Blues

Raut-Oak Fest 2019 @ Riegsee, 2019-06-28

„Wenn einem soviel Gutes wird beschert, ist das einen Asbach Uralt wert“ hieß es in längst vergangenen Zeiten in der TV-Werbung zur Anpreisung eines Weinbrand-Gesöffs, dabei wäre es aufgrund der subtropischen Temperaturen ein nahezu tödlicher Fehler gewesen, die dreitägigen Raut-Oak-Festspiele über Gebühr mit Hochprozentigem zu feiern: Organisator Christian Steidl wie seine Helfer und die Besucher-Schar des lange herbeigesehnten, seit Wochen ausverkauften Festivals am Riegsee bei Murnau durften sich nach etlichen verregneten und von Hagelstürmen schwer geprüften Veranstaltungen in den Vorjahren über exzellentes Hochsommer-Wetter freuen – optimale Bedingungen für die handverlesene Open-Air-Präsentation einer imposanten Auswahl an internationalen Top-Acts aus dem weiten Feld des Raw Underground Blues, Heavy Trash, Psychedelic-Rock, Garagen-Punk und artverwandter Spielarten am vergangenen Wochenende vor herrlicher Berg-Kulisse im oberbayerischen Alpenvorland.
Die Reisestrapazen zur zeitgleich stattfindenden Europa-Ausgabe des Muddy Roots Festivals im fernen belgischen Oostkamp konnte man sich auch heuer getrost sparen, das wesentlich stringenter, konzeptionell stimmiger und schlicht besser besetzte Line-Up zum Thema fand sich zum wiederholten Male vor heimischer Haustür im Blauen Land. Am Hügel auf der grünen Wiese unter der Eiche in Sichtnähe zu Herzogstand, Heimgarten und Zugspitze dürften nach den drei Tagen konzertanter Intensiv-Bedienung keine Wünsche mehr offen geblieben sein.

Bereits in die Vollen ging es mit dem ersten Auftritt, den flotten Reigen eröffneten am Freitag Nachmittag The Yawpers aus Denver/Colorado mit einem schmissigen Set, der das Festival-Publikum sofort auf den Raut-Oak-Modus einstellte und die grobe Marschrichtung für die kommenden drei Konzert-Tage vorgab. Beherzter, angerauter Rock ’n‘ Roll der alten Schule, beseelte, grobe Blues-Heuler, Reminiszenzen an den alternativen Country-Rock wie den tiefen Herzschmerz des Sixties-Deep-Soul, angelegentlich mit einem funky Unterton präsentiert, damit konnte die Band nicht fehlgehen zum sofortigen Hochfahren des Stimmungspegels beim bereits anwesenden ROF-Volk. Wo das Trio auf ihren Tonträgern wie dem jüngst bei Blooodshot Records veröffentlichten Werk „Human Question“ instrumental weitaus differenzierter unterwegs ist, damit die ein oder andere Kante ihrer geerdeten Americana-Interpretationen abschleift und von den gröbsten Splittern und Widerhaken befreit, reduziert die Band ihren Live-Sound mittels zweier Gitarren und einem Drum-Set auf die wesentlichen Elemente im rohen, unbehandelten Anschlag und konterkariert damit ihre seltsam intellektuell verbrämten Texte mit thematischen Exkursionen zu „German Realpolitik“ und Sigmund Freud.
Frontmann Nate Cook brillierte in seinen Rollen zwischen manischem Blues-Preacher und Liebeslieder-singendem Herz-Schmerz-Crooner, und spätestens daran war festzumachen, dass The Yawpers als erste Band und damit Anheizer bei noch geringem Besuch des Freiluft-Auditoriums eigentlich fast verschenkt waren, aber irgendwer muss die Nummer anstoßen, und für die Band wartete bereits the open road zwecks weiterer anstehender Gigs ihrer Europa-Tour in den kommenden Tagen. Ein Festival-Kick-off, wie er nicht schöner erhofft werden kann.

