Booker Prize

Reingelesen (77): George Saunders – Lincoln im Bardo

So die Reise meines Lebens nun beendet ist, und da keine Verwandten mit mir aus dieser Welt dahingehen, wandere ich einsam im Bardo-Zustand.
(Das Totenbuch der Tibeter, herausgegeben von Francesca Fremantle und Chögyam Trungpa)

George Saunders – Lincoln im Bardo (2018, Luchterhand)

J. R. Robinson und Esther Shaw vom Drone/Postmetal-Experimental-Kollektiv Wrekmeister Harmonies haben sich in ihrer Auseinandersetzung mit schwergewichtigen Themen wie Trauer, Vergänglichkeit und Tod im Rahmen des Entstehungsprozesses zum vor kurzem erschienen Album „The Alone Rush“ unter anderem mit einer Auswahl literarischer Werke wie den Schilderungen jamaikanischer Gang-Gewalt in den Siebzigern in „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ von Marlon James, dem Essay „The Age Of Loneliness Is Killing Us“ von George Monbiot und der Novelle „Lincoln In The Bardo“ des texanischen Literaten George Saunders beschäftigt, letzteres Werk ist im Mai beim Luchterhand-Verlag in deutscher Übersetzung von Frank Heibert erschienen.

„Lincoln im Bardo“ erzählt die Geschichte vom Sterben und anschließendem Verweilen im schwebenden Zustand einer Zwischenwelt des jungen Willie Lincoln, der im zarten Alter von 11 Jahren in der Hochphase des amerikanischen Bürgerkriegs im Februar 1862 vom Typhus-Fieber dahingerafft wurde, während seine Eltern ein Staatsbankett im Weißen Haus gaben. Es ist damit auch die Geschichte vom unbeschreiblichen Schmerz des US-Präsidenten Abraham Lincoln, der seinen Sohn in der Familiengruft am Oak Hill Cemetary in Washington beisetzen ließ und den Leichnam in den Tagen nach der Trauerfeier mehrere Male besuchte, ihn aus dem Sarg nahm, um ihn verzweifelt in den Armen zu halten, wiederholt Abschied nahm und seinen Verlust beklagte. Der Junge wird als körperloses Geistwesen Zeuge dieser Besuche, er kann es nicht fassen, dass sich der Altvordere an ein lebloses Wurmwesen klammert und ihn selbst nicht wahrnimmt, das verstorbene Kind befindet sich in einem Vakuum-artigen Transit-Zustand zwischen dem Tod in der materiellen Welt und einem Weiterleben des Geistes in einer höheren Existenzform im Jenseits, in einem Übergangs-Stadium, dass in der Tradition des tibetanischen Buddhismus als „Bardo“ bezeichnet wird. Der Begriff kommt im Übrigen nur einmal im Buchtitel vor, eine explizite Auseinandersetzung mit der buddhistischen Lehre ist nicht Thema des Romans.

Wir waren geliebt worden, sage ich, und wenn die Menschen an uns dachten, lächelten sie, auch viele Jahre später noch, kurz beglückt von der Erinnerung.
(reverend everly thomas)

Und doch.
(roger bevins iii)

Und doch war noch nie jemand hergekommen, um uns so zu halten und so zärtlich zu uns zu sprechen.
(hans vollman)

Noch nie.
(roger bevins iii)

