Biografie

Reingelesen (57): Robert Hilburn – Johnny Cash: Die Biografie

cash_hilburn

„Obwohl sein Ansehen und sein Können stetig wachsen, bleibt der Mann in Schwarz mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Er ist einer der beliebtesten und am meisten verehrten Stars der Welt.“
(Gedenktafel für Johnny Cash, Country Music Hall Of Fame, Nashville/Tennessee)

„Till things are brighter, I’m the Man In Black“
(Johnny Cash)

„And once you’re gone
You can never come back
When you’re out of the blue
And into the black“
(Neil Young, My My, Hey Hey (Out Of The Blue))

Robert Hilburn – Johnny Cash: Die Biografie (2016, Berlin Verlag)

Von der Wiege bis zur Bahre alles aufgeschrieben in einer umfangreichen Biografie von Robert Hilburn über den Mann, von dem sein Freund und Country-Musikerkollege Merle Haggard im persönlichen Nachruf angemerkte: „Er war wie Abraham oder Moses – einer dieser großen Männer, die der Welt ab und zu geschenkt werden. Es wird nie einen anderen Man in Black geben.“ – Johnny Cash: ein Leben auf der Überholspur, die zahlreiche Schlaglöcher bereithielt, getrieben von den Dämonen der Sucht und dem Ruhm der Bühne, eine Karriere-Achterbahn ohne Beispiel, final zu einem würdigen Ende gebracht, angereichert mit den gängigen Superstar-Ingredienzen Wein, Weib, Gesang.
Hilburn hat ausführlichst dokumentiert, kenntnisreich erzählt er die Geschichte vom harten Leben des jungen J.R. Cash auf den Baumwollfeldern während der großen Depression in Dyess/Arkansas, dem frühen Verlust des geliebten Bruders, der Militärzeit des jungen Mannes im bayerischen Landsberg, während der er täglich seine angebetete Vivian per Briefwechsel anschmachtete, nur um nach Hochzeit im Jahr 1954 die Country-Star-Karriere in Schwung zu bringen und zuhause zwecks fleißigem Touren quasi nur noch zur Zeugung der vier gemeinsamen Töchter und zum zwischenzeitlichen Ausnüchtern anzutreffen war.
Die Ehe wird 1966 geschieden, Cash ist zu der Zeit bereits seit einer Weile mit seiner späteren Frau und Duett-Partnerin June Carter aus dem legendären Carter-Family-Clan liiert, schwer Amphetamin-abhängig und der amerikanische Country-Music-Star schlechthin, dank einem bei Sun Records erschienen exzellenten Frühwerk mit vielen späten Klassikern und nicht minder gelungenen Folge-Alben beim führenden Columbia-Label wie „The Fabulous Johnny Cash“ (1958), „Songs Of Our Soil“ (1959), dem Konzeptalbum „Ride This Train“ (1960) oder dem mit etlichen Coverversionen seines Freundes und Seelenverwandten Bob Dylan gespickten Prachtwerk „Orange Blossom Special“ (1965) und oft mitreißenden Live-Auftritten legt die Country-Legende einen Karriere-Frühstart hin, wie er nur wenigen Künstlern beschieden war, mit den bei frühen Aufnahmesessions in Sam Phillips‘ Sun Records kennengelernten, angehenden Stars wie Elvis Presley, Jerry Lee Lewis oder Carl Perkins bewegt sich der Musiker von Anfang an unter seinesgleichen.

Nicht nur aufgrund der auch mit seiner zweiten Frau June auftretenden Eheprobleme wird es für Cash ab Mitte der sechziger Jahre erstmals ungemütlich, die zunehmend ausgeprägte Drogensucht durch permanente Einnahme von Aufputsch-Mitteln inklusive der Verhaftung im Rahmen einer Razzia in El Paso, der Tour-Stress und das unstete Leben fordern ihren Tribut, die Fans stehen nicht mehr bedingungslos hinter dem mit den langjährigen Mitmusikern Luther Perkins und Marshall Grant entwickelten „Boom Chicka Boom“-Sound, die Hippie-Ära wirft mit den Beatles, den Stones, den Doors, den Grateful Dead und unzähligen anderen neuen Bands ihre Schatten und bietet vor allem spannendere musikalische Grenzerfahrungen für das junge amerikanische Pop-Publikum, der als ländliche Farmer-Musik abgestempelte Country-Folk mag die Kassen bei Columbia Records nicht mehr zur Zufriedenheit des Managements füllen.
Cash reißt das Ruder mit seinem genialen Auftritt im kalifornischen Folsom Prison noch einmal herum, der im Mai 1968 veröffentlichte Live-Mitschnitt des Benefizkonzerts vor einem Saal schwerer Jungs übertrifft alle künstlerischen und vor allem auch kommerziellen Erwartungen, dem Album, das in keiner ernstzunehmenden Besten-Liste und Plattensammlung fehlt, folgt nach einigen Best-Of-Samplern und dem religiösen, wenig überzeugenden Konzeptalbum „The Holy Land“ mit „Johnny Cash At San Quentin“ ein weiterer in einer Strafvollzugsanstalt aufgenommener, höchst erfolgreicher Live-Meilenstein. Cash festigt damit seinen Superstar-Status, betreibt von 1969 bis 1971 seine eigene TV-Show, in der neben Country-Größen auch Musiker wie Louis Armstrong, Neil Young oder Bob Dylan auftreten, Cash und Mr. Zimmerman schätzen sich gegenseitig außerordentlich, was im gemeinsam aufgenommenen Stück „Girl From The North Country“ für die exzellente Dylan-Country-Rock-LP „Nashville Skyline“ (1969, Columbia) mündet.

„Johnny war und ist der Polarstern, du konntest deinen Kurs nach ihm ausrichten – der Größte der Großen, damals wie heute.“
(Bob Dylan, Rolling Stone, 16. Oktober 2003)

Für Cash folgen harte Zeiten in den siebziger und achtziger Jahren, Manager-Wechsel, Eheprobleme, Zerwürfnisse mit Mitmusikern. Columbia lässt ihn aufgrund nachlassender Kreativität und Verkaufszahlen Ende der Achtziger fallen, die folgenden Alben beim Mercury-Label sind – mit einer Ausnahme, siehe unten – allenfalls von durchwachsener Qualität, Cash kämpft – oft erfolglos – gegen seine Drogensucht, engagiert sich für die sogenannten „Kreuzzüge“ des befreundeten Fernsehpredigers Billy Graham (wenn er’s packt, wird der nächstes Jahr 100!), Achtungserfolge erzielt er vor allem mit der Country-Supergroup The Highwaymen, mit der er sporadisch zusammen mit seinen Freunden Willie Nelson, Kris Kristofferson und Waylon Jennings veröffentlicht und auftritt.

Das Blatt wendet sich, als der Produzent und Def-Jam-/American-Recordings-Labelchef Rick Rubin Kontakt zu Cash aufnimmt, nach anfänglicher Skepsis lässt sich der Country-Altstar auf einige Akustik-Solo-Sessions ein, der Rest ist die hinlänglich bekannte Geschichte einer beispiellosen Wiederauferstehung: Unter der Ägide des Metal- und Hip-Hop-Produzenten Rubin schwang sich der zu der Zeit bereits schwer mit gesundheitlichen Problemen kämpfende Cash zu nicht mehr geahnten kreativen Höhen auf, es entstanden die hochgelobten „American“-Alben, mit grandiosen Interpretationen von Country-fernem Fremdmaterial, oft unter Schmerzen eingespielt, mit die besten Aufnahmen, die der Man in Black neben seinen richtungsweisenden ersten Sun-Records-Einspielungen, dem Columbia-Frühwerk und den berühmten Knast-Live-Platten veröffentlichte.

„Meiner Treu, was geht’s mich an; ein Mann kann nur einmal sterben; wir schulden Gott einen Tod, und wie’s auch gehen mag, wer dieses Jahr stirbt, braucht’s im nächsten nicht mehr zu tun.“ Der große Shakespeare hat es vor Jahrhunderten auf den Punkt gebracht. Viel ist geschrieben und lamentiert worden in den letzten Monaten, dass 2016 hinsichtlich Dahinscheiden von großen Musikern ein allzu schreckliches Jahr war, dabei haben einige der ganz Großen bereits lange vorher die letzte Reise angetreten, Hendrix, Coltrane, Zappa, Beefheart, die alten Bluesmänner, Keith Moon, Lou Reed, Townes Van Zandt, you name it, am 12. September 2003 hat sich Johnny Cash nach 71 Jahren beispiellosen Lebens in die Hände seines Gottes begeben, er ruht in den Hendersonville Memory Gardens am Johnny Cash Parkway an der Seite seiner geliebten Frau June, die ihm nur wenige Monate vorher im Mai vorausging, einer Frau, ohne die der Man in Black wahrscheinlich nicht annähernd so alt geworden wäre, die ihm immer wieder seine Grenzen setzte und die ihm treu zur Seite stand, vor allem in seinen harten Zeiten im Kampf gegen die Drogensucht und in den schweren Stunden des kreativen Selbstzweifels.

