Charles Bukowski

Die virtuelle Reste-Schublade (6)

Reingehört – Short Cuts:

Wooden Peak – Yello Walls (2019, Kicktheflame)

Die beiden Leipziger Musiker Sebastian Bode und Jonas Wolter vom Indie/Electronica-Duo Wooden Peak mit einer reifen Grenzgänger-Leistung im – hier tatsächlich sehr spannenden Feld – zwischen extrem gelösten, luftigen, entspannten Post-Pop-Nummern und gehaltvollen Electronica-Experimenten. Minimalistische, tanzbare Songs, mit lakonischem Gesang erzählt, zwischen Mid-Tempo und Zeitlupe, mitunter sehr trocken und anspruchsvoll, dabei mit unzweideutigem Wiedererkennungswert und Ohrwurm-Qualitäten gesegnet, zur Reife gebracht mit digitalen Samplings, charakteristischen Synthie-Gimmicks, hallenden Lautmalereien.
Die Nummern von „Yellow Walls“ laufen nie Gefahr, dass der Sound auf Kosten des Experiments oder wie auch immer gearteter Novelty-Gags ausfranst und sich im austauschbaren, ätherischen, formlosen Ambient/Trance-Geplätscher verliert, bei Wooden Peak steht das Bekenntnis zur Song-Struktur an vorderster Stelle.
Wer auf Aktuelles von Notwist seit geraumer Zeit vergebens wartet und/oder wem beim letztjährigen „Any Day“-Album von The Sea And Cake die Füße und schlimmstenfalls der ganze Rest vom Kadaver bedingt durch urfade Ödnis eingeschlafen sind, bittschön, hier wär die schwer taugliche Alternative, jederzeit auch zur Reanimierung aus dem Koma.
(**** ½ – *****)

Wooden Peak spielen heute live in Halle an der Saale im Café Ludwig und demnächst zu folgenden Gelegenheiten:

16.03.Biesenthal – Camp Concerts
27.03.Brüssel – Le Brass
28.03.Aachen – Raststätte
02.04.Darmstadt – Schlosskeller
04.04.München – Import/Export
08.04.Münster – Pension Schmidt
07.06.Hatzenweier – Grüner Baum
09.08.Feldberg – 3000grad Festival
19.09.Chemnitz – Weltecho

ZKHR – Ride (2019, Spinnup)

Der russische Mulitinstrumentalist Zaytsev Zakhar aka ZKHR setzt auf „Ride“ Eigenkomponiertes fast im Alleingang um, auf drei Nummern geben zwei Gast-Drummer den Takt vor, das Gros an Orchestrierung aus Gitarren, Bässen, klassischem Instrumentarium wie Cello, Violine, Piano und das Organische kontrastierender Abstrakt-Electronica steuert der junge Musiker komplett selbst bei. ZKHR verwebt in seinen von neoklassischer Melancholie dominierten Instrumental-Werken synthetische Ambient-Sounds und sporadisch einsetzende Gitarren-Intensität, die effektvoll platzierten Postrock-Einwürfe entfalten dank ihrer nur selten und punktuell durch die Klanglandschaft rauschende Flut umso mehr Kraft und Effekt.
Jene, die bereits im Sumpf des Schwermuts wandeln, werden durch die von getragener Elegie und meditativer Nüchternheit geprägten Kompositionen nicht hoffnungsvoller gestimmt, und selbst den beschwingt in den Tag gehenden Optimisten wird nach Abhören vermutlich nicht mehr der Sinn nach Tanzbein-schwingen stehen. Trotz feiner Kompositionskunst und entsprechender Umsetzung als Antidepressivum völlig ungeeignet.
(**** ½)

Yodok III – This Earth We Walk Upon (2019, Consouling Sounds)

„Go Man Go, But Very Slow“ warnen Straßenschilder Bus- und LKW-Fahrer im Himalaya-Gebirge an gefährlichen Bergpässen am National Highway 1D zwischen Kaschmir und dem alten Ladakh, diese Aufforderung zum behäbigen und entschleunigten Fortgang haben der belgische Gitarrist Dirk Serries und die beiden skandinavischen Yodok-Musiker, der norwegische Tubaist Kristoffer Lo und der schwedische Drummer Tomas Järmyr, in ihren tonalen Visionen auf ihrer Anfang Februar beim hochgeschätzten Consouling-Label erschienenen Arbeit „This Earth We Walk Upon“ einmal mehr verinnerlicht und umgesetzt. Ein einziges Stück im steten Flow, 63 Minuten live bei einem Konzert in Trondheim mitgeschnitten, eine tonale Kernschmelze aus instrumentalem Postrock, experimentellem Jazz und diffusen Trance-/Neoklassik-Drones, die scheinbar aus dem unbegreiflichen Nichts einer amorphen Sound-Masse in der dramatischen Steigerung zwar lange nur in homöopathischen Dosen, aber doch unaufhaltsam dem finalen Überhitzen entgegen strebt.
(**** ½)