Das Raut-Oak-Fest ist mittlerweile bekannt dafür, dass es nicht alljährlich komplett die Besetzungsliste der auftretenden Musikanten durchwechselt, und so standen mit Christian Berghoff und Sebastian Haas vom saarländischen Duo Pretty Ligthning zwei alte Bekannte auf der Bühne, die bereits im Vorjahr das Freitags-Programm vor dem großen, stundenlangen Hagel-Sturm eröffneten. Die hypnotischen Beschwörungen der beiden Psychedelic-Experten vermochten im aktuellen ROF-Reigen – anders als vor zwölf Monden – den Wettergott und seine bösen Unwetter-Geister vom Austragungsort fernzuhalten, das Pantheon wie das Volk auf der Wiese lauschte entrückt der massiv einwirkenden, Hall-verwehten und durch den Verzerrer gejagten Gitarren-Psychedelia, dem Trance-artigen Desert-Drone-Flow und dem stoisch vorwärts drängenden Monoton-Drive der Drums, die atmosphärisch auch weitaus stimmiger zu verwirrenden Halluzinationen und gespenstischen Trugbildern in schweißtreibender, flirrender Prärie-Hitze als zu einem durchnässten Festival-Gelände passten. In andere Sphären einladender Sound-Trip, irgendwo zwischen den scharfen Klingen riesiger Wüsten-Kakteen und dem ausgedehnten Orbit im Outer Space schwebend.

The Dee Vees aus Manchester sind kurzfristig für ihre unpässlichen britischen Landsmänner von Demob Happy eingesprungen, was immer die ursprünglich angedachte Kapelle an Live-Entertainment aufzubieten hätte, es müsste ein gewichtiges Pfund sein, um mit dem Auftritt des Ersatz-Quartetts mitzuhalten. Opulenter Trash-Rock’n’Roll und finsterer Blues-Punk, wie ihn die Hörerschaft der Birthday Party, der Cramps und der Blues Explosion von Jon Spencer seit jeher zu schätzen wissen – laut scheppernd, roh und morbide, der wahre Stoff aus der dreckigen Blues-Punk-Garage als Soundtrack für den B-Horror-Streifen mit dem mordenden Psychopathen und das illusionslose Versumpfen am angeranzten Tresen der verschütteten Schnäpse und zahllos weggerauchten Kippen. Vorgetragen von einer vehement abrockenden Combo mit manischem, schwer zum Extrovertierten und damit zur großen Unterhaltungskunst neigenden Frontmann. Man kann es auch einfacher auf den Punkt bringen: dem Mann ging die eigene Reputation und die Contenance am Allerwertesten vorbei, er hat einfach die Sau raus gelassen und damit ein erstes, dickes Ausrufezeichen an Festival-Highlight in die Landschaft gestellt. Gitarrist/Sänger David Brennan aka DB sollte am folgenden Samstag in Sachen Bühnenpräsenz mit seiner anderen Combo namens Bones Shake – kaum vorstellbar, aber tatsächlich so geschehen – dahingehend noch eine gehörige Ladung drauflegen, dazu später mehr.