„Es gab den Großstadt-John, den ländlichen John, den College-John, den Sträfling John und den Weißes-Haus-John. Ich war verblüfft, wie sehr er sich auf sein Publikum und dessen Gefühlswelt einstellen konnte und stets etwas in seiner eigenen Erlebniswelt fand, mit dem er eine Brücke bauen konnte.“
(John Hilburn, Johnny Cash. Die Biografie, 17, Die Totenwache, IV)

Der amerikanische Musik-Journalist Robert Hilburn hat sich im vorliegenden Buch neben der Vita Cashs als Musiker und den qualitativ die ganze Bandbreite abdeckenden, unzähligen Platten-Veröffentlichungen vor allem mit der Zerrissenheit des Bibel-festen Country-Stars zwischen Gottesfürchtiger Moralvorstellungen und ausgeprägtem Wohlwollen für die Mitmenschen und den Abgründen seiner Drogensucht mit den einhergehenden Verwerfungen im Freundes- und Familien-Kreis ausgiebigst auseinandergesetzt.
Hilburn ist bei weiten nicht der erste, der eine Biografie über Johnny Cash verfasst hat, der Musiker selbst hat neben zahlreichen anderen Autoren mehrere (auto)biografische Schriften verfasst, von Franz Dobler gibt es gewiss auch eine originellere, siehe unten, a good read ist das Buch von Hilburn allemal, was für die Lektüre dieses aktuellen Werkes spricht, ist die Detailtreue, die ausführliche und objektive Würdigung der komplexen Person Johnny Cash und vor allem das Insider-Wissen zu vielen Begebenheiten, Gerüchten und Aussagen Cashs, Hilburn kennt zahlreiche langjährige Weggefährten und Verwandte des Country-Stars persönlich, er hat als Journalist unzählige Interviews mit Johnny Cash selbst und den ihm Nahestehenden geführt, und er war nicht zuletzt beim legendären Konzert im Folsom State Prison im Januar 1968 selbst vor Ort.

Der 1939 in Louisiana geborene Robert Hilburn arbeitete von 1970 bis 2005 als Kritiker und Musik-Redakteur für die Los Angeles Times, seine Arbeiten wurden weltweit in Magazinen publiziert. 2009 erschienen seine Memoiren „Corn Flakes with John Lennon (And Other Tales from a Rock ‘n’ Roll Life)“. Hilburn ist Mitglied des Nominierungskomitees der Rock and Roll Hall Of Fame. Er begleitete Johnny Cash wie erwähnt 1968 beim Folsom-Prison-Konzert, die Sex Pistols auf ihrer ersten und gleichzeitg finalen US-Tour 1977/78 und Bob Dylan bei seinem ersten Israel-Gig. Robert Hilburn lebt mit seiner Frau in Los Angeles, er moderiert die wöchentliche Radio-Show „Rock ’n‘ Roll Times“ beim ortsansässigen Sender KCSN.

Appendix:

Franz Dobler – The Beast In Me. Johnny Cash …und die seltsame und schöne Welt der Countrymusik (2004, Heyne Verlag)
Keiner schreibt lakonischer, subjektiver und geistreicher über Country-Musik im Allgemeinen und Cash im Besonderen als the beloved Augsburger Autor, Blogger, Rezitator und Journalist Franz Dobler. Persönlich nach wie vor die favorisierte Biografie über den Man in Black.

Michael Streissguth – Johnny Cash at Folsom Prison: Die Geschichte eines Meisterwerks (2006, Rogner & Bernhardt)
Schöner Doku-Band mit vielen Bildern zum berühmten Knast-Konzert vom amerikanischen Musikjournalisten Michael Streissguth, der im übrigen in den 00er-Jahren auch eine Cash-Biografie verfasst hat.
Zum Buch gibt es eine sehenswerte Film-Doku über das Folsom-Prison-Konzert von Regisseur Bestor Cram, die ab und an schon bei Arte und 3sat gezeigt wurde. Dicker Tipp.

Reinhard Kleist – Cash. I see a Darkness (2006, Carlsen)
Wer sich nicht durch hunderte von Biografie-Seiten lesen will, kann die wichtigsten Details im Leben des Country-Stars auch mit dem Comic des Zeichners und Illustrators Reinhard Kleist in wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern nachvollziehen. Seine Bildergeschichte über Cash wurde beim Internationalen Comic-Salon in Erlangen 2008 mit den Max-und-Moritz-Preis als bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet.

Edith Raim, Sonja Fischer – Don’t Take Your Gun To Town – Johnny Cash und die Amerikaner in Landsberg 1951 – 1954 (2015, Volk Verlag)
Der Begleitband zur wunderbaren Ausstellung, anno 2015 im Neuen Stadtmuseum zu Landesberg am Lech. Neben einer allgemeinen Doku über die amerikanische Besatzung im deutschen Süden nach Ende des zweiten Weltkriegs enthält der Band Material zur Zeit Cashs in Landsberg und ein ausführliches Interview, dass die Zündfunk-Redakteurin Judith Schnaubelt im Rahmen des englischen Glastonbury-Festivals 1994 mit der Country-Legende führen durfte.

Bill Friskics-Warren – Johnny Cash. The Man in Black and White, and every Shade in between, aus: The Best of No Depression: Writing About American Music, hrsg. v. Grant Alden und Peter Blackstock (2005, University Of Texas Press)
Auf 10 Seiten alles Wesentliche komprimiert zur Vita Cashs im Artikel aus Issue #42/ Nov-Dec 2002 des weltbesten „Bimonthly Alternative Country (whatever that is)“-Magazins.

johnny_cah_no_depression

Tonträger kann man von Johnny Cash nie genug haben, hier eine subjektive Auswahl der wichtigen Titel:

Auf den ersten Sun-Records-Alben sind bereits einige seiner All-Time-Klassiker wie „I Walk The Line“, „Big River“ oder „Folsom Prison Blues“ enthalten:
With His Hot And Blue Guitar (1957)
Sings the Songs That Made Him Famous (1958)

Bei Columbia Records hat er vor allem von Ende der fünfziger bis Ende der sechziger Jahre hervorragende Alben veröffentlicht, inklusive der beiden legendären Liveaufnahmen von den Konzerten in kalifornischen Justizvollzugsanstalten:
The Fabulous Johnny Cash (1959)
Hymns By Johnny Cash (1959, ein Gospel-Album)
Songs Of Our Soil (1959)
Ride This Train (1960, ein Konzeptalbum über die Geschichte der US Rail)
Orange Blossom Special (1965, enthält einige Dylan-Coverversionen)
At Folsom Prison (1968, Live)
At San Quentin (1969, Live)
Silver (1979)
Johnny 99 (1983, mit einigen, man ahnt es, Springsteen-Coverversionen)
Johnny Cash At Madison Square Garden (2002, Live, posthum veröffentlicht)

Aus seiner Zeit bei Mercury Records ist nur das folgende Werk erwähnenswert, nicht zuletzt wegen der flotten Nummer „The Night Hank Williams Came To Town“:
Johnny Cash Is Coming To Town (1987)

Aus der Zusammenarbeit mit Rick Rubin für American/Sony ragen vor allem die drei folgenden Alben heraus, selbst bei einem Deppen wie U2-Bono kommt man nicht umhin, zuzugeben: er hat einen grandiosen Song für Johnny Cash geschrieben ;-)))
American Recordings (1994)
American III: Solitary Man (2000)
American IV: The Man Comes Around (2002)

Unearthed (2003, Universal; schöne 5-CD-Sammlung mit Outtakes, Alternativ-Versionen und einer Best-Of-Sammlung der American Recordings plus „My Mother’s Hymn Book“, einer Sammlung von Spirituals, die 2003 auch als separate CD veröffentlicht wurde)

Love, God, Murder (2000, Legacy/Columbia; tolle Themensammlung mit vielen wichtigen Cash-Nummern, wurde 2004 durch den gleichfalls sehr gelungenen Sampler „Life“ ergänzt)

Reingelesen (56): Philip Roth – Der menschliche Makel

philip_roth

„Das Geheimnis, wie man mit einem Minimum an Schmerz ein Leben im Trubel der Welt führt, besteht darin, so viele Leute wie möglich dazu zu bringen, die eigene Verblendung zu teilen; der Trick, den man beherrschen muß, wenn man allein hier oben lebt, weit entfernt von den aufregenden Verstrickungen, Verführungen und Erwartungen, abgetrennt vor allem von der eigenen Intensität, ist, die Stille zu organisieren, den Überfluß der Stille hier oben auf dem Berg als Kapital zu betrachten, die Stille als einen Reichtum zu begreifen, der exponential zunimmt.“
(Philip Roth, Der menschliche Makel, Jeder weiß)

Philip Roth – Der menschliche Makel (2003, Rowohlt)

Der menschliche Makel als untilgbarer Schandfleck des Individuums, niemand ist mit sich im Reinen, jeder erfindet sich selbst, im Mindesten Teile der eigenen Vita, und das ist unter Umständen mit gewaltigen Lebenslügen verbunden, so die Lehre, die der Leser aus der Lektüre des Roth-Bestsellers „Der menschliche Makel“ ziehen mag.
In einer komplexen, wortgewaltigen Komposition entwirft Philip Roth über den beobachtenden Ich-Erzähler Nathan Zuckerman, der ab und an den Erzählstrang an ein allwissendes Über-Ich abgibt, den Lebensweg des 71-jährigen Coleman Silk, eines Professors für klassische Literatur am Athena College in Massachusetts.
In einem bereits zu dieser Zeit zutiefst verunsicherten Amerika Ende des 20. Jahrhunderts sieht das Land im Rahmen der sogenannten Lewinsky-Affäre dem Amtsenthebungsverfahren Bill Clintons durch das amerikanische Repräsentantenhaus entgegen, in dieser durch die Ansprüche der Political Correctness gereizten Atmosphäre verliert der jüdische Altphilologe Silk seinen Lehrstuhl durch einen harmlosen Scherz. Eine Äußerung über „dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen“, wird ihm zum Verhängnis, die fraglichen, Vorlesungen-meidenden Studenten sind Afroamerikaner, der Professor und frühere Dekan sieht sich mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert.
Im Nachgang zur erzwungenen Emeritierung stirbt Silks Frau Iris an einem Schlaganfall, der von unbändiger Wut getriebene Ex-Professor bittet seinen Bekannten Zuckerman um eine Niederschrift der Umstände zur skandalösen Amtsenthebung.

