Bob Dylan

Reingehört (528): Ratso

Als ich mich umsah und die Statue der Jungfrau Maria erblickte, den Eisbärkopf, die zehntausend Bücher über Jesus, Hitler und Bob Dylan, die Fotos von Ratso, wie er Richard Nixon die Hand schüttelt und mit Bob Dylan posiert (mit Jesus und Hitler war leider keins dabei), die beiden riesigen Fernsehbildschirme, die geräuschlos und gleichzeitig ein Eishockeyspiel und einen Porno zeigten, da tröstete mich das Wissen: Es führt kein Weg zurück.
(Kinky Friedman, God Bless John Wayne)

Ratso – Stubborn Heart (2019, Lucky Number / Rough Trade)

Schuster, bleib bei deinen Leisten: Der Mann trat bis dato als (Co-)Autor diverser Biografien über Gestalten wie Mike Tyson, Howard Stern, Anthony Kiedis oder Abbie Hofmann und mit einer intimen Reportage über Bob Dylans Rolling Thunder Revue in Erscheinung, bei Freunden der humorigen Spannungsliteratur ist er als einer der zentralen, halb-fiktionalen Serien-Helden in den New-York-Krimis des „Texas Jewboy“ Kinky Friedman bekannt: Larry „Ratso“ Sloman, 1950 in Queens geboren und aufgewachsen und irgendwo in der näheren NYC-Nachbarschaft auch immer noch ansässig, nach Aussagen des Kinksters ausgewiesener Experte und Besitzer unzähliger Biografien zu den Superstars Jesus, Hitler und LNP-Bob – und der Mann, der als Friedmans „Doc Watson“ kaum etwas zu den Ermittlungsergebnissen und nichts zu den Restaurant- und Kneipen-Rechnungen beiträgt, für die Fans und den Kinkster als Sidekick wie Steven Rambam, Dylan Ferrero und Mike McGovern in seinen Romanen trotz allem unersetzlich, simply just for being Ratso.
Dabei hätte es der gute Mann bewenden lassen und seinen Kult-Status und die Drinks in den New Yorker Bars bis ans Ende seiner Tage genießen können, aber da Alter bekanntlich nicht vor Torheit schützt, muss die Musik-Welt jetzt mit dem Ratso-Tonträger-Debüt zurechtkommen. Wäre wirklich nicht nötig gewesen – wäre, wäre, Fahrradkette, wie der große Fußball-Philosoph Lothar M. zu sagen pflegt, aber jetzt ist das Kind nun mal im Brunnen.
Sloman sprecht-singt sich auf „Stubborn Heart“ durch ein Sammelsurium aus simpel gestrickten Indie-Pop-Songs für die Chill-Out-Zone, mit einem Sanges-Talent gesegnet, das dahingehend limitierte Burschen wie Leonard Cohen oder Lou Reed nachgerade als hochtalentierte Chorknaben erscheinen lässt, alles recht unspektakulär, ohne Schmerzen und intellektuelle Überforderung ins Ohr gehend, aber eben auch im nächsten Moment schon wieder vergessen.
Der Opener „I Want Everything“ hat ungefähr den Duktus und das Niveau von Friedrich Liechtensteins „Supergeil“-Commercial für die Lebensmittel-Kette Edeka, wer hofft, danach wird’s zusehends besser, hofft vergebens. Ein Duett-Partner wie Nick Cave mit seinem wie stets ergreifenden Gegrummel in „Our Lady Of Light“ oder zu Gelegenheiten die verehrte Shilpa Ray am Harmonium als prominent Involvierte vermögen das Ruder nicht herumzureißen. „Dying On The Vine“ und „Caribbean Sunset“, beide vom großen John Cale Mitte der Achtziger veröffentlicht, beraubt Sloman jeglicher Dramatik der Originale in seinem Belanglos-Geplätscher, leider darf er das, für beide Nummern hat er seinerzeit die Texte geschrieben. Der „Blonde On Blonde“-Klassiker „Sad Eyed Lady Of The Lowlands“ zum Ende funktioniert immerhin passabel, der nölende Zimmerman-Bob war selbst nie der große Gesangsstar, insofern muss man bei der Darbietung des Songs keine allzu großen Abstriche machen, es gilt nur die Original-Länge von über 11 Minuten auszuhalten.
„Stubborn Heart“ taugt vielleicht für Dylan-, Cale- und Kinkster-Komplettisten, die in der Absonderlichkeiten-Abteilung ihres Plattenschranks nicht schon genug Sondermüll rumgammeln haben, der große Rest der Menschheit neigt sich hoffentlich erbaulicheren Ergüssen aus anderen Quellen zu. Da hätte der alte Doc Watson Sloman mal seinen Kinkster-Sherlock fragen sollen, wie man ein würdiges Alterswerk hinbekommt, der hat das in den letzten Jahren mit exzellenten Country-Scheiben immer wieder mal mehr als ordentlich auf die Reihe gekriegt…
(** ½)

Reingehört (333): Here Lies Man, Blind Mess, Willie Nile

Here Lies Man – Here Lies Man (2017, Riding Easy)