„Lincoln im Bardo“ ist trotz der zu Herzen gehenden, bewegenden Thematik ein völlig Kitsch-freies Werk, dabei auch in nicht wenigen Passagen zuvorderst humorig und grotesk, Autor Saunders gelingt dieser Spagat mithilfe seines entwaffnend einfachen, gleichsam experimentell gewagten wie genialen stilistischen Ansatzes, in dem er den Roman nicht von einem zentralen Erzähler in konventioneller Diktion vortragen lässt oder in klassischer Dialogform konzipiert.
Die knapp 450 Seiten der Prosadichtung sind ein Mosaik aus einzelnen, kurzen Textpassagen, die sich wunderbar zu einem großen Gesamtbild fügen, „Lincoln im  Bardo“ ist ein vielschichtiger, vielstimmiger Choral von Verstorbenen, die durch die Zwischenwelt geistern, sie mitunter in zahlreichen erzählten Nebensträngen in ein Tollhaus verwandeln und dort ihr Unwesen treiben. Die Ränke, der Tumult, das Beziehungsgeflecht und die Feindseligkeiten der Toten stehen denen der Lebenden in nichts nach. Die autobiografisch vorgetragenen Schlaglichter, distanzierten Kommentare zum Geschehen, Statements und Dialoge der handelnden Figuren sind mit oft nur wenigen, kurzen Sätzen denkbar knapp gehalten, selten erklingt eine einzelne Stimme über mehr als eine Seite, oft wesentlich kürzer, prägnanter, auf den Punkt gebracht. Abraham Lincoln kommt als Romanfigur einleitend selbst zu Beginn des Buches zu Wort, sein verstorbener Sohn Willie wiederholte Male verwirrt in der Reflexion und Auseinandersetzung mit seiner neuen, noch ungewohnten Daseinsform, daneben ragen vor allem drei immer wiederkehrende Stimmen als begleitende Erzähler und Kommentatoren der Ereignisse in der Gruft aus der Kakophonie der verstorbenen Mörder, Vergewaltiger, Soldaten, Fabrikanten, Sklaven, Huren und vieler anderer aus dem Panoptikum der Geister des Amerika der 1860er Jahre: Hans Vollman, über den im Roman kaum Biografisches zu erfahren ist, der homosexuelle Selbstmörder Roger Bevins III und der ehemalige Reverend Everly Thomas, der bereits den Blick in das finale Nirvana wagte, um dann die Flucht zurück in den Schwebezustand anzutreten.
Die im Bardo wandelnden Verstorbenen können die Gedanken der Lebenden hören, sich mit ihnen verschmelzen und ihr Denken beeinflussen, sie setzten sich in ihrer Totenwelt mit den Nöten und Problemen der Hinterbliebenen auseinander oder reflektieren selbst Erduldetes und Widerfahrenes von der Sklaven-Frage über Traumata aus dem Sezessionskrieg bis hin grundlegenden Überlegungen zu Religion, Sexualität, Moral und Gewalt. Viele der Toten spuken seit Jahrzehnten in der Zwischenwelt, können sich von den irdischen Dingen und den Zurückgebliebenen nicht völlig loslösen, und verweilen so in einem letztendlich unbefriedigenden und unfertigen Zustand. Sie verachten diejenigen, die den letzten Schritt ins Jenseits nicht wagen und bleiben doch selbst, getrieben von fadenscheinigen Ausflüchten und sich selbst belügend, weiter in der Transit-Sphäre verhaftet. Letztendlich treibt sie die Angst davor um, was den Sündern aufgrund ihrer begangenen Missetaten im Leben vor dem Jüngsten Gericht widerfährt. Die individuelle Seele behält bei Saunders ihren eigenen Willen auch nach dem Ableben, und verharrt so in der „Krankenkiste“, den der verstorbene Geist nicht als Sarg erkennen mag. Erst wenn die letzten Verbindungen zum Diesseits gekappt sind und die Hoffnung auf eine Wiederkehr als vergebliche erkannt wird, findet sich das Wesen in der Zwischenwelt bereit für die finale „Materienlichtblüte“.
Dem Autor ist eine profunde Auseinandersetzung mit den letzten Dinge gelungen, der Roman lässt sich als Schauder-Roman genauso lesen wie als philosophische Reflexion zum Thema Tod, Motive wie Wiedergeburt, Verdammnis, Fegefeuer und alttestamentarische Auge-um-Auge-Gerechtigkeit finden sich wie das erwähnte buddhistischen Bardo, die Vorstellung über das Prozedere beim Gang in die ewigen Jagdgründe ist bei George Saunders eine komplexe, hochspannende, mitunter verstörende. Und doch zelebriert der Roman trotz seiner umfänglichen morbiden Thematik ausgerechnet im Totenreich das Leben in seiner ganzen Komplexität von wunderschöner Pracht bis hin zu den niederträchtigsten Verwerfungen.

Wir wünschten, der Knabe würde gehen und sich so retten. Sein Vater wünschte, er wäre „an einem hellen Ort, frei von allem Leid, in einer neuen Daseinsform erstrahlend“. Ein glückliches Zusammentreffen von Wünschen.
(hans vollman)

Den historischen Kontext zur Lincoln-Ära liefern kurze Einschübe aus Zitaten von Zeitzeugen, aus US-amerikanischen Geschichtsdokumentation des 19. Jahrhunderts, aus Zeitungsmeldungen, Briefwechseln, Biografien und persönlichen Erinnerungen: Statements und Kritik zur Regentschaft und zum politischen Talent des Präsidenten Lincoln, Berichte über die Beisetzung des jungen Willie, Schilderungen zu den Gräueln des Bürgerkriegs aus Augenzeugen-, Opfer- und Täter-Sicht, Klatsch und Tratsch aus Werken wie „Hinter den Kulissen oder Dreißig Jahre als Sklavin und vier Jahre im Weißen Haus“ – ob diese tatsächlich alle in historischen Publikationen und Quellen zu finden sind oder vom Autor in seiner künstlerischen Freiheit hinzugedichtet wurden, ist für die Leserschaft schwer nachzuprüfen, letztendlich aber für die Dramatik der Erzählung und den Flow der Handlung völlig unerheblich.

George Saunders hat mit „Lincoln im Bardo“ eine faszinierende Geschichte erzählt und vor allem hinsichtlich stilistischer Umsetzung viel Mut bewiesen, er hat sich was getraut und mit diesem Ansatz viel gewonnen, das Experiment ist geglückt. Der Roman gilt seit Erscheinen als literarische Sensation, als großer Wurf und Erneuerung des Genres, die literaturwissenschaftlich gebildeten Experten in den Feuilletons überschlugen sich mit lobenden Worten. Bei Jubel-Arien seitens der Kritiker aus der Mainstream-Journaille ist mitunter Vorsicht geboten, zuviel an Durchschnittsware und Belanglosem ist da in der Vergangenheit schon hochgehypt worden als lesenswerter Stoff, der bereits nach wenigen Seiten den verdammenden Wurf in die Ecke verdiente, im Fall des Saunders-Romans mag man hingegen gerne einstimmen in den Chor der Lobpreisungen. Die letzte Seite erreicht, wüsste man für den Moment nichts Erbaulicheres als von neuem mit dem Lesen zu beginnen, zum einen wegen der fabulierten Geschichte, weit mehr noch wegen der stilistischen Brillanz dieses Romans und seines mitreißenden Erzähl-Flusses, der in der Tat auf einem Level mit der instrumentalen Wucht herausragender Postrock-Werke steht.

Das Buch eignet sich aufgrund seiner knapp gehaltenen, Tempo-reichen Stakkato-Dialoge und kurzen, Schlaglicht-haften historischen Zitate ohne Abstriche ausnehmend gut als Skript für eine Hörspiel-Fassung, bei entsprechender Umsetzung mit dazu befähigten RezitatorInnen und Auswahl der wichtigsten Kapitel ist ein Meilenstein in der Qualität der Qualtinger-Lesungen aus „Die letzten Tage der Menschheit“ vorstellbar – auch hier im Kraus-Werk große Literatur im historischen Kontext – oder ein mehrstimmiger Experimental-Kanon wie in der exzellenten 1969er BR/WDR-Co-Produktion „Unter dem Milchwald“ nach dem Spiel für Stimmen von Dylan Thomas unter der Regie von Raoul Wolfgang Schnell. Die musikalische Untermalung wäre bereits verfügbar durch die schwergewichtigen Instrumental-Passagen aus dem jüngsten, eingangs erwähnten Wrekmeister-Harmonies-Album. J. R. Robinson und Esther Shaw haben sich als Inspirations-Quelle für ihre aktuellen, dunkel-experimentellen Postrock-Tondichtungen beileibe nicht die schlechtesten literarischen Arbeiten gewählt, „Lincoln im Bardo“ unterstreicht das einmal mehr.

George Saunders wurde 1958 in Amarillo/Texas geboren. Er studierte Ingenieurwesen an der Colorado School Of Mines und graduierte 1981 mit einem Bachelor of Science in Geophysik. Seit 1997 lehrt Saunders kreatives Schreiben an der Syracuse University. In den vergangenen 20 Jahren hat er mehrere Werke mit Kurzgeschichten, einen Essayband sowie ein Kinderbuch veröffentlicht. „Lincoln im Bardo“ ist sein erster Roman, das Werk wurde 2017 mit dem Booker Prize ausgezeichnet, wie auch zahlreiche seiner weiteren Arbeiten mit renommierten Literaturpreisen geehrt wurden.