„Lag sein Gewinn in der Tatsache, daß er alle täuschte, daß er das Ding durchzog, das ihm am besten gefiel, daß er inkognito durchs Leben ging, oder hatte er einfach die Tür zu einer Vergangenheit geschlossen, zu Menschen, zu einer ganzen Rasse, mit denen er keine persönlichen oder offiziellen Kontakte mehr haben wollte? Wollte er die gesellschaftlichen Hindernisse umgehen? War er nur ein echter Amerikaner, der, ganz in der großen Tradition der Pioniere, die demokratische Aufforderung befolgte, sich seiner Herkunft zu entledigen, sofern das dem Streben nach Glück diente?“
(Philip Roth, Der menschliche Makel, Das reinigende Ritual)

Im Fortgang des Romans offenbaren sich in Details die Meilensteine der Lebenslüge des vorgeblichen Ostküsten-Juden Silk, der selbst als Afroamerikaner geboren wurde, aufgrund seiner hellen Hautfarbe die Herkunft verschleiert, den Kontakt zu Mutter und Geschwistern in einem verstörenden Akt der Selbstverleugnung abbricht und durch Heirat in einen jüdischen New Yorker Anarchisten-Haushalt eine neue Identität annimmt, von seinem Vorleben werden weder seine Frau noch die vier gemeinsamen Kinder je erfahren.
Die Kinder Silks entfremden sich dem Altvorderen, nachdem er eine Beziehung mit einer wesentlich jüngeren Reinigungskraft eingeht, die vor allem auf sexueller Ebene funktionierende Partnerschaft mit der durch eine harte Lebensschule gegangene Faunia Farley stößt im gesellschaftlichen Umfeld des ex-Professors im Sinne der gesellschaftlichen Normen allerorten auf Missbilligung. Die Putzfrau, die mit einem traumatisierten Vietnam-Veteranen verheiratet war, die ihre gemeinsamen Kinder durch einen Zimmerbrand verlor und in der eigenen Kindheit vom Stiefvater missbraucht wurde, wird in Silks ehemaligem Umfeld zum Opfer seines Egos stilisiert, die Literaturprofessorin und ehemalige Hochschul-Kollegin Delphine Roux spielt dabei einen wesentlichen und unrühmlichen Part, auch sie eine Figur, die sich durch Neuinszenierung des eigenen Lebenswegs von ihrer französischen, traditionsbewussten Upper-Class-Familie abzusetzen versucht.
Eine zentrale Rolle in dem Drama fällt Lester Farley zu, ex-Gatte Faunia Farleys, ehemaliger Vietnam-Kämpfer, geplagt von einer Posttraumatischen Belastungsstörung und einer daraus resultierenden, massiven Asiaten-Phobie, getrieben vom Hass auf das amerikanische Establishment, bei dem nach einem als Therapie angedachten Besuch der Nachbildung des Vietnam Veterans Memorial sämtliche Dämme brechen und der so zur entscheidenden Figur hinsichtlich der finalen Katastrophe des Dramas wird.

„Eben noch war er Türschütze in Vietnam, hat Hubschrauber explodieren sehen, mitten in der Luft, und seine Kumpels sind durch die Luft geschleudert worden, gestern noch ist er so tief geflogen, daß er die brennende Haut riechen, die Schreie hören, ganze Dörfer in Flammen aufgehen sehen konnte, und einen Tag später ist er wieder in den Berkshires. Und jetzt gehört er wirklich nicht mehr dazu, und außerdem hat er inzwischen Angst, daß irgendwas über ihm zusammenschlägt.“
(Philip Roth, Der menschliche Makel, Jeder weiß)

Neben der vielschichtigen Thematik der Lebenslüge, die in jüngster Zeit mit dem verwaschenen Euphemismus des „sich neu Erfindens“ umschrieben wird, zeigt der Roman vor allem die sozialen Trennlinien und die Unüberwindbarkeit gesellschaftlicher Barrieren auf, das mag in einer einerseits relativ freien Gesellschaft wie der amerikanischen, die sich auf der anderen Seite massiv mit ethnischen Fragen auseinandersetzen muss, nicht anders sein als in der bundesrepublikanischen, wo Bildung, Herkunft und Klassenzugehörigkeit seit jeher eine nicht zu unterschätzende, abgrenzende Rolle spielen.

Roth ergeht sich in der Schilderung der dramatischen Verwerfungen in der Lust des Fabulierens, Themen werden gebührend ausgebreitet und erörtert, komplex, nahezu universell, aus verschiedenen Blickwinkeln durchleuchtet, und doch findet sich keine Silbe zuviel in den Formulierungen dieses wortmächtigen amerikanischen Sprachmeisters, der kraft seiner Herkunft den längst verdienten Literaturnobelpreis aufgrund dieser diesjährigen Dylan-Lachnummer wohl kaum mehr erleben wird, nachdem Roth das Attribut „jüdischer amerikanischer Schriftsteller“ erfüllt und der Proporz durch das Preis-vergebende Komitee vermutlich in den nächsten Jahren in andere Richtungen ausschlagen wird.

„Der menschliche Makel“ ist der letzte Teil der sogenannten „amerikanischen Trilogie“ von Philip Roth, die beiden vorausgehenden Werke „Amerikanisches Idyll“ (1997) und „Mein Mann, der Kommunist“ (1998) werden ebenfalls von Roth‘ fiktivem Alter Ego Nathan Zuckerman erzählt. Der Roman wurde 2001 unter anderem mit dem „PEN/Faulkner Award for Fiction“ ausgezeichnet, 2003 hat ihn Regisseur Robert Benton mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman in den Hauptrollen erfolgreich verfilmt.
Philip Roth wurde 1933 in Newark/New Jersey geboren, er ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen amerikanischen Romanciers, sein vielfach ausgezeichnetes Werk trägt starke autobiographische Züge.

Reingelesen (53): David Shields, Shane Salerno – Salinger: Ein Leben

salinger

„J.D. Salinger verbrachte zehn Jahre damit, den Fänger im Roggen zu schreiben – und bereute es danach für den Rest seines Lebens.“
(David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Vorwort)

„I predict with the utmost confidence that, after this, the world will not need another Salinger biography.“
(John Walsh, The Sunday Times)

David Shields, Shane Salerno – Salinger: Ein Leben (2015, Droemer)

Konzipiert im „Oral History“-Stil des Standardwerks über den US-Punk „Please Kill Me: Die unzensierte Geschichte des Punk“ von Legs McNeil und Gillian McCain und der deutschen und englischen Kopien „Verschwende deine Jugend“ und „Punk Rock: Die ganze Geschichte“ von Jürgen Teipel bzw. Membranes-Sänger John Robb haben die US-Autoren David Shields und Shane Salerno mit „Salinger: Ein Leben“ nach neunjähriger Recherche ein umfassendes und facettenreiches, faszinierendes und hinsichtlich diverser Aspekte auch verstörendes Portrait des amerikanischen Kult-Autors und großen Schweigers Jerome David Salinger entworfen. In aneinandergereihten Statements kommen Verwandte, Verleger, Journalisten, Schriftstellerkollegen wie Philip Roth, Don DeLillo oder Gore Vidal, ex-Frauen und -Geliebte, Prominenz wie der Schauspieler Edward Norton und jahrzehntelange Nachbarn aus Cornish/New Hampshire zur Person Salinger, seinem Leben und seinem Werk zu Wort, moderiert und kommentiert von Shields und Salerno.
Die Autoren weichen von der üblichen, stringenten Erzählung der Lebensvita ab und steigen zum Auftakt der Dokumentation am D-Day 1944 mit der Landung der allierten Truppen an der Küste der Normandie in das Geschehen des zweiten Weltkriegs ein, Salinger war einer der ersten amerikanischen Soldaten, die im Abschnitt Utah Beach mit dem 12th Infantry Regiment anlandeten, viele seiner Kameraden sterben im Kugelhagel der deutschen Verteidiger, die Traumatisierung des jungen Salinger nimmt im Grauen des Krieges seinen Lauf. In diesen Abschnitten geht die Biografie weit über die eigentliche Thematik hinaus, die Augenzeugenberichte der Kriegsveteranen sind beklemmende Dokumente und Geschichtsbuch-ergänzende Schilderungen zu den Geschehnissen an der Westfront aus erster Hand.

