Biermösl Blosn

Wellbrüder aus’m Biermoos @ Sommerabend am Sendlinger Kirchplatz, München, 2018-06-30

„De AfD in Bayern, de braucha mia nia, sogt da Dobrindt, denn rechts und radikal warn oiwei scho mia!“
(CSU-Mantra zur anstehenden Landtagswahl)

Nach dem nahezu in jedem Sommer wiederkehrenden Jazz-Gedudel, das zu der Gelegenheit meist obstinat zu Hause bleiben oder das Abend-Entertainment woanders suchen ließ, präsentierte die Sendlinger Kulturschmiede in der 2018er-Ausgabe ihrer seit 28 Jahren stattfindenden Open-Air-Veranstaltung „Sommerabend am Sendlinger Kirchplatz“ am wunderschönen, Denkmal-geschützten Ensemble am Fuße der alten Sendlinger Kirche zur Abwechslung was Handfestes, Ohren-verträgliches und höchst Amüsantes, oder, um es im hier angebrachten Bairisch zu sagen: endlich moi wos G’scheids! Mit den Well-Brüdern aus dem oberbayerischen Hausen lud der Stadtteil-Kulturverein von schräg gegenüber jahrzehntelange Erfahrung in Sachen Musik-Kabarett, Satire, instrumentale Vielfalt wie handwerkliche Exzellenz auf die Bühne. Die ehemalige Biermösl Blosn, die sich 2012 – durch den Ausstieg von Hans Well bedingt – nach 36 Jahren auflöste und unter neuem Namen mit Bruder Karl und den verbleibenden Wells Stofferl und Michael im folgenden Jahr neu formierte, ließ dankenswerter Weise am Samstagabend die mitunter gern begleitende tote Hose Campino seine als Deutsch-Punk getarnten peinlichen Schlager-Liedlein woanders trällern und den in letzter Zeit auch kaum mehr zu Hochform auflaufenden Well-Intimus Gerhard Polt andernorts seinen zusehends immergleichen Krampf verzapfen, und so konnte sich das Publikum freuen auf einen ausgedehnten Abend mit Nummer 12, 13 und 14 der Well-Geschwisterfolge, in der die vielseitig ausgebildeten Musikanten wieder einmal ihre Brillanz auf unterschiedlichster Spiel-Gerätschaft wie Bach-Trompete, Dudelsack, Gitarre, Tuba, Akkordeon bis hin zu Drehleiher und Alphorn unter Beweis stellten, das inspirierte Können ist bei den Wells weithin bekannt in eigenen Dimensionen angesiedelt, selten beherrscht jemand eine Vielfalt an Instrumentarium derart professionell, virtuos und scheinbar völlig locker aus dem Handgelenk geschüttelt wie die drei Brüder, wie im übrigen auch ihre Schwestern von den Wellküren oder der abtrünnige Hans, inzwischen mit seinem eigenen Nachwuchs aufspielend. Identitäts-stiftend, wie es immer so schön heißt, für uns Bajuwaren allemal, Musik um der Musik willen, als kollektives Erlebnis und Brauchtums-Pflege im Geiste des Kraudn-Sepp fernab des sich wie auch immer verrenkenden „Neuen Heimat-Sounds“.
Und dann glänzen’s neben dem schwungvollen Vortragen in bayerischer Volksmusik inklusive Versatzstücken aus irischem Folk und der Hochkultur der Klassik – Stofferl Well war nicht ohne Grund beim Celibidache zugange – ja auch noch als ausgewiesene Gaudiburschen, neben den bereits obligatorischen Kalauern über die Hausener Feuerwehr, den neuen Kreisverkehr am Ortseingang, den darüberbretternden SUV und die neuesten Erkenntnisse vom Drexler Toni, seines Zeichens Kreisheimatpfleger in fraglicher Gemeinde, drängten sich im schönen Sendling die Themen Gentrifizierung, Wohnraum-Verdichtung, Veganer-Overkill und voranschreitende Veränderung des Stadtteil-Charakters förmlich auf, dem ein oder anderen kürzlich Zugezogenen – the so-called „Zuagroasten“ oder „Reigschmeckten“ – mag da das Lachen im Hals stecken geblieben sein, und den Alteingesessenen vergeht es zu dem Thema ohnehin zusehends mehr.
Stofferl Well führte ins Feld, dass Humor nichtsdestotrotz das Einzige wäre, was das Unvermeidliche etwas erträglicher gestaltet, ob es das unausweichliche eigene Dahinscheiden ist, die nächste Deutsche Meisterschaft vom Steuerhinterzieher-Verein oder die allmächtige Existenz in Bayern der – man ahnt es – CSU. Dass sich die drei Vollblut-Musiker und -Kabarettisten mit etlichen bayerischen Gstanzln, boshaften Ausführungen und Liedtexten auf ihre jahrzehntelangen Lieblings-Spott-Opfer von den „Christ-Sozialen“ einschossen, liegt bei einem Konzert der Well-Brüder auf der Hand und gehört seit etlichen Dekaden zum unumstößlichen Standard-Programm, zumal in Zeiten, in der die momentan völlig irrlichternde bayerische Volks-Partei mit Vereinnahmung rechts-populistischer Themen, dem Aufhängen von Islamisten-, AfDler- und Sozi-vertreibenden Kruzifixen in freistaatlichen Amtsstuben, einer gelinde gesagt erratischen Bildungspolitik, kulturellem Größenwahn in Form des in Regensburg und andernorts bereits vor Eröffnung nicht unumstrittenen Museums der Bayerischen Geschichte und nicht zuletzt unsäglichem Personal wie dem Bundesinnenminister-Vollhorst, Maut-Spezi Doofbrindt und dem dauergrinsenden Franken-Schmieranten auf dem MP-Sessel keine Gelegenheit auslässt, um Zielscheibe und maximalste Angriffsfläche zu bieten für die kritischen Geister aus dem Beerenmoos im Fürstenfeldbrucker Umland.
Um dem Proporz Genüge zu tun, durfte der ein oder andere Seitenhieb auf SPD-OB Reiter, die Volksverhetzer von der AfD und grüne Spießbürgerlichkeit nicht fehlen, so konnte sich so ziemlich jede/r im musikalischen Polit- und Gesellschafts-Rundumschlag der Well-Brüder wiederfinden, und so haben’s auch alle was zum Lachen und zum lang anhaltend Applaudieren gehabt, die Haufen Leute am gesteckt vollen Sendlinger Kirchplatz, schee war’s, und schod war’s, wia’s gor war – und das Jazz-Getröte, der Polt und der Campino sind sowieso niemandem abgegangen, eh klar…