Den Heavy-Stoner-Blues von 20 Watt Tombstone gab’s bereits tags zuvor im trauten Heim von Mark Icedigger in den Suburbs von Rosenheim zum mentalen Einschwingen in die Raut-Oak-Welt, mit einem indisponierten, maulfaulen und hinsichtlich Zugaben-Block höchst unwilligen Gitarristen Tom Jordan, vom zahlreich erschienenen Publikum durchaus missbilligend zur Kenntnis genommen. 55 Minuten für einen gut bezahlten Haus-Gig inklusive exzellenter Verpflegung und Herberge für die Musiker waren schlicht und einfach zu wenig. Umso erstaunlicher, wie die Band und speziell der schwergewichtige Frontmann bei entsprechend größerer Zuhörerschaft und großartig abgemischtem Equipment zum lauteren Lärmen kaum 24 Stunden später aufblühte und zu Hochform auflief, im beseelten Spielwitz wie in der angeregten Kommunikation mit dem versammelten Auditorium vor der Bühne. Die große bayerische Volksschauspielerin Ida Schumacher drängt sich da förmlich auf mit einem Zitat, in schöner Analogie zu den Münchner Markt-Preisen für Eier und der Lege-Bereitschaft der liefernden Hühner im Winter in den fünfziger Jahren: „Mit 21 Pfennig, da ist es ihnen zu kalt, und mit 26, da leint ihnen der Hintern wieder auf“.
Den Klassiker „Killing Floor“ aus der Feder des großen Chester Burnett, jeweils eine Fremd-Komposition von Kyuss und den mit der Band befreundeten Left Lane Cruiser, der massige Rest der eigene Heavy Shit from Grunge to Blues and back out of Wasau/Wisconsin, laut und mit Rasiermesser-scharfen Slide-Riffs der Hörerschaft vehement um die Ohren geblasen – bis auf das exzessive, enervierende Handy-Gefilme des Tour-Managers auf der Bühne für sich besehen keine größeren Beanstandungen zum Raut-Oak-Gig des Rauschebart-Duos, im Kontext der aufeinander folgenden oberbayerischen Gigs von allen Besucher_Innen beider Veranstaltungen indes gebührend kritisch gewürdigt und eingeordnet.

Alte Bekannte in der Raut-Oak-Historie auch mit Freight Train Rabbit Killer am Abend zu bester Konzert-Stunde und etwas entspannteren Außentemperaturen, was der rituellen Tanzwut und den beschwörenden Gesten der verkleideten Hasen-Fans vor der Bühne nur förderlich war. Kris „Freight Train“ Bruders und Mark „Rabbit Killer“ Smeltzer aus Kansas City ignorierten wie im Vorjahr an selber Stelle das Vermummungsverbot und zelebrierten ihren Burka-Blues mit hart angeschlagenen Stahl-Saiten im Flusse stoischer Monotonie. Der Schamane vom Hügel und sein Outlaw-Kompagnon prangerten als verstaubte und abgehalfterte Reiter der drohenden Apokalypse und Rufer in der unwirtlichen Wüste die menschlichen Verfehlungen und seelischen Abgründe an: Southern Gothic im Roh/Ur-Zustand, Doom Blues im sinister dräuenden Trance-Flow, „Pictures From Life’s Other Side“, wie unser liebster Möbelpacker Johnny Dowd unheilvoll anmerken würde. Religiös verbrämte, ewige aktuelle Blues-Gospel, Moritaten vom Totschlag, von der Rache und vom Suff, dazu ergreifende Beschwörungen des Satans, der heimkommen soll ins Königreich der Engel, um diesem irdischen Elend endlich ein Ende zu bereiten.
Bei Bands vom Kaliber der Freight Train Rabbit Killer darf sich Veranstalter Christian Steidl mit dem Engagement wie ein notorisch in unendlicher Repetitiv-Schleife gegriffener Blues-Riff gerne und oft wiederholen, die „Band that will play the party after the world ends“ hat auch dieses Mal die Feierlichkeiten trotz schwerem und morbidem Inhalts-Stoff geschmissen, bevor aller Tage Abend war und das letzte Stoßgebet gefleht…