„Salinger erlebte einen ersten Kampfeinsatz, auf den er und im Grunde auch alle anderen Soldaten nicht vorbereitet waren. Der erste Tag an Land muss der reine Horror gewesen sein. (…) Feuer. Qualm. Geschrei. Kein wie auch immer geartetes Training hätte ihn darauf vorbereiten können. Diese Erfahrung war brutal, unerwartet und erschütternd. Sie brannte sich in seine Seele ein.“
(Edward G. Miller, in: David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 1, Dann ziehen wir eben von hier aus in den Krieg)

Geboren am Neujahrstag 1919, wächst Salinger in New York in einem wohlhabenden Haushalt auf, der Vater ist jüdischer Kaufmann, die Mutter Katholikin mit irischen Wurzeln, Salinger werden diese Religionen weitgehend fremd bleiben, nicht jedoch andere spirituelle Lehren. 1932 zieht die Familie in die noble Park Avenue. Nach der Schulzeit besucht er die Valley Forge Military Academy in Wayne/Pennsylvania, wo er erste Kurzgeschichten schreibt und 1936 graduiert. Es folgen abgebrochene Universitäts- und College-Besuche, dazwischen arbeitet er auf Drängen seines Vaters im Warenimport in einer Firma im österreichischen Wien, das er kurz vor dem deutschen Anschluss verlässt.

„Der Moment, in dem er der jungen Dame die Schlittschuhe zugebunden hat, war einer der schönsten seines Lebens. Dann erlebte er Schreckliches während des Krieges, und als der Krieg zu Ende war, erfuhr er, dass das junge Mädchen mit den Schlittschuhen in ein Konzentrationslager abtransportiert und getötet worden war.“
(Richard Stayton, in: David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 7, Opfer und Täter)

1940 veröffentlicht er seine erste Kurzgeschichte. Er verliebt sich in die 17-jährige Oona O’Neill, Tochter des Dramatikers und Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, die Angebetete beendet die Beziehung und heiratet 1943 den um 36 Jahre älteren Charlie Chaplin, ein weiteres Trauma für Salinger, der im Frühjahr 1942 zum Militärdienst eingezogen wird und in seiner Zeit im Krieg gegen Deutschland weitere seelische Erschütterungen bei der erwähnten Landung in der Normandie, im Rahmen der Ardennen-Offensive, der verlustreichen Schlacht im Hürtgenwald in der Nordeifel und bei der Befreiung des Konzentrationslagers Kaufering mit den dort vorgefundenen Leichenbergen erleben muss und daraus eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, die sein weiteres Leben maßgeblich prägen wird.

„Salinger hatte während des Zweiten Weltkriegs einen Nervenzusammenbruch. Zweifellos wurde sein Menschenbild durch den Krieg enorm beeinflusst. Warum zogen Menschen in den Krieg? Warum töteten sie einander? Wie konnte es etwas wie Dachau oder Auschwitz geben? Er hat die dunkle Seite der Menschheit gesehen.“
(Lawrence Grobel, in: David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 2, Leichter Aufruhr an der Park Avenue)

Während seines Militäreinsatzes trifft er dreimal den von ihm verehrten Ernest Hemingway, der als Kriegsberichterstatter an der Front eingesetzt ist. Hemingway attestiert Salinger „verdammt viel Talent“.
Nach der deutschen Niederlage arbeitet er im Rahmen der Entnazifizierung für das Counter Intelligence Corps (CIC) und heiratet im bayerischen Weißenburg die Deutsch-Französin Sylvia Welter. Die Ehe zerbricht kurz nach der Übersiedelung des Paars nach New York, Gerüchte über die Gestapo-Vergangenheit von Sylvia Welter stehen im Raum.
Während seiner Armeezeit schreibt Salinger einige Kurzgeschichten, die in diversen Magazinen veröffentlicht werden. Die beim Kulturmagazin The New Yorker eingereichten Arbeiten werden zu der Zeit sämtlich von den Redakteuren abgelehnt.
Anfang 1948 erfüllt sich für Salinger ein Herzenswunsch: der New Yorker veröffentlicht mit „A Perfect Day for Bananafish“ erstmals eine Kurzgeschichte des Autors, in der die fikitive Glass-Familie das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Im selben Jahr kauft der Hollywood-Produzent Samuel Goldwyn die Filmrechte zur Geschichte „Uncle Wiggily in Connecticut“, die darauf basierende Verfilmung unter dem Titel „My Foolish Heart“ wird von der Kritik verrissen und entspricht in keinster Weise Salingers Vorstellung einer Kino-Adaption, der erboste Autor wird Zeit seines Lebens nie mehr einer Verfilmung seiner Werke zustimmen, hinsichtlich der Filmrechte zum „Fänger im Roggen“-Welterfolg werden namhafte Regisseure und Produzenten wie Elia Kazan, Billy Wilder, Harvey Weinstein und Steven Spielberg jahrzehntelang vergebens anfragen.
Im Juli 1951 wird der Roman „Der Fänger im Roggen“ bei Little, Brown and Company veröffentlicht, der Autor hat ein Jahrzehnt am Roman gearbeitet, erste Kapitel und Entwürfe hatte er bereits bei der Landung in der Normandie als Talisman und Antrieb zum Überleben bei sich. Der Roman über den jugendlichen Protagonisten Holden Caulfield, der bereits in der Kurzgeschichte „Slight Rebellion off Madison“ auftaucht, gilt als erster Roman der amerikanischen Gegenkultur, er zählt zu den wichtigsten Publikationen des 20. Jahrhunderts und hat bis dato eine Auflage von 65 Millionen Exemplaren weltweit. Der Adoleszenz-Klassiker über jugendliche Ängste und das Aufbegehren gegen die Verlogenheit der Erwachsenenwelt ist gleichzeitig Höhe- und Wendepunkt im literarischen Schaffen Salingers.
Die Autoren der Biografie thematisieren das Verarbeiten der Traumatisierung Salingers im „Fänger“, den Einfluss seiner Gedanken, seiner Gefühle, seiner Wut, „den Mittelfinger, den er den Heuchlern dieser Welt entgegenstreckt.“ Einem Studenten gegenüber äußert Salinger, alle seine biografischen Details und traumatischen Erlebnisse fänden sich in seinem Werk wieder.
Selbst Größen wie William Faulkner und Samuel Beckett zeigen sich vom Roman beeindruckt, an etlichen amerikanischen Schulen wird er hingegen als Lektüre verboten.

1953 erscheint die Erzählungen-Sammlung „Nine Stories“, die größtenteils bereits im New Yorker erschienene Geschichten enthält. Im selben Jahr beginnt der Autor – bedingt durch den immensen Erfolg des „Fänger im Roggen“ – die Öffentlichkeit zu meiden, er verlässt seine Wohnung in Midtown Manhattan und zieht nach Cornish in die Einsamkeit der Wälder New Hampshires, wo er den Rest seines Lebens verbringen und auch dort immer mehr die unmittelbare Nachbarschaft von seinem Leben ausgrenzen wird.
Anfang der sechziger Jahre erscheinen die Werke „Franny and Zooey“ und „Raise High the Roof Beam, Carpenters and Seymour: An Introduction“ mit jeweils zwei Novellen über die Familie Glass. Im Sommer 1965 veröffentlicht der New Yorker die Geschichte „Hapworth 16, 1924“ über den sechsjährigen Seymour Glass, der sich in der Story völlig unglaubwürdig als alterskluger Religions-Philosoph geriert und als Erwachsener in der Kurzgeschichte „A Perfect Day for Bananafish“ Selbstmord begeht, es ist die letzte Publikation Salingers zu Lebzeiten. Für manche Kritiker ist „Hapworth“ gar der Beweis, dass Salinger letztendlich sein Talent verloren hat.
Im Juni 1980 erscheint sein finales Interview im Baton Rouge Advocate mit der Reporterin Betty Eppes, der Rest für die nächsten 30 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 2010 ist – frei nach Shakespeare – Schweigen.

Die Biografie thematisiert ausführlich Salingers Fixierung auf junge Frauen, zu denen er häufig auch mittels Briefen Kontakt aufnimmt, dokumentiert unter anderem an den Beispielen der zum Teil noch minderjährigen Mädchen Jean Miller und Shirley Blaney. Die Beziehungen verlaufen häufig nach dem gleichen Muster, nach platonischer Schwärmerei folgt der Vollzug des sexuellen Akts, danach verliert der Schriftsteller schnell das Interesse an seinen Partnerinnen, so auch im Fall seiner zweiten Frau Claire Douglas, mit der er seine beiden Kinder Margaret und Matthew zeugt. Salinger wird als lausiger Familienvater und Ehemann portraitiert (Sohn Matthew widerspricht dieser Lesart), der sich ganztags in sein separates Arbeitsgebäude auf dem Grundstück in Cornish zurückzieht und nur in dringendsten Fällen von seinen Angehörigen gestört werden darf. Die Ehe mit Claire Douglas wird 1967 nach 12 Jahren geschieden, in denen sich die Frau zunehmend in der Abgeschiedenheit New Hampshires vernachlässigt fühlt, indische, spirituelle Yoga-/Vedanta-Lehren explizit auch über die Unreinheit der Frau, mit denen sich Salinger ausgiebig beschäftigt, spielen dabei eine wesentliche Rolle. Weiterhin ist von sonderbaren Ernährungsgewohnheiten, emotionalem Missbrauch und Depressionen aufgrund von Isolation die Rede. Der Romancier ist bei weitem mehr auf die fiktive Glass-Famlie aus seinen Stories und Novellen fixiert als auf seine eigene, reale. Seine Auseinandersetzung mit der indischen Vedanta-Philosophie, dem Zen-Buddhismus, Dianetics/Scientology, Christian Science und Makrobiotik nimmt erheblichen Einfluss auf sein eigenes und das Leben seiner Nächsten und wird in der Biografie ausgiebig interpretiert.

