Constellation Records

Godspeed You! Black Emperor + Mette Rasmussen @ Technikum, München, 2019-11-24

„Luciferian Towers“, endlich auch live in München errichtet: Nachdem Godspeed You! Black Emperor die 2018-Tour zur konzertanten Aufführung ihres jüngsten, bereits vor über zwei Jahren veröffentlichten Meisterwerks großräumig an hiesigen Gefilden vorbeilotsten, konnte das veranstaltende Feierwerk am vergangenen Sonntag im Münchner Technikum ausverkauftes Haus bei der Präsentation der kanadischen Experimental/Postrock-Institution vermelden. Verdientermaßen, darf man anmerken, alles andere wäre einem Affront gegenüber der großartigen Kunst des achtköpfigen Musiker-Kollektivs aus Montreal gleichgekommen. Gitarrist Efrim Menuck begeisterte bereits im vergangenen Sommer zusammen mit Electronica-Duo-Partner John Doria im gemeinsamen Projekt „are SING SINCK, SING“, in der großen Besetzung des Mutterschiffs reihte er sich mannschaftsdienlich ein in die vielstimmige und komplexe Sinfonik des ureigenen GY!BE-Sounds, der in den hundert Minuten des Münchner Auftritts einmal mehr mit doppelter Bass- und Drums-Orchestrierung, Violine und drei Gitarren seine Einzigartigkeit wie die Ausnahmestellung der Band in der weiten Welt des Postrock untermauerte.
Drone, Noise und abstrakte Trance-Rituale überlagerten sich vielschichtig mit vertrautem Progressive-, Experimental- und Kraut-Rock, minimalistischer Neo-Klassik und melodischen Filmmusik-Sequenzen, in einer hypnotischen Klang-Intensität, in der das getragene, traurig-melancholische Element der atmosphärisch-diffusen Klangnebel, experimentelle Ausbrüche, euphorisierende Postrock-Hymnik und treibender Indie-Drive Hand in Hand gehen, in einer tonalen Dichte, wie sie in den Spielarten der instrumentalen Rockmusik nach wie vor ihresgleichen sucht. Dieses Kollektiv braucht keine großen Bühnen-Gesten, keine Applaus-heischenden Ansagen oder solistisches Protzen, um das Publikum völlig in den Bann zu ziehen. Was vor einem Vierteljahrhundert in einer Lagerhalle in Montreal als improvisierte Trio-Nummer startete, ist längst zu einem der renommiertesten, ernsthaftesten, konzeptionell stringentesten, fundamental einzigartigsten Live-Acts des experimentellen Postrock-Genres gereift.
Wie im Jahr zuvor begleitete die norwegische Free-Jazz-Saxophonistin Mette Rasmussen einen Teil der ausladenden „Luciferian Towers“-Nummern, die Band ergänzte das Set mit altbewährten Klassikern wie „The Sad Mafioso“ oder dem eingangs in Überlänge zelebrierten „Hope Drone“. Diverse, zuweilen parallel projizierte Super-8-Filme mit bewegten Bildern von Friedhöfen, brennenden Fabriken und amerikanischen Massendemonstrationen unterstrichen wie in der Vergangenheit zu jedem GY!BE-Auftritt die Dringlichkeit und wortlose, politische Aussage der Kompositionen, gipfelnd in einem minutenlangen, Konzert-beschließenden Feedback-Fade-Out, ein anarchistisches Statement gegen Globalisierung, soziale Gräben, Imperialismus und den militärischen Apparat.
Vermutlich werden Godspeed You! Black Emperor einst in nicht allzu ferner Zukunft als einsamer, leuchtender Turm in der kahlen Wüste der instrumentalen Rockmusik stehen: Wenn alle anderen Bands das immer Gleiche der Laut/Leise-Kontraste bis zum Erbrechen zu Tode geritten haben, wird der Kosmos der Band aus Quebec weiter in einer dunkel funkelnden und faszinierenden Vielfalt erstrahlen, ohne Worte mahnend und warnend vor den finsteren politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der westlichen Zivilisation.

