Brooklyn

The Physics House Band + Spacepilot @ Import/Export, München, 2019-05-08

Geballtes Doppelpack an Progressive-, Kraut- und Jazz-Rock-Power am vergangenen Mittwoch-Abend im Münchner Import/Export: Die Physics House Band aus UK und das international besetzte Trio Spacepilot auf großer Sternenfahrt im Zwischennutzungs-Projekt an der Dachauer Straße, eine ordentliche Agenda, zu der die Freunde des gepflegten Crossover ihren Besuch gewiss nicht bereuen sollten.

Die erste Runde bespielten über gut 70 Minuten die drei Musiker von Spacepilot, weitaus mehr Co-Headliner als anheizende Vorband, und das war aufgrund der gebotenen Aufführung auch schwerst genehm. Die Band gibt New York als Stammsitz an, der deutsch-stämmige Drummer Joe Hertenstein hat dort seine Wahlheimat in Brooklyn gefunden, an Rhodes-Keyboards, Synthesizer und nachgelagerten Lärm-Gerätschaften ist der Argentinier Leo Genovese zugange, der dritte im Bunde ist der gebürtige Münchner Elias Meister, der Gitarrist und Klang-Experimentierer hat gleichsam seit 2007 seine Zelte im Big Apple aufgeschlagen. Wie die amerikanische Welthauptstadt ist der Spacepilot-Sound ein Schmelztiegel aus zahlreichen, unterschiedlichsten Provenienzen, die Musiker haben in der Vergangenheit bereits mit renommierten Jazz-Größen wie Wayne Shorter, Jack DeJohnette oder Ravi Coltrane zusammengearbeitet, neben der formlosen Improvisation finden sich im überbordenden Klangbild des Trios Einflüsse aus Psychedelic-, Progressive-, Kraut- und Space-Rock, Funk und Trance. Hier waren drei Individualisten zugange, die ihr freies Spiel der Kräfte zu einem entfesselten Instrumental-Klangrausch formten, in dem sich im permanent wandelnden Endlos-Flow in zig-fachen Breaks und Tempi-Wechseln aus abstraktem Space-Drone urplötzlich wunderschöne Gitarren-Melodien über das explosive Gebräu erhoben, um nach ausgedehnter Erbauung in einen tanzbaren, funky Groove zu driften. Das versierte Können der drei Musiker ist exorbitant ausgeprägt, in technischer wie inspirierter Hinsicht, wie auch ihre Fähigkeiten, die jeweilige Improvisations-Kunst kollektiv zu einem derart überwältigenden Höhenflug zu bündeln. Das feine, Facetten-reiche Saiten-Spiel von Gitarrist Meister ist ein Fest für alle Liebhaber der progressiven und psychedelischen Rockmusik, durchwirkt von ausladenden, erhebenden Soli und scharfen Rhythmus-Riffs. Drummer Hertenstein zelebrierte an diesem Abend die komplette Bandbreite seiner Profession von experimentellem, freigeistigem Jazz- und Experimental-Getrommel über angedeutetes Reggae- und Funk-Tempo bis hin zu treibender Hardrock- und Prog-Wucht, eine scheinbar lässigst aus dem Handgelenk geschüttelte und doch hoch komplexe Taktgebung. In Sachen Virtuosität stand Keyboarder Genovese den beiden Mitmusikern in nichts nach, aus den Kraut-Siebzigern bekanntes Weltraum-Georgel auf der Rhodes-Tastatur folgte auf schmissige Jazzrock-Tunes, abstraktes Ambient- und Psychedelia-Gezirpe aus dem analogen Synthesizer ging mit allerlei Noise-Gelichter durch entsprechende Behandlung der Sound-verzerrenden Effekt-Geräte einher.
Es hätte ewig so weiterfließen dürfen, in den faszinierenden Sphären der unendlichen Klang-Möglichkeiten und tonalen Interaktionen, wäre nicht noch ein zweiter Akt für den Abend angestanden, und auch die Space-Piloten selbst zog es fort in andere Galaxien, in den nächsten Tagen in die Umlaufbahn folgender Planeten, hiermit dringendste Empfehlung zum Einklinken in den kosmischen Trip:

11.05.Offenbach – Akademie für interdisziplinäre Prozesse
13.05.Moers – Altes Landratsamt
14.05.Horn-Bad Meinberg – Red Horn District
15.05.Essen – Goethebunker