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„(…) Feierlich überreichte man mir die Weißwurscht. Ich roch, prüfte noch einmal, dann schob ich sie in den Mund und zuzelte, zuzelte – dann hielt ich die Haut triumphierend in die Luft. „Und?“ Erwartungsvolle Augen blickten mich an. „Und?!“ „Sehr guat!“, sagte ich, „Sehr guat! – narrisch guat!“ Überall ein erleichtertes Aufatmen. „Guat“, sagte der Metzger, „wenn’s aso is, dann vakauf ma’s!“
Ob Sie es glauben oder nicht, diese langjährige Prozedur hat mein Selbstbewusstsein enorm befördert.“
(Gerhard Polt, Hundskrüppel – Lehrjahre eines Übeltäters, Die Weißwurscht)

„Ein Mensch, der noch lebt, hat keine Biografie verdient.“
(Gerhard Polt)

Gerd Holzheimer – Polt (2012, LangenMüller)

Jeder kennt einen hier in Bayern, der den Polt nicht mag. Zu nah am bayerischen Gemütszustand ist er oft dran, zu deutlich kehrt er das Verbohrte, Verquere, Verstocke der Leute heraus, zu oft bleibt dem Zuhörer das Lachen im Hals stecken. Oder wie es ein guter Freund mal treffend auf den Punkt gebracht hat: „Meine Verwandtschaft kann über den Polt überhaupt nicht lachen, die sind alle genau so wie seine dargestellten Figuren.“