Den Hauptact des Freitag-Abend mit 70 Minuten „Destruction & Melody“-Vollbedienung plus zugestandener Zugaben in Abweichung vom Plan lieferten die beiden Ladies vom kanadischen Power-Duo The Pack A. D. aus Vancouver, auch sie keine Unbekannten am Riegsee für altgediente Festival-Gänger. Becky Black und Maya Miller eilt im Falle sich einstellender Spiel-Laune und entsprechender Motivation der Ruf einer exzellenten Live-Band voraus, und dem wurden die beiden jungen Musikerinnen zu fortgeschrittener Stunde bei ihrem jüngsten Gastspiel im Alpen-Vorland auch umfänglich gerecht. Der satt abgemischte Sound tat das Seine zum vehementen Gig, zu dem die Band neben einer Auswahl vom aktuellsten Album „Dollhouse“ auch aus dem reichhaltigen Fundus älterer Aufnahmen schöpfte. One of „Canada’s must-see bands“ untermauerte eindrücklich, dass Indie im Jahr 2019 noch uneingeschränkt Spaß machen kann. Sängerin/Gitarristin Becky Black legte die ganze emotionale Bandbreite ihrer fordernden wie schmeichelnden Sirenen-Gesänge in das von Trommlerin May Miller stramm wie humorig begleitete Gewerk aus polterndem Garagen-Blues, direkt zupackendem Punk-Trash, verspielten Psychedelic-Einwürfen und großen Ramones-Pop. Exzellentes Entertainment aus krachigem Lärm und melodischen Harmonien kann so einfach wie effektiv sein und sich damit völlig unkompliziert zu einem herausragenden Konzert auswachsen. Der guten Stimmung bei Band wie Publikum tat selbst die Nummer mit dem Strohhut keinen Abbruch: wäre man nicht der völligen Verblödung anheim gefallen, hätte man bereits beim ersten Versuch zur Kenntnis nehmen können, dass Gitarristin Becky keinen gesteigerten Wert auf das Tragen dieser Läusefalle hatte, aber Penetranz ist ein ausgeprägter und weithin verbreiteter Charakterzug so mancher Idioten, und bei einem ausverkauften, mit wesentlich mehr Zuschauer-Zulauf als in der Vergangenheit bedachten Festival kann es wohl zwangsläufig nicht ausbleiben, dass sich ein paar Deppen auf dem Gelände und speziell vor der Bühne tummeln. Anyway, großer Auftritt von The Pack A. D. – und damit eine hoch gelegte Messlatte für den finalen Gig des Abends.

Den ersten, rundum gelungenen Festival-Tag des ROF 2019 beschloss das neuseeländische Duo Earth Tongue. Sängerin/Gitarristin Gussie Larkin ist mit diesem Nebenprojekt wie mit ihrer Stammformation Mermaidens in jüngster Vergangenheit auf Initiative von KiwiMusic-Veranstalter Christian Strätz, den Machern des Maj Musical Monday und nicht zuletzt KAP37-Organisator Christian Solleder zu diversen Gelegenheiten im Münchner Konzert-Betrieb in Erscheinung getreten, was unter anderem zur prompten, für das gängige Linup untypischen Verpflichtung von Earth Tongue zum diesjährigen Raut Oak führte. Gussie Larkin und Trommler Ezra Simons schwangen sich mit dem Material des wenige Tage zuvor erschienenen, brandaktuellen Tonträgers „Floating Being“ kurz nach Mitternacht in neopsychedelische Indie-Space-Höhen auf, in unvermittelten Tempi-Wechseln, mit progressiver Wucht und im weiteren Verlauf mit einer aufgrund der verhaltenen wie verspielten Eröffnung von vielen nicht erwarteten, schweren Doom- und Stoner-Härte, die Gitarristin Larkin mit brachialen, vibrierenden Metal-Riffs auskleidete und vom jugendlichen Drummer Simons als vollmundigen Black/Sludge-Brüller auf die Spitze getrieben wurde.
Earth Tongue bereicherten das Festival nicht unwesentlich mit ihrer dröhnenden, stilistisch breit aufgestellten Spielart des Indie/Trance/Progressive-Crossover, mit einem Genre-übergreifenden Ausbruch, der durch leiernde Klage-Gesänge, brachiale Attacken wie Melodien-verliebtes Driften im Hypnose-Flow eine eigene Note im Blues- und Trash-dominierten Raw Underground Setup des weltbesten aller Open Air Festivals setzte.

