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bvdub – A Different Definition Of Love (2018, Dronarivm)

Früher hätte man so einen wahrscheinlich als Streber auf dem Schulhof verhauen, wenn es auch nicht gerechtfertigt gewesen wäre: Erst im vergangenen Herbst ist der kalifornische Sound-Tüftler Brock Van Wey angenehmst via n5MD-Label mit „Heartless“ in Erscheinung getreten, bereits gut sechs Monate später wird er mit seinem neuen und damit sage und schreibe dreißigsten Album unter seinem Projekt-Alias bvdub beim russischen Label Dronarivm vorstellig, die Anzahl ist bei dem Output-Tempo nicht weiter verwunderlich, erfreulicherweise ist das gesteigerte Arbeitsethos des amerikanischen Experimental-Musikers neben der Masse auch weiter in der exzellenten Qualität erkennbar, erneut darf man das Loblied auf ein hervorragendes bvdub-Produkt anstimmen, das sich aus sechs ausladenden, nicht selten die Fünfzehn-Minuten-Marke überschreitenden, sorgfältig konzipierten und mit kompositorischem Können umgesetzten Experimentalklang-Kunstwerken zusammensetzt.
„A Different Definition Of Love“ besticht einmal mehr durch eine tiefenentspannte, kaum greifbare, wie durch Nebelschwaden herüberwehende und sich Raum schaffende Ambient-Ästhetik, die trotz dezenter Electronica-Verzerrungen, einem unterschwelligen weißen Grundrauschen und homöopathisch akzentuierter, kaum als Noise wahrnehmbarer Abstrakt-Drones von erlesener Eleganz und Schönheit zeugt. Eine Schönheit, die fast schon schmerzt, wenn sich aus dem Dunst des Diffusen und den Zeitlupen-artigen Loops Klangbild bereicherndes Wunderwerk anbahnt und ein Stück des Flusses begleitet in Form von kammermusikalischen Akustikgitarren-Entwürfen, vom Piano vorgetragener Minimal-Music-/Neoklassik-Erhabenheit, feinen, glasklaren Postrock-Phrasierungen auf der elektrischen Gitarre oder einer durch gesampelte und digital verfremdete Choräle beschallten, endgültigen Entrücktheit in der Werk-beschließenden Experimental-Klangskulptur „Tearless [T]owers“.
Die in eckige Klammern gesetzten, jeweils einzeln ausgewählten Buchstaben aus den sechs Titeln ergeben von oben nach unten gelesen das Wort „FORGET“ – wenn „A Different Definition Of Love“ dereinst die Begleitmusik zum großen Schlaf und zum Vergessen des eigenen, zurückgelegten Wegs sein wird, der Soundtrack zur Reise hinein in das Nirvana der Gedanken und zum Verblassen der Erinnerungen, dann will einem vor der drohenden Demenz und dem Verschwinden nicht mehr gar so bange sein, denn vor dem finalen Erlöschen wird noch einmal das Licht leuchten…
„A Different Definition Of Love“ erscheint am 30. März beim Moskauer Indie-Label Dronarivm.
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bvdub – Heartless (2017, n5MD)

Hochinteressanter Klangkunst-Experimentierer von der US-Westcoast: Brock Van Wey ist musikalisch in der Spät-Achtziger-Rave-Szene der San Francisco Bay Area verwurzelt, als DJ und Musiker hat er in vergangenen Dekaden seine Deep-House- und Ambient-Arbeiten in Kalifornien zu Gehör gebracht, 2001 ist er für 10 Jahre ins selbst gewählte Exil nach China gegangen, wo er mit der Veröffentlichung seiner diversen Tondichtungen und Electronica-Genres startete, im Bereich Ambient als bvdub wie unter seinem eigenen Namen, Deep House als Earth House Hold und Drum & Bass unter dem Projektnamen East Of Oceans.
Zurück in seiner Heimat, veröffentlicht er in den kommenden Wochen sein Album „Heartland“ beim ortsnahen Experimental-/Indie-Label n5MD in Oakland unter dem Pseudonym bvdub, im Übrigen die erste Volle-Länge-Vinylpressung seit Bestehen der Plattenfirma.
Für Brock Van Wey hingegen ist es bereits die 29. bvdub-Arbeit, davon etliches im Eigenvertrieb und zum Teil ausschließlich digital veröffentlicht. Auf „Heartless“ lässt er laut Labelinfo die Konzepte und Erfahrungen zahlreicher Live-Auftritte aus den vergangenen Jahren einfließen, die sich irgendwann verselbstständigten, ein Eigenleben entwickelten und sich so zu einem großartigen Ambient-Monolithen auswuchsen.
In acht ausgedehnten Sound-Entwürfen zwischen 6 und 12 Minuten nimmt sich Van Wey die nötige Zeit, um in entspannter, nahezu kontemplativer Ruhe wunderschöne, sphärische Ambient-Klanglandschaften zu komponieren, erhabene und getragene Soundtracks für klare und unberührte Winterlandschaften, in den dunkleren, mystischeren Ausprägungen Bilder des unwirtlichen Nordens hinter der „Game Of Thrones“-Mauer assoziierend, in den helleren Klangfarben Erinnerungen an Sonnen-durchflutete, Schnee-bedeckte Wälder und unberührte Natur weckend.
Glasklare Minimal-Music-Piano-Mediationen erheben sich wiederholt aus dem sphärischen Rauschen und halten so gekonnt die Balance zwischen greifbaren Instrumental-Strukturen und sanftem, abstraktem Wohlklang-Drone. Engelsgleiche Sangeskunst ist in diesem atmosphärischen Flow oft nur andeutungsweise wie durch dichten, verhallten Nebel vernehmbar, der entspannt-dunkle Grundton von „Limitless“ etwa wird durch dezente, aus dem Off erklingende Soul-Hymnen bereichert, die sich den Weg ins Ohr durch die gesampelten Schichten zu bahnen versuchen. Die Kunst liegt in der Reduktion, wie bereits die konzeptionelle Titelgebung andeutet – „Painless“, „Dreamless“, „Sleepless“, irgendwas fehlt – wie im richtigen Leben – immer, aber das tut in diesem Fall der Eindringlichkeit der meditativen Klangskulpturen keinen Abbruch – „But with ‚Heartless‘ this is only your introduction – easing you in before plunging to the deep end“.
„Heartless“ erscheint am 15. September beim kalifornischen n5MD-Label.
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