Der durch seine Schreibe unschwer zu erkennende Polt-Fan Gerd Holzheimer hat sich 2012, aus Anlass zum seinerzeit 70. Geburtstag des bayerischen Kabarett-Giganten, mit Gerhard Polt auseinandergesetzt, und eine formal als Biografie angekündigte Themensammlung angelegt, weniger chronologische Lebensgeschichte, vielmehr Interpretationsansatz, der dem Wesen, dem Welt- und dem kabarettistischen Verständnis Polts über Schilderung, Deutung und Durchleuchtung von Episoden, Begebenheiten und Schaffensphasen nahezukommen versucht, an vielen Stellen durchaus mit Erfolg, vor allem, was den ersten, biografischeren Teil des Buches, „Im Lauf der Zeit“ überschrieben, betrifft.

Der Hang zum makaberen Schwank offenbart sich beim kleinen Gerhard bereits in der Kindheit im erzkatholischen Gnadenort Altötting, das gemeinsam mit gleichgesinnten Kindkollegen ausgeführte „Hineinsystematisieren“ von lebenden Hühnern in das monumentale Panoramabild „Kreuzigung Christi“, dem einzigen in Europa noch erhaltenen Panorama mit religiösem Hintergrund, spricht Bände, die Lehrjahre des Hundskrüppels eben.

„Ich erinnere mich noch, in der Stiftskirche von Altötting stand eine Uhr, wo der Sensenmann jede volle Stunde gemäht hat. Aus dieser Zeit stammt meine fatalistische Lebensauffassung. Wer neben einem Friedhof aufwächst, braucht sich später die Seinsfrage nicht mehr zu stellen.“
(Gerhard Polt)

Es folgen Geschichten zu den späteren Lebensstationen, die Jugend in der Münchner Amalienstraße, in der Zeit noch nicht vom Schutt des Bomben-Kriegs befreit, das Studium der Politikwissenschaft, von Geschichte und Kunstgeschichte in München und, unkonventionell und ganz Polt, von Skandinavistik und Altgermanisch von 1962 bis 1968 an der Universität Göteborg.
Später dann, glückliche Fügung des Schicksals, das Zusammentreffen mit dem Regisseur Hanns Christian Müller und der Schauspielerin Gisela Schneeberger, beide kurioserweise mit Polt im gleichen Bauensemble in der Münchner Maxvorstadt aufgewachsen, „schöner hätten’s die Tauben nicht zusammentragen können“, wie’s bei uns im Volksmund so schön heißt. Das deutsche Kabarett-Schwergewicht Dieter Hildebrandt wird langjähriger Wegbegleiter, ebenso wie der österreichische Volksschauspieler und Kabarettist Otto Grünmandl und die Vorzeigekapelle des bayerischen Volksmusik-Undergrounds, die Well-Brüder und ihre Biermösl Blosn. Erfolge und Anfeindungen mit der Fernsehreihe „Fast wia im richtigen Leben“, Hildebrandt’s „Scheibenwischer“, unzählige Auftritte, solo oder mit der Biermösl Blosn, im Bierzelt genau so begeisternd wie vor dem schwedischen Königshaus, Platten- und CD-Aufnahmen zuhauf, Programme an den renommierten Münchner Theatern, und zumindest mit „Kehraus“ eine gewichtige Kino-Produktion – was sich auf dem Polt-Konto in den letzten 40 Jahren angesammelt hat, er selbst würde es wohl mit einem gern verwendeten Ausdruck auf den Punkt bringen: enorm.
Kulturpreise „zum Sau-Füttern“, eine monatelange Ausstellung zum siebzigsten Geburtstag im Münchner Literaturhaus – zu Zeiten von Rhein-Main-Donau-Kanal-Bau und Wackersdorf noch auf einem Level mit bayerischen Staatsfeinden wie dem Passauer Kabarettisten und erklärten CSU- und Klerus-Feind Siegfried Zimmerschied, ist der Polt aus dem deutschen, speziell süddeutschen Kulturbetrieb heute nicht mehr wegzudenken, selbst beinharte CSUler gehören mittlerweile zum Stammpublikum.