Psychedelic-Trance, Afro-Beat und Elektro-Funk sind die stramm groovenden Zutaten des Debüts von Here Lies Man, einem Nebenprojekt von Marcus J. Garcia, der hauptamtlich als Sänger und Gitarrist beim Brooklyn-Afrobeat-Kollektiv Antibalas engagiert ist.
Schwere 70er-Prog-Gitarren, hart zupackender Stoner-Rock und Garagen-taugliche Fuzz-Gitarren bilden den Körper, den Weltraumorgel-artiger Keyboard-Space und schwer vor sich her treibender Bass/Drum-Beat im repetitiven Flow zum hypnotischen Zappeln bringen. Mosh Pit trifft Club-Groove. Over the top gelungenes Crossover in Anlehnung an Funkadelic, Parliament, Fela Kuti, Goat, The Budos Band. Muss man nicht viel drüber labern, muss man hören, eintauchen, mitzucken…
(*****)

Blind Mess – Blind Mess (2017, Record Jet)

Support your local Stoner Gangs: Blind Mess aus München haben sich erst im vergangenen Jahr gegründet, wegen rechtlichem Zirkus bereits eine Namensänderung von „Black“ zu „Blind“ hinter sich, und dieser Tage nun in kürzester Zeit ihr Debütalbum vorgelegt. Wer sich hinsichtlich Drive, Energie und Präsentation im Live-Vortrag mit Größen wie den Misfits oder den einzigartigen, schmerzlich vermissten Motörhead vergleichen lassen darf, kann so daneben nicht liegen mit seinem Verständnis und Interpretieren von harter Rock-Musik, und tatsächlich präsentiert sich das kürzlich erschienene Erstwerk des Trios im klassischen Bass/Gitarre/Drums-Gewerk mit stramm polterndem, druckvollem Bass, einer die zügige Marschrichtung vorgebenden Rhythmik und schneidenden, schnörkellosen Rock-and-Roll-Krach-Gitarren im Stoner-/Metal-/Hardrock-Anschlag, gepaart mit der Frische einer flotten Punk-Gangart, messerscharfen Gitarren-Riffs und garniert mit einem forschen Rock-Shouter-Gesang, der Großes einfordert und das mit diesem solide nach internationalen Standards produzierten Erstwerk auch bekommen sollte. Hat sich was zugetraut, das Trio, und das dann auch unvermittelt mit Wucht, einer Portion Garagen-Schmutz und Desert-Psychedelic umgesetzt. Munich rocks, keine Frage.
Blind Mess spielen am 3. November live in München im Rahmen der Zombie-Sessions im Feierwerk. Kühles Bier am Sunny-Red-Tresen einfangen und gefälliges Mitnicken ist angezeigt.
(**** ½)

Willie Nile – Positively Bob: Willie Nile Sings Bob Dylan (2017, River House Records)

1980 hat Willie Nile unter anderem mit Patti-Smith-Drummer Jay Dee Daugherty sein zu Recht hochgelobtes Debüt-Album eingespielt, 2006 konnte er qualitativ mit „Streets Of New York“ und einem zwei Jahre später veröffentlichten, ergänzenden Live-Album an das Erstwerk anknüpfen, dazwischen und danach ist er sporadisch mit unterschiedlichster Tonträger-Güte vorstellig geworden, in seinem langen Musiker-Dasein ist er mehrfach über viele Jahre von der Bildfläche verschwunden und kam, obwohl von Folk- und Heartland-Rock-Fans und KollegInnen wie Lucinda Williams und Pete Townshend geschätzt, letztendlich nie über den Status eines „Springsteen für Arme“ hinaus.
Für sein 2017er-Werk bedient er sich ausschließlich bei Songmaterial aus der Feder des aktuellen Literaturnobelpreisträgers, ein wenig originelles Unterfangen, zumal die Set-List gespickt ist mit allseits bekannten Dylan-Gassenhauern, die heutzutage in etlichen Fällen wegen Bis-zum-Erbrechen-runtergespielt selbst im Original kaum mehr jemandem vor dem Ofen hervorlocken, der vom Meister selbst heutzutage in Schock-Starre-auslösender, Western-Swing-Version angestimmte Rentner-auf-dem-Kirchentag-Hit „Blowin‘ In The Wind“ schon mal gar nicht.
In „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ entwickelt Nile kurz hypnotische, beschwörende Kraft beim intensiven Text-Runterbeten, mit der Interpretation von „Every Grain Of Sand“, der brauchbarsten Nummer vom ansonsten grottigen „Shot Of Love“-Album, und dem lange unveröffentlichten „Abandoned Love“ aus den „Desire“-Sessions beweist er immerhin etwas Mut in der Songauswahl, ansonsten ist der Rest in weitaus genehmerer Form bereits vom Zimmerman selber oder den üblichen Verdächtigen aus dem Dylan-Interpreten-Lager wie etwa den Byrds hinlänglichst in x-facher Ausführung durchexerziert.
(** ½ – ***)