Eingangs galt es am Sonntagabend, das enervierende Solo-Programm von Mette Rasmussen zu überstehen. Die Norwegerin tobte sich für eine halbe Stunde mit ihrem Saxophon im improvisierten Free Jazz aus, abgehackte Töne in das Auditorium trötend, ein gnadenloses Gelärme, dem selbstredend keinerlei Melodik innewohnte, allenfalls bisweilen ein rudimentär erkennbarer Rhythmus im erratischen Radikalausbruch, Kakophonie, die zu keiner Sekunde nach Gefälligkeit heischen mochte. Dem Geplärr des Holzblasinstruments ließ die Musikerin beizeiten das kurze Geschrei der eigenen Stimme folgen – das Nerven-anspannende, Genuss-freie Gewerk ein bebender, explosiver, gleichwohl erschreckend monotoner Ausbruch und für viele die Art von Gejazze, die den christlichen Radfahrer zum absteigen zwingen, die Skeptiker gewiss nicht für experimentelles Musizieren einnehmen und den gemeinen Jazz-Verächter in all seinen ablehnenden Vorurteilen bestätigen. Weitaus ansprechender, voluminös druckvoller und mehrdimensionaler wurde der Vortrag erst zum Ende hin, als sich zum Noten-freien Gebläse von Mette Rasmussen die GY!BE-Musiker Thierry Amar und Timothy Herzog an Bass und Trommel mit wuchtiger Taktgebung für die letzte Nummer ihres Konzerts in das Klangbild einbrachten, aber da war das Kind bereits im Brunnen und die Trio-Besetzung somit nur noch Rettungsweste gegen das komplette Absaufen dieses höchst überflüssigen Support Acts. Schade, dabei kann die Frau so viel mehr, wie ihr Musizieren im Verbund mit GY!BE an diesem Abend wie auch exemplarisch ihre experimentellen Duo-Aufnahmen mit dem Gitarristen Tashi Dorji unterstreichen.

Reingehört (545): Matana Roberts

Memphis Tennessee felt more homely because I had been there before, but I still remember when I turned a corner in Memphis and hit the Lorraine Motel, where Martin Luther King was shot — I will never forget that image. I don’t remember seeing that ever before, at least not with the understanding that I have.
(Matana Roberts, Tiny Mix Tapes, 2015)

Matana Roberts – COIN COIN Chapter Four: Memphis (2019, Constellation Records)

