Black Music

Soul Family Tree (48): Cypress Hill

„Die Revolution hat gesiegt, es lebe die Routine! Hip Hop in ’93 befindet sich in einer Phase der Verfeinerung einmal erreichter Standards, die Szene ist geprägt von brillanten Technikern ohne Charisma. Allein Cypress Hill haben noch einmal das Kunststück geschafft, auf breiter Ebene einen neuen Stil durchzuboxen.“
(Oliver von Felbert, Spex, September 1993)

Bandjubiläum: Drei Dekaden Cypress Hill. Und in diesem Jahr soll der lange angekündigte Longplayer „Elephants On Acid“ erscheinen, es wäre das erste Studio-Album seit acht Jahren, indes: nichts genaues weiß man hierzu nach wie vor nicht.
Grund genug jedenfalls, an die frühen Jahre der Formation zu erinnern, in der sie mit ihren ersten Alben dicke Ausrufezeichen im amerikanischen Westcoast-Rap und Hip Hop setzten.

Die Hispanic-American-Formation Cypress Hill wurde 1988 von den beiden in Kuba geborenen Brüdern Senen „Sen Dog“ und Ulpiano „Mellow Man Ace“ Reyes, dem aus Queens/NYC stammenden Lawrence „DJ Muggs“ Muggerud und dem Rapper Louis „B-Real“ Freese in South Gate/Los Angeles gegründet, ursprünglich unter dem Namen DVX (Devastating Vocal Excellence). Mellow Man Ace verließ kurz darauf das Quartett für eine Solo-Karriere, worauf sich die verbleibenden Band-Mitglieder nach einer Straße in South Gate umbenannten.

Cypress Hill unterschrieben kurz nach Gründung einen Platten-Deal mit dem auf R&B- und Hip-Hop-Acts spezialisierten Columbia-Joint-Venture Ruffhouse Records, bereits das 1991 veröffentlichte, selbstbetitelte Debüt-Album „Cypress Hill“ ging kommerziell durch die Decke, das Erstwerk verkaufte sich über zwei Millionen Mal, vor allem bedingt durch das massive Airplay der Single „The Phuncky Feel One / How I Could Just Kill A Man“ im College-Radio wie auch bei großen Sendern, dabei war das Material des ersten Longplayers mit den experimentellen Loops, eingestreuten Gitarren-Riffs, einem nervenden Saxophon-Getröte und vor allem diesem für Cypress Hill typisch unfreundlich-quengelnden, hohen Vokal-Geleier alles andere als Hip-Hop-Mainstream.

Der frühe Cypress-Hill-Sound ist geprägt von B-Reals übertrieben nasalem Sprechgesang, einem schleppenden, oft in den Blues neigenden, düsteren Doom- und Down-Tempo-Groove, der in späteren Arbeiten durch das Sampling aus Melodien und Sounds von Prog-/Psychedelic-/Kraut-Rock- bis zu Filmmusik-Originalen noch verstärkt wurde. Die Band spielte von Anfang an bewusst mit finsteren Metal-Symbolen wie Totenschädeln, martialischen Tattoos und ähnlichem Firlefanz, wie man ihn sonst aus der Black-Sabbath-Ecke und Artverwandtem kennt. Seit jeher bekennen sich die Rapper zum Gras-Rauchen, die Forderung nach Marihuana-Legalisierung mündet bis heute in ihrer Befürwortung von Cannabis-Einsatz in der medizinischen Therapie. Das alles mag neben dem expliziten Sound zu einem Gutteil erklären, warum Cypress Hill auch bei Hörern anderen Indie-/Underground-Spielarten stets wohlgelitten waren und selbst bei beinharten Hardcore- und Grunge-Fans auf offene Ohren stießen. Ein bewusst vor sich her getragener Alles-egal-es-geht-eh-den-Bach-runter-Fatalismus und ein paar Deadhead-artige Rauschebärte reichten darüber hinaus völlig aus, um die Band Genre-übergreifend in der Outlaw-Subkultur zu etablieren, da brauchte es keine Körperverletzungs- und Totschlag-Delikte wie bei anderen Rap-Kollegas in jenen Tagen, und die paar Meilen von South Gate zum L.A.-Brennpunkt South Central spielten dabei wenn überhaupt auch nur eine untergeordnete Rolle.

