Billy Bragg

1. Mai

Peace, bread, work, and freedom is the best we can achieve
And wearing badges is not enough in days like these
(Billy Bragg, Days Like These)

Reingehört (224): Billy Bragg & Joe Henry, Seth Lakeman, Michael McDermott

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Seth Lakeman – Ballads Of The Broken Few (2016, Cooking Vinyl)
Junger Engländer aus dem Dartmoor, der sich auf uralte Songwriter-Traditionen besinnt. Im Stil der frühen Country-/Bluesmänner und Balladensänger begeistert Seth Lakemann in Begleitung des Mädels-Trios Wildwood Kin und unter der Produktions-Fuchtel von Ethan James mit getragenen, zeitlosen, eindringlichen Songs. Die spartanischen, düsteren Eigenkompositionen werden völlig stimmig um traditionelles englisches Liedgut wie „Stranger“ und „The Willow Tree“, der moralischen Erbauung „Pulling Hard Against The Stream“ aus dem 19. Jahrhundert und „Anna Lee“ von der amerikanischen Songwriterin Laurelyn Dossett aus North Carolina bereichert/ergänzt. Grübeln und hinterfragen, begleitet von dunkel schimmerndem, schwerst zu Gemüte gehendem Musizieren.
(**** ½)

Michael McDermott – Willow Springs (2016, Pauper Sky Records)
Reiht sich ein in die Songwriter-Gilde bei Kollegen wie Willie Nile oder Ellioth Murphy: Michael McDermott aus Chicago/Illinois, wie die Genannten/Geschätzten seit vielen Jahren on the road und immer unter dem Radar fliegend, auf dem die Stars der Zunft wie der Stadien-Millionario Bruce aus New Jersey oder John Mellencamp den Löwenanteil der Beachtung und der Kundengelder abgreifen.
Schöner Folkrock, vermutlich schwerst beeinflusst von Dylan und dem über weite Strecken sehr brauchbaren Springsteen-Frühwerk, Americana mit ausgeprägtem Hang zur ergreifenden Melodie und den vom Leben geschriebenen Texten über neue Lieben und alte Dämonen, den Verlierern des American Way und die Hinterfragung der eigenen Folksinger-Profession. Mit Herzblut, Kohle-Zusammenkratzen und unter vielen persönlichen Entbehrungen eingespielt. Der Mann weiß auch dieser Tage, wovon er spricht, wenn’s um die harten Kanten des Lebens geht.
(**** – **** ½)

Billy Bragg & Joe Henry – Shine a Light : Field Recordings From The Great American Railroad (2016, Cooking Vinyl)
Das Kramen in der Historie und die Pflege des traditionellen amerikanischen Liedguts hat Billy Bragg, der Sympath-Mann und Vorzeige-Linke des englischen Indie-Protest-Songs, im Verbund mit der (zuletzt schwer schwächelnden) amerikanischen Alternative-Rock-Institution Wilco beim Interpretieren ausgewählter Woody-Guthrie-Klassiker ab Ende der Neunziger recht ordentlich hingekriegt, mit dem amerikanischen Songwriter und Produzenten Joe Henry wagte er sich nun an 13 Neueinspielungen von Folksongs über den Mythos der amerikanischen Eisenbahn. Man kann nur hoffen, dass die beiden hinsichtlich früherer Tonträger nachweislich ausgezeichneten Musiker wenigstens bei den Aufnahme-Sessions ihren Spaß hatten, beim Hörer hält sich das Vergnügen über die Monotonie des dargebotenen Lagerfeuer-Geschrammels in überschaubaren Grenzen, Nummern wie „The L & N Don’t Stop Here Anymore“ oder „In The Pines“ hat man bei Michelle Shocked, Johnny Cash oder Nirvana weiß Gott schon beseelter vernommen.
Aufgezeichnet als Field Recordings auf Bahnsteigen, Bahnhofshallen und Wartesälen, eigentlich ein spannender und stimmiger Ansatz, aber leider im Ergebnis ungefähr so kurzweilig wie die Zeit, die man bei Verspätungen der Deutschen Bundesbahn totschlagen darf…
(** ½ – ***)

Reingehört (118)

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V.A. – Joy Of Living: A Tribute To Ewan MacColl (2015, Cooking Vinyl)
Zum Anlass des hundertsten Geburtstags des Meisters hat das Londoner Indie-Label Cooking Vinyl im vergangenen Herbst eine wunderbare Coverversionen-/Song-Sammlung mit großartigem schottischen Folk aus der Feder des Songwriters, Theaterschauspielers, Poeten, Kommunisten und Labour-Aktivisten Ewan MacColl veröffentlicht.
MacColl engagierte sich unter anderem für atomare Abrüstung und im hier vor kurzem thematisierten britischen Bergarbeiterstreik in den Jahren 1984 bis 1985 auf Seiten der National Union of Mineworkers. Seit 1932 führte der britische Geheimdienst MI5 eine Akte über MacColl  – „a communist with very extreme views who needed special attention„.
Der Reigen der Gratulanten erstreckt sich von den üblichen Verdächtigen bis zu dem geneigten Folk-Hörer weniger bekannten oder gar überraschenden Interpreten. Die derzeit wohl zur Speerspitze der Vortragskünstler traditionellen britischen Liedguts zu zählenden nordenglischen Unthanks-Schwestern dürfen nicht fehlen, und auch die Präsenz des geistesverwandten Polit-Barden und Aktivisten Billy Bragg wird wenig überraschen, zumal Ewan MacColls viel zu früh verstorbene Tochter Kirsty im Dezember 1984 ihrerseits mit der Interpretation des Billy-Bragg-Klassikers „A New England“ einen Top-Ten-Hit in den UK-Charts landete, bekannt wurde sie vor allem als Duett-Partnerin von Shane MacGowan in dem Pogues-Hit „Fairytale Of New York“.
Ex-Pulp-Frontmann Jarvis Cocker treibt „The Battle Is Done With“ in Richtung Tindersticks und auch bei der Interpretation von „Sweet Thames, Flow Softly“ durch das Wainwright-Geschwisterpaar Martha und Rufus kommt der Schmalz nicht zu kurz, politisch hart am Wind segelnd dagegen die „Companeros“-Version des IRA-Sympathisanten Christy Moore über die kubanische Revolution („Courage was their armour as they fought at Fidel’s side with Che Guevara“). Dazwischen bekanntere Interpreten und Bands wie der Carthy/Waterson-Clan, Damien Dempsey, Paul Buchanan (The Blue Nile), der irische Songwriter Paul Brady, der englische Indie-Rocker David Gray oder die Alternative-Folker vom Bombay Bicycle Club und unbekanntere Interpreten, bei denen zuforderst der englische Folk-Musiker Seth Lakeman mit seiner grandiosen Fassung von „The Shoals Of Herring“ hervorzuheben ist.
Das vor allem durch die Version der Pogues auf ihrem Album ‚Rum Sodomy & The Lash‘ (1985, Stiff) populär gewordene „Dirty Old Town“ darf der Alternative-Country-Held Steve Earle zum Besten geben, in Anlehnung an dessen berühmt-berüchtigten Spruch in Bezug auf Bob Dylan/Townes Van Zandt behaupte ich hier frech, dass mein alter Freund k.ill von The Almost Boheme die Nummer weitaus besser drauf hat, „…and I’ll stand on Steve Earle’s coffee table in my cowboy boots and say that.” Abgesehen davon, dass ich gar keine cowboy boots besitze, wird es höchste Zeit, dass die hierzu lange angekündigte Single das Licht der Welt erblickt und diese Behauptung untermauert.
(**** ½ – *****)