpfe.
Auch hinsichtlich Klangbild sind Pere Ubu mit „20 Years In A Montana Missile Silo“ weit mehr an den ersten fünf Alben der frühen Jahre bis zum zwischenzeitlichen Band-Splitt angelehnt, aus deren Lineup einzig Vorsteher David Thomas bis heute die Stellung hält.
Für Sammler, Lücken-Schließer und Nachzügler ist im März die Pere-Ubu-LP-Box „Drive, He Said 1994-2002“ bei Fire Records erschienen, neben einer Extra-Outtakes-Scheibe bietet die Sammlung die drei für Ubu-Verhältnisse relativ leicht und schmerzfrei zu konsumierenden, gelungenen Alben „Raygun Suitcase“, „Pennsylvania“ und „St Arkansas“ aus der mittleren Phase der Band, in der partiell mit Scott Krauss und Tom Herman weitere Ur-Mitglieder zugange waren.
Demnächst-Ex-Swans-Slide-Gitarrist Kristof Hahn mischt im Übrigen inzwischen auch mit bei Pere Ubu, braucht auch einen neuen Heimathafen, nachdem die ausgedehnte Abschieds-Welttournee der hochverehrten New Yorker No-Wave-/Noise-Kapelle sich langsam dem Ende zuneigt, seufz.
(*****)