Literatur, wird mir übel nur:

Haruki Murakami – Afterdark (2005, DuMont Buchverlag)

Mit dem warum auch immer in den Feuilletons und von zahllosen beinharten Fans hochgelobten Herrn Murakami und seinen farblosen Protagonisten durch die Tokioter Nacht. Um es vorwegzunehmen: Ohne anhaltende Gähn-Attacken kaum zu bewerkstelligen. Die Story ist bocksimpel, lässt jeglichen Tiefgang oder wie auch immer geartete Relevanz vermissen und ist im Wesentlichen schnell erzählt: Zwei junge Schwestern in ihren Hauptrollen nach Mitternacht, eine im Koma-ähnlichen Dauerschlaf, beobachtet von einem mysteriösen Besucher und dem allwissenden Erzähler, die andere putzmunter und schlaflos bis zum Morgengrauen in der kalten Großstadt unterwegs, über lange Passagen des Buchs in platte Dialoge mit einem desillusionierten, gleichaltrigen Jazz-Musiker involviert. Als undramatischer Beihau: eine chinesische Prostituierte wird in einem Stundenhotel bestohlen, der Täter entpuppt sich als abgestumpfter Büro-Workaholic; eine zufällige Bekanntschaft der schlaflosen Schwester erzählt von ihrer jahrelangen Flucht, ohne dass die Leserschaft erfährt, vor wem oder was oder warum, das ist alles trivial und im Ungefähren belassen, lange bleibt die im Hinterkopf mitschwingende Frage „Kommt da noch was?“ unbeantwortet, am Ende steht ein ernüchterndes „Nein“ – unterm Strich einfach bei weitem zu wenig für gewichtige Literatur, anregende Denk-Impulse oder einfach auch nur unterhaltsamen Lese-Konsum. Minimalistischer Ambient, Trance und meditativer Drone im Zweifel dann doch lieber in musikalischer Darreichungsform, dort ist Sprachlosigkeit und Reduktion Standard und Mittel zum Zweck, in der Literatur ist das in der Form dürftig, für das Nichts muss man keine hunderte von Seiten verschlingen.
Auch stilistisch ist die Reise durch die Nacht ein einziges Non-Event, außer, man hält das simple Aneinanderreihen von Hauptsatz an Hauptsatz und die zu großen Teilen völlig belanglosen Teenager-Dialoge für einen scharfen Move aus der literarischen Trickkiste.
So schaut’s also aus, in „Afterdark“, mit dem vielerorts hochgelobten japanischen Star-Autor. Wenn das alles ist, was der hochgehypte Asiate auf der Pfanne hat, dann können’s den wiederholt für ihn eingeforderten Nobelpreis für Literatur in der Schwedischen Akademie in Stockholm weiterhin gern stecken lassen, selbst die Lachnummer mit dem Nuschel-Bob und seinen kryptischen Folk-Liedlein hat da noch mehr Sinn gemacht, und das will an dieser Stelle was heißen. Jeder gesunde Nachtschlaf ist dieser Lektüre vorzuziehen. Sleep you well in your Bettgestell…

Charles Bukowski – Post Office / Der Mann mit der Ledertasche (1974, Kiepenheuer & Witsch)

Dirty Old Man Bukowski, nach 40 Jahren revisited, das Unterfangen nach 25 Seiten aussichtslosem Kampf mit diesem stilistischen Offenbarungseid grandios gescheitert. In Zeiten der Adoleszenz mag man die Geschichten über den exzessiven Suff, den Stumpfsinn der täglich immer gleichen Lohnsklaverei im Dienste des U.S. Postal Service und Henry Chinaskis deftige Schilderungen seines Geschlechtsverkehrs noch für ein scharfes Gebräu gehalten haben, im Abstand der Zeit erweist sich dieses flache, erratische, auf keinerlei Klimax hinarbeitende Gewäsch in seiner erbärmlichen Ausformulierung dann doch als weithin ungenießbar. Inhaltlich in den Siebzigern und frühen Achtzigern wohl noch mit Provokations-Potential aufwartend, aber: Der Mann konnte einfach nicht schreiben.
Oder um es mit einem Zitat aus einem Dialog zwischen Krimi-Hardboiled-Champion James Ellroy und Hollywood-Autor/Regisseur Bruce Wagner auf den Punkt zu bringen: „A misogynistic, alcoholic sack of shit“„Yeah, a man with small hands and minor gifts“. – Klarer Fall von Haltbarkeitsdatum längst überschritten…