Winter 2012 war’s, Constellation Records schickte zur Feier des fünfzehnjährigen Firmenjubiläums einen Tross von Musikern als Fahrgemeinschaft durch die Lande, im Münchner Feierwerk präsentierte das kanadische Indie-Label aus Montreal neben der Postrock-Band HṚṢṬA von GY!BE-Gitarrist Mike Moya und der Formation Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra seines Band-Kollegen Efrim Menuck einen Auftritt der New Yorker Experimental-Jazz-Saxophonistin Matana Roberts, der bereits zu jener Zeit vor allem aufgrund ihres im Jahr zuvor veröffentlichten Albums „COIN COIN Chapter One: Gens de Couleur Libres“ ein exzellenter Ruf als innovative Musikerin und Konzept-Künstlerin weit über die Grenzen des freien Holzgebläses hinaus vorauseilte.
Matana Roberts, bereits optisch mit langen Dreadlocks, zahlreichen alten Tattoos und in schweren Stiefeln fundamentiert eine imposante Erscheinung, gestaltete ihren Münchner Auftritt seinerzeit solistisch vom eigenen Altsaxophon-Spiel begleitet, in freigeistiger, erratischer Avantgarde-Jazz-Improvisation, mit spontanen Ansagen, eindringlichen Spoken-Word-Passagen und einer ausgedehnten Speak-And-Response-Nummer im Dialog mit dem animierten Publikum, das sich zu der Gelegenheit schwer angetan von musikalischer Kraft und Bühnenpräsenz der afroamerikanischen Künstlerin zeigte.
Uneingeschränkte Begeisterung einmal mehr zum aktuellen, mittlerweile vierten Kapitel des „COIN COIN“-Zyklus, des in 12 Teilen geplanten und bei Kritikern wie Fans gleichsam hochgelobten Langzeit-Projekts der Musikerin zu Themen wie Abstammung, Klassenbewusstsein, Geschlechter-Rollen in der US-amerikanischen Gesellschaft. In den dreizehn ineinander greifenden „Memphis“-Kompositionen weht der Geist auf der Suche nach der Black-Community-Identität, wo er will, der musikalische Kosmos der Matana Roberts und ihre verbalen Ausdrucksformen kennen schlichtweg kein Limit. Inhaltlich immer wieder zu ihrem eigenen Lebenslauf zurückkehrend, entlädt die in der Chicagoer South Side aufgewachsene Ausnahmekünstlerin selbstbewusst eine überbordende Flut an ethnologischen, sozial-politischen und historischen Reflexionen und webt damit ein vielschichtiges Geflecht an individuellen Geschichten aus der Ahnenforschung im Geiste von „Black Lives Matter“, ohne hier explizit mit erhobenem Zeigefinger zu dozieren, rassistisch-radikale Positionen einzunehmen oder altbekannte Fakten herunterzubeten – weit mehr in einem steten Flow an Gedanken, „Strings of Consciousness“, Erzählungen und eigenen Erfahrungen im Kontext der afroamerikanischen Geschichte und Widerstands-Politik.
Matana Roberts entwirft ein gigantisches Patchwork-Panorama an Episoden und Statements im sich entladenden Cut-Up-Redeschwall, individuell in Zitaten und Anekdoten aus ihrer eigenen Vita, auf einer Meta-Ebene im Anstimmen uralter, anrührender Gospel-Chöre, mit wütendem Ausbruch wortloser Lautmalereien, im expressiven Spoken-Word-Rausch, dem Proto-Rap eines Gil Scott-Heron bisweilen nicht unähnlich. Wo sich die artikulierte Botschaft improvisiert und stilistisch unbegrenzt freie Bahn bricht, steht ihr tonales Vehikel dahingehend in nichts nach: Experimentelle und komplexe, Hörgewohnheiten bereichernde Klanginstallationen und Songs, von wild lichterndem, atonalem Jazz-Noise über Folk-Crossover inklusive irischer Fiddle-Tunes bis hin zu zeitlosen Ur-Blues- und Afrobeat-Anklängen, Brass-Band-Herrlichkeiten und avantgardistischen Kompositionen im neoklassischen Experiment.
Der bisher veröffentlichte Zyklus wie jeder einzelne Tonträger der Serie sind faszinierende Gesamtkunstwerke, die in der weiten Welt der populären und experimentellen Musik mit wenig bis nichts anderem vergleichbar sind. Die denkbar weit gefassten Grenzen des Free Jazz sind für die Musikerin, Feldforscherin und Aktivistin Roberts ein viel zu enges Korsett für den herausragenden Großwurf an musikalischer Inspiration, thematischer Komplexität und inhaltlicher Radikalität, der dieses Konglomerat zu einem multimedialen, sozial- und kulturhistorischen Zeitdokument, zum „living artifact of collective cultural memory“ gedeihen lässt.
„COIN COIN Chapter Four: Memphis“ erscheint am 18. Oktober bei Constellation Records in Montreal. Machen Sie bitte nicht den Fehler, nach den ersten, schwer verdaulich lärmenden Saxophon-Tönen befremdet die „Aus“-Taste zu drücken, es würde Ihnen wahrscheinlich eine der schönsten und reichhaltigsten Hörerfahrungen des Jahres – und damit Essentielles – entgehen.
(***** ½)

Reingehört (543): Fly Pan Am

Fly Pan Am have always and reliably been much more than the sum of their influences and of their own constituent parts.

Fly Pan Am – C’est ça (2019, Constellation Records)

Le Fly Pan Am: Die Maschinen der namensgebenden US-amerikanischen Fluggesellschaft Pan American World Airways commonly known as Pan Am sind Ende 1991 durch Firmenpleite endgültig am Boden der Tatsachen hängen geblieben, von der kanadischen Post/Experimental-Rock-Formation Fly Pan Am waren seit Verkündung ihrer Auszeit im Jahr 2006 bis auf weiteres auch keine Höhenflüge mehr zu erwarten. Dass ein „indefinite hiatus“ im schlimmsten Fall das wahrscheinliche Band-Ende bedeuten kann, zeigt die Geschichte der hochverehrten Straight-Edge-Musikanten von Fugazi, Funkstille hier seit nahezu 17 Jahren in Sachen politisch korrekter DIY-Postcore.
So weit haben es Fly Pan Am nicht kommen lassen und im vergangenen Jahr einen Reunion-Gig in Montreal angeleiert, schnell war man sich einig, dass genug gemeinsamer Wille und musikalische Visionen für weitere Band-Aktionen bei allen Beteiligten vorhanden waren, nach über einer Dekade an Alleingängen und anderweitigen Kollaborationen (siehe u.a. mit Avec Le Soleil Sortant De Sa Bouche). Die Wiedervereinigung wird in Kürze mit dem kommenden Album „C’est ça“ dokumentiert, dem ersten neuen Tonträger des Quartetts seit über fünfzehn Jahren, für den Spätsommer zur Veröffentlichung angezeigt.
Die Herrschaften Parant, Morel, Truchy und Tellier-Craig aus Quebec brennen auf Longplayer Nummer 4 das erwartet bunte und komplexe Feuerwerk an experimentellen Sound-Ideen ab, mit Einflüssen aus klassischem Prog-Rock, mit Echos aus den Aufbruch-Tagen des avantgardistischen und Grenzen niederreißenden Postpunk, mit dekonstruierenden wie wiederbelebenden Ideen zu festgefahrenen Postrock-Mustern und zahllosen abstrakten Beigaben aus dem Electronica-Maschinenpark. Luftig lichternde Shoegazer-Nummern werden von dissonantem Drone-Störfeuern und Synthie-Samples überlagert, treibender Kraut/Space-Flow von verfremdeten Industrial-Interferenzen sabotiert und monotoner Minimal-Drift von schwer greifbaren Psychedelic-Nebeln und virulenten Noise-Pop-Querschlägern durchdrungen. In jeder der neun neuen Kompositionen finden sich mehr Klang-forschende Impulse und mutigere Wagnisse an tonalen Abenteuern als in so manchem vergleichbaren Künstler-Gesamtkatalog, permanent parallel umgesetzt, in mehrschichtigen Sound-Layern gleichzeitig oder in spontaner, impulsiver Ergänzung. Das strenge und konventionelle Song-Schema ist in diesem an kreativem Reichtum überbordenden Konzept obsolet, das Gebot vom sparsamem Zutaten-Einsatz stellt sich für Fly Pan Am nicht. Aus dem Vollen schöpfen Hilfsausdruck, um den alten Haas mal wieder ins Spiel zu bringen.
„C’est ça“ von Fly Pan Am erscheint am 20. September beim kanadischen Indie-Label Constellation Records in Montreal. Lösen Sie Ihren Flugschein und entschwinden Sie in andere Sphären, garantiert Klima-neutral und ohne Bruchlandung.
(***** – ***** ½)

Reingehört (529): Lungbutter

These girls know how to build a wall of noise.
(JoronJoron, Bandcamp-User)

Lungbutter – Honey (2019, Constellation Records)