„Früher habe ich von der alten Dame, sie hieß Zenta von Vegesack, bisweilen ein Zehnerl geschenkt gekriegt, um mir ein Eis zu kaufen. Aber seit sie zu meiner Mutter sagte: „Ich habe schon mit dem Zaren getanzt!“, und meine Mutter fragte „Mit welchem, Gnä‘ Frau?“ Seitdem habe ich nie mehr was gekriegt. Seltsam.“
(Gerhard Polt, Hundskrüppel – Lehrjahre eines Übeltäters, Seltsam)

Der zweite Teil des Buches, der den „Kosmos Polt“ hinsichtlich seiner Weggefährten wie den Biermösl Blosn oder den (nicht nur in dem Zusammenhang völlig überschätzten) Toten Hosen um den Punk-Kasperl Campino und der von Gerhard Polt bevorzugten Themen und Methoden durchleuchtet, geht dem Autor der Gaul hinsichtlich Interpretation des Polt’schen Schaffens mehrmals arg durch, die Verweigerungshaltung bezüglich Kooperation zum vorliegenden Werk, die Polt wiederholt auch zu anderen Gelegenheiten in dem Satz „I sog nix!“ manifestierte, wird in dem Abschnitt nachvollziehbar.
Wie der Presse seinerzeit zu entnehmen war, war er bockig, der Polt, hinsichtlich Interviews und Zusammenarbeit mit dem Autor Gerd Holzheimer, nicht weiter verwunderlich aufgrund des eingangs erwähnten Zitats. Machte die Sache für den Münchner Schriftsteller und promovierten Philosophen selbstverständlich nicht einfacher und erklärt größtenteils den unrunden Charakter des zweiten Abschnitts.

Holzheimer sinniert über den Umstand, dass der Polt diesen Erfolg nie gehabt hätte, gäbe es nicht die bayerische Staatspartei CSU, an der und deren typischen Wähler sich der Kabarettist reiben und abarbeiten konnte, andersrum wird wohl auch ein Schuh draus, die CSU wäre mitsamt ihrer vielbeschworenen Stammtisch-Hoheit und ihrer allumfassenden Präsenz im Freistaat kaum denkbar, wenn es nicht genau diese Beratungs-resistenten, sturen Querschädel im bajuwarischen Volksstamm gäbe, die wider besseren Wissens diesen Haufen immer wieder wählen, und die der Kabarettist immer wieder auf seine unnachahmliche Art so treffend porträtiert.

„Mit den Verlusten, die eine Gesellschaft zu beklagen hat, der die Nähe zu ihren eigenen Ursprüngen abhanden gekommen ist, besetzt er ein Thema der CSU, das diese Partei schon längst verloren hat. Es gibt eine seltsame Liebe zwischen einem Mann und einer Partei, in der die Partei ihren Mann erblickt, der Mann aber nicht seine Partei.“
(Gerd Holzheimer, Polt, Ohne uns gäb’s dich gar nicht: Gerhard Polt und die CSU)

Für jahrzehntelange Polt-Fans ist das Buch eine durchaus vergnügliche Lektüre, ob die zahlreichen Interpretations-Ansätze, Querverweise und Erklärungsversuche im eigenen Denk-Kosmos unterzubringen sind, kann nur der beurteilen, der das Werk des bayerischen Kabarett-Giganten letztendlich selbst durchdrungen hat, der vom Thema Unbeleckte wird dem Polt über die Lektüre kaum näher kommen, auch wenn das bayerische Wesen an sich an vielen Stellen durchaus originell und treffend erläutert wird.