Reingelesen (57): Robert Hilburn – Johnny Cash: Die Biografie

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„Obwohl sein Ansehen und sein Können stetig wachsen, bleibt der Mann in Schwarz mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Er ist einer der beliebtesten und am meisten verehrten Stars der Welt.“
(Gedenktafel für Johnny Cash, Country Music Hall Of Fame, Nashville/Tennessee)

„Till things are brighter, I’m the Man In Black“
(Johnny Cash)

„And once you’re gone
You can never come back
When you’re out of the blue
And into the black“
(Neil Young, My My, Hey Hey (Out Of The Blue))

Robert Hilburn – Johnny Cash: Die Biografie (2016, Berlin Verlag)

Von der Wiege bis zur Bahre alles aufgeschrieben in einer umfangreichen Biografie von Robert Hilburn über den Mann, von dem sein Freund und Country-Musikerkollege Merle Haggard im persönlichen Nachruf angemerkte: „Er war wie Abraham oder Moses – einer dieser großen Männer, die der Welt ab und zu geschenkt werden. Es wird nie einen anderen Man in Black geben.“ – Johnny Cash: ein Leben auf der Überholspur, die zahlreiche Schlaglöcher bereithielt, getrieben von den Dämonen der Sucht und dem Ruhm der Bühne, eine Karriere-Achterbahn ohne Beispiel, final zu einem würdigen Ende gebracht, angereichert mit den gängigen Superstar-Ingredienzen Wein, Weib, Gesang.
Hilburn hat ausführlichst dokumentiert, kenntnisreich erzählt er die Geschichte vom harten Leben des jungen J.R. Cash auf den Baumwollfeldern während der großen Depression in Dyess/Arkansas, dem frühen Verlust des geliebten Bruders, der Militärzeit des jungen Mannes im bayerischen Landsberg, während der er täglich seine angebetete Vivian per Briefwechsel anschmachtete, nur um nach Hochzeit im Jahr 1954 die Country-Star-Karriere in Schwung zu bringen und zuhause zwecks fleißigem Touren quasi nur noch zur Zeugung der vier gemeinsamen Töchter und zum zwischenzeitlichen Ausnüchtern anzutreffen war.
Die Ehe wird 1966 geschieden, Cash ist zu der Zeit bereits seit einer Weile mit seiner späteren Frau und Duett-Partnerin June Carter aus dem legendären Carter-Family-Clan liiert, schwer Amphetamin-abhängig und der amerikanische Country-Music-Star schlechthin, dank einem bei Sun Records erschienen exzellenten Frühwerk mit vielen späten Klassikern und nicht minder gelungenen Folge-Alben beim führenden Columbia-Label wie „The Fabulous Johnny Cash“ (1958), „Songs Of Our Soil“ (1959), dem Konzeptalbum „Ride This Train“ (1960) oder dem mit etlichen Coverversionen seines Freundes und Seelenverwandten Bob Dylan gespickten Prachtwerk „Orange Blossom Special“ (1965) und oft mitreißenden Live-Auftritten legt die Country-Legende einen Karriere-Frühstart hin, wie er nur wenigen Künstlern beschieden war, mit den bei frühen Aufnahmesessions in Sam Phillips‘ Sun Records kennengelernten, angehenden Stars wie Elvis Presley, Jerry Lee Lewis oder Carl Perkins bewegt sich der Musiker von Anfang an unter seinesgleichen.

Nicht nur aufgrund der auch mit seiner zweiten Frau June auftretenden Eheprobleme wird es für Cash ab Mitte der sechziger Jahre erstmals ungemütlich, die zunehmend ausgeprägte Drogensucht durch permanente Einnahme von Aufputsch-Mitteln inklusive der Verhaftung im Rahmen einer Razzia in El Paso, der Tour-Stress und das unstete Leben fordern ihren Tribut, die Fans stehen nicht mehr bedingungslos hinter dem mit den langjährigen Mitmusikern Luther Perkins und Marshall Grant entwickelten „Boom Chicka Boom“-Sound, die Hippie-Ära wirft mit den Beatles, den Stones, den Doors, den Grateful Dead und unzähligen anderen neuen Bands ihre Schatten und bietet vor allem spannendere musikalische Grenzerfahrungen für das junge amerikanische Pop-Publikum, der als ländliche Farmer-Musik abgestempelte Country-Folk mag die Kassen bei Columbia Records nicht mehr zur Zufriedenheit des Managements füllen.
Cash reißt das Ruder mit seinem genialen Auftritt im kalifornischen Folsom Prison noch einmal herum, der im Mai 1968 veröffentlichte Live-Mitschnitt des Benefizkonzerts vor einem Saal schwerer Jungs übertrifft alle künstlerischen und vor allem auch kommerziellen Erwartungen, dem Album, das in keiner ernstzunehmenden Besten-Liste und Plattensammlung fehlt, folgt nach einigen Best-Of-Samplern und dem religiösen, wenig überzeugenden Konzeptalbum „The Holy Land“ mit „Johnny Cash At San Quentin“ ein weiterer in einer Strafvollzugsanstalt aufgenommener, höchst erfolgreicher Live-Meilenstein. Cash festigt damit seinen Superstar-Status, betreibt von 1969 bis 1971 seine eigene TV-Show, in der neben Country-Größen auch Musiker wie Louis Armstrong, Neil Young oder Bob Dylan auftreten, Cash und Mr. Zimmerman schätzen sich gegenseitig außerordentlich, was im gemeinsam aufgenommenen Stück „Girl From The North Country“ für die exzellente Dylan-Country-Rock-LP „Nashville Skyline“ (1969, Columbia) mündet.