„Es wirkt, als ob er sich unter einer riesigen Decke verstecken würde: Von nun an wird er sich am Feuer dieser unsäglich idealisierten, selbstmordgefährdeten, genialen Ersatzfamilie erwärmen. Das wird zu seiner Mission: in der Familie Glass zu verschwinden.“
(David Shields, in: David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 13, Seine lange, dunkle Nacht)

1972 geht er im Alter von 53 Jahren eine neunmonatige Liaison mit der 18-jährigen Autorin Joyce Mainard ein, die Beziehung endet in der für Salinger üblichen Art. Jahre später publiziert Maynard ihre Memoiren „At Home in the World“ über ihre Affäre mit dem Autor, die bei Salinger selbst, Fans und zugewandten Kritikern des verstummten Schreibers auf heftige Ablehnung stoßen, wie auch die Erinnerungen „Dream Catcher“ von Tochter Margaret Salinger und die Biografie „In Search of J.D. Salinger“ des britischen Autors und Literaturkritikers Ian Hamilton, gegen das Werk des Engländers geht J. D. Salinger hinsichtlich der Zitate aus persönlichen Briefen gerichtlich vor.

„Ist der Fänger ein gefährliches Buch? In einem Interview, das wir mit dem Dramatiker John Guare führten, der das Stück Six Degrees of Separation verfasste, sagte er: „Wenn ein Mensch etwas, das ich geschreiben habe, als Rechtfertigung benutzen würde, um einen anderen zu töten, würde ich sagen: „Gott, die Leute sind verrückt“, aber wenn drei Menschen das täten, dann würde es mich wirklich sehr stark beunruhigen. Es ist nicht der eine; es sind die drei in einer Reihe.“
(David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 18, Attentäter)

Im Kapitel „Attentäter“ widmen sich die Autoren Shields und Salerno dem Phänomen der fehlgeleiteten „Fänger“-Interpretation im Rahmen der amerikanischen Kriminalgeschichte. Der Ich-Erzähler Holden Caulfield spricht im Roman wiederholt in seiner Wut von Heuchlern und Tötungen, die er seinen Peinigern angedeihen lassen möchte, der mental schwer angeschlagene Mark David Chapman projiziert dies auf den von ihm einst verehrten ex-Beatle John Lennon, der ehemalige Friedensaktivist mit seinen Luxus-Immobilien und seinem Millionen-schweren Vermögen ist für ihn der Inbegriff der Doppelzüngigkeit, im Dezember 1980 erschießt Chapman den Sänger vor dem Eingang zum New Yorker Dakota Building. Zur Rechtfertigung seiner Tat schreibt Chapman auf sein „Fänger im Roggen“-Exemplar This is my statement“ und unterschreibt mit „Holden Caulfield“.
Vor dem Dakota versammeln sich Tausende Trauernde, unter ihnen John Hinckley Jr. Knapp vier Monate nach dem Lennon-Mord schießt der 26-jährige Hinckley Jr. auf US-Präsident Reagan und verletzt ihn und drei weitere Begleiter des Präsidenten zum teil schwer. Hinckley ist fasziniert vom Film „Taxi Driver“ und fixiert auf die im Film als Prostituierte auftretende Jodie Foster. In seinen Unterlagen findet die Polizei einen Lennon-Kalender und eine Taschenbuchausgabe des „Fänger im Roggen“.
1989 ist der damals 19-jährige Robert Bardo fanatisch von der Schauspielerin Rebecca Schaeffer besessen, nach Briefkorrespondenz und gescheiterten Annäherungen vor einem Hollywood-Studio erschießt er die junge Frau vor ihrer Wohnung, neben der Waffe hat er ebenfalls ein Exemplar der Caulfield-Geschichte bei sich. Später schreibt Bardo dem Lennon-Mörder Chapman drei Briefe, die dieser als „schwer gestört“ bezeichnet.

„Dennoch trug Salinger sein Kriegstrauma bis in seine späten Jahre mit sich herum, bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Kugel, die 1949 in Seymours Kopf eindrang, setzte ihre Reise durch die amerikanische Geschichte fort, bis hin zu John Lennon, Ronald Reagan und darüber hinaus. Der Fänger ist so durchdrungen von diesem Kriegstrauma, dass Soziopathen es erkennen können, als trügen sie Röntgenbrillen. Das Chaos setzte sich fort. Die Attentate und versuchten Attentate sind kein Zufall; es sind erschreckend hellsichtige Lesarten des Fängers (…)“
(David Shields, Shane Salerno, Salinger: Ein Leben, Kapitel 21, Jerome David Salinger: Ein Fazit)

In den eingeschobenen „Gesprächen mit Salinger #1 – #12“ dominiert vor allem ein Thema: Die Verteidigung des Autors seiner Privatsphäre, vornehmlich gegen Fans, Journalisten und Foto-Reporter, offen gelegt durch die Rechtfertigungsansätze derer, die die Mauer zu seiner privaten Welt zu durchdringen versuchten.

Am 27. Januar 2010 stirbt Jerome David Salinger in seinem Haus in Cornish/New Hampshire im Alter von 91 Jahren eines natürlichen Todes. Seine Witwe und dritte Ehefrau Colleen O’Neill, eine wiederum um viele Jahre jüngere Krankenschwester, die er 1988 heiratete und von der die Welt lange nichts wusste, sowie sein Sohn Matthew wurden zu Treuhändern des J. D. Salinger Trust bestimmt.
Im Nachlass Salingers  – den der Trust verwaltet – befinden sich laut Shields und Salerno mehrere fertige Arbeiten, die bis 2020 veröffentlicht werden sollen, darunter fünf neue Geschichten über die Familie Glass, eine Novelle über seine erste Ehe, Ausführungen zur indischen Vedanta-Philosophie und Stories über das Leben Holden Caulfields. Wie schrieb Frank Schäfer im März 2015 hierzu so schön in der „ZEIT“: „Glauben sollte man das allerdings erst, wenn man eines dieser Bücher in den Händen hält“, zu oft wurden bereits Salinger-Publikationen kurz vor dem Veröffentlichungstermin gestoppt oder von den Nachkommen mittels gerichtlicher Schritte zu verhindern versucht.

Die vor allem spannende, flüssig zu lesende, Detail-reiche und auf über 800 Seiten alle wesentlichen Aspekte im Leben Salingers ausleuchtende Biografie von David Shields und Shane Salerno schließt mit einem ausführlichen Anhang-Teil, in dem die einzelnen Mitglieder der fiktiven Glass-Familie kurz portraitiert werden, der Chronologie der Salinger-Veröffentlichungen, einer Auflistung unveröffentlichter Kurzgeschichten und publizierter Briefe, den Kurzbiografien der im Buch Zitierten und einem ausführlichen Sekundärliteratur-Teil.

David Shields wurde 1956 in Los Angeles geboren und ist Autor zahlreicher Romane und Sachbücher. Sein bekanntestes Werk neben der Salinger-Biografie ist das Manifest „Reality Hunger“, in dem es im Wesentlichen um das Copyright und die Frage geht, wem das geschriebene Wort, die Musik und die Kultur an sich gehört.

Der Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Shane Salerno wurde 1972 in Memphis/Tennessee geboren. Für den Dokumentarfilm „Salinger“ aus dem Jahr 2013 schrieb er das Drehbuch und führte Regie. Derzeit arbeitet er am Skript für die Film-Adaption des Don-Winslow-Krimis „Tage der Toten“, bereits 2012 hat er das Drehbuch für die Oliver-Stone-Verfilmung des Winslow-Thrillers „Savages“ (dt. „Zeit des Zorns“) verfasst.

Reingelesen (49): Manfred Mittermayer – Thomas Bernhard. Eine Biografie

thomas_bernhard

„Stundenlang saß ich auf irgendeiner Grabeinfassung und grübelte über Sein und sein Gegenteil nach. Naturgemäß kam ich schon damals zu keinem befriedigenden Schluss.“
(Thomas Bernhard)

„Naemlich um es frei auszusprechen: ich halte Sie fuer sehr begabt und zugleich fuer unertraeglich hochmuetig. Ich hoffe, der Hochmut schadet Ihnen nichts, ja ich glaube, dass er eine Art Selbstschutz-Mauer ist, die abbroeckeln, vielleicht mit einem Male stuerzen wird, wenn ein Erfolg Sie bestaetigen wuerde.“
(Alice Zuckmayer in einem Brief an Thomas Bernhard)

„Bernhard ist, ob er es will oder nicht, ein österreichischer Heimatdichter, den freilich weniger Liebe oder Innerlichkeit über das Leben in Tirol oder in den Tälern der Steiermark schreiben lassen als Wut und Ekel, wenn nicht gar Hass.“
(Marcel Reich-Ranicki in einer Besprechung zu „Verstörung“)

Manfred Mittermayer – Thomas Bernhard. Eine Biografie (2015, Residenz Verlag)

Wissenschaftlich auf dem allerneuesten Stand, „naturgemäß“, hätte das Subjekt der Betrachtung gesagt, da geschrieben von einem Experten der Thomas-Bernhard-Forschung.
Das Leben des österreichischen Autors, auf 450 Seiten hinsichtlich seiner wichtigsten Aspekte seziert. Seine Zerwürfnisse mit Literatur-Kritikern, Schriftsteller-Kollegen, Verlegern, Juroren, Politikern und anderen Zeitgenossen sind legendär und in der jüngeren Literaturgeschichte nahezu beispiellos.
Thomas Bernhard – an ihm haben sich die Geister geschieden, genialer Ungustl, begnadeter Misanthrop, wortgewaltiger Schreiber, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Roman- und Theaterautoren, bis heute: Manfred Mittermayer hat eine gründlich recherchierte, wissenschaftlich fundierte, klassisch strukturierte und überaus lesenswerte Biografie über ihn geschrieben.