Die Physics House Band aus dem südenglischen Brighton ist seit 2012 am Start, mit Veröffentlichungen glänzte die Band bis dato nicht an Übereifer, eine Extended-Play-Scheibe aus 2013, die Debüt-LP „Mercury Fountain“ vor zwei Jahren, das war’s bis vor einigen Tagen, immerhin gibt es mit der jüngst veröffentlichten „Death Sequence EP“ aktuell knapp 17 Minuten an neuem Stoff. Die Stärken der Combo liegen weit mehr in der Live-Präsentation als im mühseligen Studio-Gefrickel, die Münchner Konzert-Gänger konnten sich bereits im Oktober 2017 von den exzellenten Bühnen-Qualitäten der Briten überzeugen, das sollte sich am Mittwochabend erneut nicht anders ausnehmen.
Die Band ist zum Quartett gewachsen, als vierter Mann im Bunde ist mittlerweile der Saxophonist und Keyboarder Miles Spilsbury mit an Bord. Damit ist vom ursprünglichen Postrock-Fundament der Physics House Band nicht mehr allzu viel übrig, das laute, opulente Gesamt-Kunstwerk als massive instrumentale Sound-Wand, das soll’s dahingehend gewesen sein, die Band widmet sich im erweiterten Outfit aktuell weit mehr kosmischen Jazz-Fusion- und psychedelischen Prog-/Math-Rock-Experimenten. Mit den ruhigen Trance/Space-Tönen und Ambient-verwandter Gelassenheit hält sich das Quartett nicht lange auf, das Tempo und der Energie-Schub waren für die gute Stunde des Konzerts überwiegend im oberen Level angezeigt. Der an diesem Abend euphorisch überdrehte Conferencier Adam Hutchison ließ die Saiten seines Basses massiv wummern, der dröhende Drive wurde von Trommler Dave Morgan kongenial wie kompromisslos mitbefeuert, dazu würzte Samuel Organ scharf mit jaulenden Heavy-Gitarren, irrlichternden Synthie-Drones und sphärisch-minimalistischen Keyboard-Klängen (naheliegend, bei dem Nachnamen ;-)). Neuzugang Spilsbury verpasst speziell mit seinem Sax-Gebläse den infernalischen Progressive-/Jazzrock-Attacken in Reminiszenz an den großen David Jackson einen unverkennbaren Van-Der-Graaf-Generator-Touch, der damit die Wurzeln des Band-Sounds im englischen Art- und Experimental-Rock und in der stilistisch verwandten Canterbury Scene offen legt.
Konzerte der Physics House Band gleichen dieser Tage mehr den je wunderbar lärmenden Sound-Orkanen, die fulminant auf die geneigte Hörerschaft einstürmen, und am Ende ist es herzlich egal, ob das nun in der Jazzrock-, Prog- oder Postrock-Spielart einzuordnen ist, großartiges, massiv und mit beherztem Engagement vorgetragenes Live-Entertainment ist es in jedem Fall.
The Physics House Band ist in der Republik derzeit noch zu folgenden Terminen zu genießen, do yourself a favour:

11.05.Leipzig – Recycling Museum
12.05.Köln – Blue Shell

Reingehört (534): Dommengang

Dommengang – No Keys (2019, Thrill Jockey Records)

