Blues

Soul Family Tree (28): Delbert McClinton

„Es gehen viele Wege hinein, aber nur einer heraus, und ich bin mir verdammt sicher, wovon ich spreche.“
(Delbert McClinton)

„White Man Can’t Sing The Blues“, ein Statement, das der texanische Musiker Delbert McClinton in seiner langen Karriere permanent ad absurdum führte. Der bei Roots-Rock-Fans hochverehrte Mann aus Forth Worth versteht es mit seinen Auftritten und Solo-Alben seit weit über 40 Jahren wie kaum ein zweiter, die Grenzen zwischen Blues, Soul und Country-Rock zu verwischen und mit diesem uramerikanischen Stilmix das geneigte Publikum, die Kritiker und das Grammy-Vergabe-Komitee zu überzeugen, nicht zuletzt auch musizierende KollegInnen wie Emmylou Harris, Etta James und die Blues Brothers, die seine Songs neu interpretierten.

McClinton war nie ein Mann des musikalischen Mainstreams, geschweige denn der große Publikumsmagnet, gleichwohl ist sein Name aus der US-amerikanischen Musikszene nicht wegzudenken. Seine frühe Liebe gehörte der Mundharmonika, Anfang der sechziger Jahre war er in der Hausband eines Clubs als Bluesharp-Spieler engagiert, in dem Rahmen durfte er Größen wie Howlin‘ Wolf, Jimmy Reed und Bobby ‚Blue‘ Bland begleiten.
1962 war er auf der No.1-Hit-Single „Hey! Baby“ des amerikanischen Songwriters Bruce Chanell zu hören, eine gemeinsame Tour führte die beiden jungen Männer aus Texas in dieser Zeit auch nach England, wo sie mit den damals noch unbekannten Beatles zusammenspielten. Delbert McClinton soll der Legende nach John Lennon das Harmonika-Spiel beigebracht haben, es könnte aber auch einer der anderen Pilzköpfe gewesen sein, McClinton sagt selbst: „Es war, ehe sie wichtig genug waren, um wissen zu müssen, wer wer war“. Der Harmonika-Part von „Hey! Baby“ inspirierte Lennon zum Beatles-Hit „Love Me Do“ und der Song selber den unsäglichen DJ Ötzi zu einer (selbstredend nicht minder unsäglichen) Neuinterpretation der Nummer im Jahr 2001.

Zurück in den Staaten, gründete McClinton die Band The Rondells (aka The Ron-Dels), der größere Erfolge verwehrt bleiben. 1972 zog es den Texaner nach Los Angeles, wo er mit dem Songwriter Glen Clark zwei Countryrock-Alben einspielte, 1974 kehrte er in die Heimat zurück, unterschrieb einen Deal mit ABC-Records und veröffentlichte ab dem Jahr in regelmäßigen Abständen seine Solo-Arbeiten. Obwohl Teil der Country-Rock-Bewegung, war McClintons musikalischer Ansatz viel zu sehr im Blues, R&B und Soul verhaftet, um dort eine zentrale Rolle zu spielen.

Zu seinen bekanntesten Aufnahmen dürfte die Soul-Nummer „Giving It Up For Your Love“ aus der Feder seines texanischen Landsmanns Jerry Lynn Williams zählen, die Single-Auskopplung aus dem Album „The Jealous Kid“ landete 1980 auf Platz 8 der Billboard Hot 100 Charts:

Ab Anfang der 2000er veröffentlichte Delbert McClinton seine Alben beim renommierten Americana-Label New West, neben Longplayer-Highlights wie „Nothing Personal“ oder „Cost Of Living“ auch seine im Rahmen eines Konzerts beim „Bergen Musicfest/Ole Blues“ im Jahr 2003 mitgeschnittene, exzellente „Live“-Doppel-CD, zu der Zeit wurden seine Platten zwischenzeitlich in unseren Breitengraden vom deutschen Roots-Rock-Indie-Label Blue Rose Records vertrieben und so der hiesigen Musikkonsumenten-Schar näher gebracht.