Thomas Bernhard wird am 9. Februar 1931 als nichteheliches Kind in Heerlen von Herta Bernhard zur Welt gebracht, die Mutter arbeitet zu der Zeit als Haushaltshilfe in den Niederlanden. Leiblicher Vater ist der österreichische Schreiner Alois Zuckerstätter, seine Beziehung zu Bernhards Mutter bleibt unklar, die Biografie deutet die Möglichkeit einer Vergewaltigung an. Thomas Bernhard selbst lernt seinen Vater nie kennen, Zuckerstätter kommt im November 1940 in Berlin ums Leben, man vermutet durch eigene Hand.
Prägend für die Kindheit und Jugend des jungen Thomas ist vor allem der Großvater mütterlicherseits, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, der mit Carl Zuckmayer bekannt war und in den dreißiger Jahren in Österreich als Heimatschriftsteller geschätzt wurde.

Ab 1935 zieht die Familie mehrmals wegen finanzieller Schwierigkeiten um, nach Seekirchen am Wallersee und später in das oberbayerische Traunstein.
1943 wird Bernhard in einem NS-Erziehungsheim im thüringischen Saalfeld untergebracht, 1944 landet er im von den Nationalsozialisten übernommenen „Johanneum“ in Salzburg, wo er auch Violinunterricht erhält. Die traumatischen Erlebnisse in den Internaten und die schweren Bombenangriffe auf Salzburg während des zweiten Weltkriegs verarbeitet er später in seinen autobiographischen Schriften. 1945 vermerkt Johannes Freumbichler zwei Selbstmordversuche des Enkels in seinem Tagebuch.

1946 siedelt die Familie nach Salzburg über, Großvater Freumbichler fördert die künstlerische Ausbildung des Enkels, ein Jahr später bricht Thomas Bernhard den Schulbesuch am Humanistischen Gymnasium ab und beginnt eine Kaufmannslehre, die Schule bezeichnet Bernhard in späteren Schriften als „Geistesvernichtungsanstalt“.
1949 erkrankt Bernhard schwer an Lungentuberkulose, längere Aufenthalte in Sanatorien, Krankenhäusern und Heilanstalten folgen, im Nachgang zu seiner intensiven „Zauberberg“-Erfahrung wird der Geistesmensch Bernhard Zeit seines Lebens an einer chronischen Morbus-Boeck-Erkrankung leiden. Während eines Krankenhausaufenthalts in Salzburg stirbt Bernhards Großvater Johannes Freumbichler in der selben Klinik.

„Wir reden viel von Krankheit, von Tod und Konzentration des Menschen auf Krankheit und Tod, weil wir sie, Krankheit und Tod und Konzentration auf Krankheit und Tod, uns nicht klarmachen können.“
(Thomas Bernhard, Verstörung)

Kindheit und Jugend verarbeitet er in der fünfbändigen Autobiographie-Reihe, die ab 1975 im Salzburger Residenz-Verlag erscheint und um deren Veröffentlichung es viel Streit mit Bernhards Stamm-Verleger Siegfried Unseld geben wird.
1950 erliegt seine Mutter ihrem Krebsleiden, zur gleichen Zeit veröffentlicht er seine erste Erzählung „Das rote Licht“ im Salzburger Volksblatt unter dem Pseudonym Thomas Fabian. Der Tod und die Relativierung der Werte durch die ständige Bedrohung durch den Exitus bleiben eines von Bernhards zentralen Themen in seinen literarischen Arbeiten.
Im selben Jahr begegnet er erstmals Hedwig Stavianicek, die um 36 Jahre ältere Frau, die Bernhard wiederholt als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnet, fördert zuerst seine Gesangsausbildung, später unterstützt sie den angehenden Schriftsteller finanziell und unternimmt zahlreiche Auslandsreisen mit ihm. Bernhard bleibt ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1984 verbunden und pflegt sie im hohen Alter trotz eigener Krankheit.
In den fünfziger Jahren arbeitet er als freier Journalist in den Bereichen Feuilleton und Gerichts-Nachrichten für diverse Salzburger und Wiener Tageszeitungen. Bernhard veröffentlicht in der Zeit etliche Lyrik-Arbeiten und nimmt am Salzburger „Mozarteum“ Musik-, Schauspiel- und Regie-Unterricht.

1957 lernt er den Komponisten und Kultur-Mäzen Gerd Lampersberg und seine Frau Maja kennen, er ist wiederholte Male auf dem Kärntner „Tonhof“ des Ehepaars zu Gast, hier lernt er weitere Vertreter des österreichischen Kulturbetriebs wie H. C. Artmann, Peter Handke und Wolfgang Bauer kennen. Mit der Veröffentlichung des Romans „Holzfällen. Eine Erregung“ kommt es 1984 zum Zerwürfnis mit Lamperberg, der sich in der Romanfigur des Komponisten Auersberger zu erkennen glaubte und zeitweilig eine gerichtliche Beschlagnahmung des Romans erwirkte.
Im Jahr 1963 gelingt Thomas Bernhard der literarische Durchbruch mit seinem Monolog- und Tagebuch-Roman „Frost“ über einen malenden „Geistesmenschen“ inmitten unter „völlig verblödeten und kriminellen Landbewohnern“, seiner gnadenlosen Abrechnung mit dem „Pensionistenkatholizismus“, der bei Kritikern und Kollegen auf viel Lob (Ingeborg Bachmann: „In all den Jahren hat man sich gefragt, wie wird es wohl aussehen das Neue. Hier ist es, das Neue„) und in der österreichischen Politik und Gesellschaft auf viel Ablehnung stößt, der spätere Bundeskanzler Kreisky merkte etwa an, er habe gehört, Bernhards Schimpfreden dienten selbsttherapeutischen Zwecken.

„Er war im Mozarteum. Statt Singen hat er Keifen gelernt. (…) Aus der erbärmlichsten Wehleidigkeit hat sich in hundert Wiederholungen ein ganzes Werk ergeben. Für jede Kränkung lässt er 10.000 Leser erschießen.“
(Elias Canetti)

Zahlreiche Veröffentlichungen und Kulturpreise folgen, bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises kommt es 1967 zum Eklat, nachdem Bernhard Staat, Volk, Apathie und Größenwahn seiner Landsleute schmäht.
Mit den Preisgeldern und Tantiemen erwirbt er neben weiteren Liegenschaften einen Vierkanthof in Ohlsdorf/Oberösterreich, unter Mithilfe des „Realitätenvermittlers“ Karl Ignaz Hennetmair, mit dem er in den folgenden Jahren eine Freundschaft pflegt, die aber, wie so oft bei Bernhard, im Streit endet. Sein Verhältnis zu Bernhard hat der Linzer Immobilienhändler in „Ein Jahr mit Thomas Bernhard. Das versiegelte Tagebuch 1972“ (2000, Residenz Verlag) dokumentiert.

„Alles kommt auf die Perspektive an. Jeder hat eine andere, Gott sei Dank. Und selbst hat man immer die richtige, auch wenn die anderen immer das Gegenteil behaupten, für einen selbst ist die eigene Perspektive immer die richtige.“
(Thomas Bernhard, Journalistisches, Reden, Interviews)

1970 erscheint mit dem Roman „Das Kalkwerk“ ein weiteres Bernhard-Hauptwerk bei Suhrkamp, Verleger Siegfried Unseld bleibt bis zum Tod Bernhards durch ein schwieriges, von Streitigkeiten über Tantiemen-Vorschüsse und Eitelkeiten Bernhards geprägtes Verhältnis mit seinem Autor verbunden, die wechselhafte Freundschaft ist in dem lesenswerten „Briefwechsel“ (2009, Suhrkamp) ausführlich dokumentiert. Im selben Jahr wird am Deutschen Schauspielhaus Hamburg unter der Regie von Claus Peymann das Drama „Ein Fest für Boris“ inszeniert, Peymann wird in den folgenden Jahren die meisten Theaterstücke Bernhards uraufführen, unter anderem wiederholt ab 1974 mit dem damals fast siebzigjährigen, großartigen Kieler Charakterdarsteller Bernhard Minetti, für den Bernhard ein eigenes Theaterstück schreiben wird.
In den achtziger Jahren läuft Thomas Bernhard zu Hochform auf, es entstehen unter anderem der vom musikalischen Genie Glenn Goulds inspirierte Roman „Der Untergeher“ (1983), „Alte Meister“, der Roman, in dem sich Bernhard mit der Kunst, dem Scheitern an Vollkommenheitsansprüchen, den modernen Lebensumständen als absolute Bedrohung und – in vernichtender Kritik – mit der Kunst Bruckners, Stifters und Heideggers auseinandersetzt, sowie „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986, alle Suhrkamp), seiner Abrechnung mit dem österreichischen Nationalsozialismus („Jedes Wort ein Treffer. Jedes Kapitel eine Weltanklage. Und alles zusammen eine totale Weltrevolution bis zur totalen Auslöschung„).