US-Trio / Neues Album, über Thrill Jockey unters Volk gebracht / Out May 17 – die gleiche Kombi gab’s erst gestern mit zähem Doom-Metal vom anstehenden Aseethe-Longplayer, und weil’s so schön war, heute gleich nochmal die gleichen Eckdaten mit anderen Protagonisten und frischem Psychedelic-Sound: „No Keys“ als dritter Wurf der Brooklyn-Combo Dommengang ist ab Freitag nächster Woche beim renommierten Chicagoer Indie-Label am Start. „Passion Boogie“ und „Road Trip. Head Trip“ umschreiben die New Yorker Musikanten mit den wallenden Mähnen ihr Gewerk. Nicht nur optisch sind die drei Langhaarigen auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen: Ihre Songs hören sich bisweilen an, als würden Iggy und seine Stooges als knackige Psychedelic-Blues-Combo durch die Lande ziehen. Jaulende, kreischende, süffige Gitarren und hypnotische Beats, die den Progressive-Sound vergangener Tage in einer Zeitreise frisch aus der Taufe heben oder vielmehr zur Wiedergeburt bringen, dabei weniger mit abgehobenem Space- und Experimental-Firlefanz in entrückten Sphären lichtern, viel mehr in der Indie-Garage und der offenen Prärie zugange, schwere Geschütze als Stoner- und Grunge-Anlehnungen auffahrend und vor allem einen üppigen Strauß prachtvollster Halluzinationen und bunter Bilder zum Blühen bringend. Die ausufernde Spielfreude von Gitarrist Dan “Sig” Wilson und seiner schwer groovenden Rhythmus-Begleiter Brian Markham und Adam Bulgasem ist in jeder Nummer evident, die Fuzz- und Prog-Gitarren-Hochämter dehnen sich zu ausschweifenden Instrumental-Passagen, der zweistimmige Gesang atmet mit jeder Strophe seligen Siebziger-Jahre-Spirit.
Und „Arcularius – Burke“ ist neben den ausufernden Trips der aktuellen Chris-Forsyth-LP der herrlichste Improvisations-Instrumental-Flow mit Cosmic-American-Explosion als Klimax, den die nimmermüden Nachlass-Verwalter gerne aus dem scheinbar unerschöpflichen Fundus der Grateful-Dead-Archive zaubern würden. Like Punk never happened.
„No Keys“ wurde live im Studio ohne große Nachbearbeitung und technisches Brimborium eingespielt, damit fangen Dommengang als exzellente Konzert-Kapelle spontan und vollmundig die berauschende Energie ihrer exzellenten Gigs ein.
„No Keys“ erscheint am 17. Mai beim US-Indie-Label Thrill Jockey Records, wie eingangs erwähnt.
(*****)

Reingehört (525): Robert Forster, She Keeps Bees

Robert Forster – Inferno (2019, Tapete Records)

Der alte Go-Betweens-Held mit neuer Platte. Nicht allzu tiefschürfende Lebensweisheiten eines in die Jahre gekommenen Indie-Granden zu gefälliger Folk/Pop-Nonchalance, hinsichtlich musikalischer Finessen oft eine Spur zu simpel gestrickt. Man vermisst weitgehend die einzigartige Go-Bes-Songwriter-Kunst, die erhebenden Indie-Pop-Momente und Balladen seiner großartigen Solo-Alben „Danger In The Past“ oder „The Evangelist“ in diesem entspannten und zuweilen auch austauschbaren Geplätscher. Forster verkauft sich über weite Strecken des neuen Werks völlig unter Wert. Erst zum Ende hin, in „One Bird In The Sky“, da lässt der Mann aus Brisbane sein Talent für einfache, elegante, umso wirkungsvollere, ergreifende Momente aufscheinen, aber an der Stelle ist die Messe bereits abschließend gelesen und das Volk der Gläubigen längst weggedöst oder zu einer anderen Kirche konvertiert. Wo’s auf Tonträger aktuell mitunter arg hapert, wird’s beim anstehenden konzertanten Vortrag gewiss wieder zur ein oder anderen erbauenden Interpretation aus dem reichhaltigen Forster-Fundus kommen, das „Inferno“-Material muss zu der Gelegenheit ja nicht über Gebühr strapaziert werden.
(*** ½)

Robert Forster live am 9. Mai im Münchner Feierwerk, des Weiteren zu folgenden Gelegenheiten:

30.04.Berlin – Festsaal Kreuzberg
01.05.Hamburg – Knust
03.05.Münster – Gleis 22
04.05.Bielefeld – Forum
05.05.Bonn – Harmonie
07.05.Frankfurt – Zoom Club
08.05.Schorndorf – Manufaktur
10.05.Wien – Theater Akzent
11.05.Linz – Posthof

She Keeps Bees – Kinship (2019, BB*Island)