Reingelesen (61): Barney Hoskyns – Tom Waits: Ein Leben am Straßenrand

„Dieses ganze geheimnisvolle Getue um diesen total abgefahrenen Kerl und all dieser Charles-Bukowski-Mist. Niemand war wirklich so. Im Grunde genommen war er ein Lehrersohn aus der Mittelklasse von San Diego. Und was er da vorführte, war seine Vorstellung davon, wie abgefahren arme Leute waren.“
(Robert Marchese)

Barney Hoskyns – Tom Waits: Ein Leben am Straßenrand (2009, Heyne)

Eine Kultfigur, die sich von der Öffentlichkeit abschottet, ist schwer greifbar, siehe Extrembeispiel J. D. Salinger, derart vollumfänglich radikal wie einst der „Fänger im Roggen“-Autor entzieht sich Ausnahmemusiker Tom Waits den Medien zwar nicht, die Adresse seiner Heimstatt ist für Außenstehende indes streng geheim, für den Autor der vorliegenden Biografie waren weder er noch sein näheres Umfeld für Gespräche und Hilfestellung bereit, somit also kein leichtes und risikofreies Unterfangen, den kalifornischen Barden, Songwriter und Schauspieler Waits zu porträtieren, der englische Musikkritiker Barney Hoskyns ist das Wagnis eingegangen und hat trotz der widrigen Umstände im Rahmen der Recherche durchaus Passables zu Papier gebracht.

Tom Waits kommt 1949 in Pamona im Los Angeles County als Kind eines Schullehrer-Ehepaars zur Welt, der Vater Jesse Frank Waits verlässt 1960 die Familie, dem Musiker bleibt in späteren Jahren vor allem die Alkoholsucht des Altvorderen als familiäres Erbe, erst im mittleren Alter wird er seine eigenen Probleme als regelmäßiger Trinker in den Griff bekommen. Geschichten aus dem persönlichen Umfeld und die speziellen Marotten der Verwandtschaft finden mehrfach thematisch in späteren Songtexten Eingang.

„Da ich ohne Vater aufwuchs, war ich ständig auf der Suche nach einer Vaterfigur. Diese Typen wurden so etwas wie Vaterfiguren für mich. Kerouacs „On the Road“ zu lesen, bereicherte meinen Alltag um ein aufregendes Quäntchen Mythologie und führte dazu, dass ich mich, angetrieben von Forscherdrang und voll Neugierde auf die Details des Lebens, selbst on the road begab.“
(Tom Waits)

Waits heuert im Alter von 21 Jahren beim Zappa-Manager Herb Cohen an, der bringt ihn 1972 beim Asylum-Label unter, der Plattenfirma von Bands und Musikern wie den Eagles oder Jackson Browne, deren Musik wie auch deren Lebensstil Waits völlig fremd sind. Der amerikanische Westcoast-Sound ist sein Ding nicht, eine bekannte Folk-Formation verspottete er als „Crosby Steals The Cash“, über die Cover-Version von „Ol‘ 55“ der Eagles, die ihm immerhin ordentlich Tantiemen in die Kasse spülte, rümpfte er verächtlich die Nase.

Für landesweite Konzertreisen schickt Cohen seinen Schützling zur Promotion als Eröffnungsnummer auf Tour mit Frank Zappa und den Mothers, Waits geht beim feindseeligen, extrem kritischen Zappa-Publikum durch eine harte Schule und stellt aufgrund der negativen und ablehnend Resonanz, die er aus diesem Lager erfährt, erstmals die Sinnfrage hinsichtlich seines künstlerischen Schaffens.