Ich selber verfolge den Polt seit 35 Jahren, in Bierzelten, auf Theater- und Kleinkunst-Bühnen, mittels Ton- und Bildkonserven sowieso, nie war er mir näher als im Rahmen der Oskar-Maria-Graf-Lesung Anfang 2002 im Münchner Residenztheater, an dem Abend hat einfach alles zusammengepasst, unser großer bayrischer Schriftsteller vom Starnberger See als Autor sowieso, Gerhard Polt hat die humorigen Texte Grafs gelesen, der leider viel zu früh verstorbene, große Schauspieler Jörg Hube übernahm die ernsten, politischen Passagen, und die Biermösl Blosn hat dazu schön musiziert. Ganz weit vorne sind wir auch noch gehockt, im Theater, oder wie der Metzger-Ade sagen würde: „g’sitzt“ – eh klar: enorm. Der Rudi Löhlein war an dem Abend glaub ich nicht da…

Reingelesen (24)

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„2005 kam endlich die Umkehrung: Im Bayerischen Landtag wurde dem grünen Fraktionsvorsitzenden Sepp Dürr nach einem Zwischenruf vom unterbrochenen Redner öffentlich ins Gesicht geschleudert, er sei der verlängerte Arm der Biermösl Blosn!“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Heimat und Politik)

„Wir brauchen in Bayern keine Opposition, weil wir sind schon Demokraten!“
(Gerhard Polt, 1705)

„Manchmal hatte man das Gefühl, das Image Bayerns ist noch schlimmer als das der DDR.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Heimat und Politik)

Hans Well mit Franz Kotteder – 35 Jahre Biermösl Blosn (2013, Verlag Antje Kunstmann)
Dreieinhalb Dekaden Biermösl Blosn in ihrer Mission in Sachen Musik-Kabarett, Erhalt der bayerischen Volksmusik und Widerstand gegen den CSU-Staat inklusive Wackersdorf-WAA, Isental-Autobahn und Dobrindt’scher Volksverdummung sind das große Thema der Autobiografie von Hans Well, dem Texter des erfolgreichen und beliebten Trios, das sich im Januar 2012 zum großen Bedauern Wells und der zahlreichen Fans der Musikgruppe, die sich nach einem Moos zwischen München und Augsburg benannte, auflöste.
Well gibt erstaunlich offen und ehrlich Einblick in die Welt seiner musikalischen Groß-Familie, er ist das neunte von fünfzehn Kindern der Volksmusikerin Gertraud Well und des Schulmeisters Hermann Well, Konflikte unter den Geschwistern, das Auseinanderleben der Eltern und vor allem die kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Vaters bleiben nicht unerwähnt.

„Bis zur zehnten Klasse vertrat ich politisch eher die allgemein auf dem Dorf üblichen Meinungen und äußerte bei Diskussionen, was ich halt daheim so hörte. Zum Beispiel 1972 beim Olympia-Attentat, „dass für jeden israelischen Sportler, der durch die Geiselnehmer getötet wird, ein Baader-Meinhof-Terrorist an die Wand gestellt gehört“. Das galt keineswegs als radikal, sondern war beim Sportverein oder bei Diskussionen über dieses Thema im Dorf Konsens.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Hollaradiridi – Yeah, Yeah, Yeah)

Das außerordentliche musikalische Talent seines Bruders Christoph „Stofferl“ Well ist selbstverständlich Thema, der jüngere Bruder, ausgewiesener Humorist und Rampensau der Biermösl Blosn, konnte seine Konzertkarriere aufgrund eines Herzfehlers bei den Münchner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache nicht fortführen, entsprechend groß war sein Engagement im Verbund mit seinen Brüdern Hans und Michael.
Erste musikalische Gehversuche in Münchens Kleinkunstszene und im bayerisch-schwäbischen Umland, das frühe Zerwürfnis – ausgelöst durch das Vortragen des „BayWa-Lieds“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – mit dem Bayerischen Rundfunk und insbesondere der bayerischen Staatspartei CSU, die mit ihrer g’wamperten Mia-san-mia-Selbstherrlichkeit eine prädestinierte Zielscheibe für den kritischen Spott der Musikanten abgab, das spezielle Verhältnis und die Freundschaft zu ihrem jahrzehntelangen Bühnenpartner, Bayerns Kabarett-Schwergewicht Gerhard Polt, all das kommt in der Biografie ausführlichst zur Sprache.
Beim tendenziell auf Dauer etwas nervigen, anekdotenhaften Herumreiten auf den Vertretern der CSU und des katholischen Klerus inklusive – zumindest in Bayern allseits bekannter – Polit- und sonstiger Skandale mag einem irgendwann die Stellungnahme des pensionsberechtigten Akademikers aus Siegfried Zimmerschieds Soloprogramm „A ganz a miesa, dafeida, dreggiga Dreg san sie“ in den Sinn kommen, „Immer wieder die Kirche. Immer wieder die CSU, der Klerus und die Presse, mein Gott!“, Wells Namedropping, wen er nicht alles kennengelernt hat in seiner langen Bühnenkarriere, hat den Lesespass ebenfalls mitunter getrübt, wett macht er dies, indem er zwei alten Weggefährten, die das Zeitliche allzufrüh segneten, in sehr würdiger Form gedenkt: dem 2009 dahingegangenen grandiosen Film-, Theater- und Kabarett-Giganten Jörg Hube, über den hier im Kulturforum noch zu sprechen sein wird, sowie dem 2010 verstorbenen Ökobauern Sepp Daxenberger, dem politischen Hoffnungsträger der bayerischen Grünen und ehemaligen Bürgermeister von Waging am See.