Delbert McClinton ist mir einmal live über den Weg gelaufen, 2010 in B. B. King’s Blues Club & Grill am New Yorker Times Square, einem Music-Club für Tribute-Shows, bekannte Altrocker und Blueser, die oft bessere Tage gesehen haben, ein gut laufender Nostalgie-Schuppen in prominenter Lage in Midtown Manhattan mit afroamerikanischem Service-Personal und weißen Gästen, mit dem für New Yorker Clubs dieser Größenordnung oft üblichen Konsumzwang, was für einen Oberbayern bei einem Minimum von zwei Bieren eine der leichtesten Übungen darstellte.
Eine leichte Übung war es offensichtlich auch für den damals 70-jährigen Delbert McClinton und seine gut eingespielte Band, das Musik-interessierte Publikum im ausverkauften Laden zwischen Steak-Verzehr und Cocktail-Süffeln mit seinem zupackenden Mix aus Blues, Soul und angefunktem Country-Rock innerhalb kürzester Zeit zum beschwingten Mitgrooven zu bewegen.
Konzertanter Höhepunkt an diesem Abend war die herzergreifende Blues-Ballade „You Were Never Mine“, im Original auf dem 1997er-Album „One Of The Fortunate Few“ zu finden:

2013 hat Delbert McClinton zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten Glen Clark das altersmilde Album „Blind, Crippled And Crazy“ beim Americana-Indie-Label New West Records veröffentlicht, aktuell ist Anfang diesen Jahres sein Longplayer „Prick Of The Litter“ mit seiner neuen Band Self-Made Men erschienen, still going strong mit 76 Lebensjahren auf dem Buckel…

Reingehört (339): Bill Orcutt

Bill Orcutt – Bill Orcutt (2017, Palilalia Records)

Faszinierender Mann aus der weiten Welt der experimentellen Improvisation mit sehr starkem Stoff: Bill Orcutt hat in den Siebzigern Blues-Legende Muddy Waters im „Last Waltz“-Film von Scorsese gesehen und daraus die Inspiration zum Erlernen des Gitarrenspiels mitgenommen, in den frühen Neunzigern gründete er in Florida zusammen mit seiner Frau Adris Hoyos die Noiserock-Combo Harry Pussy, mit atonalem Seitenanschlag und Themen über Sex und Gewalt spielte die Band eine Hand voll Alben im Spannungsfeld von No Wave, ruppigem Hardcore-Punk und jazzigen Atonal-Zumutungen ein und tourte mit Bands wie Sonic Youth und Sebadoh durch die Staaten. 1997 trennte sich Band und Ehepaar, Orcutt siedelte von der Ost- an die Westküste gen Kalifornien und nahm eine lange Auszeit von der Musik. 2009 kehrte er solistisch mit dem hochspannenden wie extrem Aufmerksamkeit fordernden Instrumental-Akustikgitarren-Werk „A New Way To Pay Old Debts“ zurück, das seinen Ruf als exzellenten Klang-Improvisateur begründete. Neben seinen Solo-Arbeiten und Konzerten hat Orcutt in den vergangenen Jahren mit Größen der experimentellen Musik wie Peter Brötzmann und Sir Richard Bishop zusammengearbeitet.
Mit dem aktuellen, selbstbetitelten 2017er-Album wechselt Bill Orcutt erstmals zur elektrischen Gitarre und wendet sich dem Blues zu, einer roh entworfenen Instrumental-Spielart zwischen erkennbaren Strukturen und Drone-artiger Abstraktion, ein Paradoxon von gleichzeitiger Tonalität und atonalem Ausbruch bedienend. Die fingerfertig vorgetragenen zehn Titel stimulieren im unbehandelten Zustand die atmosphärische Gefangennahme durch Hall und dezenten Feedback-Einsatz, eine geradezu in Space-Sphären erhebende Klangreise zwischen latent meditativer Ambient-Kontemplation und heftigen Gitarren-Riff-Ausbrüchen, die Bilder von kargen amerikanischen Wüsten und Valleys gleichsam heraufbeschwören wie das nahende, finstere Donner-Grollen eines sich in Bälde entladenden Sommergewitters in Luftfeuchtigkeit-durchtränkter Witterung. Hinter jeder Sturm-geprüften Scheune lauert die nächste Überraschung, ob es immer eine Stimmungs-aufhellende ist, ist alles andere als sicher, eine extrem fesselnde wird es in jedem Fall sein. Desert-Blues mit unvorhersehbaren Widerhaken in improvisatorischer Perfektion, zwischen strahlender Schönheit und düsterer Nachtmahr.
(***** – ***** ½)

Bill Orcutt ⇒ Live-Mitschnitte @ nyctaper.com + archive.org.

Soundtrack des Tages (175): Black-Eyed Snakes

Hope you find your way to heaven cause I found my way out of hell. Noch immer völlig geplättet vom Raut-Oak. Oder: Ois is Blues, wie der gute alte Isar-Indianer immer zu sagen pflegt.
Die großartigen Black-Eyed Snakes sowieso. Enjoy!