ROF 2019 / Day 2 – coming soon…

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20 Watt Tombstone @ Mark Icediggers Home, Out Of Rosenheim, 2019-06-26

If the White Stripes, the Black Keys, and Left Lane Cruiser had an illegitimate love child with Lemmy while Hunter S. Thompson documented the whole torrid thing… you might get 20 Watt Tombstone.

Tom Jordan & Mitch Du’Quan Ostrowski aka Grand Master Oh To The Zee & Yellin‘ Reverend Meantooth rocked the house: Der Rosenheimer Konzert-Veranstalter Mark Icedigger bat am vergangenen Mittwochabend in die eigene Heimstatt zur Privat-Show des Heavy-Blues-Duos 20 Watt Tombstone aus Wasau/Wisconsin, zwecks gebotenem Einschwingen und mentalem Hochfahren auf Betriebstemperatur zum ab heute nachmittag anstehenden Raut-Oak-Fest wurde die Einladung vom handverlesenen Publikum mit Kusshand angenommen.
Einheizen musste an diesem brütend heißen Sommertag allerdings niemand mehr, bei abendlichen Außentemperaturen um die 30 Grad Celsius bot auch das ehemalige Wohnzimmer der Icedigger-Oma als Hauskonzert-Bühne keine wesentliche Abkühlung, zumal die beiden Musikanten mit ihrem brodelnden Gewerk nichts zur Entschärfung der klimatischen Situation beitrugen.
20 Watt Tombstone sind der geneigten Hörerschaft spätestens seit ihrer exzellenten „Death Blues vs. The Dirty Spliff“-Split-EP bekannt, die sie 2016 zusammen mit den beiden geistesverwandten Trailerpark-Trashern von Left Lane Cruiser veröffentlichten, und damit war die Marschrichtung der konzertanten Beschallung für die Veranstaltung im Groben abgesteckt: Hart angeschlagene Blues-Riffs, von Gitarrist Jordan mit Bottleneck-Slide scharf angerissen und Fuzz-dröhnend durch die Lautsprecher gepresst, vom plattgewalzten Pfad der reinen Bluesrock-Lehre wahlweise nach links und rechts ausscherend, mit vollem Einsatz hinein in zentnerschwere Stoner-Breitseiten, in zäh geronnene Noise- und Black-Metal-Zitate und schwungvolle Boogie-Moves, ein berstender, lärmender Kessel unter Hochdruck, vom Trommler Ostrowski stramm nach vorne gegroovt. Massiv eingekochter, dickflüssiger Hardblues mit der brachialen Schwere des Doom Metal und der zornigen Energie der amerikanischen DIY-Punk-Szene, unverstellt, unbehandelt und direkt auf den Rüssel geknallt, the real stuff aus den Tiefen des Raw Underground und des Deep Blues, schmutzig und mit abgeschrammten Kanten – wie das pralle Leben selbst: in den Songtexten kurze und prägnante Geschichten über hochprozentige Drinks, verschlampte Weiber und die Trottel und fiesen Arschgeigen aus dem näheren und weiteren Umfeld. American heavy trash at its best.
Wo die seit einem halben Jahrhundert abrockenden Jubilare von ZZ Top ihre Seele längst an den Kommerz, die Mainstream-Chart-Platzierungen und einen politischen Deppen wie den republikanischen US-Ex-Präsidenten George Walker Bush verkauft haben, geben 20 Watt Tombstone in rudimentärer Besetzung und mit einfachsten Mitteln den wahren Jakob für die Freunde der lauten und dreckigen, Blues-lastigen Gitarre, und selbst in Sachen Bart-Tracht müssen die Kameraden aus dem Mittleren Westen vor Billy Gibbons und seiner Texas-Bagage nicht zurückstecken.
Zu bedauern gab es am Mittwoch nur den Umstand, dass nach einer überschaubaren Handvoll an energischen Eigenkompositionen und einer nicht weniger intensiven wie beinharten Coverversion des Howlin-Wolf-Klassikers „Killing Floor“ bereits wieder Schluss war – zu einem Zeitpunkt, zu dem das Publikum unter den subtropischen Gegebenheiten den Blues in seiner erdrückenden, sumpfigen Südstaaten-Spielart genoss und auf weiteres Schwitzen und Biertrinken mit entsprechender Beschallung eingestellt war, beendete die Band das viel zu kurze Set, der schwergewichtige Gitarrist Tom Jordan war aufgrund seiner angeschlagenen Verfassung nach einer kürzlich überstandenen Gallenblasen-OP zu keiner einzigen weiteren Zugabe zu bewegen – die Auswirkungen der üppigen Ernährung der Amis und das marode Gesundheitswesen dieser großartigen Nation strahlten an dem Abend bis in die Suburbs von Rosenheim aus, ein Hoch auf die Globalisierung! Als verdiente Strafaktion für mangelnde Leistungsbereitschaft und Ausgleich zum exzessiven Burger- und Meatball-Genuss kündigte Veranstalter Icedigger reduzierte, spartanische Schonkost in Form von Kamillentee und einer Scheibe Knäckebrot zum kommenden Frühstück an, hoffentlich hat er seinen Worten Taten folgen lassen…