„Black Sunday“, das zweite Album von 1993, toppte die Verkaufszahlen des Debüts um knapp eineinhalb Millionen Exemplare, der Tonträger stieg bereits in der ersten Verkaufswoche auf Platz 1 der Billboard-Charts ein und trug wesentlich dazu bei, dass Cypress Hill zu den ersten Latino-Hip-Hop-Superstars mit Multi-Platin-Seller-Status avancierten. Vor allem die erste Single des Albums, die Crossover-Nummer „Insane In The Brain“, erfreute sich auch beim klassischen Rock-Publikum großer Beliebtheit. Das Stück verwendet unter anderem Samples von James Brown, Sly & The Family Stone und den Youngbloods.

Die Band tourte in der Zeit mit Hardcore-/Punk-Bands wie Rage Against The Machine, 7 Year Bitch und den weißen Hip-Hop-Nachbarn von House Of Pain. 1993 nahmen sie auch zwei Stücke für den Rap/Metal/Grunge-Crossover-Soundtrack des Action-Thrillers „Judgment Night“ auf, „Real Thing“ zusammen mit Pearl Jam, und „I Love You Mary Jane“, einer Kollaboration mit der New Yorker Noise-Kult-Combo Sonic Youth, das Konzept des Filmmusik-Samplers war klar definiert: Jede Nummer wurde exklusiv von einem Hip-Hop-Act zusammen mit einer Formation aus der alternativen Rockmusik  aufgenommen. Der Kino-Streifen war laut Kritiken weit von einem cineastischen Meisterwerk entfernt, die Soundtrack-Beschallung erntete dagegen allseits wohlwollendes Lob, der amerikanische Rolling Stone merkte etwa an: „Judgment Night’s bracing rap rock is like the wedding of hillbilly and ‚race‘ music that started the whole thing in the first place….It’s an aspiring re-birth“.

Zwei Jahre später erschien mit „Cypress Hill III: Temples Of Boom“ Mitte der Neunziger das dritte Album, die Verkaufszahlen lagen wieder ordentlich im Millionenbereich, die Kritiken waren hingegen erstmals durchwachsen, obwohl die Band ihren Sound runderneuerte und auf ein tiefenentspanntes, nahezu Trance-artiges, dunkles Klangbild setzte, asiatisch-psychedelische Elemente in den Vordergrund stellte und bei den Samples tief in die Trickkiste griff, von Ravi-Shankar-Ragas über Ausschnitte aus Arbeiten der kalifornischen Acid-Rocker Iron Butterfly, Henry-Mancini-Filmmusik und Reggae-Tunes aus der Feder von Jackie Mittoo bis hin zur berühmten Ezekiel-25:17-Ansage von Samuel L. Jackson aus dem „Pulp Fiction“-Streifen wurde quer durch den Pop-kulturellen Gemüsegarten zitiert, daneben mischten bei einigen Stücken RZA und U-God vom New Yorker Wu-Tang Clan mit.
Etliche Fachblätter und Radiostationen konnten sich aber durchaus zu positiven Wertungen durchringen, und das wird diesem exzellenten Album mit All-Time-Favourites wie „Illusions“, „Boom Biddy Bye Bye“ und „Throw Your Set In The Air“ auch weitaus mehr gerecht.

