Birmingham

Reingehört (435): Table Scraps

„If you don’t know Table Scraps, you’re a fucking idiot!“
(Joe Talbot/Idles)

Table Scraps – Autonomy (2018, Zen Ten)

Knappe halbe Stunde Vollbedienung in Sachen Trash-und Surf-Punk, Garagen-Gepolter, Fuzz-Gitarre, finsterer 60er-Psychobilly. Table Scraps aus Birmingham UK. Gemischtes Trio, seit 2014 auf Sendung.
Zehn knappe Hauer, im verwaschenen Sound billig aufgenommene, auf den Punkt gerockte Sixties-Trash-Psychedelia – eine scheppernd-stoische Rhythmusabteilung, das latent Affektierte im Rock’n’Roller-Gesang und ein verzerrter, roher, den Äther zerschneidender Gitarren-Anschlag, mehr braucht es nicht für den vehementen, unverstellten Hau-Drauf-Spass aus dem Übungskeller, irgendwo in den englischen West Midlands gelegen, die Zufuhr der Pausen-Drinks dort schwer vermutlich mit dem Abspielen alter Cramps-Scheiben veredelt.
Reicht hinsichtlich charmant angestaubter Atmosphäre an die grandiosen, in Mono eingespielten Alben der All-Time-Favorites von Dead Moon ran, hier wie dort nicht nur im gespenstisch-verhallten Sound eine ausgeprägte Affinität zum Themen-Komplex des Horror-Genres offenbarend, Titel wie „Frankenstein“ auf dem neuen Album der Table Scraps weisen die Richtung. Der Soundtrack für den ausgelassenen Geisterstunden-Tanz der Vampire über den Gräbern der Untoten, die Beschallung für den Roadmovie der Teenage Werewolves und aller möglichen anderen Wiedergänger, inklusive Boxenstopp zum Ölwechsel inklusive einer Büchse Bier in der angeranzten Desert-Inn-Garage am Rande des nächtlichen Highways.
Drummerin/Sängerin Poppy Twist war vor einigen Jahren bei der englischen Pop-Combo Poppy & The Jezebels zugange, mit einem Plattenvertrag bei Mute Records ausgestattet – und irgendwann mit den falschen Versprechungen der Platten-Industrie durch, seitdem ist die junge Dame im DIY-Indie-Lager wieder glücklich und ganz bei sich, so soll es sein.
Hinsichtlich gemeinsamer Konzert-Reisen stehen im Fahrtenbuch des Trios nicht die schlechtesten Referenzen, Table Scraps waren bereits mit Bands wie den Gories, den Black Lips und den legendären Alt-Punks von den Buzzcocks auf Tour, ab 19. April bespielen sie auch das europäische Festland, für Minga ist leider kein Zwischenstopp geplant, das dem Alten Südfriedhof und Münchner Indie-Clubs nächstgelegene Konzert findet am 18. Mai im Nürnberger Hirsch statt, weitere Gigs guckst Du hier.
(**** ½ – *****)

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Reingehört (335): Alpha Male Tea Party, Waxahatchee, Broken Social Scene

Alpha Male Tea Party – Health (2017, Big Scary Monsters)

Hörenswerter Instrumental-Rock-Crossover von Alpha Male Tea Party aus Liverpool: Seit 2012 entwickelt das Trio aus Nordengland seine Spielart des Progressive Rock, auf „Health“ veredelt die Combo den Grenzgang zwischen Post- und Math-Rock in einer rundum (und nicht zuletzt hinsichtlich glasklarem Sound) gelungenen Produktion, zwischen geschliffener Härte und melodischer Finesse, zwischen treibendem Flow und vertracktem Rhythmus-Wechsel pendeln die zehn Gitarren-dominierten Intensiv-Klang-Demonstrationen, die die Band in eine Liga mit Bands wie And So I Watch You From Afar katapultiert, wo die Nord-Iren weitaus mehr im Live-Vortrag und nur selten auf Konserve zu überzeugen wissen, sind Alpha Male Tea Party in Sachen Tonträger weitaus überzeugender unterwegs, eine ausgereifte Arbeit, die die Einflüsse aus der Ära der Prog-Rock-Altvorderen wie King Crimson gebührend zu würdigen weiß, löblich aber nicht in der Vergangenheit verhaftet bleibt und in Weiterentwicklung Richtung Math/Djent mit dezenten Postmetal-Ergänzungen den Blick stramm nach vorne richtet. Konzertantes Antanzen wäre schwerst genehm.
(*****)