Den Nachschlag zum zeitlich etwas knapp bemessenen Haus-Gig von 20 Watt Tombstone gibt es bereits heute zu bester Show-Time gegen 20.00 Uhr beim bereits ausverkauften Raut-Oak Fest am Riegsee: wer Glück (und ein Ticket) hat, kommt, sagt Martina Schwarzmann, und für Gitarrist Jordan heißt es am Riemen reißen, Arschbacken zusammengepresst und durch, die Konkurrenz ist groß, und wer ROF-Geschichte schreiben will, muss liefern. Man sieht sich immer zweimal im Leben, so in ein paar Stunden vor großartiger Murnauer Berg-Kulisse im Blauen Land.

Soul Family Tree (60): Dr. John

Walk On Gilded Splinters. Risen from swamps, cloaked in mists and mutterings, Doctor John had voodoo eyes that chilled the soul and spells of utmost potency. Bones rattled, cauldrons gurgled, lost souls groaned below – write him a bad review, and he might turn you into a toad.
(Guy Peellaert / Nik Cohn, Rock Dreams)

Hardboiled-Großmeister James Ellroy greift das altbekannte Dr-Jekyll/Mr-Hyde-Thema in seinem Krimi „Because The Night“ auf und lässt den Psychiater John Havilland als Horrorwesen Dr. John The Night Tripper das nächtliche Los Angeles unsicher machen – einem Dieb, der andere Diebe beklaut, wird tausendfach vergeben, wie ein arabisches Sprichwort sagt: Den „Night Tripper“ hat Ellroy beim New-Orleans-Musiker Malcolm John Rebennack Jr. entlehnt, welcher seinen Bühnennamen Dr. John seinerseits in den späten Sechzigern selbst bei einem senegalesischen Prinzen abkupferte, der aus Haiti kommend in der Bayou Road seiner Heimatstadt als spiritueller Voodoo-Heiler auftrat und dort mit Unterstützung seiner 15 Ehefrauen, 50 Kinder, zahlreicher Schlangen, Echsen und menschlicher Schädel den afrikanischen Talisman „Gris-gris“ als Schutz vor bösen Mächten feil bot. Der Einfluss des Medizinmanns Dr. John Creaux The Night Tripper auf John Rebennack, der sich in seinen jungen Jahren ausgiebig mit den Voodoo-Traditionen Louisianas beschäftigte, war offensichtlich so groß, dass er neben dem Namen-Klau auch sein Debüt-Album nach dem magischen Amulett benannte. Hat alles nichts genützt, in the long run, in dem wir bekanntlich alle tot sind, irgendein böser Blick hat die Swamp-Blues-Legende Dr. John am Donnerstag vergangener Woche gesteift und durch einen Herzinfarkt gefällt, im Alter von 77 Jahren ist der Night Tripper in die unergründlichen Sumpflandschaften der ewigen Bayous eingegangen. Die heutige Black-Friday-Ausgabe widmet sich in ausgewählten Schlaglichtern seiner umfangreichen Karriere als Solist und Studio-Musiker.