Cypress Hill – „Throw Your Set In The Air“ → youtube-Link

Nach dem dritten Album beschäftigten sich DJ Muggs und der Rapper Sen Dog jahrelang mit eigenen Projekten wie dem losen Underground-Hip-Hop-Kollektiv Soul Assassins und der Rap-Metal-Combo SX-10, mit „IV“ veröffentlichten Cypress Hill 1998 nach 3 Jahren ein neues Werk, das qualitativ wie die weiter sporadisch bis 2010 veröffentlichten Longplayer nicht mehr an das Niveau der ersten drei Würfe heranreichte, die Band experimentierte in späteren Jahren mit zeitgenössischer Rockmusik, Punk und Reggae und entfernte sich damit von ihrem klassischen Sound, die Verkaufszahlen ließen entsprechend zu wünschen übrig, was 2010 zum Verlassen des Sony-Labels führte. Cypress Hill sind nach wie vor auf Sendung, vielleicht kommt irgendwann das lange angekündigte neue Album, ob es nochmal für einen großen Wurf reicht, wird sich dann zeigen. Bis dahin stehen die ersten drei Alben als Meilensteine des Rap im Black-Music-Kanon, und daneben seltsame Cover-Versionen von Cypress-Hill-Songs wie etwa die der britischen Indie-Rocker Kasabian…

Kaspian – „Insane In The Brain“ → youtube-Link

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Soul Family Tree (47): I Have A Dream

Black Friday heute mit einer Ausgabe von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog in Gedenken an den vor fünfzig Jahren ermordeten amerikanischen Bürgerrechts-Aktivisten und Baptisten-Pastor Martin Luther King Jr.

1968 war weltweit ein Jahr, das für Aufbruch und Befreiung stand, besonders für Amerika war es ein prägendes Jahr, über das es wenig Erfreuliches zu berichten gibt. Im Herbst wählten die Amerikaner den Republikaner Richard Nixon zu ihrem neuen Präsidenten. Er gewann die Wahl unter anderem, weil er versprach, für Recht und Ordnung zu sorgen. Martin Luther King hingegen befürchtete in früheren Reden, dass sich die Republikaner in eine Partei des Weißen Mannes verwandeln werden. Er sollte Recht behalten.

Am 4. April 1968 um 18.01 Uhr wurde Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis (Tennessee) erschossen. Danach kam es in über 100 Städten Amerikas zu teils massiven Ausschreitungen. Heute im Soul Family Tree: ein „I Have A Dream“-Mix, anlässlich des 50. Todestages von Martin Luther King. Musik, die von King und der damaligen Zeit und Stimmung inspiriert wurde.

1991 veröffentlichten die legendären Politrapper von Public Enemy den Song „By The Time I Get To Arizona“. Im Fokus des Song stand der damalige Gouverneur Fife Symington. Die Band protestierte im Text gegen die Weigerung des Gouverneurs, den Bürgerrechtsaktivisten mit einem Feiertag zu würdigen. Die Hauptrolle im Video spielte Martin Luther King, der sich 1968 vehement gegen den Vietnamkrieg stellte. Public Enemy ließen für das Video die Bürgerrechtsbewegung von damals wieder auferstehen und bauten Originalaufnahmen mit ein. Die Schlussszene sorgte für einen Skandal. Sie zeigte in Zeitlupe die Ermordung von King und Kämpfer, die ein Attentat auf den Gouverneur verüben. Das Video und der Song wurden damals in Amerika verboten. Trotzdem verkaufte sich das Album „Apocalypse 91…“ sehr gut und kletterte auf Platz eins der R&B Charts. Denn Public Enemy traf eine ganze Generation mitten ins Herz. Themen wie Rassismus, Armut, Arbeitslosigkeit gehörten zum festen Repertoire. Bereits 1988 veröffentlichten sie mit ihrem Album „It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back“ eines der wichtigsten Alben der HipHop-Geschichte.

Bei „By The Time I Get To Arizona“ ein Gitarrenriff der Band Mandrill und ein Loop der Jackson Five zu hören. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre stand keine andere Band mehr für Widerstand als Public Enemy.

