Bruce Springsteen

Reingehört (91)

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Bruce Springsteen – Schottenstein Center, Columbus, Ohio, 2005 (2015, Live Archive Series)
Der Boss hatte im Frühjahr 2005 mit ‚Devils & Dust‘ (Columbia) sein drittes Akustik-Album nach dem herausragenden Solo-Wurf ‚Nebraska‘ (1982, Columbia) und ‚The Ghost Of Tom Joad‘ (Columbia) aus dem Jahr 1995 veröffentlicht und betourte die Scheibe im folgenden Sommer in für seine Verhältnisse kleinen bis mittleren Hallen der USA, solo mit Akustikgitarre, Piano und Banjo zugange oder vereinzelt sporadisch von Gastmusikern dezent unterstützt.
Neben gelungenen Fassungen des damals aktuellen Albums – unter anderem eine herausragende Interpretation von „Jesus Was An Only Son“ – hören wir hier neben intensiven Folk-Perlen eine wüste, verzerrte Blues-Version des ‚Nebraska‘-Klassikers „Reason To Believe“, „For You“ vom Springsteen-Debüt in ergreifendem, nur am Piano begleiteten Vortrag, in der Zugabe ein beschwingtes „Ramrod“, eine Referenzaufnahme von „Bobby Jean“ und als Finale in seiner achteinhalb-minütigen Pracht den Alan-Vega-/Martin-Rev-/Suicide-Klassiker „Dream Baby Dream“, den der olle Bruce zur Harmonium-Begleitung in einer Inbrunst schmettert, als hätte er ihn selber komponiert.
In den letzten 25 Jahren hatte der jeweils aktuelle Springsteen-Output eher seltener meine ungeteilte Aufmerksamkeit, im Fall der ‚Schottenstein‘-Aufnahme jedoch: voll dabei, feines Teil.
(*****)