Waxahatchee – Out In The Storm (2017, Merge)

Passable Indie-Rock-Arbeit der US-Songwriterin Katie Crutchfield aus Birmingham/Alabama, die ihr Band-Projekt nach einem Flusslauf in ihrer amerikanischen Südstaaten-Heimat benannte. Ansprechende Mischung aus LoFi-Songwriting, gefällig-einschmeichelndem Mädels-Gesang, flottem Alternative-Power-Pop und domestizierter Grunge-Gitarren-Intensität. Live eingespielt und somit den angerauten Charme dieses ab und an ins Gefällige schielenden Indie-Geschrammels weitestgehend noch erahnend lassend. Für Riot-Grrrl-Rabatz ist es zu brav und kaum sperrig, hinsichtlich gängigem Indie-Rock-/-Pop-Mainstream aber dann doch noch originell und spielfreudig genug, um aus diesem Sumpf vorteilhaft-positiv herauszuragen.
Waxahatchee spielt live am 17. September im Münchner Glockenbachviertel-Club Milla, das Vorprogramm wird Crutchfield-Schwester Allison bestreiten, die auch auf „Out In The Storm“ an Schlagwerk und Tasteninstrumenten zu hören ist.
(****)

Broken Social Scene – Hug Of Thunder (2017, Arts & Crafts)

Gewogen und für zu leicht befunden: Das kanadische Indie-Kollektiv Broken Social Scene ist auf dem jüngst erschienenen Album „Hug Of Thunder“ weitaus weniger als die Summe seiner Einzelteile, trotz maßgeblicher Mitarbeit von Größen wie den üblichen Verdächtigen Kevin Drew, Brendan Canning, Charles Spearin oder Leslie Feist, trotz unzähliger Ideen und Einflüsse und einem letztendlich Zuviel an Klangreichtum kommt die Big Band aus Toronto in den wenigsten Momenten über eine leichtfüßige, schwirrende, Pop-affine Belanglosigkeit hinaus. Innerhalb kürzester Zeit bricht sich beim Abhören ein unangenehmer Befindlichkeits-Mix aus Übersättigung und vergeblichem Warten auf das Ansprechend-Gefangennehmende Bahn, too much an ätherisch-überdrehtem Elfen-Gesang, überzuckerten Harmonie-Chören und vor allem völlig substanzloser, Musical-artiger Easy-Listening-Beschallung, zuviel aus der Stars- und Metrics-Ecke, viel zu wenig aus dem gewichtig-experimentelleren Bereich a la Do Make Say Think, das ist der Sound der 70er-Jahre-Mainstream-Hitparaden-Betäubung, in ein modernes Kleid gewandet und frech als Indie verkauft. Ein aufgeblähter Mix aus Pomp und beschwingtem Wohlklang-Gelichter, der trotz reichhaltiger Zutaten ungenießbar bleibt  – oder ganz einfach auf den Punkt gebracht: Viel Lärm um Nichts. Von den Mitwirkenden hätte man sich deutlich mehr an Qualität erwartet als diesen schwer verdaulichen Weichspüler-Sing-Sang, auch wenn auf dem vor sieben Jahren erschienenen Vorgängerwerk „Forgiveness Rock Record“ bereits nicht mehr alles Gold war, was glänzte. Das Runtergleiten auf dem absteigenden Ast setzt sich bei BSS fort, sehr bedauerlich.
(** ½)