Zum Einstieg die Schluss-Nummer „I Walk On Guilded Splinters“ des grandiosen Debüt-Albums „Gris-Gris“ von Dr. John aus dem Jahr 1968. Die scharfwürzige, schwerst psychedelisch und geheimnisvoll lichternde Mixtur aus Swamp-Rock, New-Orleans-R&B und Zydeco verkaufte sich bei Erscheinen lausig, Atlantic-Chef Ahmed Ertegun roch den Braten bereits vorab, er wird mit den Worten „How can we market this boogaloo crap?“ zitiert. Der Jahrzehnte später wiederveröffentlichte Tonträger wurde seinerzeit von den Kritikern weitaus wohlwollender aufgenommen, siehe etwa einen höchst respektablen Platz 143 in der Rolling-Stone-Liste „500 Greatest Albums Of All Time“ (wenn auch noch nicht alle Zeiten vorbei sind, sprich aller Tage Abend und so…)

In diesem Must-Hear-Kanon des Fachmagazins Rolling Stone landete auch das 1972er-Album „Dr. John’s Gumbo“, ein Blues- und Boogie-Klassiker, auf dem Dr. John in einer Auswahl an Cover-Versionen der musikalischen R&B-Tradition seiner Heimatstadt New Orleans huldigte. In dieser Zeit begann er auch, sich zeitweise von seiner theatralischen, von bunten Karnevals-Kostümen und Voodoo-Ritualen geprägten Bühnenshow zu verabschieden. Das Album enthält unter anderem eine exzellente Version des tausendfach gecoverten Mardi-Gras-Standards „Iko Iko“ der Dixie Cups und eine Version der Blues-Nummer „Let The Good Times Roll“, im Original von Earl King.

Im folgenden Jahr platzierte Dr. John mit der funky R&B-Nummer „Right Place, Wrong Time“ einen Top-Ten-Hit in den US-amerikanischen und kanadischen Charts, die Singles-Auskopplung eröffnet das von Allen Toussaint produzierte und von den Meters begleitete Album „In The Right Place“, auf dem sich auch „Such A Night“ findet, dass Dr. John live beim All-Star-Aufgalopp zum „Last Waltz“-Konzert von The Band zum Besten gab, wie auch der Song „Cold Cold Cold“, später von Little Feat adaptiert.

Die folgenden Jahrzehnte waren für Dr. John von vielen Ups und Downs geprägt, einem bis Ende der Achtziger ausgetragenen Kampf gegen seine Heroin-Sucht und Phasen ohne Plattenvertrag im einen Extrem, insgesamt sechs Grammy Awards und ein Ehren-Doktor-Titel der Tulane University auf der anderen Seite, daneben die Veröffentlichung zahlloser Studio- und Live-Aufnahmen, deren einzelne Aufzählung den Rahmen dieses Beitrag bei weitem sprengen würde. Explizit erwähnenswert sind mindestens die Solo-Piano-Aufnahmen „Dr. John Plays Mac Rebennack“ Anfang der Achtziger, das Warner-Brothers-Album „Goin‘ Back To New Orleans“ (1992) mit der Interpretation zahlreicher New-Orleans-Standards aus der Feder von Jelly Roll Morton, Professor Longhair oder Fats Domino, der Blue-Note-Longplayer „N’Awlinz: Dis Dat Or d’Udda“ aus dem Jahr 2004 als weiterer Tribute an seine Heimatstadt oder die 2010er-Aufnahmen „Tribal“, zu denen Dr. John in Reminiszenz an seine Frühphase im konzertanten Vortrag die Night-Tripper-Kluft wieder aus der Mottenkiste holte und die dunklen, gespenstischen, psychedelischen Elemente der ersten Alben in seinen ureigenen Blues-, Jazz- und Funk-Spielarten reanimierte. Einen ersten, guten Überblick über das unermessliche Schaffen der einflussreichen New-Orleans-Legende gibt der Rhino-Sampler „Mos‘ Scocious: The Dr. John Anthology“, die den Musiker als Traditions-Bewahrer wie Neuerer der zahlreichen stilistischen Ausprägungen des ureigenen Südstaaten-Swampland-Sounds von Cajun über Jazz und Blues bis Boogie porträtiert, als personifiziertes Gumbo des kulturellen und ethnischen Schmelztiegels seiner Heimatstadt.