Grateful Dead – 30 Trips Around the Sun: The Definitive Live Story 1965-1995 (2015, Rhino)
Das chronologische Format zur Dokumentation der musikalischen/konzertanten Entwicklung der Grateful Dead gab es bereits 1999 mit der hervorragenden 5-CD-Box ‚So Many Roads (1965-1995)‘, anhand damals unveröffentlichter Live-Perlen und einiger, weniger Studio-Outtakes wurde der „Long Strange Trip“ der Band um Jerry Garcia von den psychedelischen Blues-/Folk-Anfängen bis zum Stadien-füllenden Jam-/Space-/Cosmic-American-Music-Rock der späten Jahre eindrucksvoll aufgezeigt.
So mancher mag bei Veröffentlichung der neuen 4er-Box die Nase gerümpft haben, was ein exemplarisches Live-Stück aus jedem Jahr der 3 Dekaden langen Bandgeschichte an zusätzlicher Erkenntnis offenbaren soll, zumal Klassiker wie etwa „Bertha“, „Goin‘ Down the Road Feelin‘ Bad“, „Eyes Of The World“, „Brown Eyed Women“, „Sugar Magnolia“, „Truckin'“, „Looks Like Rain“, der späte Hit „Touch Of Grey“ und so manch anderes konzertantes Highlight fehlen, eine Auseinandersetzung mit der gefühlt 391. GD-Live-Box lohnt trotz allem.
CD1 enthält eine starke „Cream Puff War“-Version von 1966 mit schönem Doors-Georgel, eine ellenlange Fassung des „Viola Lee Blues“, mit 10 Minuten eine sehr kurze, eingängige Version des „Dark Star“-Klassikers, 1970 ist mit einer ausufernden Jam-/Cover-Version des Martha-And-The-Vandellas-Soul-Klassikers „Dancing In The Street“ vertreten, der sagenhaft-grandiose – und für viele Deadheads beste – 1972er-Konzert-Jahrgang wird durch das völlig untypische Country-Stück „Tomorrow Is Forever“ repräsentiert, Donna Jean Godcheaux schlüpft hier in die Dolly-Parton-Rolle, gefolgt von der Garcia-Nummer „Here Comes Sunshine“ mit schönen Gitarrensoli des Meisters.
CD2 bietet diverse Konzert-Klassiker der 70er-Jahre-Sets („Franklin’s Tower“, „Scarlet Begonias“, „Samson And Delilah“) in den für die Ära typischen, ausgedehnten Jam-Versionen, „Estimated Prophet“ mit funky Phil-Lesh-Bass und mit „Lost Sailor“ und „Deep Elm Blues“ seltener gespielte Dead-Stücke.
Funky geht es weiter auf CD3 mit „Shakedown Street“, einer anständigen „Bird Song“-Version aus dem Jahr 1982, „Feel Like A Stranger“ ist schwer verdauliches 80er-Funk-Rock-Gemucke, „Let It Grow“ erstaunlich zupackend mit Flamenco-artigen Gitarrenläufen, „Comes A Time“ ist als Bluesballade immer gerne gehört und 11 Minuten „Morning Dew“ sind auch in der 1987-Madison-Square-Garden-Version ein Gustostückerl zum Ausklang des 3. Tonträgers der Sammlung.
Auf CD4 findet sich der Uralt-Kracher „Not Fade Away“ als Soul/Blues-Rocker, ein herrlich entspannt-abgeklärtes „Althea“, die ergreifende Interpretation der Robbie-Robertson-Nummer „Broken Arrow“, eine brüchig-fragile Version der späten Hymne „So Many Roads“, die nicht ganz an die intensive, auf der gleichnamigen Box enthaltenen Fassung vom letzten Konzert von Jerry Garcia mit den Dead im Soldier Field Stadion zu Chicago vom Juli 1995 heranreicht, und als krönenden Abschluss die Dead-Fassung der Dylan-Nummer „Visions Of Johanna“, mit Bob dem Meister waren die Cosmic-American-Music-Großmeister bekanntlich 1987 auf ausgedehnter Stadien-Tour.
Bei der 4-CD-Box handelt es sich um ein Extrakt der auf 80 CDs angelegten und auf 6.500 Stück limitierten Sammlung ’30 Trips Around the Sun‘ (2015, Rhino), die alle 30 der auf den 4 Scheiben zitierten Konzerte komplett enthält.
In Abwandlung eines alten Umweltschützer-Spruchs: „Erst wenn alle Dead-Konzerte auf Tonträger gebannt sind, werdet Ihr feststellen, dass Ihr in Eurem Rest-Leben nicht mehr die Zeit zum Anhören finden werdet.“ ;-)))
(**** ½ – *****)

John Mayall – Find A Way To Care (2015, Forty Below Records)
Der seit über 60 Jahren aktive Urvater des britischen Blues (neben Alexis Korner), der 1968 mit ‚Blues From Laurel Canyon‘ (Decca) unter Mithilfe des späteren (und besten) Stones-Gitarristen Mick Taylor eine der essentiellsten Blues-Rock-Scheiben bis dato einspielte, glänzt auf dem neuen Werk mit klassischem, Bluesharp- und Piano-lastigem Chicago-Blues und mächtigem New-Orleans-Orgel-Groove. Inklusive hochanständiger Interpretationen der Lightnin’-Hopkins-Nummer „I Feel So Bad“ und dem Muddy-Waters-Klassiker „Long Distance Call“. John Mayall hat den Blues auch mit 81 Jahren immer noch drauf.
(****)

Keith Richards – Crosseyed Heart (2015, EMI / Universal)
The Walking Dead ist in letzter Zeit eher unangenehm aufgefallen durch die Publikation eines selbstbeweihräuchernden 700-Seiten-Schüleraufsatzes und das Herziehen über alte, verdiente Musikerkollegen wie die Beatles („Sgt. Pepper ist einfach eine Ansammlung von Dreck“), die Grateful Dead (“Just poodling about for hours and hours“) und deren Gitarren-Gott Jerry Garcia („Boring Shit, Man. Sorry, Jerry“), jetzt hat er nach 23 Jahren ein neues Soloalbum veröffentlicht, der Ur-Stone gibt gefällig-melodischen Blues-Rock’n’Roll zum Besten, spätestens beim Gesang kommt man nicht umhin, ein Loblied auf den Mann am Mischpult zu singen, wenn einer wie die lebende Leiche, der, durch frühere (Live-)Aufnahmen wie – exemplarisch „Happy“ vom Exile-On-Main-St-Klassiker – belegt, ein nachweislich höchst limitierter Sänger ist, über weite Strecken des Albums urplötzlich nach Willy DeVille in seinen besten Zeiten klingt, spätestens dann dürfte evident sein, dass was faul ist im Staate Dänemark. Tendenziell eher „einfach eine Ansammlung von…“ …geschenkt.
(** ½)

David Gilmour – Rattle That Lock (2015, Sony)
Beim ehemaligen Pink-Floyd-Gitarristen Dave Gilmour liegt der Fall nicht besser, an zwei, drei Stellen scheint der Crazy Diamond noch aus seeligen ‚Wish You Where Here‘-Zeiten durch, ansonsten ist das durch die Bank glattproduzierte, Hochglanz-Rockballaden-hafte, gepflegte Langweile, was der Brite auf seinem neuen Solo-Album bietet. Beim dritten Gähnen war die Oper durchgefallen.
(**)

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Springsteen & I

„Ich überstehe keinen Tag, ohne Bruce anzuhören“
(Ein Fan)

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Der Film ist eine charmant gemachte, von Ridley Scott produzierte Dokumentation über das Verhältnis der Boss-Fans zu ihrem musikalischen Helden. Die Statements der Bruce-Jünger wurden größtenteils von ihnen selbst in liebevoll-amateurhaften Videos aufgenommen – das Glaubensbekenntnis zum Boss als Selfie, sozusagen. Im Zentrum steht die Frage, was Springsteen dem einzelnen Fan bedeutet, welche Attribute er mit im verbindet, welche Rolle seine Musik in ihrem Leben spielt und – im besonderen Fällen – welche Erlebnisse sie mit ihm hatten. Ein interviewter Fan ist von seinen eigenen Ausführungen so ergriffen, dass sein Vortrag in einem Heulkrampf gipfelt – der Springsteen-Fan braucht kein Beatles-Konzert, das klappt auch alleine im Auto.

Besonders erwähnenswert sind die Geschichten vom Philadelphia-Elvis, dem Straßenmusiker, der mit Bruce jammen durfte und dem von seiner Holden verlassenen Konzertbesucher, der vom Boss höchst selbst auf der Bühne getröstet wurde. Abgerundet wird die Doku durch diverse professionelle Interviews und bisher unveröffentlichte Konzertaufnahmen, unter anderem einer Uralt-Schwarz-Weiß-Aufnahme, die Springsteen vermutlich Anfang der Siebziger solo mit der Akustikklampfe zeigt, mehr Dylan als Boss, und einer sagenhaft guten Liveversion von „Thunder Road“.

Für Springsteen-Fans ist der Film wohl unverzichtbar, und selbst wenn man Bruce Springsteen nicht mag, führt der Film doch deutlich vor Augen, wie toll es manchmal sein kann, Fan von irgendwem oder irgendwas zu sein – insofern ist das Subjekt oder der Gegenstand der Verehrung austauschbar.

9/11 in NYC und Santiago de Chile

9-11 DIE ZEIT

Das Martyrium des Lyndon Harris / DIE ZEIT Online

Beim Zelebrieren der Erinnerung zu „9/11“ darf der „11. September“ der Südamerikaner nicht vergessen werden. Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär mit massiver Hilfe der CIA unter Führung von Augusto Pinochet, der gewählte sozialistische Präsident Salvador Allende beging Selbstmord, bevor er den faschistischen Putschisten in die Hände fiel, das Begräbnis des Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda geriet 14 Tage nach dem Umsturz zum ersten großen Protest gegen das neue Regime und der beim Volk populäre Sänger Victor Jara verschwand in den Folterkellern der Junta, wie nach ihm tausende Oppositionelle, Gewerkschafter und Künstler.

Der andere 11. September / DIE ZEIT Online

Victor Jara – Manifesto


 
Bruce Springsteen – Manifesto