Im Herbst 1988 inszeniert Peymann das Bernhard-Drama „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater und sorgt so für einen der größten österreichischen Theater-Skandale, die Stimmung im Land ist bereits aufgeheizt durch die Diskussionen über die NS-Vergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten und früheren UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim, der populistische Rechtsaußen Jörg Haider ist inzwischen Obmann der FPÖ, mit „Heldenplatz“ streut Bernhard Salz in die Wunden der verdrängten Geschichte über arisierte Geschäfte und emigrierte jüdische Wiener Bürger zu Zeiten des österreichischen „Anschlusses“.
Gleichzeitig kommt es zum Zerwürfnis mit dem Verleger Siegfried Unseld, Bernhard veröffentlicht erneut entgegen den getroffenen Absprachen einen Band seiner Autobiografie beim konkurrierenden Residenz Verlag, zudem äußert er sich despektierlich in einem Interview über Unseld.

Im selben Jahr erkrankt Thomas Bernhard an einer Lungeninfektion, am 12. Februar 1989 stirbt er im oberösterreichischen Gmunden an Herzversagen, 3 Tage nach seinem 58. Geburtstag. Er wurde im Grab von Hedwig Stavianicek auf dem Grinzinger Friedhof in Wien beigesetzt.

„lieber herr bernhard / ich habe gestern Ihren brief vom 20. november erhalten. fuer mich ist eine schmerzgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten. nach all dem, was in jahrzehnten und insbesondere in den letzten beiden jahren an gemeinsamem war, desavouieren Sie mich, die ihnen gewogenen und fuer Sie wirkenden mitarbeiter und sie desavouieren den verlag. ich kann nicht mehr./ ihr siegfried unseld“

„Lieber Siegfried Unseld, wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, ’nicht mehr können‘, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. / Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben. / Ihr Sie sehr respektierender Thomas Bernhard“
(Thomas Bernhard / Siegfried Unseld, Der Briefwechsel)

Zentrales stilistisches Element in vielen Bernhard-Schriften ist der monologisierende, als Charakter selten differenziert gezeichnete Ich-Erzähler, der in oft absurd anmutenden Situationen in sich wiederholenden Schleifen mitunter völlig überzogen polemisiert, die Behauptungen sind in der Regel absolutistisch-endgültig, „naturgemäß, immer, ohne jeden Zweifel„.
Bernhard war nichts heilig, seine Angriffe gegen den „Stumpfsinn der Masse“, den Kulturbetrieb und die Repräsentanten und Institutionen des „katholisch-nationalsozialistischen“ österreichischen Staates als „Vernichter der Individualität des Einzelnen“ ziehen sich wie ein roter Faden durch Gesamtwerk, Reden und Interviews.
Thomas Bernhard lesen ist wie The Fall hören: In der Rockmusik hat Texter/Sänger/Band-Despot Mark E. Smith von der englischen Postpunk-Kultband diesen repetitiven, Dauerschleifen-artigen Textvortrag zur Perfektion getrieben, auch in ihrer kritischen, ins Misanthropische neigenden Grundeinstellung hätten die beiden Kulturschaffenden im Gegenüber einen entsprechenden Geistesverwandten gefunden.
Auch in der modernen Klassik, speziell im Bereich der Minimal Music von Tondichtern wie Philip Glass, Steve Reich oder John Adams finden sich im ständigen Wiederholen von Kompositionselementen Anlehnungen an das mechanisch-künstliche,stilistische Grundprinzip Bernhards.

„Aus Hamburg habe ich den Preis bekommen, aus Hamburg, aus Hamburg, dachte ich immer wieder und ich verachte die Österreicher insgeheim, die mir bis dahin noch niemals auch nur die Spur einer Anerkennung gezeigt haben.“
(Thomas Bernhard über den Julius-Campe-Preis 1963)

Manfred Mittermayer beschreibt in der Biografie ausführlich und chronologisch Leben und Werk des österreichischen Ausnahmeliteraten, ausgewogen geht er auf die öffentliche Wirkung Bernhards ein, wichtige private Lebensumstände werden gewürdigt und dokumentiert, ausnehmend gut gelingt ihm die Besprechung der wichtigsten Prosa- und Theaterstücke Bernhards und die Bezugnahme der jeweiligen Texte zur persönlichen Lebenswelt des Autors. Dabei verzichtet er völlig auf eigene Interpretationsansätze und Urteile.
Die Arbeit am Werk dürfte sich schwierig gestaltet haben, viele Quellen aus erster Hand wie etwa der bisher unveröffentlichte Briefverkehr Bernhards sind nicht freigegeben und damit für die Forschung unzugänglich.

Der Autor Manfred Mittermayer, geboren 1959, lebt in Oberndorf bei Salzburg. Er ist u.a. Verfasser mehrerer Bücher und zahlreicher Aufsätze sowie Gestalter von Ausstellungen über Thomas Bernhard, zudem ist er Mitherausgeber der 22-bändigen Bernhard-Werkausgabe im Suhrkamp-Verlag. Er lehrt an der Universität Salzburg und arbeitet am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie. Die besprochene Abhandlung entstand dort im Rahmen eines mehrjährigen Projekts zur Biographie Thomas Bernhards.
Seit 2012 leitet er das Literaturarchiv Salzburg und gemeinsam mit Ines Schütz die Rauriser Literaturtage.

Reingelesen (47): Iris Radisch – Camus

radisch_camus

„Ich bereue die stumpfsinnigen und schwarzen Jahre, die ich in Paris verbracht habe.“
(Albert Camus)

Iris Radisch – Camus – Das Ideal der Einfachheit. Eine Biografie (2013, Rowohlt Verlag)

Vor drei Jahren hätte Albert Camus seinen hundertsten Geburtstag gefeiert, auch wenn dieser Tage der aktuelle Anlass fehlt, ein Lesen in der Biografie, die ihm die Literatur-Journalistin Iris Radisch zum Jubiläum verfasste, lohnt nach wie vor.

Radisch gelingt neben einer stringenten, nüchtern-lakonisch erzählten, auf das wesentliche konzentrierten und gut zu lesenden Biografie das Kunststück, den wie in der Person Camus selten gegebenen Fall zu dokumentieren, in dem das Leben und das Werk eines Schriftstellers eine einzigartige Symbiose eingehen.

„Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern: Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.“
(Albert Camus)

Gegliedert in zehn Kapitel nach den von Camus selbst definierten Schlagwörtern/Themen seines Lebens zeigt Iris Radisch vor allem den von seiner Kindheit und dem einfachen Leben in Algerien geprägten Autor, dem die Szene der intellektuellen Pariser Zirkel zeitlebens fremd blieb, der weit mehr das Leben der freien Mittelmeer-Anwohner idealisierte und sich so in krassem und letztendlich unüberwindbarem Gegensatz zu einem wortreichen Geschichtsphilosophen wie seinem späteren Opponenten Jean-Paul Sartre fand.

„Die Sonne lehrte mich, dass die Geschichte nicht alles ist.“
(Albert Camus)

Geboren 1913 in Algerien, wächst Camus in einfachsten Verhältnissen auf, den Vater lernt er nie kennen, Lucien Camus fällt kurz nach Alberts Geburt im ersten Weltkrieg, die Familie zieht nach Algier in das Arme-Leute-Viertel Belcourt. Camus entflieht der gefühlskalten und stummen Welt seiner autistisch veranlagten Analphabeten-Mutter Catherine (die er gleichwohl Zeit seines Lebens verehrt) dank seines Lehrers Louis Germain, der das Talent des jungen Albert erkannte und seinen Gymnasial-Besuch förderte, letztendlich der entscheidende Schritt heraus aus seiner Bildungs-fernen Umgebung hin zur Philosophie, Literatur und sportlichen Ertüchtigung.

„Der Mensch an den Küsten des Mittelmeers, der – jedenfalls nach Ansicht des Mittelmeerbewohners Camus – alle Freuden und alle Leiden mit ganzer Kraft und ganzem Herzen genießt, ist sein Vorbild. Niemals würde dieser Sommermensch den trüben Ideen des Aufschubs, des Sparens, der Sublimation und des Triebverzichts im Namen einer kalten Vernunft folgen.“
(Iris Radisch, Camus, 2. Kapitel, Der Sommer)

1930 erkrankt Camus an einer schweren Lungentuberkulose, für mehrere Monate begibt er sich, Zauberberg-gleich, in ein südfranzösisches Sanatorium. Nach seiner Rückkehr erhält er über einen Literatur-interessierten Onkel Zugang zur Kunst, er studiert Philosophie, heiratet in die algerische Oberschicht ein und tritt der kommunistischen Partei bei, weder Ehe noch Parteizugehörigkeit sind von langer Dauer. Am Kommunismus kritisierte er den „falschen Rationalismus“, die „Illusion vom Fortschritt“, den Klassenkampf und den historischen Materialismus, das Glück und den Triumph der Arbeiterklasse, da blieb folglich nicht mehr viel übrig für eine gemeinsame politische Basis.
Camus und die Frauen, auch dies Zeit seines Lebens ein schwieriges Kapitel. Die verehrte Mutter bezeichnete er als „unförmiges Tier“, an den zahlreichen Geliebten beeindruckte ihn einzig die „natürliche Einfalt“, Frauen langweilten ihn dem Vernehmen nach außerhalb der Liebe, dennoch war er in zahllose Affären verwickelt, oft in mehrere gleichzeitig, auch und vor allem während seiner zweiten, zwanzig Jahre bis zu seinem Tod währenden, unglücklichen Ehe mit seiner zweiten Frau Francine, die aufgrund der amourösen Abenteuer ihres Gatten phasenweise in schwere Depressionen verfiel, welche in einem Selbstmord-Versuch gipfelten.