Nina Simone fragte, nur wenige Tage nach der Ermordung an King, „What will happen, now that the King is dead?“ und schrieb den Song „Why? (The King Of Love Is Dead)“.

James Brown wurde der Held der Stadt Boston. Einen Tag nach dem Attentat sollte er in der Stadt an der US-Ostküste spielen. Der Bürgermeister befürchtete Unruhen und plante, das Konzert abzusagen. Doch Brown wollte spielen, und es wurde vermutlich sein schwierigster und wichtigster Auftritt seiner Karriere. Als Zuschauer auf die Bühne kamen und niemand wusste, was passieren würde, blieb James Brown ruhig, beschwichtigte die Menge und setzte sein Konzert fort. Niemand wurde verletzt. Hier ein kleiner Ausschnitt. Das ganze Konzert wurde live mitgeschnitten und später veröffentlicht.

Muddy Waters, Otis Spann, Harmonica Master Little Walter und der Bassist Willie Dixon kamen im Mai 1968 nach Washington, um dort ein Benefiz-Konzert für „Poor People“ zu spielen. Otis Spann ist der vielleicht größte Blues-Pianist gewesen und stand für den Chicago-Blues. 1968 schrieb er zwei berühmte Songs: „Blues For Martin Luther King“ und „Hotel Lorraine“. Mehr zu diesem denkwürdigen Konzert kann man hier nachlesen: Blues For Martin Luther King.

America is essentially a dream
It is a dream of a land where men of all races
of all nationalities and of all creeds
can live together as brothers…

Bobby Womacks Alben „Poet I“ und „Poet II“ sind nach wie vor großartige Aufnahmen. Im Song „American Dream“ gibt es zu Beginn einen Auszug aus der berühmten „I Have A Dream“-Rede von Martin Luther King.

Black, god damn, I’m tired my man
Don’t worry bout what color I am
Because I’ll show you how ill, this man can act
It could never be fiction cause it is all fact…

Auch im HipHop und Rap inspiriert King bis heute viele Künstler. Run-D.M.C. waren Pioniere des HipHop. Ihr 1986er Album „Raising Hell“ erreichte Platinstatus. 2002 endete die Karriere abrupt. DJ Jam Master Jay wurde in einem Plattenstudio von einem Unbekannten erschossen. Danach lösten die verbliebenen Bandmitglieder die Formation auf. Aus ihrem Platinalbum kommt nun „Proud To Be Black“:

Die Liste mit von King inspirierten Songs könnte man lange weiterführen. Wer mag, sollte u.a. Sam Cooks „A Change Is Gonna Come“ hören und/oder die Cover-Versionen von Solomon Burke und Baby Huey (von Curtis Mayfield produziert). Dann wären da noch Gil Scott-Herons „Winter In America“ oder James Brown mit „Cold Sweat“ und natürlich Muddy Waters 1968er Album „Electric Mud“.

1968 war nicht nur für die USA ein wechselhaftes Jahr. Wenige Monate nach der Ermordung von King kam der damalige Justizminister Robert Kennedy ums Leben. Und in Deutschland wurde im April Rudi Dutschke schwer angeschossen. Dazu kommen weitere Unruhen und Demonstrationen in Frankreich und nicht zu vergessen der „Prager Frühling“ in der damaligen CSSR. 1968 war ein bewegtes Jahr.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.

Soul Family Tree (46): Tuareg Blues Vol. 1: Les Filles de Illighadad , Mdou Moctar, Imarhan