Reingelesen (62): Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

„Einige Tage später kommt der Knalleffekt: Die Regierung kündigt für den 20. Dezember Wahlen an, also nur zwei Wochen nach dem Konzert. Für Manley ist das ein gelungener Coup – für Bob ist es ein Desaster. Gerade er, der sich über die Cliquen stellen wollte, findet sich auf einmal im Morast des Wahlkampfs wieder, wobei der Eindruck entsteht, er würde sich von der PNP vereinnahmen lassen. Er denkt kurz daran, alles abzusagen, aber wie soll man die Lage den Gettos erklären, ohne neuen Aufruhr auszulösen? Dabei raten ihm alle, von dem Projekt abzulassen: anonyme Anrufer, der gehetzte Emissär der amerikanischen Botschaft, die JLP-Freunde wie Tommy Cowan. Claudie Massop, der junge Chef der Tivoli-Gangs, hat ihm sogar aus dem Gefängnis geschrieben, um ihn zur Absage des Konzerts zu bringen.“
(Hélène Lee, Trench Town sehen und sterben, Smile Jamaica)

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden (2017, Heyne Hardcore)

Kingston, Jamaika, im Dezember 1976: Das Land ist seit Sommer am Rande des Bürgerkriegs und im Ausnahmezustand, die verfeindeten Parteien, die zu der Zeit oppositionelle, konservative Jamaican Labour Party (JLP) und die regierende, sozialistische People’s National Party (PNP) unterhalten beste Beziehungen zu den sogenannten Rudie-Gangs der Stadt, die Dons und Gunmen dieser rivalisierenden Getto-Organisationen kontrollieren die Armenviertel Kingstons und terrorisieren die politischen Gegner. PNP-Premier Michael Manley selbst hat nach der gewonnenen Wahl 1972 die Situation entgegen seiner Wahlversprechen verschlimmert, indem er eigene Parteigänger mit Waffen versorgte, zudem spaltet er die Bevölkerung durch seine sozialistische, von der Politik Fidel Castros beeinflusste Rhetorik. Die Gang-Kriminellen der PNP stilisieren sich als Freiheitskämpfer, während sich die Reihen der JLP als heroische Kämpfer und Bollwerk gegen die kommunistische Flut auf der karibischen Insel sehen. In den dicht bevölkerten Gettos Jamaikas ist die organisierte politische Gewalt als Existenzgrundlage der Gangs an der Tagesordnung. Für den 5. Dezember 1976 ist das „Smile Jamaica“-Konzert der PNP geplant, ein Versuch, die politischen Spannungen in der Bevölkerung abzubauen, im National Heroes Park in Kingston soll als Headliner der Reggae-Star Bob Marley und seine Wailers auftreten.

„Reggae, sanft und sexy, aber auch brutal und einfach wie ärmster und reinster Delta-Blues. Aus diesem Gemisch von Piment, Schusswunden-Blut, sickerndem Wasser und süßen Rhythmen kommt der Sänger, ein Sound, der in der Luft liegt, aber auch ein lebender, atmender Sufferah, der nie vergisst, wo er herkommt, ganz egal, wo er sich gerade aufhält.“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Original Rockers)

Das ist die Ausgangslage für „A Brief History of Seven Killings“, dem monumentalen Roman von Marlon James, in dem der jamaikanische Autor ein sagenhaft komplexes Panoptikum an Charakteren, Gegebenheiten und Stimmungsbildern im Kontext von politischen Intrigen, Gewaltexzessen, Drogenhandel und menschlichen Abgründen wie Verrat, Willkür und der Suche nach der eigenen Identität im Jamaika der siebziger und achtziger Jahre entwirft – kreisend um das Attentat vom 3. Dezember 1976, zwei Tage vor dem geplanten Konzert, auf den Sänger, wie Bob Marley in dem Roman genannt wird, seine Frau Rita und den Wailers-Manager Don Taylor, einem offenkundigen PNP-Sympathisanten. Wie durch ein Wunder überleben alle drei Opfer den Anschlag der Getto-Gunmen, der bis heute hinsichtlich Auftraggeber und Motivation nicht restlos aufgeklärt ist und damit ein weites Feld für den Autor des Romans bietet, der in seiner künstlerischen Freiheit fiktive Figuren und Hintermänner der Attacke auf den Reggae-Superstar entwirft wie die Getto-Dons Papa-Lo und den psychopathischen Josey Wales, den Drogen-Gangster Weeper, den Auftragskiller Tony Pavarotti und den kubanischen CIA-Berater Doctor Love, der in einem persönlichen antikommunistischen Kleinkrieg die Scharte seiner Beteiligung an der gescheiterten Schweinebucht-Invasion auswetzen will.
Viele der im Roman gezeichneten, maßgeblichen Charaktere referenzieren auf die kriminellen Protagonisten Kingstons in jenen Jahren wie den Concrete-Jungle-Don Red Tony Welsh, den 2001 in Jamaika ermordeten Drogenhändler Willie Haggart, den PNP-Gangleader Bucky Marshall oder den mit Bob Marley befreundeten Claudie Massop, einem JLP-Gangster und Chef der Tivoli Garden Gang, der 1979 in einem Akt von Polizei-Willkür auf offener Straße hingerichtet wurde. Tatsächliche Ereignisse wie das unter dem Namen „Green Bay Killings“ in die jamaikanische Geschichte eingegangene Armee-Massaker an Mitgliedern der Streetgang „Skull“ oder Marleys „One Love“-Konzert im Jahr 1978 finden Würdigung in diesem vielschichtigen Werk.

„Hast du mitbekommen, was Eric Clapton vor ein paar Monaten über dich gesagt hat? Der ist echt ein Arschloch, der Typ, also, er geht auf die Bühne und sagt, England muss weiß bleiben, jagt die Kanaken und die ganzen Araber und die ganzen Scheiß-Jamaikaner zum Teufel. Ist das zu glauben? Die ganzen Scheiß-Jamaikaner, hat er gesagt, kein Witz. Wow. Hat der nicht mal einen Song von dir gecovert?“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Original Rockers)

Der Haupt-Erzählstrang schildert aus unterschiedlichsten Perspektiven die Schicksale der am Marley-Anschlag beteiligten Gunmen und Gang-Mitglieder, in Nebenpfaden und den mit dem Kern der Geschichte verwobenen Ereignissen und Figuren fächert Marlon James einen grell-bunten Strauß auf an kaltblütigen Morden, Waffengeschäften, Prostitution, Verwicklungen der CIA und anderer Dienste in die politischen Geschicke Jamaikas, ausgeprägter Kalter-Krieg-Paranoia, Kommentaren aus dem Jenseits von Seiten eines ermordeten Politikers, Episoden über schiefgelaufene Drogen-Geschäfte der jamaikanischen US-Gang-Community mit dem kolumbianischen Medellín-Kartell, in alle Richtungen funktionierendem Rassismus, die Liebe der Musik-interessierten Jamaikaner zum Hoch-auf-dem-gelben-Wagen-Country eines Marty Robbins, der Odyssee einer in New York gestrandeten Krankenschwester, die unter anderem Namen in einem früheren Leben Zeugin des Attentats auf den Reggae-Musiker im Wailers-Studio in der Hope Road 56 wurde, den Erkenntnissen eines weißen Rolling-Stone-Reporters und Jamaika-Experten, der über seine Erfahrungen auf der Karibikinsel ein Buch schreibt mit dem Titel „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, und der obskuren Nummer eines Pferderennen-Wettbetrugs, von dem bis heute – völlig unbewiesen – gemunkelt wird, dass hier auch der Sänger und der Wailers-Manager die Finger im Spiel hatten und bei einer Exekution verfeindeter Handlanger zugegen waren. Hierzulande sagt man lapidar, nichts genaues weiß man nicht, das eingangs im Buch zitierte jamaikanische Sprichwort bringt es schön auf den Punkt: „Wenn’s nicht so war, dann war’s so ähnlich“. Wem dieses sich bewusst Im-Vagen-Bewegen zur Thematik in diesem Orkan von einem Roman nicht genügt, dem sei zur vertiefenden Lektüre die ebenso äußerst lesenswerte Dokumentation „Trench Town sehen und sterben. Die Bob-Marley-Jahre“ (2005, Hannibal Verlag) der französischen Journalistin und Jamaika-Expertin Hélène Lee ans Herz gelegt.