„Johnny war und ist der Polarstern, du konntest deinen Kurs nach ihm ausrichten – der Größte der Großen, damals wie heute.“
(Bob Dylan, Rolling Stone, 16. Oktober 2003)

Für Cash folgen harte Zeiten in den siebziger und achtziger Jahren, Manager-Wechsel, Eheprobleme, Zerwürfnisse mit Mitmusikern. Columbia lässt ihn aufgrund nachlassender Kreativität und Verkaufszahlen Ende der Achtziger fallen, die folgenden Alben beim Mercury-Label sind – mit einer Ausnahme, siehe unten – allenfalls von durchwachsener Qualität, Cash kämpft – oft erfolglos – gegen seine Drogensucht, engagiert sich für die sogenannten „Kreuzzüge“ des befreundeten Fernsehpredigers Billy Graham (wenn er’s packt, wird der nächstes Jahr 100!), Achtungserfolge erzielt er vor allem mit der Country-Supergroup The Highwaymen, mit der er sporadisch zusammen mit seinen Freunden Willie Nelson, Kris Kristofferson und Waylon Jennings veröffentlicht und auftritt.

Das Blatt wendet sich, als der Produzent und Def-Jam-/American-Recordings-Labelchef Rick Rubin Kontakt zu Cash aufnimmt, nach anfänglicher Skepsis lässt sich der Country-Altstar auf einige Akustik-Solo-Sessions ein, der Rest ist die hinlänglich bekannte Geschichte einer beispiellosen Wiederauferstehung: Unter der Ägide des Metal- und Hip-Hop-Produzenten Rubin schwang sich der zu der Zeit bereits schwer mit gesundheitlichen Problemen kämpfende Cash zu nicht mehr geahnten kreativen Höhen auf, es entstanden die hochgelobten „American“-Alben, mit grandiosen Interpretationen von Country-fernem Fremdmaterial, oft unter Schmerzen eingespielt, mit die besten Aufnahmen, die der Man in Black neben seinen richtungsweisenden ersten Sun-Records-Einspielungen, dem Columbia-Frühwerk und den berühmten Knast-Live-Platten veröffentlichte.

„Meiner Treu, was geht’s mich an; ein Mann kann nur einmal sterben; wir schulden Gott einen Tod, und wie’s auch gehen mag, wer dieses Jahr stirbt, braucht’s im nächsten nicht mehr zu tun.“ Der große Shakespeare hat es vor Jahrhunderten auf den Punkt gebracht. Viel ist geschrieben und lamentiert worden in den letzten Monaten, dass 2016 hinsichtlich Dahinscheiden von großen Musikern ein allzu schreckliches Jahr war, dabei haben einige der ganz Großen bereits lange vorher die letzte Reise angetreten, Hendrix, Coltrane, Zappa, Beefheart, die alten Bluesmänner, Keith Moon, Lou Reed, Townes Van Zandt, you name it, am 12. September 2003 hat sich Johnny Cash nach 71 Jahren beispiellosen Lebens in die Hände seines Gottes begeben, er ruht in den Hendersonville Memory Gardens am Johnny Cash Parkway an der Seite seiner geliebten Frau June, die ihm nur wenige Monate vorher im Mai vorausging, einer Frau, ohne die der Man in Black wahrscheinlich nicht annähernd so alt geworden wäre, die ihm immer wieder seine Grenzen setzte und die ihm treu zur Seite stand, vor allem in seinen harten Zeiten im Kampf gegen die Drogensucht und in den schweren Stunden des kreativen Selbstzweifels.

„Es gab den Großstadt-John, den ländlichen John, den College-John, den Sträfling John und den Weißes-Haus-John. Ich war verblüfft, wie sehr er sich auf sein Publikum und dessen Gefühlswelt einstellen konnte und stets etwas in seiner eigenen Erlebniswelt fand, mit dem er eine Brücke bauen konnte.“
(John Hilburn, Johnny Cash. Die Biografie, 17, Die Totenwache, IV)

Der amerikanische Musik-Journalist Robert Hilburn hat sich im vorliegenden Buch neben der Vita Cashs als Musiker und den qualitativ die ganze Bandbreite abdeckenden, unzähligen Platten-Veröffentlichungen vor allem mit der Zerrissenheit des Bibel-festen Country-Stars zwischen Gottesfürchtiger Moralvorstellungen und ausgeprägtem Wohlwollen für die Mitmenschen und den Abgründen seiner Drogensucht mit den einhergehenden Verwerfungen im Freundes- und Familien-Kreis ausgiebigst auseinandergesetzt.
Hilburn ist bei weiten nicht der erste, der eine Biografie über Johnny Cash verfasst hat, der Musiker selbst hat neben zahlreichen anderen Autoren mehrere (auto)biografische Schriften verfasst, von Franz Dobler gibt es gewiss auch eine originellere, siehe unten, a good read ist das Buch von Hilburn allemal, was für die Lektüre dieses aktuellen Werkes spricht, ist die Detailtreue, die ausführliche und objektive Würdigung der komplexen Person Johnny Cash und vor allem das Insider-Wissen zu vielen Begebenheiten, Gerüchten und Aussagen Cashs, Hilburn kennt zahlreiche langjährige Weggefährten und Verwandte des Country-Stars persönlich, er hat als Journalist unzählige Interviews mit Johnny Cash selbst und den ihm Nahestehenden geführt, und er war nicht zuletzt beim legendären Konzert im Folsom State Prison im Januar 1968 selbst vor Ort.

Der 1939 in Louisiana geborene Robert Hilburn arbeitete von 1970 bis 2005 als Kritiker und Musik-Redakteur für die Los Angeles Times, seine Arbeiten wurden weltweit in Magazinen publiziert. 2009 erschienen seine Memoiren „Corn Flakes with John Lennon (And Other Tales from a Rock ‘n’ Roll Life)“. Hilburn ist Mitglied des Nominierungskomitees der Rock and Roll Hall Of Fame. Er begleitete Johnny Cash wie erwähnt 1968 beim Folsom-Prison-Konzert, die Sex Pistols auf ihrer ersten und gleichzeitg finalen US-Tour 1977/78 und Bob Dylan bei seinem ersten Israel-Gig. Robert Hilburn lebt mit seiner Frau in Los Angeles, er moderiert die wöchentliche Radio-Show „Rock ’n‘ Roll Times“ beim ortsansässigen Sender KCSN.

Appendix:

Franz Dobler – The Beast In Me. Johnny Cash …und die seltsame und schöne Welt der Countrymusik (2004, Heyne Verlag)
Keiner schreibt lakonischer, subjektiver und geistreicher über Country-Musik im Allgemeinen und Cash im Besonderen als the beloved Augsburger Autor, Blogger, Rezitator und Journalist Franz Dobler. Persönlich nach wie vor die favorisierte Biografie über den Man in Black.

Michael Streissguth – Johnny Cash at Folsom Prison: Die Geschichte eines Meisterwerks (2006, Rogner & Bernhardt)
Schöner Doku-Band mit vielen Bildern zum berühmten Knast-Konzert vom amerikanischen Musikjournalisten Michael Streissguth, der im übrigen in den 00er-Jahren auch eine Cash-Biografie verfasst hat.
Zum Buch gibt es eine sehenswerte Film-Doku über das Folsom-Prison-Konzert von Regisseur Bestor Cram, die ab und an schon bei Arte und 3sat gezeigt wurde. Dicker Tipp.

Reinhard Kleist – Cash. I see a Darkness (2006, Carlsen)
Wer sich nicht durch hunderte von Biografie-Seiten lesen will, kann die wichtigsten Details im Leben des Country-Stars auch mit dem Comic des Zeichners und Illustrators Reinhard Kleist in wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern nachvollziehen. Seine Bildergeschichte über Cash wurde beim Internationalen Comic-Salon in Erlangen 2008 mit den Max-und-Moritz-Preis als bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet.

Edith Raim, Sonja Fischer – Don’t Take Your Gun To Town – Johnny Cash und die Amerikaner in Landsberg 1951 – 1954 (2015, Volk Verlag)
Der Begleitband zur wunderbaren Ausstellung, anno 2015 im Neuen Stadtmuseum zu Landesberg am Lech. Neben einer allgemeinen Doku über die amerikanische Besatzung im deutschen Süden nach Ende des zweiten Weltkriegs enthält der Band Material zur Zeit Cashs in Landsberg und ein ausführliches Interview, dass die Zündfunk-Redakteurin Judith Schnaubelt im Rahmen des englischen Glastonbury-Festivals 1994 mit der Country-Legende führen durfte.

Bill Friskics-Warren – Johnny Cash. The Man in Black and White, and every Shade in between, aus: The Best of No Depression: Writing About American Music, hrsg. v. Grant Alden und Peter Blackstock (2005, University Of Texas Press)
Auf 10 Seiten alles Wesentliche komprimiert zur Vita Cashs im Artikel aus Issue #42/ Nov-Dec 2002 des weltbesten „Bimonthly Alternative Country (whatever that is)“-Magazins.

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Tonträger kann man von Johnny Cash nie genug haben, hier eine subjektive Auswahl der wichtigen Titel:

Auf den ersten Sun-Records-Alben sind bereits einige seiner All-Time-Klassiker wie „I Walk The Line“, „Big River“ oder „Folsom Prison Blues“ enthalten:
With His Hot And Blue Guitar (1957)
Sings the Songs That Made Him Famous (1958)

Bei Columbia Records hat er vor allem von Ende der fünfziger bis Ende der sechziger Jahre hervorragende Alben veröffentlicht, inklusive der beiden legendären Liveaufnahmen von den Konzerten in kalifornischen Justizvollzugsanstalten:
The Fabulous Johnny Cash (1959)
Hymns By Johnny Cash (1959, ein Gospel-Album)
Songs Of Our Soil (1959)
Ride This Train (1960, ein Konzeptalbum über die Geschichte der US Rail)
Orange Blossom Special (1965, enthält einige Dylan-Coverversionen)
At Folsom Prison (1968, Live)
At San Quentin (1969, Live)
Silver (1979)
Johnny 99 (1983, mit einigen, man ahnt es, Springsteen-Coverversionen)
Johnny Cash At Madison Square Garden (2002, Live, posthum veröffentlicht)

Aus seiner Zeit bei Mercury Records ist nur das folgende Werk erwähnenswert, nicht zuletzt wegen der flotten Nummer „The Night Hank Williams Came To Town“:
Johnny Cash Is Coming To Town (1987)

Aus der Zusammenarbeit mit Rick Rubin für American/Sony ragen vor allem die drei folgenden Alben heraus, selbst bei einem Deppen wie U2-Bono kommt man nicht umhin, zuzugeben: er hat einen grandiosen Song für Johnny Cash geschrieben ;-)))
American Recordings (1994)
American III: Solitary Man (2000)
American IV: The Man Comes Around (2002)

Unearthed (2003, Universal; schöne 5-CD-Sammlung mit Outtakes, Alternativ-Versionen und einer Best-Of-Sammlung der American Recordings plus „My Mother’s Hymn Book“, einer Sammlung von Spirituals, die 2003 auch als separate CD veröffentlicht wurde)

Love, God, Murder (2000, Legacy/Columbia; tolle Themensammlung mit vielen wichtigen Cash-Nummern, wurde 2004 durch den gleichfalls sehr gelungenen Sampler „Life“ ergänzt)

Reingehört (169)

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William Tyler – Modern Country (2016, Merge)
Post-Country, gibt’s den Begriff schon? Mindestens für den mutigen, experimentell angehauchten Opener „Highway Anxiety“ und den fulminanten Schlusspunkt „The Great Unwind“ müsste über diese Etikettierung nachgedacht werden, die fünf anderen Stücke des neuen William-Tyler-Albums dürften mit gängigeren Kategorisierungen wie Instrumental-Ambient-Folk und punktuellen, aber kaum dominanten Querverweisen zu Kottke, Knopfler, Frisell und Paris-Texas-Cooder auskommen, in allen Fällen ist eine exzellente Qualität der Aufnahmen garantiert.
Tyler, the unsung Hero der amerikanischen Alternative-Country-Gitarristen, hat in vergangenen Jahren stets, auch auf hiesigen Bühnen, als führender Saiten-Mann im Lambchop-Kombinat vom Wagner-Kurtl, bei dessen launigem Country-Nebenprojekt Kort oder auch auf diversen Silver-Jews-Tonträgern schwerst überzeugt, auf ‚Modern Country‘ liefert der junge Mann aus Nashville/Tennessee im Verbund mit dem Multi-Instrumentalisten Phil Cook, dem Tweedy-Bassisten Darin Gray und Wilco-Trommler Glenn Kotche einen wunderbaren Strauß an Gesang-freiem Wohlklang, der einmal mehr sein herausragendes Talent als hochtalentierter Gitarrist unter Beweis stellt. Das aktuelle Material besteht größtenteils aus melodischen Breitband-Kompositionen, es entfernt sich zusehends von den Akustik-Gitarren-Meditationen seiner früheren Solo-Einspielungen und setzt sich in Klangbildern gemäß den Statements zur Platte thematisch mit den verlorenen Werten Amerikas, dem Verfall nationaler Institutionen und zunehmender Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft des Landes auseinander.
Der britische Starkoch Jamie Oliver haut gern mal den Spruch „Not my cup of tea“ raus, wenn ihm was gegen den Strich geht, die neue Platte vom William Tyler hingegen ist absolut/total/definitiv/sowas-von meine Teetasse, ohne jeden Zweifel…
(***** – ***** ½)

William Tyler Live @ Capitol Theatre, Port Chester/NY, 2016-02-02 + Mercury Lounge, New York/NY, 2015-06-26 -> nyctaper.com

Austin Lucas – Between The Moon & The Midwest (2016, Last Chance Records)
Der Mann aus Bloomington/Indiana hat die vergangenen zehn Jahren den Weg vom Punk-infizierten Folk hin zum Nashville-angelehnten Country beschritten, auf seiner jüngsten Veröffentlichung bietet er beseelte, herzzerreißende, mit empathischem Gesang vorgetragene Balladen, gestandene Honky-Tonk-Kracher und die mit viel Schmalz unterlegten ganz großen Prärie- und von Hoffnungslosigkeit durchwirkten Verlassenheits-Gefühle – lobenswerter Weise mit deutlich mehr Schlagseite zum Alternative Country als zu Garth Brooks.
Soviel Soul und tiefempfunden Authentisches war lange nicht mehr in der amerikanischen Sattelschlepper-Musik…
(**** – **** ½)