Fluch des Schicksals oder Ungnade der späten Geburt: Die Formation She Keeps Bees und hier im Besonderen Sängerin Jessica Larrabee müssen sich permanent Vergleiche mit den dargebotenen Vokal-Künsten prominenter Kolleginnen wie Chan Marshall/Cat Power, Polly Jean Harvey oder Aimee Mann gefallen lassen. Ein Manko, zweifelsohne, auch wenn die gute Frau aus Washington DC und ihr mit Drummer Andy LaPlant in Brooklyn formiertes Duo nichts für diesen Umstand können. Epigonenhaft, belang- oder gar substanzlos ist das demnächst zur Veröffentlichung anstehende Material vom neuen Longplayer „Kinship“ – wie auch frühere Einlassungen – deswegen weiß Gott nicht, es muss nur diesem andauernden Parallelen-Ziehen standhalten. Mit den neuen Songs dürfte das für die Band ohne weitere Anstrengungen zu ertragen sein. Dunkle Neo-Blues-Balladen, der Tanz der Wüstengeister und Highway-Dämonen, das latent Morbide der Zigarettenrauch-gegerbten Nacht-Bars, das sich in Larabees geheimnisvoller, unterkühlt erotischer Soul-Stimme wiederfindet wie im Nachhall des herrlich aus der Zeit gefallenen Keyboard-Grooves, dazu erzählt das gemischte Doppel von eigenen Verlusten, den sozialen Verwerfungen und den Wunden der Natur, in einem mächtig drängenden, hypnotischen Flow an Nummern, einem Fluss hinein in das Zwielicht der mitternächtlichen Melancholie.
Hier wäre sie mal wieder, in formvollendeter Güte und erhabener Schönheit, die vielzitierte atmosphärische Dichte, die so manchem Werk der eingangs erwähnten Ladies gut zu Gesicht gestanden hätte.
„Kinship“ erscheint am 10. Mai beim Hamburger Indie-Label BB*Island.
(**** ½ – *****)

Reingehört (522): Efrim Manuel Menuck & Kevin Doria

„WE LANDED IN MEXICO CITY LAST FALL, WROTE THIS RECORD QUICKLY WHILE THE POLICE DROVE ROUND AND ROUND. FIRST SONG IS SELF-EXPLANATORY. 2ND SONG A STATEMENT OF INTENT. THIRD SONG IS AN EMPTY SPACE BETWEEN TWO HIGHWAYS. FOURTH SONG IS ABOUT A MURDERED FOREST. FIFTH SONG INSISTS THAT WE WILL WIN. HOLD ON. THO THESE TIMES ARE DARK TIMES. HOLD ON. – E.M.M./K.G.D (SING, SINCK SING)“

Efrim Manuel Menuck & Kevin Doria – are SING SINCK, SING (2019, Constellation Records)

Zwischen dem Trash-Komödianten aus dem Weißen Haus und dem kanadischen Premier knirschten die Misstöne in jüngster Zeit im (wirtschafts)politischen Gebälk, im weiten Feld der experimentellen Musik ist es um den nachbarschaftlichen Austausch im nordamerikanischen Grenzverkehr um einiges besser bestellt, im mindesten auf der demnächst zur Veröffentlichung anstehenden Kollaboration von Efrim Menuck und Kevin Doria. Der in Montreal beheimatete Menuck, weithin bekannt als maßgebender Mitbegründer und Protagonist der hochverehrten kanadischen Postrock-Kollektive Godspeed You! Black Emperor und Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, und der US-Amerikaner Kevin Doria von der in Brooklyn ansässigen Drone-Formation Growing gehen bereits seit geraumer Zeit gemeinsame Wege: Doria unterstützte den Kanadier bei den Live-Präsentationen seines 2018er-Albums „Pissing Stars“ und eröffnete die gemeinsamen Konzerte mit elektronisch-monotoner Electronica-Trance-Meditation unter seinem Pseudonym KGD, wie auch zu Gelegenheiten einige Auftritte von Efrim Menuck mit seiner GY!BE-Stammformation. Die gemeinschaftlichen Konzertreisen führten das Duo im vergangenen Herbst nach Mexico City, wo die Aufnahmen zu „SING SINCK, SING“ entstanden, der Titel des halbstündigen Debüts soll künftig auch als Band-Name für weitere Arbeiten der beiden profilierten Experimental-Musiker stehen.
Mit dem ersten Wurf aus fünf neuen, weitgehend formlosen Klanggebilden errichtet Kevin Doria eine tonale Klagemauer aus Ambient-Drones für das durch Hall und elektronische Filter verfremdete Lamentieren Menucks, mit dem er den empfundenen Schmerz und Missmut irgendwo zwischen resignierter Verzweiflung und hoffnungsvollem Aufruf zum Widerstand auslebt. Die fiebrig lichternden Trance-Drones, das aus Synthies, Oszillatoren und Amps entlockte Electronica-Zirpen mit gezielt dissonanter Sampling- und Loop-Behandlung an synthetisch erzeugten Abstrakt-Sounds liefert den freigeistigen Rahmen der Orchestrierung fern aller gängigen Song-Strukturen für den lyrischen, entrückten Vokal-Flow von Efrim Manuel Menuck – einem nahezu mystisch verbrämten, Kirchenlied-verwandten Sermon, von der anti-kapitalistischen Kritik im Widerstand zum industriell-militärischen Komplex und den pazifistisch-anarchistischen Anschauungen des Songschreibers geprägt.
In „Fight The Good Fight“ gewinnt der Sänger den Kampf gegen den permanent nach vorne drängenden und überlagernden Elektro-Smog, die Nummer schwingt sich zur nahezu ergreifenden Trance-Hymne auf und ragt als Leuchtturm der Hoffnung aus der Tempo-reduzierten, amorphen Ambient- und Drone-Masse, die einzige Nummer, in der Menuck eine an Euphorie angelehnte Stimmung aufkommen lässt in der diffusen Klang-Ambivalenz zwischen Licht und Schatten, selbst die schemenhaften Electronica-Wallungen der Maschinen erinnern zuweilen an synthetisch generiertes, erhebendes Dudelsack-Sturmgebläse und fügen sich damit einmalig in eine vertraute Form.
Die Single-Auskopplung „Fight The Good Fight“ wird am 23. April über die bekannten Streaming-Dienste veröffentlicht, das komplette Album „are SING SINCK, SING“ erscheint am 10. Mai beim kanadischen Indie-Label Constellation Records.
(**** ½ – *****)