„Im Herbst tourten wir gerade mit dem Gerhard im Norden, als uns am 1. Oktober in Aachen die Nachricht erreichte, Franz Josef Strauß sei in der Nähe von Regensburg bei einer Hirschjagd des Grafen Johannes von Thurn und Taxis ins Koma gefallen. Gerhard meinte: „Wenn der Strauß stirbt, können wir das Stück nicht mehr spielen!“ Das sah ich anders, weil es in „Diridari“ ja nicht nur um Strauß ging, sondern um das System dahinter.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Theater)

Wiederum sehr lesenswert sind die ausführlichen Berichte über Reisen in die DDR und nach Afrika, bei Auftritten im Ostteil Deutschlands reifte in Hans Well die Erkenntnis im Umgang mit linientreuen DDR-Kabarettisten, dass der Arbeiter- und Bauernstaat im Wesentlichen der verbeamtete, kleingeistige Überwachungsstaat war, als der er sich letztendlich selbst entlarven sollte, die Reise nach Südafrika und Namibia führte die Biermösl Blosn mit ehemaligen Apartheid-Gegnern wie dem ANC-Unterstützer Denis Goldberg zusammen, die eindrucksvolle Begegnung sowie die Dokumentation von Auftritten mit schwarzen Musikern in den Townships ist auch ausführlich in der empfehlenswerten Arthaus-DVD „Plattln in Umtata“ dokumentiert.

„Waffen? Munition?“ Ich entgegnete übermütig: „Na nix, bloß hint im Kofferraum a kloane Bombn!“ Er nahm die Pässe, legte sie zur Seite und sagte ganz beiläufig: „Fahren Sie rechts ran!“ Nach etwas zwei Stunden kam er wieder: „Waffen, Munition?“ Ich entgegnete kleinlaut: „Nein!“ „Dann fahren Sie weiter!“ Das war genau die Art von Autorität, die ich gestrichen hatte.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Unbekannte Verwandte)

Das abschließende Thema, jenes, das Hans Well unübersehbar schwer am Herzen lag, ist das Auseinanderbrechen der Biermösl Blosn, das über 35 Jahre erfolgreiche Trio spielte im Januar 2012 in Fürth sein letztes Konzert, logische Konsequenz der gescheiterten Reformpläne Hans Wells bezüglich des Bühnenprogramms, der Texter der Volksmusik-Institution wollte etwas Neues wagen, weg von den ewig gleichen Klassikern, in dieser Sache hatte er die Brüder Stopherl und Michael nicht auf seiner Seite, und so kam es zum Zerwürfnis, das so manch treuer Fan entsetzt mit den Worten „Aus is, und gor is, und schod is, dass wohr is!“ kommentierte.

Jahrzehntelang habe ich die Biermösl Blosn mit Genuss verfolgt, konzertant wie auf Tonträger, mehr oder weniger fast über die volle Distanz, ob bei Demos, Konzerten für Gartenbauvereins- und Blaskapellen-Jubiläen im Bierzelt, zahlreichen Auftritten mit Gerhard Polt, bei der Oskar-Maria-Graf-Lesung wiederum mit Polt sowie dem großartigen Jörg Hube, bei den Theaterinszenierungen „München leuchtet“ und „Offener Vollzug“ oder zuletzt beim grandiosen Auftritt mit den südafrikanischen Gumboot-Dancern in der Muffathalle, erste Reihe, Mitte, mit Michael Wells Alphorn auf den Schultern (Michael Well: „Take it!“ ;-))), es waren durch die Bank ausnahmslos wunderbare Abende, und so kann ich Hans Wells Verbitterung und Enttäuschung über die Auflösung des Trios, die sich am Ende seiner Biografie Bahn bricht, mehr als nachvollziehen, den eines ist gewiss: Die Biermösl Blosn fehlen seitdem in der bayerischen Kulturlandschaft – und wie. Oder wie ein ehemaliger hessischer Ministerpräsident und gescheiterter Baukonzern-Vorstand sagen würde: „Brutalstmöglich.“

Hoffnung bleibt allemal, der Well-Clan hat sich weiter fortgepflanzt, und so gibt Hans Well in seiner unterm Strich gelungenen und für Biermösl-Fans allemal sehr lesenswerten Biografie einen Ausblick auf seine Zusammenarbeit mit dem eigenen musikalischen Nachwuchs, seinen drei Kindern von den „Wellbappn“, die das musikalische Talent und die Liebe zur bayerischen Volksmusik-Tradition praktisch in die Wiege gelegt bekamen…

„Auch was das Verhältnis unter uns Biermösln betraf, war eine gewisse Endzeitstimmung nicht zu übersehen. Unversöhnlicher als sonst waren die Auseinandersetzungen. Die absolute CSU-Alleinherrschaft war mit der Wahl 2008 nach sechsundvierzig Jahren gebrochen. Bayern hatte sich verändert, unser Programm nicht! Nicht einmal der Münchner Merkur war noch, was er gewesen war.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Staatstheater und andere Anstalten)

Biermösl Blosn Grüß Gott mein Bayernland

Biermösl Blosn – Tonträger – Eine Auswahl:

Grüß Gott, mein Bayernland (1982, Mood Records)
Livemittschnitt aus dem Münchner MUH vom Juni 1982. Für Hans Well die eigentliche Debüt-Platte, unter anderem mit dem Skandal-Lied „Gott mit Dir, Du Land der BayWa“, das auf Hintertreiben der CSU zur jahrzehntelangen Verbannung der Combo von den Sendezeiten des Bayerischen Rundfunk führte, mit der Anti-Kriegs-Nummer „Wer will unter die Soldaten“, dem Kommentar zur Entnazifizierung „Drunt in da greana Au“ und dem „Che Guevara Landler“. Der Ruf der Gruppe als fünfte Kolonne Moskaus war damit in der Frühphase der Volksmusikanten-Karriere im politisch tiefschwarzen Bayern begründet.
Bereits 1980 veröffentlichte die Biermösl Blosn mit ‚Ex Voto‘ ihre Debüt-LP bei Intercord. Die Scheibe ist längst vergriffen und Hans Well ist froh über diesen Umstand. Das sagt wohl alles über die Qualität der Platte. Ein Bekannter hat ein handsigniertes Exemplar in seinem Bestand, inklusive Autogramm von Gerhard Polt, dieser wollte seinerzeit nicht unterschreiben, weil er auf dem Tonträger nicht akustisch vertreten sei, nach Unbedenklichkeitsbescheid signierte er mit den Worten: „I derf aa unterschreim, Gerhard Polt.“

Tschüß Bayernland (1985, Mood Records)
Live im neuen MUH, 3. bis 5. September 1985. Enthält unter anderem die Punk-Version des Münchner Volkslied-Klassikers „Stolz von da Au“, die damals tatsächlich in ‚Live aus dem Alabama‘ im BR gesendet wurde, da hat wohl wer in der BR-Redaktion gepennt, sowie das Boris-Becker-Spottlied „Boris Bumm Bumm“.