African Black Friday, Volume 1 – Der schwarze Kontinent: Wo der Blues, der Soul, die Rock- und Pop-Musik ihre Wiege haben, Orte und Landstriche, von denen die verschleppten Sklaven vor Jahrhunderten ihre Klage-Gesänge mitnahmen auf die große Fahrt über den großen Teich und als Gospel und Blues auf die Baumwollfelder der amerikanischen Südstaaten brachten, vielfältige regionale Szenen, die durch eigene, uralte Volksmusiken wie durch reimportierte westliche Einflüsse aus dem Rock ’n‘ Roll, dem Blues und dem Jazz geprägt wurden – die Popularmusik der Länder Afrikas, davon soll (und muss letztendlich zwingend) künftig dann und wann die Rede sein im Soul Family Tree, die Premiere geben heute drei jüngere Vertreter des Tuareg-Blues, einer Spielart des afrikanischen Desert-Blues, der aus den Rebellen-Bewegungen der Berber-Nomadenvölker der Sahara-Staaten Mali und Niger entstand und maßgeblich geprägt wurde von der Einführung der Gitarre in die Tishoumaren-Musik der Kel Tamasheq durch Ibrahim Ag Alhabib, dem Mitbegründer der aus Mali stammenden Band Tinariwen, den seit 1979 aktiven Pionieren des Tuareg-Blues, einer Weiterentwicklung der Berber-Musik, die neben traditionellen nordafrikanischen Wurzeln die gepflegte, elektrisch verstärkte Saiten-Kunst in der Lesart von anglo-amerikanischen Könnern wie John Lee Hooker, Jimi Hendrix oder Mark Knopfler als deutliche Einflüsse erkennen lässt.
Die drei großen T des Tamasheq-Blues, die Tuareg-Bands Tinariwen, Terakaft und Tamikrest werden hier beizeiten auch ihre verdiente Würdigung erfahren, aus relativ aktuellen Anlässen widmet sich der heutige Beitrag drei jüngeren Vertretern des Genres.

Ladies First: Die aus dem westafrikanischen Niger stammenden Musikerinnen Fatou Seidi Ghali und Alamnou Akrouni benannten die vom Grillen-Zirpen begleiteten Aufnahmen der live eingespielten Field Recordings ihres ersten Longplayers nach ihrem Heimatdorf, mit ihrem jüngst erschienenen Studio-Debüt wurde die Frauen-Formation durch Madassane Ahmoudou zum Power-Trio erweitert und der Titel des ersten Albums als Bandname übernommen.
Les Filles de Illighadad verbinden auf dem Ende 2017 erschienenen „Eghass Malan“ den ländlichen, vor allem von jungen Frauen gepflegten „Tende“-Folk ihrer Heimat –  eine einfache, karge, im Wesentlichen durch Gesang, Handklatschen und Perkussion vorgetragene Volksmusik zum Preisen der Vorfahren und der Wonnen der Liebe – mit dem elektrischen Wüsten-Blues der Tuareg und transportieren damit die uralte Folklore der ehemaligen französischen Kolonie aus der Sahel-Zone in einem freien, treibenden, für Experimentelles offenen Fluss in das 21. Jahrhundert. Mit den elektrischen Gitarren bekommt der weibliche „Tende“-Sound den Counterpart aus der männlich dominierten nordafrikanischen Desert-Blues-Szene an die Seite gestellt. Fatou Seidi Ghali ist bis heute eine der wenigen Gitarristinnen des Genres, in jungen Jahren hat sie sich das Spiel heimlich selbst auf dem Instrument ihres älteren Bruders beigebracht. „Eghass Malan“ beweißt einmal mehr, dass spannungsgeladene Musik selbst oder gerade in den entlegensten Gegenden der Welt wie einer schwer zugänglichen, autarken Ortschaft ohne Strom und fließendes Wasser am Rande der Sahara entstehen kann.