Die Produkt-Verantwortlichen der Montrealer Plattenfirma Constellation Records laufen in diesen Tagen mit exzellenten Veröffentlichungen zu Hochform auf, mit dem neuen Album von Siskiyou, der SING SINCK SING-Kollaboration von GY!BE-Mastermind Efrim Menuck mit Kevin Doria und der Trinity-Sessions-Interpretation von Deadbeat & Camara werden in den nächsten Wochen herausragende Tonträger aus dem aktuellen Release-Katalog des feinen kanadischen Indie-Labels in den Verkaufsregalen und Download/Streaming-Plattformen des Musikalien-Fachhandels landen. Damit nicht genug, mit der Ankündigung des ersten Volle-Länge-Werks vom Mädels-Trio Lungbutter steht das nächste erhebende Wunderwerk aus der Constellation-Kreativ-Schmiede ins Haus.
Die Band veröffentlichte bereits im Sommer 2014 die Tape-EP „Extractor“ und skizzierte damit erstmals in rohen DIY-Entwürfen ihre Vorstellung von lärmender Brachial-Beschallung. Wesentlich filigraner ist das Material der kommenden „Honey“-LP auch nicht geraten, jedoch weit vollmundiger, mit satterem Sound produziert, ohne den ruppigen Indie-Krachern die Ecken und Kanten zu nehmen.
Dröhnende, Luft-schneidende Fuzz-Gitarren im steten Grenzgang zur dissonanten Übersteuerung, irgendwo zwischen hoher Jon-Spencer-Schule, heftigen Grunge-Eruptionen und brennendem Funken-Schlagen aus der Trash-Garage, mit wild jaulenden Saiten und Amp-Rückkopplungen der Hörerschaft von Kaity Zozula um die Ohren geblasen, dazu das kongenial stramme Straight-Forward-Scheppern von Drummerin Joni Sadler – mehr braucht es nicht an musikalischer Untermalung zum wild flackernden, befreit ausbrechenden Schwadronieren von Sängerin Ky Brooks, die in den elf Songs eine beeindruckende Bandbreite an vokalen Ausdrucksformen auffährt, halbwegs poppige Riot-Grrrls-Gesänge, weirdes, schrilles Zetern, Gebetsmühlen-hafte Mantras, kathartisches, leidenschaftliches Geschrei, bis hin zu ausuferndem, sich permanent wiederholendem Spoken-Word-Dadaismus als strings of consciousness.
Lungbutter fräßen sich mit ihrem pulsierenden Lärm-Cocktail nachhaltig in die Hirnwindungen und erheben ihr kompromissloses, experimentelles Noise-Gebräu zur radikalen Kunstform, mit eruptiven Breaks ins Atonale, mit unvermittelten Tempi-Wechseln, Driften in freies Drone-Lärmen, ohne je die scharf abrockenden Song-Strukturen gänzlich aus den Augen zu verlieren. No Wave, Sludge, Postpunk, Slowcore und eine Ahnung von roher Industrial-Härte dürfen das ihrige zum nachhallenden Zerrbild aus den dunklen Gruften der inneren Befindlichkeiten beitragen. Hier werden keine Gefangenen gemacht, hier trifft jeder Anschlag voll auf die Zwölf ins Schwarze. „Honey“ ist ein energisch bebender Druckkessel, ständig dem Bersten nahe, von den markerschütternden Gitarren-Riffs als zentraler Dreh- und Angelpunkt zusammengehalten.
Wer sich mit dem Lungbutter-Sound an den rumpelnden Siebziger-Punk von X-Ray Spex, Sonic Youth in ihrer heftigen Frühphase oder die chaotischen Ergüsse von Ann Magnuson und Mark Kramer mit ihrer Combo Bongwater erinnert, darf das gerne tun, umfänglich gerecht wird man dem ungestümen Drängen des Frauen-Trios aus Quebec damit allenfalls ansatzweise.
Punk Rock isn’t dead, it just goes to bed at a more reasonable hour, hieß es mal auf einem humorigen Sticker mit den Konterfeis der Althelden Rollins und MacKaye, zuweilen kommt er dann doch noch völlig überraschend im Entwurf dreier junger Krawall-Ladies schwungvoll als Frischzellenkur um die Ecke.
Aus Montreals DIY-Underground direkt hinein ins heimische Kämmerlein: Der für eine gute halbe Stunde virulente Unruheherd „Honey“ erscheint am 31. Mai beim kanadischen Indie-Label Constellation Records. Have one and play it LOUD!
(***** – ***** ½)

Reingehört (527): Siskiyou

„Trying is the problem; you’re trying to get somewhere as if you’re not somewhere.“

Siskiyou – Not Somewhere (2019, Constellation Records)