Efrim Manuel Menuck und Kevin Doria werden am 31. Mai den zweiten Tag des dunk!Festivals im belgischen Zottegem als Headliner auf großer Zelt-Bühne beschließen, des Weitern sind sie im alten Europa zu folgenden Gelegenheiten zu sehen:

25.05.Biarritz – Festival Usopop
27.05.Limoges – Le Phare
01.06.Amsterdam – Best Kept Secret Festival
02.06.Barcelona – Primavera Festival
03.06.Poznan – LAS
04.06.Berlin – Arkaoda
06.06.Brussels – Botanique Rotonde
07.06.Diksmuiden – 4AD
09.06.Paris – Villette Sonique

Oneida @ Hansa39, München, 2019-03-14

Die New Yorker Experimental-Indie-Formation Oneida am vergangenen Donnerstagabend im Hansa39 des Münchner Feierwerks: Eine konzertante Klangreise, bei der nie vorhersehbar ist, was da an bunten Blüten, spontanen Auswüchsen und ungeahnten Mutationen auf die Hörerschaft zukommt. Bei ihrem letzten München-Auftritt im März 2013 hundert Meter weiter im Orangehouse verfranste sich die Band exzessiv ausufernd in rituellen Endlos-Schleifen-Wiederholungen und sprunghaftem, losgelöst lichterndem Improvisations-Gefrickel, feuerte damit das Atonal-Unkonventionelle zu großen Teilen in schwer verdaubaren Brocken in das Auditorium und warf für die Konsumenten mehr Fragen auf, als dass sie nachvollziehbare Antworten lieferte. Diese letzte, sechs Jahre zurückliegende Begegnung vor Ort oder das zeitgleich ab Donnerstag stattfindende, kostenfreie, dreitägige frameworks-Festival mit experimenteller Musik im Blitz-Club dürfte den ein oder anderen an tonaler/atonaler Avantgarde Interessierten (m/w/d) vom Besuch in der Feierwerks-Halle abgehalten haben. Sehr schade, das an diesem Abend von Oneida abgebrannte stilistische Sound-Feuerwerk hätte weitaus mehr Zulauf verdient als die überschaubare Schar an zugewandten Fans und Neugierigen mit offenem Geist und offenen Ohren.
Die nach einem Native-Americans-Volk der Iroquois Confederacy benannte Band gehört seit mittlerweile mehr als zwei Dekaden zum festen Stamm des experimentellen Brooklyn-Underground, wenn sie auch 2011 mit dem „The Ocropolis“-Aufnahmestudio ihre angestammte Homebase in Williamsburg an die fortschreitende Gentrifizierung des Hip-Viertels verlor. In München präsentierte die Band vorwiegend das Material des aktuellen, im März 2018 erschienenen Longplayers „Romance“, daraus mit „Economy Travel“ als Opener sofort vorneweg einen der ausuferndsten, erratisch am Nerv nagenden Titel des Abends zwischen psychedelischem Krautrock, bohrenden Keyboard-Drones als Heavy-Trance und Free-Jazz-lastigen Wendungen, mit den höheren Weihen vom interstellaren Cosmic-Gott Sun Ra gesegnet. Wer vermutete oder gar befürchtete, dies wäre dann für den weiteren Verlauf der Veranstaltung die dominierende, neue Sound-Galaxien erforschende Reise-Route in Sachen „Space Is The Place“, konnte sich entspannt dem weiteren