Der Gitarrist und Songwriter Mdou Moctar stammt wie die Frauen von Les Filles de Illighadad aus dem Niger. Beeinflusst von Gitarristen wie seinem Landsmann Abdallah ag Oumbadougou oder den vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Ry Cooder auf dem gemeinsamen „Talking Timbuktu“-Album bekannten Ali Farka Touré aus Mali, entwickelte der Musiker mit seiner nur auf Gitarren und Schlagzeug basierenden, klassischen Trio-Besetzung eine ureigene psychedelische, schnellere Spielart des Tuareg-Blues, die geprägt ist von treibender Polyrhythmik und einem hypnotischen Gitarren-Riff-Fluss, der mitunter an die losgelöste Intensität und den Trance des indischen Raga erinnert.
Mdou Moctar war in seiner Jugend einige Jahre als Arbeitsmigrant in Libyen unterwegs und verdiente sich dort seinen Lebensunterhalt unter anderem als Söldner in der Armee Muammar al-Gaddafis. Mitte der 2000er kehrte er in seine Heimat zurück und setzte sich ab der Zeit ernsthaft mit Musik auseinander, 2008 veröffentlichte er sein erstes Album, auf dem er das sogenannte Auto-Tune einsetzte, ein in der House-Musik beliebtes Verfahren zur Tonhöhenänderung im Gesang. „Anar“ ist damit eines der ersten Alben, die den Tuareg-Blues um moderne elektronische Elemente erweiterte. 2015 trat Moctar als Hauptdarsteller im Low-Budget-Kinofilm „Akounak Tedalat Taha Tazoughai“ auf, einer Adaption des Prince-Films „Purple Rain“, für den er auch den Soundtrack einspielte. Der Streifen ist der erste in der Tuareg-Sprache Tamascheq gedrehte Spielfilm, der Titel bedeutet wörtlich übersetzt „Regen-Farbe Blau mit etwas Rot darin“, in dieser Sprache gibt es keinen Begriff für Purpur.
Im vergangenen Jahr ist das exzellente Album „Sousoume Tamachek“ des Linkshänder-Gitarristen beim auf westafrikanische Volks- und Pop-Musik spezialisierten US-Indie-Label Sahel Sounds von „Field Explorer“, DJ, Archivist und Kurator Christopher Kirkley erschienen.
Ein Termin zum Dick-Anstreichen im Konzert-Kalender speziell für die Münchner Konzertgänger_Innen ist der 13. Juli: Mdou Moctar spielt mit seiner Band live auf Einladung der Veranstalter vom Clubzwei im Münchner Unter Deck, wer beim Konzert im November 2014 dabei war, reibt sich schon mal in Vorfreude die Hände, allen anderen sei die Veranstaltung wärmstens ans Herz gelegt.

Die Band Imarhan („The Ones I Care About“) aus dem Süden Algeriens – nicht zu verwechseln mit der von Mohamed Issa Ag Oumar geleiteten Formation Imarhan Timbuktu aus Mali – hat Ende Februar ihr zweites Album „Temet“ beim Berliner Indie-Label City Slang veröffentlicht, der Sound der Band ist an den Wüsten-Blues der Pioniere von Tinariwen angelehnt, die Verbindung zu den Urvätern aus Mali besteht, seit Imarhan-Frontman Iyad Moussa Ben Abderahmane für den launischen Bandgründer Ibrahim Ag Alhabib als Tour-Gitarrist einsprang und Tinariwen-Basser Eyadou Ag Leche 2016 maßgeblich an der Produktion des selbstbetitelten Imarhan-Debüts beteiligt war. Die Formation versteht es auf ihrem aktuellen Album exzellent, den traditionellen Tuareg-Blues mit Zitaten aus dem schwarzen 70er-Jahre-US-Funk-Rock, der arabisch-nordafrikanischen Pop-Musik und psychedelischen Flows anzureichern.
Auf dem jüngsten Album bringt die inzwischen in Paris ansässige Band mit ihrem Afro-Blues-Groove die Sehnsucht und ihr Heimweh nach der Wüste zum Ausdruck, wie auch politische Statements zum Tuareg-Aufstand im Jahr 2012, der nach der Abspaltung der Region Azawad als eigenständigem Staat in einem Debakel durch Unterwanderung und Übernahme durch islamistische Gruppierungen endete.
Aus dem aktuellen Album von Imarhan die beiden Stücke „Tamudre“ und „Azzaman“: