CBGB

Reingelesen (79): Flo Hayler – Ramones. Eine Lebensgeschichte

Eine Synthese aus 60er-Teen-Melodien und 70er-Garagen-Power-Sound. RAMONES-Musik – das ist eine Verbindung von kurzen, gesellschaftsbezogenen Statements (was bedeutet es, Amerikaner zu sein) mit bissigem, schwarzem Humor. Realisiert mit ein paar Groschen.
(Harald inHülsen, Von Emotionen/Von Ideen. Eine persönliche New Wave-Discographie, in: Rock Session 4. Magazin der populären Musik, herausgegeben von Klaus Humann und Carl-Ludwig Reichert, Rowohlt, 1980)

Flo Hayler – Ramones. Eine Lebensgeschichte (2018, Heyne Hardcore)

Lokal wie Global, sie haben allerorts ihre Spuren hinterlassen im Rock-and-Roll-Business, wie wenige andere vor oder nach ihnen: die Ramones, the happy family aus der New Yorker Queens-Neighborhood Forest Hills – nahezu jede nachfolgende Punkrock-Kapelle hüben wie drüben des Atlantiks nannte sie als maßgeblichen Einfluss für ihr eigenes Krakeelen, Lemmy Kilmister und seine Motörhead-Lärmer zollten mit der Nummer „R.A.M.O.N.E.S.“ heftig und nachdrücklich Tribut, Punkrock-Lady Sheena wurde vom Münchner Indie-Radio-DJ k.ill und seinem One-Man-Band-Projekt The Almost Boheme leonardcohenisiert und von den großartigen Hüsker Dü final live abgefeiert, das Kölner Schwulen-Original Hans Jürgen Zeltinger hat den Strand von Far Rockaway aus Queens/NYC kurzerhand ins Müngersdofer Stadion seines geliebten FC verpflanzt, ganz zu schweigen von diversesten, zu Teilen fragwürdigen Reminiszenzen aus der Stadienrock-Hansel-Ecke, von Pathos-Schmalzer Springsteen, dem notorischen Heuchler Bono, dem nicht weniger unsäglichen Campino, bis hin zum Johnny-Ramone-Spezi Eddie Vedder, to name only a few. Ramones, wo man hinhört, allerorten, heute noch und immerdar.
Ein weiteres, in jeder Hinsicht gewichtiges Denkmal hat der US-Punk-Institution jüngst Autor Flo Hayler errichtet, seines Zeichens Gründer und Betreiber des Berliner Ramones-Museums, mit einer über zweieinhalb Kilo schweren, reich bebilderten, großformatigen Band-Biographie, die vor Kurzem mit verlegerischem Mut von Markus Naegele im Hardcore-Programm des Münchner Heyne-Verlags veröffentlicht wurde – wo auch sonst?

Wer ein Ramones-Konzert ohne Blutergüsse, Kratzer, zerrissene Klamotten und Hörsturz übersteht, war entweder nicht dabei, stand hinten oder ist im gut klimatisierten Palace von Los Angeles gelandet.
(Flo Hayler)

Im Oktober 1987 hat das auch nichts verhindert, das Hinten-stehen, in der Münchner Alabamahalle. Nachdem das bereits damals völlig belanglose „Grebo“-Kasperltheater der Gay Bikers On Acid ihr Vorprogramm hinter sich brachte und die Fast Four nach kurzer Umbaupause und dem obligatorischen Highspeed-Einzählen mit ihrem allabendlichen, furiosen 75-Minuten-Set loslegten, gab’s auch auf den hinteren Rängen kein Halten mehr in Sachen Pogo zum flotten Ami-Punk-Beschallen der Herren Joey, Johnny, Dee Dee und Marky, das war an dem Abend der Rhythmus, zu dem tatsächlich ausnahmslos jede/r mit musste.
Beim finalen Vorhang für die Band am 6. August 1996 in Los Angeles reichte es scheint’s nicht mal in den ersten Reihen für wilden Ausdruckstanz, so fehl am Platz war die Band für dieses Publikum, glaubt man den Ausführungen von Flo Hayler, und warum sollte man es auch anzweifeln, der gute Mann war vor Ort zum Abgesang seiner Helden, für die es dann unter diesen Umständen wohl auch höchste Zeit war für den Vorruhestand. Ein trauriges Ende für eine Band, die zuvor 22 Jahre lang zu den Top-Liveacts dieses Planeten zählte und allabendlich ablieferte, was der Fan von ihnen erwartete: den von bösen Zungen kategorisierten schnellen Uptempo-Kracher und die etwas langsamere Punk-Pop-Balladen-Variante, in ihren zahlreichen Inkarnationen, ohne große Ansagen an das Publikum, mit selten variierender Setlist und der einstudierten Bühnen-Choreographie in der Front Row inklusive hochgehaltenem Gabba-Gabba-Hey-Schild und dem überdimensionalen Banner mit dem berühmten Ramones-Logo im Hintergrund.

Richard Hell: Wir haben bloß versucht, Dee Dee einen Song beizubringen, aber er hat sich fürchterlich einen abgebrochen. Er sollte nur einen einzigen Akkord spielen, das war nämlich alles, was er drauf hatte. Man braucht nur einen Finger, um einen Griff zu spielen. Wir haben ihm gesagt: OK, das spielen wir in C. Und dann fing er an zu spielen, und wir sagten ihm wieder: C. Er sagte nur: O-oh! Und dann spielte er etwas völlig anderes. Es war ein einziges Probieren.
Dee Dee Ramone: Ich bin aus der Band geflogen, weil ich nicht gut spielen konnte.
(Legs McNeil und Gillian McCain, Please Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk, Hannibal, 2004)

„We’re the Ramones, this one’s called Rockaway Beach, OneTwoThreeFour“, und direktemang hinein ins Vergnügen geht es im Wälzer von Flo Hayder mit den Rabauken aus Queens, die in den Sixties nichts Vernünftiges mit sich anzufangen wussten, von Gelegenheits- oder – wie im Fall von Basser Dee Dee – Blow-Jobs an der Straßenecke 53rd and 3rd lebten, irgendwann über den Sound von Iggy und seinen Stooges, den Detroit-Proto-Punk von MC5 und die Glam-Nummern der New York Dolls aus der unmittelbaren Nachbarschaft stolperten und mit wenigen bis keinen musikalischen Talenten gesegnet ihre ersten eigenen gemeinsamen musikalischen Gehversuche in den frühen Siebzigern starteten, ihre Vorliebe für die Ronettes und anderen Sixites-Power-Pop, Horror-B-Movies, das Dritte Reich und aktuellere Geschichten aus dem Vietnam-Krieg in Klangbild und Texten mit verwursteten, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, an der Bowery Downtown Manhatten, in Hilly Kristals ehemaligem Biker-Club CBGB, dem Epizentrum der New Yorker Punk- und New-Wave-Bewegung.
Hayler lässt in seinem Buch diese Ära wieder lebendig werden, erzählt daneben zahlreiche Tournee-, Aufnahmesession- und Privat-Anekdoten aus der Vita der Ramones, und hält auch mit den Eigenheiten der Herren Hyman, Cummings und Colvin nicht hinterm Berg, der notorischen Ungepflegt- und Unpünktlichkeit des zeitlebens von Zwangsstörungen geplagten Fast-2-Meter-Schlackses Joey, dem Kontrollwahn des rechts-konservativen Nazi-, Horror- und Elvis-Kram-Sammlers Johnny und den Tricksereien des schwerst Drogen-verseuchten Junkies Dee Dee, Extravaganzen, die irgendwann zum großen Familien-Zerwürfnis führten, die Combo aber mit wechselnden Drummern jahrelang stumpf im Dienste des Punkrocks und des Dollars zum Zwecke des Lebensunterhalts in Studio und Tour-Betrieb weiterwerkeln ließ.
Nicht zu kurz kommen im Buch die Rollen von Sire-Plattenlabel-Chef Seymour Stein, vom langjährigen Ramones-Manager Danny Fields, von Kreativ-Direktor und Ramones-Logo-Erfinder Arturo Vega, und last not least dem aus Budapest stammenden Tamás Erdélyi aka Tommy Ramone, Original-Drummer der Band, der als erster, führender Kopf der Kult-Kapelle maßgeblichen Anteil am frühen Erfolg der Ramones hatte und nach seinem entnervten Ausstieg 1978 weiter wertvolle Dienste für die Truppe im Management und als Co-Produzent für diverse Alben leistete.
Neben Tops wie den von Fachpresse wie Konsumenten hochgelobten ersten Alben, den frühen Tour-Erfolgen vor allem in Großbritannien und dem späten Superstar-Status der Ramones in Südamerika widmet sich der Autor auch ausführlich den weniger glänzenden Momenten und Aspekten der Bandgeschichte, etwa den holprigen, von fragwürdigen Erfolgen gekrönten Studio-Arbeiten mit Produzenten wie der Wall-of-Sound-Legende Phil Spector oder dem völlig Punk-fremden 10cc-Musiker Graham Gouldman. Hayler beleuchtet in Schlaglichtern eine Karriere, die vor allem in der amerikanischen Heimat nie zur vollen Blüte kommen mochte, er erzählt Geschichten von mangelndem Plattenfirmen-Engagement, zwischenmenschlichen Zerwürfnissen und diktatorischen Band-Hierarchien, erwachendem politischen Bewusstsein in der Reagan-Ära (ex Right-Wing-Johnny, logisch), angereichert mit seinen zahlreichen, selbst erlebten Eindrücken und Begegnungen mit den Musikern, Zitaten aus diversen (Auto-)Biografien, mehreren ausführlichen Interview-Passagen und einer kurzen Würdigung der Post-Ramones-Ära inklusive des frühen Ablebens mittlerweile fast aller zentralen Protagonisten.

Der schwere, 640 Seiten dicke Wälzer brilliert auf mehreren Ebenen, zum einen als launiger Erlebnisbericht eines altgedienten Ramones-Fans, der seinen Helden ab Anfang der Neunziger in zahlreichen Ländern auf mehreren ihrer Touren folgte, dafür Abiturprüfungen sausen ließ und prekärste Übernachtungsmöglichkeiten in Kauf nahm. Im Wesentlichen liest sich das Buch als stringent erzählte Band-Biografie, in der Autor und Devotee Hayler immerhin so viel kritische Worte in seinen Ausführungen zulässt, um auch die Schwachstellen diverser Ramones-Tonträger und die charakterlichen Defizite der einzelnen Musiker zu thematisieren, wenn ihm auch zu etlichen anderen Gelegenheiten der Gaul etwas zu sehr durchgeht beim Blick durch die rosa Fan-Brille, sei es bei einem gelinde gesagt fragwürdigen, im Buch hochgelobten cineastischen Machwerk wie der höchst albernen 1979er-Kino-Komödie „Rock ’n‘ Roll High School“, in der die Ramones eine wesentliche Rolle spielen, wie in seiner Heldenverehrung für C.J. Ramone, den späteren Bassisten der Combo, zu dem der Autor offensichtlich eine langjährige Freundschaft pflegt. Weitestgehend jedoch lässliche Sünden, den welchem Fan würde zum Objekt seiner Verehrung nicht ab und an das Herz überquellen – wer da ohne Sünde ist, der spucke als erstes auf die Bühne. Zumal Hayler aus seinem Vorhaben eines in erster Linie subjektiven Berichts nie einen Hehl macht.
Darüber hinaus wird der Prachtband schwer vermutlich in Zukunft als Katalog zur Dauer-Ausstellung zigfach über den Tresen des Berliner Ramones-Museum gehen, nicht zuletzt wegen der darin zahlreich abgebildeten Memorabilien und seltenen, zum Teil privaten Fotos aus der Kamera des ehemaligen Ramones-Managers Danny Fields.

Autor Flo Hayler, aufgewachsen in Helmstedt, kommt 1986 mit Punk in Berührung. 1990 sieht er die Ramones zum ersten Mal live, was sein Leben verändern wird. Jahrelang fährt er ihnen auf Konzerten hinterher und wird zum Sammler. 2005 eröffnet er das weltweit erste Ramones-Museum in Berlin. Nebenher war und ist er Journalist, Redakteur und Radiomoderator für Uncle Sally*s, Radio Fritz (RBB) und Visions.

Das Ramones-Museum inklusive Bar, Cafe und gelegentlicher Konzert-Bühne, 2005 aus der Taufe gehoben, residiert seit 2017 in seiner dritten Inkarnation in Berlin-Kreuzberg, Oberbaumstr. 5, es ist 365 Tage im Jahr von 10.00 – 22.00 Uhr geöffnet.

Flo Hayler geht mit seinem Ramones-Buch im Dezember auf Lese-Reise:

01.12.Frankfurt/Main – Feinstaub
02.12.Bonn – Bla
03.12. – Düsseldorf – Tube
04.12.Karlsruhe – Alte Hackerei
05.12.München – Schwarzer Hahn
06.12.Basel – Parterre
07.12.Dresden – Zille
08.12.Hamburg – Nachtasyl
10.12.Solingen – Waldmeister
11.12.Bielefeld – Movie
12.12.Köln – Die Wohngemeinschaft
13.12.Essen – Zeche Carl

Für mich waren die Ramones auch nicht anders als Status Quo. Sie waren spaßig, aber sie haben ihr Schema schnell ausgereizt. Das habe ich schon mal gehört. Zeigt mir was Neues! Entwickelt euch weiter! Es war ein schlauer Zug von ihnen, so zu tun, als wären sie geistlose Trottel. Das war schon ganz witzig, aber es erinnerte zu sehr an ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘. Wenn man ein Spiel zu lange spielt, wird man genau wie das, was man vorgibt zu sein. Die New Yorker Szene bestand nur aus gammeligen, abgehalfterten, dreckigen alten Leuten. Während wir erst 17 waren, waren die 25.
(John Lydon, in: John Robb, Punk Rock. Die Geschichte einer Revolution, Heyne Hardcore, 2007)

Den Unkenrufen vom übellaunigen Dauer-Ungustl Johnny Rotten zum Trotz, Etliches braucht’s auch heute noch von den Ramones: Das obligatorische T-Shirt mit dem Band-Logo, eh klar. Gibt’s heutzutage Massen-kompatibel sogar bei H&M, man muss dafür nicht mehr nach New York jetten, zumal das CBGB oder der Laden umme Ecke am St. Mark’s Place sowieso schon längst seine Pforten für immer dicht gemacht hat.
Sonst, ernsthaft? Die ersten vier Studio-Alben aus den Jahren 1976 bis 1978, „Ramones“, „Leave Home“, „Rocket To Russia“, „Road To Ruin“, mit allen frühen, ohne Zweifel total wichtigen „Hits“, in ihrer unverstellten, billigen Do-It-Yourself-Produktion, so, wie vernünftige Punk-Schlager eben klingen sollten, und wie die Ramones immer am besten funktionierten, damals wie heute. Und selbstverständlich zuforderst die erste Live-Scheibe, „It’s Alive“, 28 Nummern in knapp 54 Minuten, die wenigsten die 2-Minuten-Grenze überschreitend, vor fast 40 Jahren veröffentlicht, mitgeschnitten am Sylvester-Abend 1977 im Londoner Rainbow-Theatre, einer englischen Hochburg der Band – eines der besten Live-Alben, das bis dato im Rock’n’Roll-Universum veröffentlicht wurde, mit einem zeitlosen Songmaterial, das heute hinsichtlich Speed, Energie und Spielfreude die Funken noch genauso zum Schlagen bringt wie seinerzeit, in den seligen Hochzeiten des Punk-Rock – I’m a teenage lobotomy, yeah!