Geschehen hingeben, die Band schaffte umgehend den Schwenk in vertrautere No-Wave- und Indie-Rock-Gefilde, in den unorthodoxen Alternative-Rock und Postpunk aus der New Yorker Nachbarschaft der Achtziger und Neunziger, mit für Oneida-Verhältnisse überwiegend griffigen und kurzen Songs, geradezu tanzbaren Grooves und wuchtigen Trance-Flows. Selbst das „The Way Of The World“-Cover vom Debüt der einflussreichen kalifornischen Achtziger-Jahre-Punk-Rocker Flipper als straighter Garagen-Trash-Stampfer fand hier seinen Platz. Oneida wären nicht bei sich, würden sie nicht sporadisch zu Progressive-Psychedelia-Exzessen in kaum zu fassender, losgelöster Form ausholen, in denen die verzerrt-schneidenden, hart rockenden und lärmenden Noise-Gitarren von Shahin „Showtime“ Motia und Hanoi Jane, das freie, virtuos überbordende, entfesselt antreibende Getrommel von Kid Millions mit dem lichternden Klangteppich der bewusstseinserweiternden Synthie-Drones, dem monotonen Maschinen-Rauschen und dem analogen Electronica-Schrauben Barry Londons wie mit Bobby Matadors intensiv-dröhnendem, aus der Zeit gefallenem Prog-, Kraut- und Jazzrock-Georgel eine unvergleichliche, höchst eigenwillige Symbiose eingingen.
Der Oneida-Klang-Kosmos ist ein sich permanent ausdehnender, wandelnder, in neue Parallel-Universen vorstoßender, Einschränkungen und strenge Fesseln im Sinne der Unendlichkeit negierender. Das nach wie vor Faszinierende am musikalischen Forschungsdrang der amerikanischen Ostküsten-Combo ist die Vielfalt der verwendeten Stilmittel in ihrer völlig unkonventionellen Umsetzung, die seltsamerweise trotz Driften in vielerlei Richtungen nie beliebig oder heterogen wirkt – ein permanentes Oszillieren zwischen mehr oder weniger vertrauten Song-Strukturen und losgelöstem Improvisations-Fortgang im ureigenen Spannungsfeld.
Ein Zehn-Stunden-Marathon – wie zu einer anderen Gelegenheit von der Band zelebriert – war’s am Donnerstagabend mit den dargebotenen achtzig Minuten beileibe nicht, aber auch in diesem knapp bemessenen zeitlichen Rahmen konnten die fünf über die Maßen sympathischen Weirdos aus der unabhängigen Künstler-Community Brooklyns ungebremst ihren sprudelnden Ideenreichtum ausleben, ihre tonalen Wundertüten aufreißen und mit bunten Konfetti-Explosionen den Saal herausfordernd wie anregend unterhalten.
Der 2019er-München-Auftritt von Oneida war mit ihrem vorangegangenen Gastspiel in der Stadt kaum zu vergleichen, damit in der Form schon fast Mainstream („fast“ ist natürlich ein dehnbarer Begriff und „Mainstream“ im Zusammenhang mit der New Yorker Experimental-Rock-Institution ein letztendlich flacher Witz), zweifellos komplexes, exzellentes Entertainment in einem korrespondierenden Austausch zwischen großer Indie-Kunst, Experiment und augenzwinkernd-durchgeknallter Spielfreude.