Autor Hoskyns widmet sich in seiner Waits-Biografie ausführlich den ersten Engagements des Sängers im Troubadour Nightclub in West Hollywood Anfang der Siebziger, den musikalischen wie literarischen Einflüssen, Dylan, Monk, Louis Armstrong, Dr. John, Howlin‘ Wolf auf der einen, explizit die Beat-Autoren Kerouac und Ginsberg plus Suff-Poet Bukowski auf der anderen Seite, bei letzterem stößt die Musik Waits‘ auf wenig Gegenliebe, erst kurz vor seinem Ableben wird der Underground-Schreiber mildere Worte für den geistesverwandten Songwriter finden. Seine Freundschaft zum Musiker-Kollegen Chuck E. Weiss und seine Affäre mit der Sängerin Rickie Lee Jones werden ausführlichst thematisiert, wie sein Abhängen im vermüllten Zimmer des Tropicana Motel, das er jederzeit der von ihm verachteten Laurel-Canyon-Szene um Joni Mitchell und David Crosby vorzog.

„Natürlich war sein Gehabe aufgesetzt, und natürlich rieb man sich daran und dachte: ‚Okay, dass er in Wahrheit kein Jazzbo-Beatnik aus den Fünfzigern ist, weiß jeder‘. Aber was er tat, hatte einfach Qualität.“
(Tom Nolan)

Hinsichtlich Plattenaufnahmen gelingt Waits mit einer feinen Bar-Jazz- und Folk-Balladen-Sammlung ein mehr als passabler Einstieg in die Musikindustrie, ergreifende Nummern wie das bereits erwähnte „Ol‘ 55“, „I Hope That I Don’t Fall in Love with You“, „Ice Cram Man“ und „Rosie“ tragen auf „Closing Time“ (1973, Asylum) zu einem exzellenten Debüt-Album bei, auf den folgenden Longplayern wird sich der Waits-Stil bis Anfang der Achtziger weg vom Folk, hin zum Piano-Jazz und Bar-Blues entwickeln, in den Texten thematisch permanent in einer Verbindung aus Tragik und Romantik zugange. Ab den späten Siebzigern ist Waits – oft nur in Nebenrollen – als Schauspieler in Kinofilmen zu sehen, diverse Male in Produktionen von Francis Ford Coppola, herausragend in seiner Karriere als Mime sind die Hauptrolle in Jim Jarmuschs Low-Budget-Klassiker „Down By Law“ aus dem Jahr 1986 an der Seite von Avantgarde-Jazz-Musiker John Lurie und dem italienischen Schauspieler Roberto Benigni und sein Auftritt in Robert Altmans Episoden-Film-Meisterwerk „Short Cuts“ im Jahr 1992.

Seine frisch angetraute Frau Kathleen Brennan bringt ihm Anfang der Achtziger die musikalische Welt des Blues-Avantgardisten und Zappa-Spezis Don Van Vliet aka Captain Beefheart näher, unter dem Einfluss der Arbeiten des unkonventionellen Experimental-Rock-Musikers und weiterer Outsider-Komponisten wie dem kalifornischen Musik-Theoretiker Harry Patch entwickelt Waits die Songs für sein Album „Swordfishtrombones“ und gibt damit gleichzeitig die stilistische Marschrichtung vor für weitere, folgende Ausnahme-Alben wie „Rain Dogs“, „Bone Machine“ oder seine musikalischen Kollaborationen mit dem experimentellen Theatermacher Robert Wilson. Elektra-/Asylum-Chef Joe Smith ist entsetzt vom neuen Material, es kommt 1982 zum endgültigen Bruch mit seinem angestammten Plattenlabel, das Werk erscheint auf dem Island-Label von Chris Blackwell, die Welt lernt den experimentierfreudigen Kunstmusiker Waits kennen, wie er ab diesem Zeitpunkt bis zum heutigen Tag in den Feuilletons dieser Welt abgefeiert wird, passe ist der von Thelonious Monk, Dr. John, Randy Newman und Charles Bukowski beeinflusste Bar-Blues und Jazz früherer Tage. Waits‘ weitere Alben sind geprägt vom Tüfteln auf kaputten Instrumenten, Kurt-Weill-Anlehnungen, exotischer Marimba-Rhythmik, New-Orleans-Beerdigungskapellen-Gebläse, schrägem Folk, Swamp-Blues und dem Avantgarde-Gitarrenspiel seines zukünftigen, langjährigen Kollaborateurs Marc Ribot.

