Blixa Bargeld

Reingehört (167)

holbein

Teho Teardo & Blixa Bargeld – Nerissimo (2016, Specula Records / Rough Trade)
Der in Rom ansässige Musiker und Komponist Teho Teardo hat in vergangenen Jahren bereits mit Ton-Extremisten wie der New Yorker No-Wave-Radikal-Feministin Lydia Lunch, dem ehemaligen Napalm-Death-Trommler Mick Harris und Cop-Shoot-Cop-Keyboarder Jim Coleman zusammengearbeitet, in Italien ist er vor allem als Komponist für Filmmusik in Fachkreisen bekannt, ‚Nerissimo‘ (= das schwärzeste Schwarz) ist nach ‚Still Smiling‘ (2013) und ‚Spring‘ (2014, beide Specula) seine dritte Kollaboration mit Neubauten-Vorsteher Blixa Bargeld, dem vorliegenden Output nach zu urteilen eine nach wie vor sehr gedeihliche.
Dem Albumtitel entsprechend dunkel-düster und getragen präsentiert das Duo ein musikalisch zwischen Neo-Folk und zeitgenössischer Klassik angesiedeltes Crossover, dominiert von Streichern und Holzblasinstrumenten, Bargeld lamentiert und mäandert sich in seinem Vortrag pointiert in den finster-anmutigen Soundlandschaften durch seine klassizistisch anmutenden Verse zu den Themen Vergänglichkeit, Religion und Philosophie, wahrscheinlich literarisch höchst wertvoll, der Weg vom Frontstadt-Underground zu den Tempeln der Hochkultur war ein langer für den Berliner Performance-Künstler und scheint noch nicht zu Ende gegangen.
Das Coverfoto referenziert auf das Gemälde „Die Gesandten“ von Hans Holbein dem Jüngeren, das rätselhafte Werk aus dem Jahr 1533 ist in London in der National Gallery zu sehen und wird auch ausführlich im gleichnamigen Dokumentarfilm von Frederick Wiseman zum Kunstmuseum am Trafalgar Square interpretiert.
(**** ½ – *****)

20.000 Days On Earth

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Tag Nr. 20.000 im Leben des großen australischen Crooners Nick Cave in bewegten Bildern von Morgengrauen bis Ablegen.
Der Meister gibt „Nick the (Seelen-)Stripper“ bei seinem Therapeuten, und nachdem er Sätze wie die folgenden äußert, ahnt der Kinogänger, dass es durchaus Sinn macht, dass er dort sitzt: „Beim Schreiben kommt es auf den Kontrapunkt an. Man stellt zwei disparate Bilder nebeneinander und schaut, wie die Funken fliegen. Als würde man ein kleines Kind mit einem, sagen wir, mongolischen Psychopathen in einen Raum sperren. Man lehnt sich zurück und wartet, was passiert. Dann schickt man einen Clown auf einem Dreirad rein. Und wieder wartet man und schaut zu. Und wenn das zu nichts führt, erschießt man den Clown“.
Er driftet in seinem Jaguar durch südenglische Gefilde und führt Zwiegespräche mit seinen Beifahrern wie dem englischen Schauspieler Ray Winstone, seiner früheren Duett-Partnerin Kylie Minogue und dem inzwischen doch recht rausgefressenen Ex-Bad-Seed und Immer-noch-Neubauten-Einstürzer Blixa Bargeld.
Beim Mittagstisch mit Warren Ellis gibt jener lustige Anekdoten über Nina Simone und Jerry Lee Lewis zum Besten und in einzelnen Sequenzen kann man die beiden Kameraden beim Üben und Einspielen des „Push The Sky Away“-Albums beobachten. Da der Meister die Kontrolle über das eigene künstlerische Erbe nicht aus der Hand gibt, darf der Zuschauer ihn beim Besuch im Nick-Cave-Archiv begleiten und erfährt dort einiges aus der bewegten Vergangenheit des ex-Junkies, unter anderem wird auch die Frage geklärt, warum der Birthday-Party-Bassist Tracy Pew einst bei einem Kölner Konzert einen Zuhörer auf das Heftigste physisch attackierte (altgediente Spex-Leser kennen eventuell die Geschichte aus einer damals im Magazin veröffentlichten Fotostrecke, mehr sei hier nicht verraten, Ihr sollt ja alle den Film gucken …. ;-)).
Den Regisseuren Jane Pollard und Iain Forsyth gelingt es meisterlich, die ganze Wucht des Cave‘schen Charismas auf Zelluloid zu bannen. Für den geneigten Cave/Birthday Party/Bad Seeds/Grinderman-Fan ist der Kinobesuch sowieso obligatorisch, für alle anderen ist der Film ein schönes Beispiel dafür, dass eine Musik-Dokumentation nicht den üblichen, ausgeleierten Mustern folgen muss und trotzdem höchst unterhaltsam und informativ sein kann.
Nick Cave war im übertragenen Sinne schon immer großes Kino und hier ist er es tatsächlich in der wahren Bedeutung des Wortes.
 
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