Bob Dylan – Fallen Angels (2016, Sony)
Lange überlegt, ob man über diese Belanglosigkeit überhaupt groß Worte verlieren soll, aber nachdem Mr. Zimmerman altersmäßig vor kurzem ein Dreivierteljahrhundert vollgemacht hat, dann doch ein paar Anmerkungen: (1) Alles Gute nachträglich zum Geburtstag. (2) Auf seinem 37. Studio-Album ‚Fallen Angels‘ nölt sich Bob der Meister mit einer vermutlich durch Einsatz entsprechender Studiotechnik aufgebrezelten Stimme durch 12 klassische amerikanische Fremdkompositionen, musikalisch unterlegt mit tendenziell leicht fadem Country-Swing und artverwandtem, unaufgeregtem Geplätscher, überwiegend etwas erträglicher als auf diesem Sinatra-Müll vom Vorjahr. (3) Im Zuge der Sozial-Reformen sollte dringend in Erwägung gezogen werden, in Zukunft altgediente Pop-Ikonen der Zwangsverrentung zuzuführen, allein schon als Schutzmaßnahme gegen die schleichende Demontage der eigenen Legende.
(** ½ – ***)

Reingelesen (34)

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„Es ist kein Geheimnis, dass, wenn man in seinen Vierzigern oder vielleicht Fünfzigern, bestimmt aber, wenn man in seinen Sechzigern und Siebzigern ankommt, die Welt zu einem Affront gegen die gesamte eigene Existenz wird, und zwar durch die Art und Weise, wie sie sich in Werbung, Sprache, Technologie, Kleidung, Filmen, Musik, Geldangelegenheiten und vor allem auch Umgangsformen darstellt, d.h. die Art, wie Menschen die Straße entlanggehen und „Hallo“ oder „Auf Wiedersehen“ sagen oder sich gar nicht erst die Mühe machen, überhaupt zu reagieren. Man mag an einen Punkt gelangen, wie der Historiker Robert Cantwell so elegant formuliert hat, an dem „das eigene Leben in die Vergangenheit“ verschwindet – dein Leben, oder auch dein ganzes beschissenes Bezugssystem.“
(Greil Marcus, When That Rough God Goes Riding, Teil Vier, Take Me Back. 1991; Jennifer Jason Leigh. 1995)

„Manchmal macht man Fehler. Und manchmal ist einem langweilig.“
(Van Morrison in einem Gespräch mit Dave Marsh 2009 über die Alben mit Georgie Fame, Mose Allison und Linda Gail Lewis)

„Marcus’s quest to understand Van Morrison’s particular genius through the extraordinary and unclassifiable moments in his long career.“
(Brent Thompson, Marcus on Morrison, Birmingham Weekly, 2010-04-29)

Greil Marcus – When That Rough God Goes Riding. Über Van Morrison (2011, Kiepenheuer & Witsch)

Es gehört schon ein großer Geist dazu, die Zusammenhänge und Querverbindungen zu verdeutlichen und auszuleuchten, die Greil Marcus als sorgfältiger Beobachter im Kontext zu ausgewählten Van-Morrison-Songs und -Alben hier auftut. Auch wenn man seinen Ausführungen und Assoziationen nicht immer folgen mag oder sich der Gedankengang nicht auf das Erste erschließt, denkanregend sind die Ergüsse des Amerikaners allemal.

Dem Gegenstand der Betrachtung gebührend läuft Marcus vor allem in seinen Reflexionen zum VM-Meilenstein ‚Astral Weeks‘ (1968, Warner) zu Hochform auf, neben Informativem zu Entstehungsgeschichte, Mitmusikern und Inhalten der einzelnen Songs zeigt er in unnachahmlicher Weise Parallelen vom bedeutungsschwangeren Freestyle-Blues-Folk-Jazz-Wunderwerk zu Martin Scorseses ‚Taxi Driver‘-Gewaltmeditation, zu „Albatros“ vom großen PiL-Wurf ‚Metal Box‘ (1979, Virgin), zu den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre und – besonders originell in der Kernaussage – zum Weltrekord-Weitsprung des amerikanischen Leichtathleten Bob Beamon bei den olympischen Sommerspielen in Mexiko im Erscheinungsjahr von ‚Astral Weeks‘, über die Platte wie den Sprung schreibt Marcus: „Es war ein Ereignis, für das es keine Parallelen und keine Metaphern gibt“, völlig unerwartet, davor und danach nie wieder in der Form so geschehen.