Im Folk ist längst nicht mehr alles Gold, was glänzt, zu vieles an austauschbaren Belanglosigkeiten, urfadem Geplätscher und ungenießbar ätherischen, manierierten Weibsen-Gesängen ist da in letzter Zeit als das nächste Wunderwerk angepriesen worden, Kroppzeug, das sich bei genauerem Hinhören dann doch nur als hübsch aufgebrezelte Mogelpackung und folkloristisch verbrämte Ware von der Stange herausstellte. Umso dankbarer darf man sein, wenn ab und an aus dem Dunstkreis verlässlicher Größen das tatsächlich Hörenswerte aus dem weiten Feld des Indie- und Alternative-Folk hereingeschneit kommt. Die kanadische Formation Great Lake Swimmers aus Toronto ist dahingehend seit jeher ein Quell der Freude, und auch bei den ehemaligen Weggefährten der Band lohnt eine eingehende Auseinandersetzung mit den jeweils neuesten Veröffentlichungen nach wie vor über die Maßen zwecks erbauendem Wohlklang-Konsum. War im vergangenen Jahr bei der prächtigen Experimental-/Indie-Pop-Wundertüte „In Another Life“ von Sandro Perri so, ist heuer beim demnächst erscheinenden aktuellen Album „Not Somewhere“ von Siskiyou nicht anders, wie das feine Teil von Sandro Perri für die geneigte Hörerschaft vom verehrten Constellation-Label in Montreal auf den Weg gebracht.
Hinter dem Pseudonym Siskiyou verbirgt sich Colin Huebert, der ehemalige Songwriter und Drummer der Great Lake Swimmers, der 2008 die Band verließ, um sich nach einem zwischenzeitlichen Engagement als Farm-Arbeiter dem eigenen Musik-Projekt zu widmen. Auf „Not Somewhere“ kehrt Huebert nach vierjähriger Auszeit zu den Wurzelns des selbstbetitelten 2010er-Debütalbums zurück. In einer Auswahl an Songs, zu denen er die meisten Instrumente selbst einspielte, bezaubert der Bandleader im Solo-Outfit mit seiner LoFi-Variante des Indie-Folk, in der ihm eine wunderbar ausgewogene Balance zwischen grandiosem Songwriting und einer eigenartigen, kaum greifbaren Fragilität gelingt.
Die ursprünglich als Home Recordings aufgenommenen, spartanisch arrangierten Nummern wurden im Nachgang von befreundeten Musikern unterstützt mit diskreten Streicher- und Bläser-Untermalungen in eine dezent opulentere, finale Form gebracht. Ein Zyklus von zwölf Songs, der von großen Gefühlen, ergreifenden Momenten und vor allem herrlich ins Ohr schmeichelnden Melodien durchwirkt ist, dabei unaufgeregt vorgetragen, schlicht konzipiert und instrumentiert, immer mit einem diffusen Hang zum Unfertigen, zum erfrischend Spontanen, mit Mut zu dissonanten Brüchen, zum Stillstand, zu abseitigen Spielereien wie eingestreuten Spoken-Word-Samplings aus Film-Monologen. Man möchte von DIY und LoFi in Formvollendung schwärmen, würde sich diese Begriffskombination nicht derart beißen.
Die entspannte, nonchalante Variante von Colin Hueberts Gesang, die oft ins Melancholische und im Extrem ins Resignative zu kippen droht, erinnert nicht selten an den Vortrag von Silver-Jews-Vorturner David Berman, bisweilen begnügt er sich mit einfachem Sprechen zum Mitteilen seiner Gedanken. In den intensiveren Nummern schwankt die Stimmung emotional zwischen sich ausbreitender Verzweiflung und hymnischer Euphorie, die der Songwriter aus Toronto jeweils nur schwer zu bändigen weiß. Von erhabener Schönheit sind die intimen Momente, in denen Huebert völlig geerdet ganz bei sich und seiner Kunst ist, hier schwebt sein Singen hinüber in ein zartes, vertrauliches Flüstern und die Akustik-Gitarren-begleiteten Lagerfeuer-Songs wandeln sich vom halbwegs solide Robusten zur filigranen Zerbrechlichkeit. Die Nummern atmen mehr als nur eine Ahnung von der Vergänglichkeit, vom Gefangensein in der ausweglosen Situation, vom Zweifel an der Sinnhaftigkeit jeglichen Strebens, dabei versinken sie nicht im schwarzen Abgrund der morbiden und finsteren Gedanken, auch das eine Gratwanderung, die gemeistert werden will.
„Not Somewhere“ ist LoFi/Experimental/Indie-Pop in folkloristischer Pracht, die nicht beim ersten und auch nicht beim zweiten oder dritten Durchlauf des Tonträgers vollends zu begreifen ist, mit Ecken, Kanten, Tiefgang, Varianz – watch out, Mainstream-Tralala-Hanseln: Platte des Jahres in der Kategorie Folk, any styles, so far.
„Not Somewhere“ erscheint am 17. Mai beim kanadischen Indie-Label Constellation Records.
(***** ½)