Wo samma (1994, Mood Records)
Live in der Weilachmühle, Thalhausen, am 2. und 3. März 1994. Das Wirtshaus wurde damals von einem Bruder der Biermösl Blosn betrieben. Enthält konzertante Klassiker wie „Seid’s alle do“ und „Wie reimt sich das zusamm'“, ersteres kündigte Hans Well vor Auftritten gerne mit den Worten „Wer das nächste Lied nicht versteht, für den ist der weitere Verlauf des Abends sinnlos“ an, sowie „Da boarisch Hiasl“, einer Zusammenarbeit mit den Toten Hosen, die sich aus ihrem gemeinsamen Auftritt bei den Anti-WAA-Demos in Wackersdorf ergab.

Wellcome to Bavaria (1998, Mood Records)
Live in der Weilachmühle, Thalhausen, am 6. und 7. Mai 1998. Sehr gelungenes Album mit den Konzert-Standards „Welcome to Bavaria“, „De Schand vom Oberland“ und der kirchenkritischen Techno-Nummer „Ravermess'“.

Räuber & Gendarm – Bayrische Räuber- und Wildschützenlieder (2002, Mood Records)
Lohnende Sammlung klassischen bayerischen Liedguts über bajuwarische Rebellen und Wilderer wie den bekannten Outlaw Matthias Kneißl und den Wildschütz Jennerwein, die fester Bestandteil der bayerischen Geschichts-Schreibung wurden und sich noch heute beim Volk höchster Beliebtheit erfreuen.
Die CD erschien seinerzeit zur Ausstellung „Im Wald da sind die Räuber. Kneißl, Hiasl & Co. Räuberrromantik und Realität“ im Bauernhofmuseum Jexhof des Landkreises Fürstenfeldbruck.
Das Jennerwein-Lied wird gesprochen von Gerhard Polt.

Jubiläum (2009, Kein & Aber)
Eine Art Best-Of-Doppel-CD mit ausgewählten Biermösl-Preziosen und exemplarischen Solo-Nummern von Gerhard Polt, ersetzt keinen regulären Tonträger weder des Trios noch von Polt, gibt aber einen schönen Überblick über 30 Jahre „im Dienst der Rampe“ und enthält mit „Banca rotta“, dem im gregorianischen Kirchengesangs-Stil vorgetragenen Kommentar zur Finanzkrise, wahrscheinlich eines der besten Biermösl-Blosn-Stücke überhaupt.

TTIP STOPPEN ! G7 DEMO München 2015-06-04 HANS WELL + DIE WELLBAPPN (3)

Und zu guter Letzt – Back to the Roots:

Kraudn Sepp – Sonntag (2005, Trikont)
Großes Vorbild Hans Wells: Dem 1977 im Alter von 80 Jahren in Greiling bei Bad Tölz verstorbenen Josef Bauer also known as The Kraudn Sepp hat das Trikont-Label mit einer Doppel-CD-Sammlung seiner derben und oft boshaften bayerischen Wirtshauslieder ein schönes Denkmal gesetzt. Der Kraudn Sepp besitzt in der bayerischen Volksmusik einen Stellenwert, der im amerikanischen (Alternative) Country allenfalls mit dem von Größen wie Hank Williams oder Johnny Cash vergleichbar ist.
Der Augsburger Schriftsteller und Musikjournalist Franz Dobler schreibt im Begleitheft zur CD unter anderem folgende wunderbaren Sätze: „Der Kraudn war und ist die beste alte Verbindung für alle Bastard-Volksmusiker seit den 80er Jahren, seien es die kurzlebigen Dullijöh oder die weiterhin an ihrer Blues-Verbindung aus „Son House und Kraudn Sepp“ arbeitenden Williams Wetsox. Sein Echo ist auch bei den Radikalsten zu hören: in den Gstanzln von Attwenger, deren Hans Falkner mit der Scheißleitn Musi auch die heftigere Wirtshausunterhaltung pflegt; und bei Hans Söllner, in der Art, mit dem Publikum umzugehen oder vom derben Humor zur Herzensangelegenheit zu springen. Josef Bauer war kein Rebell, aber die Rebellen mögen ihn.“