„In dem Wagen, der mich ins Gefängnis bringt, spuckt mir ein Polizist ins Gesicht (er ist neu), und als ich zu ihm sage, Pussyhole, deine Spucke riecht nach Kaugummi, stößt mir ein anderer seinen Gewehrschaft so fest gegen den Kopf, dass ich erst aufwache, als sie mir im Gefängnis Wasser ins Gesicht schütten. Beide Polizisten sind noch vor 1978 tot, dank dem Mann neben mir, der sie mir ausliefert, sobald ich aus dem Knast raus bin.“
(Marlon James, Eine kurze Geschichte von sieben Morden, Shadow Dancin‘)

Der Erzähl-Stil dieses Ausnahme-Romans ist rasant und radikal, deutet oft nur an und erklärt nicht bis in das letzte Detail, die Phantasie, Kombinationsgabe und Interpretationsfähigkeit der Leserschaft ist gefragt, das Werk ist vom Ansatz dem jeweils individuellen Stakkato-Stil von Kriminalliteratur-Exzellenzen wie dem britischen „Red Riding Quartett“-Autor David Peace und dem amerikanischen Hardboiled-Meister James Ellroy in seinen aktuelleren Werken nicht unähnlich, hinsichtlich schnellem Lesetempo weit mehr dem flotten Ska und Rocksteady der sechziger Jahre vergleichbar als dem rhythmisch gemächlicheren Roots-Reggae der späteren Dekaden. In einem unglaublich wuchtigen Vortrag entwickelt der Autor in stringent erzählten Kapiteln, mitunter Joyce-artigen Streams of consciousness und rasanten, oft auch extrem witzigen Dialogen einen rauschhaften Sog, dem sich der lesende Mensch nur schwer entziehen kann, ausgeprägte Page-Turner-Qualitäten eben, trotz anspruchsvoller stilistischer Finessen und einem hochkomplexen Gesamtbild.
Mit den exzessiv geschilderten, Schwulen-Porno-artigen Sex-Praktiken einiger Gunmen, die nicht nur harte Jungs, sondern – im Jamaika-Jargon gesprochen – eben auch „Battyboys“ sind, hätte ein Jean Genet gewiss seine helle Freude gehabt, der Autor selbst indes warnt – verständlicherweise – in den Danksagungen die eigene Mutter dahingehend ausdrücklich vor Kapitel Vier und bittet sie um Verzicht des Lesens dieses Abschnitts. James selbst bekennt sich offen zu seiner Homosexualität und wehrt sich in diesen Passagen offensichtlich gegen die homophobe Grundstimmung und Gewalt gegen Schwule im Jamaika dieser Tage.
Das schonungslos in den Themen Exzessive Gewalt, permanenter Wandel hin zum Schlechten und sexuelle Freizügigkeit vorgetragene 860-Seiten-Großwerk ist hinsichtlich Sujet schwer greifbar wie die darin zahlreich enthaltenen, ausufernden Erzählstränge, die Kritik brachte bereits Schlagworte wie Geschichtsbuch, Doku-Fiktion, Polit-Thriller und Sittengemälde ins Spiel, das kommt alles hin, nicht zuletzt ist „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ein großartiger, mit Herzblut geschriebener, hochspannender Kriminal-Roman, eine einzigartige Frischzellen-Kur für das in letzter Zeit arg im Mittelmaß dümpelnde Genre, getragen von einer Thematik, die im Bezug auf potentiellen Leserkreis weit über die am Reggae interessierten Musikhörer und Literaturfreunde hinausreichen sollte.
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Marlon James wurde 1970 in Kingston, Jamaika, geboren. Seine Eltern arbeiteten als Polizeibeamte und Richter. Bereits in der Jugend beschäftigte er sich mit der Literatur von Dickens und Shakespeare. „A Brief History Of Seven Killings“ ist sein dritter Roman, für dieses exzellente Jamaika-Epos hat er völlig zurecht zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem als erster Jamaikaner den renommierten britischen Booker Prize der Londoner Investment-Firma Man Group.
Marlon James hat vor einigen Jahren seine Heimat wegen der Ressentiments und gewaltsamen Übergriffe gegen Homosexuelle verlassen und lebt heute in Minneapolis/Minnesota, wo er Literatur am Macalester College in St. Paul unterrichtet.

Herzlichen Dank an Gabi Beusker / Presseabteilung Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Political violence fill ya city, ye-ah!
Don’t involve Rasta in your say say
Rasta don’t work for no CIA“
(Rita Marley, Rat Race)