Barney Hoskyns hat von Seiten Waits/Brennan beim Verfassen seiner Biografie keinerlei Unterstützung in Form von Interviews, beantworteten Briefen oder telefonischen Gesprächen bekommen, darüber hinaus hat das Paar offensichtlich nichts unversucht gelassen, um den eigenen Inner Circle von einer Zusammenarbeit mit dem Autor abzuhalten, der im Anhang veröffentlichte Mail-Verkehr, unter anderem mit dem Management von Stones-Gitarrist Keith Richards und mit Rickie Lee Jones, dokumentiert das hinlänglich.
Hoskyns stützt sich in seiner Recherche auf wenige, Jahrzehnte-alte Interviews, die er in seiner Eigenschaft als Musikjournalist in der Vergangenheit mit dem Star führen durfte, und auf Erinnerungen von Zeitgenossen, denen das Wohlwollen des Musikers egal war oder die längst keinen Kontakt mehr zu Waits hatten.
Unter diesen Umständen ist die Arbeit von Hoskyns grundsätzlich zu loben, auch wenn der Leser aufgrund fehlender Informationen aus erster Hand die unterhaltsamen Anekdoten aus dem Leben des großen Musikers oft vergeblich sucht. Der Autor lässt seine eigenen Interpretationen und Eindrücke zur Waits-Musik und -Vita Revue passieren, dass ist nichts Verwerfliches, der deutsche Autor Christoph Geisselhart hat es mit diesem Ansatz zu einer dreibändigen, lesenswerten, 1.400-seitigen Dokumentation über die britische Rock-Institution The Who gebracht, auch im Fall von Hoskyns und Waits funktioniert diese Herangehensweise leidlich, zumal sie gespickt ist mit latent zur Ironie neigenden Spitzen des Autors in Richtung seines Helden, die jedoch nie sein Fan-Dasein verleugnen und die grundlegende Zuneigung zum verehrten Musiker erkennen lassen.
Die ausführliche Besprechung und Interpretation der kompletten Songs jeder einzelnen Waits-Veröffentlichung zelebriert der Autor bis zum Exzess, so genau mag man’s als Hörer oder Leser dann oft doch nicht wissen, und den Begriff der „Pastiche“, den Hoskyns bei seiner vergleichenden Beschreibung von einzelnen Waits-Songs weit über Gebühr bemüht, den mag man als Leser irgendwann auch nicht mehr durchgehen lassen, ohne aufkommende Verärgerung über diese auf Dauer unoriginelle Form der Referenz zu verspüren.
Anyway, ein willkommener Anlass, um den ein oder anderen Tonträger des Sängers mit der ruinierten Stimme aus dem Plattenschrank zu ziehen und abzutauchen in die wundersam-wirre Welt einer alkoholgetränkten, versponnenen Parallelwelt-Romantik ist die Lektüre des Hoskyns-Werks allemal.

Bezeichnend ist die Geschichte zum Schlusskapitel des Buchs: Barney Hoskyns wartet im verregneten schottischen Sommer 2008 nach einem Waits-Konzert im Edinburgher Playhouse am Tourbus auf seinen Star, um persönlich endlich ein paar Worte mit ihm zu wechseln, Waits indes sitzt bereits im Bus, ist dem Fan wieder einmal enteilt und bleibt für ihn weiter unerreichbar, eine bezeichnende Metapher für die Arbeitsgrundlage zu dieser Biografie.

„Wenn Sie heute wirklich etwas suchen müssen, dann den Ausweg.“
(Tom Waits)

Der Brite Barney Hoskyns ist Musikjournalist und Redakteur des Online-Musikarchivs Rock’s Backpages. Seine Artikel erschienen unter anderem in Fachpostillen wie Melody Maker, New Musical Express und Rolling Stone. In den neunziger Jahren war er US-Editor des renommierten Mojo Magazine. Hoskyns ist der Autor mehrerer Bücher über Themen wie Glamrock, die Laurel-Canyon-Szene, Haight-Ashbury und die englischen Hardrock-Pioniere Led Zeppelin. Barney Hoskyns und seine Familie leben in London, mit dem Ultravox-Musiker Midge Ure ist er verschwägert.

Tom Waits veröffentlicht sporadisch weiterhin Alben, zuletzt im Jahr 2011 den sehr hörenswerten Experimental-Blues-Longplayer „Bad As Me“ beim kalifornischen Indie-Label ANTI-. Etliche Mainstream-Artisten wie Rod Stewart und Bruce Springsteen haben in der Vergangenheit Coverversionen seiner Songs interpretiert und somit, durch die Verkaufszahlen bedingt, einen nicht unerheblichen Anteil an der Vermögensbildung des Kultmusikers.