„Von 1935 bis 1968 hatte sich der Weltrekord um 22 Zentimeter erhöht; an diesem Tag verbesserte Bob Beamon den Weltrekord um 55 Zentimeter. Als das Ergebnis auf den Tafeln angezeigt wurde, fiel er auf die Knie und bedeckte schockiert sein Gesicht mit den Händen (…) Was Bob Beamon gelang, fand irgendwie unwiderruflich außerhalb der Geschichte statt und bleibt auch dort (…) So wie ich das Album jetzt höre und wie ich glaube, es damals gehört zu haben, fing ‚Astral Weeks‘ denselben Geist ein (…) Historisch ergab es keinen Sinn“
(Greil Marcus, When That Rough God Goes Riding, Teil Zwei, Die Platte nehm ich mit ins Grab, Astral Weeks: 1968)

Dick aufgetragen, aber der Bedeutung der VM-Jahrhundertplatte durchaus gerecht werdend. An anderer Stelle bleiben die Gedankengänge des amerikanischen Rock-Schreibers weitaus weniger nachvollziehbar, warum er sich beispielsweise seitenlang über den Film „Breakfast on Pluto“ von Neil Jordan auslässt, in dem die ‚Astral Weeks‘-Nummer „Madame George“ gerade mal eine Minute zum Soundtrack beiträgt, erschließt sich dem Leser nicht.
Das Stück „Caravan“ sieht er vor allem im Bezug zur „The Last Waltz“-Setlist, eine Würdigung des Originals im Zusammenhang mit dem nicht minder gelungenen ‚Astral Weeks‘-Nachfolger ‚Moondance‘ (1970, Warner) würde an der Stelle weitaus mehr Sinn machen.
Die Schaffensphase des Ausnahmesängers zwischen 1980 und 1996 schert er analog zur Dylan-Periode zwischen ‚Street Legal‘ und ‚Good As I Been To You‘ über einen Kamm, hier wie dort wird er den Künstlern kaum gerecht, Morrison hat mindestens mit ‚Common One‘ (1980), ‚Beautiful Vision‘ (1982), ‚No Guru, No Method, No Teacher‘ (1986, alle: Mercury) und ‚Enlightenment‘ (1990, Polydor) wie Dylan mit ‚Infidels‘ (1983) und ‚Oh Mercy‘ (1989, beide: Columbia) in einer vermeintlichen und in der Fachpresse mitunter gerne so dargestellten kreativen Durststrecke durchaus Hörenswertes unter das Volk gebracht.

Sehr gelungen dagegen wieder seine Gedanken-Ergüsse zu den Morrison-Glanztaten ‚The Healing Game‘ (1997, Polydor) und ‚Into The Mystic‘ (1979, Warner/Mercury), bei letztgenannter lässt er sich vor allem über das die Aufnahmen prägende Violinen-Spiel der Geigerin Toni Marcus aus, zu ersterer spannt er profund Bögen zum IRA-Terror, der „Anarchy“-Single der Pistols, zu Robert De Niro in seiner Rolle als Vito Corleone und erinnert bezüglich der musikalischen Qualitäten der Platte an die völlig vergessene, in den 30er Jahren strafgefangene Blues-Sängerin Mattie May Thomas, von der nur eine Handvoll Field Recordings existieren.

Allein die Fußnote, die eine Anekdote über das abrupte Scheitern der Beteiligung des Iren am Alan-Parker-Film „The Commitments“ erzählt, ist einen Blick in den schmalen Band wert. Hier zeigt der übellaunige Großmeister in einem einzigen Satz sein ausgeprägtes Talent zum Vernichtend-Boshaften, als Leser mag man das mit entsprechendem Abstand durchaus lustig finden, ist man dem unwilligen Ungustl konzertant ausgeliefert, macht der Spaß wie beim Münchner Tollwood-Auftritt 2002 schnell die Kurve, auf einen Konzertstart weit vor offiziell angekündigter Uhrzeit folgte seinerzeit ausschließlich Material des damals aktuellen, höchst durchschnittlich-belanglosen Albums ‚Down The Road‘ (2002, Universal), selbst mit der einzigen Zugabe des Abends, einem lustlosen „Gloria“, bleib er weit unter einer Stunde Spielzeit, der unsägliche Abend fand sein jähes Ende in einem Orkan fliegender Bierbecher gen verwaister Bühne und hinsichtlich Verhöhnung des Publikums seine Fortführung in der ein paar Tage später verlautbarten Pressemitteilung, Van Morrison wollte an dem Abend noch den letzten Flieger nach Belfast erwischen.

Greil Marcus wurde 1945 in San Francisco/Kalifornien geboren und gilt als einer der profiliertesten amerikanischen Autoren und Journalisten zum Thema Rockmusik. In vielen seiner Abhandlungen versteht er es, Musik über die eigentliche Thematik hinaus in einen umfassenderen kulturellen und/oder politischen Kontext zu stellen. Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Basement Blues. Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika“ (1998, Rogner und Bernhard) über die legendären Basement Tapes von Dylan und The Band und „Lipstick Traces“ (1992, Rogner und Bernhard), in dem er einen zugegebenermaßen ziemlich verkopften Zusammenhang zwischen Punk und Dada herstellt.

Den Start der über 50jährigen Karriere von Van The Man dokumentiert im Übrigen eine dieser Tage bei Sony/Legacy erschienene 3-CD-Box ‚The Complete Them: 1964-1967‘, die beide reguläre Alben der Band sowie Singles, Live-Aufnahmen und Demos der nordirischen R&B-Combo um den „Belfast Cowboy“ enthält.