1940 geht Camus nach Paris, in Algerien kann er seine zwischenzeitliche Journalisten-Tätigkeit aufgrund der Zensur, bedingt durch den Ausbruch des zweiten Weltkriegs, nicht mehr ausüben, sein langjähriger Freund und Förderer Pascal Pia besorgt ihm eine Reporter-Stelle bei der Pariser Zeitung France-Soir.
Ab Anfang der vierziger Jahre erscheinen seine ersten literarischen Werke wie das Theaterstück „Caligula“, die philosophische Abhandlung „Der Mythos des Sisyphos“ über das Absurde und sein erster Roman „Der Fremde“ über einen emotions- und antriebslosen Menschen, der nach einem begangenen Mord auf seine Hinrichtung wartet, der Roman gilt als eines der Hauptwerke des Existentialismus und steht in enger Beziehung zum posthum veröffentlichten Werk „Der glückliche Tod“.
Während der Besatzung arbeitet Camus beim Verlag Gallimard als Lektor, er schließt sich der Résistance an, schreibt zusammen mit Pia für das linke Untergrund-Blatt Combat und arbeitet an seinem Roman „Die Pest“ über den durch die Seuche verursachten Ausnahme-/Belagerungszustand, eine Metapher für die deutsche Besatzung, der 1947 erscheint und hinsichtlich Verkaufszahlen und literarischem Renommee den Durchbruch für den Autor bedeutet.
Noch vor Kriegsende lernt Camus Simone de Beauvoir und Sartre kennen, er verkehrt in Pariser Intellektuellen- und Künstlerkreisen, zusammen mit Picasso, Leiris, Éluard. Heimisch fühlt sich der im Norden Afrikas aufgewachsene, vom Ideal des Mittelmeer-Menschen faszinierte Autor nie in der vom zentraleuropäischen, kühlen Rationalismus geprägten Attrappenwelt, dem „Pariser Totentanz vor prächtiger Kulisse„.
Nicht zuletzt die unterschiedliche Einschätzung der Bedeutung der Résistance und die jeweils eigene Rolle während der deutschen Besatzung führen rasch zu einer Abkühlung im Verhältnis Camus/Sartre: „Man muss wissen, was man will. Der Anschein trügt, ich habe nicht viele Gemeinsamkeiten mit Sartre, weder mit dem Mann, noch mit dem Werk.
Spätestens nach Sartres vernichtendem Verriss zu Camus‘ Essay „Der Mensch in der Revolte“ ist das Verhältnis unheilbar zerrüttet.

„Ohne Pascal Pia an seiner Seite wäre Camus in diesen Jahren verloren gegangen. Er wäre das fünfte Glied einer braven Lehrerfamilie in Oran geblieben, still vor sich hin leidend, ab und zu einer Affäre nachgehend, seine Bücher im algerischen Kleinverlag Charlot publizierend. Ohne diesen großartigen, begeisterungsfähigen und bedingungslos engagierten Journalisten hätten wir von Camus wahrscheinlich nie etwas gehört.“
(Iris Radisch, Camus, 2. Kapitel, Die Ehre)

Am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, wird Camus Vater der Zwillinge Jean und Catherine, er hat bis zu seinem Tod ein distanziertes Verhältnis zu seinen Kindern.
Camus schreibt weiter für den Combat. 1946 lernt er den Dichter René Char kennen, das südfranzösische, Sonnen-durchflutete Lourmarin, wo der neue Freund in der Nähe lebt, wird für Camus zum Sehnsuchtsort, später erwirbt er ein Haus in dem Provence-Ort.
1951 erscheint „Der Mensch in der Revolte“, in der Essay-Sammlung rechnet er unter anderem mit dem Stalinismus ab, Sartre wirft ihm den Verrat linker Ideale vor, für den Pariser Intellektuellen waren die Moskauer Schauprozesse eine in Kauf zu nehmende Notwendigkeit im Hinblick auf die Entwicklung des sozialistischen Ideals. Die Geschichte sollte Camus posthum Recht geben, auch hinsichtlich seiner geäußerten Wachstumskritik und seinem visionären Eintreten für ein geeintes Europa bei gleichzeitiger Warnung vor der deutschen Dominanz im kontinentalen Verbund.
Schade eigentlich, dass Camus die Stammheimer Hanswursterei des Baader-Besuchs seines Widersachers Sartre nicht mehr erleben durfte, Radisch merkt hier an, sein Kommentar wäre wohl folgender gewesen: „Ein Mensch macht so etwas nicht.“

In den folgenden, von Selbstzweifeln geprägten Lebensabschnitt fallen die Veröffentlichung des Romans „Der Fall“ (1956) über die Lebensbeichte und den Sündenfall des Richters Jean-Baptiste Clamence und die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1957, über die Camus in seinem Tagebuch vermerkt: „Nobelpreis. Eigenartiges Gefühl der Niedergeschlagenheit und der Wehmut.
1954 beginnt der Aufstand der algerischen Befreiungsfront gegen die Franzosen, Camus‘ Vermittlungsversuche scheitern, ein Algerien ohne Frankreich kann sich der Star-Autor nicht vorstellen.
Ende der fünfziger Jahre lässt er sich im Haus in der Provence nieder, die lang ersehnte Rückkehr zur Sonne des Mittelmeer-Raums. Camus arbeitet am Manuskript zu „Der erste Mensch“, einem von stark autobiographischen Zügen geprägten Roman über das Suchen nach Identität eines Algerien-Franzosen und den Traum vom einfachen Leben. Das Werk wurde 1994 unvollendet posthum veröffentlicht.
Camus scheint das zentrale Thema seiner Arbeit und die dafür ideale Örtlichkeit in dieser Phase seines Lebens gefunden zu haben, dieses Glück ist ihm leider nicht lange gegönnt. Am 4. Januar 1960, auf der Fahrt von Lourmarin nach Paris, verunglückt der Wagen seines Freundes Michel Gallimard und prallt gegen einen Baum, Camus als Beifahrer ist auf der Stelle tot, Gallimard stirbt zehn Tage später.
Albert Camus wurde 46 Jahre alt. Er ist auf dem Friedhof von Lourmarin bestattet. Das Vorhaben des früheren französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozys, die sterblichen Überreste des Schriftstellers in den Pariser Pantheon zu überführen, scheiterte vor einigen Jahren am Veto seines Sohns Jean Camus.

„Als er schließlich das Haus in Lourmarin bezogen, Paris hinter sich gelassen und die Einfachheit gefunden hat, nach der er sich sehnt; als es ihm schließlich gelungen ist, seinen Stil so zu verwandeln, dass er die wortlose und schlichte Welt seiner Mutter wiederauferstehen lassen kann – stirbt er. Es ist das größte Paradox seines Lebens: Er stirbt buchstäblich in dem Augenblick, in dem alles beginnen könnte.“
(Iris Radisch, Camus, 10. Kapitel, Die Wüste)

Iris Radisch hat die Biografie über Albert Camus nüchtern, ohne Sentimentalitäten und ohne überflüssige, unangebrachte Beweihräucherung geschrieben, jederzeit aber dem Werke Camus‘ zugewandt, sie benennt die Brüche in der Vita und die emotional-emphatischen Defizite in der Persönlichkeitsstruktur des einstigen Star-Autors ohne Umschweife. Sie zeigt gekonnt die Wechselwirkungen und gegenseitigen Einflüsse in Werk und Leben des Autors, in der Sprache klar, auf den Punkt gebracht.
Das einfache Leben, wie es im Untertitel des Buches zum Ideal erhoben wird, bleibt bei Camus zu großen Teilen Wunschvorstellung, die Umstände, seine Selbstzweifel und sein Hinterfragen des Seins und des Handelns verhindern die Umsetzung, die Autorin arbeit diesen Aspekt dem Thema des Buches gemäß umfassend heraus. Seiner Einstellung zu den Frauen steht Iris Radisch gebührend kritisch gegenüber.
Und sie macht mit ihrer Abhandlung über Camus vor allem eins, nicht zuletzt in ihrer knapp gehaltenen Funktion als Werk-Biographie: Lust darauf, die Schriften des Nobelpreisträgers (wieder) zu entdecken.

Der Einfluss Camus‘ im Kulturbetrieb reicht weit, Philosophen und Literatur-Wissenschaftler setzen sich bis heute mit seinem Werk auseinander, dem ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertész verhalf die Lektüre von „Der Fremde“ zum Finden der richtigen Sprache zur Schilderung seiner Erlebnisse in Auschwitz und Buchenwald im „Roman eines Schicksallosen“, die englische Düster-Band The Cure verarbeitete die Schlüsselszene aus „L’Étranger“ in ihrer ersten Single „Killing An Arab“ (1978, Small Wonder / Fiction Records), der Ursprung des Bandnamens der Manchester-Postpunk-Kultcombo The Fall liegt auf der Hand, um nur einige Beispiele zu nennen.

Iris Radisch wurde 1959 in Berlin geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie war sie als Literatur-Kritikerin für die „Frankfurter Rundschau“ tätig,  1990 wechselte sie als Redakteurin zur Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, wo sie seit 2013 das Feuilleton leitet. Daneben wurde sie einem breiteren Publikum durch ihre TV-Auftritte in den Sendungen „Das literatische Quartett“, „Bücher, Bücher“ und „Literaturclub“ bekannt.