Besondere Erwähnung verdient auch dieses gelungene Tribute: Zum Anlass des hundertsten Geburtstags von Duke Ellington veröffentlichte Dr. John 1999 „Duke Elegant“, unter dem Motto „The Doc meets The Duke“ hauchte Mac Rebennack den gut abgehangenen Standards des legendären Jazz-Bandleaders herrlich beschwingt neues Leben ein – ein rundum gelungenes Exemplar aus der Abteilung „Großer Künstler verbeugt sich vor dem Werk eines anderen Giganten“.

Dr. Johns Beiträge als Studio- und Session-Musiker für andere Kollegen sind wie der eigene Output in seiner mehr als ein halbes Jahrhundert umspannenden Karriere als Solist nahezu unüberschaubar. Bereits mit 13 Jahren traf er den Blues-Musiker Professor Longhair, mit dem er künftig auftrat und der ihn damit in seiner musikalischen Entwicklung maßgeblich beeinflusste. Nach einem zweijährigen Gefängnisaufenthalt Mitte der Sechziger – die üblichen Drogen- und Zuhälter-Geschichten – siedelte Rebennack für mehrere Jahre nach Los Angeles über und wurde Mitglied der „Wrecking Crew“, einem Kollektiv von Session-Musikern, die auch als Hausband für Phil Spector und seine Wall-Of-Sound-Produktionen fungierte. Zu der Zeit war er unter anderem an den Aufnahmen diverser Canned-Heat-Klassiker und des ersten Zappa/Mothers-Albums „Freak Out!“ beteiligt. 1972 mischte er beim Stones-Meilenstein „Exile On Main St.“ mit, in den folgenden Jahrzehnten steuerte er seine Sanges- und Piano-Parts für Alben und Auftritte von Van Morrison, Levon Helm, Ringo Starr, Johnny Winter, Gregg Allman wie zahllosen anderen Musikern und Bands bei.
Hierzu exemplarisch die Nummer „Who Shot The La-La“ vom Willy-DeVille-Longplayer „Victory Mixture“ aus dem Jahr 1990, die New Yorker Lower-East-Side-Legende hatte es einige Jahre zuvor nach New Orleans in das French Quarter als neue Heimat verschlagen, das Album nahm er vor Ort authentisch ohne technisches Overdub-Brimborium als Verbeugung vor der lokalen Szene mit Hilfe von örtlichen Größen wie Allen Toussaint oder eben Dr. John unter deren maßgeblichem stilistischen Einfluss auf. Der Tonträger inklusive einer exzellenten Promotion-Tour, die Willy DeVille mit seiner Band seinerzeit unter anderem auch nach München für ein umjubeltes Konzert in die Theaterfabrik führte, war seiner Reputation als herausragender Blues- und Soul-Crooner keinesfalls abträglich.

Das Schlusswort gebührt dem Good Doctor selbst, mit einem fünfzig-minütigen Live-Mitschnitt vom Newport Jazz Festival aus dem Jahr 2006: