Country-Rock

The Devon Allman Project, Duane Betts + Wynchester @ Backstage Club, München, 2018-08-30

Die Hitzewelle scheint überstanden, ein untrügliches Anzeichen, dass sich auch das konzertante Sommerloch langsam aber sicher schließt: Das Münchner Backstage präsentierte am vergangenen Donnerstag-Abend ein ordentlich geschnürtes Live-Paket in der Atmosphäre der von hoher Luftfeuchtigkeit und schwülen Hochsommer-Temperaturen durchtränkten Nächte des US-amerikanischen Südens wie zur Brauchtums-Pflege des Southern Rock, als Nachlassverwalter waren zwei Ausnahmemusiker der nachgeborenen Generation aus dem Umfeld der legendären Allman Brothers Band am Start.
Bevor der Südstaaten-Bluesrock in seiner ausladenden Pracht durch die Halle des gut besuchten Backstage-Clubs schallte, eröffnete das Akustik-Duo Wynchester den launigen Traditionalisten-Ball, die beiden Folk-Gitarristen Mike Bray und John Konesky tummeln sich beizeiten im Dunstkreis der fragwürdigen Comedy-Rocker Tenacious D um den bekannten Hollywood-Schauspieler Jack Black, wer stumpfes Gaudiburschen-Gepolter im Programm der beiden Songwriter vermutete, durfte dahingehend indes schnell alle Befürchtungen in den Wind schreiben, Leadsänger und Rhythmus-Gitarrist Bray gab den gut gelaunten und humorigen Conférencier, Konesky glänzte als versierter Saiten-Künstler mit etlichen gelungenen, filigranen Soli auf seiner Akustischen im kurzen Eröffnungs-Gig, in dem die beiden Sympathie-Bolzen eine Handvoll Eigen-Komponiertes wie auf schmissige Americana getrimmtes Fremdwerk aus der Feder von Steely Dan und Lionel Richie zum Besten gaben, in einer stilistischen Bandbreite von akustischem Country-Blues über beschwingten Western-Swing bis hin zu einer beseelten Trucker-Folk-Ballade. Unspektakulärer, äußerst angenehmer Kurzauftritt und sowas wie die Ruhe vor der Gewitter-artigen Stromgitarren-Entladung, die da geballt noch aufziehen sollte.

„Irgendwie hieß es, ich wäre heute gar nicht da, aber jetzt bin ich doch hier“ begrüßte Duane Betts, der Sohn von Allman-Brothers-Band-Co-Founder und Weltklasse-Gitarristen-Legende Dickey Betts, das Münchner Publikum zum Auftakt seines virtuosen, gut einstündigen Gigs, der junge Mann, dem das Gespür für die exzellente Saiten-Kunst des Southern Rock bereis in die Wiege gelegt und der nach Allman-Bruder Duane getauft wurde, der „on the road“ an der Seite seines Vaters das Rock’n’Roll-Geschäft und die Finessen auf den sechs Saiten von jungen Jahren an von der Pike auf lernte – wer wäre mehr dazu prädestiniert, den musikalischen Geist der Frühsiebziger aus den Sümpfen Floridas weiterzutragen und die Erinnerung an Elizabeth Reed wachzuhalten? Der introvertierte, in sich ruhende Musiker brillierte mit satten Gitarren-Licks, gedehnten Soli und wie scheinbar aus dem Ärmel geschüttelter technischer Brillanz an seiner Gibson, ein würdiger Nachfahr zur Fortführung der hohen Kunst in Sachen Jam-Band-Flow und Crossover aus Blues-Rock, Southern-Süffigkeit und schwarzem Fusion-Groove. Im Verbund mit einer exzellent eingespielten Backing-Band spielte sich Betts in einen Rausch, dem analog zu den Urvätern auf ihrem seinerzeit im Fillmore East mitgeschnittenen Live-Meilenstein aus dem Jahr 1971 die lebendige Improvisations-Spontanität, das versierte Zusammenspiel und die beseelte instrumentale Meisterschaft von Coltrane über Hendrix bis hin zu den Dead innewohnte. Der Nachwuchs-Gitarrengott coverte sich gekonnt durch alte Southern-Klassiker der Altvorderen und gab darüber hinaus Einblick in eine Auswahl seiner Arbeiten vom neuen Album „Sketches Of  American Music“, da war einer am Werk, bei dem die musikalische Früherziehung und die Gnade der genetischen Disposition reichhaltige Früchte trägt. Der eigentliche Star des Abends, dem im Nachgang zu seinem kurzen Gig im weiteren Verlauf der Veranstaltung beim Auftritt von Devon Allman noch weitere Gelegenheit zur Entfaltung seiner expliziten Fertigkeiten gegeben wurde.
Wie schön, dass er trotz vorab anders lautender Infos doch da war…

Als Sohn des Allman-Brothers-Organisten Gregg trägt man zweifelsohne schwer am Erbe des großen Namen, MusikerInnen wie Rosanne Cash, Jakob Dylan oder Julian Lennon als Nachwuchs von Ausnahmekünstlern können gewiss alle ein Lied singen von den Schwierigkeiten, aus dem Schatten der weltberühmten Väter zu treten, wenn im Fall von Devon Allman die nicht zu überhörenden, selbst benannten prägenden Einflüsse vom Layla-Geleier des Bluesrock-Derivats Clapton (bei dessen Einspielung auch Onkel Duane 1970 maßgeblich beteiligt war) und das Latin-Gefrickel eines Carlos Santana hinzukommen, kann es ab und an etwas eng werden mit der eigenständigen Emanzipation im Musikbusiness, das extrovertierte Grimassen-Schneiden beim Herausjaulen der Gitarren-Soli im Stile Stevie Ray Vaughans machen die Nummer dahingehend nicht einfacher, wie auch nicht das wiederholte, in Richtung Mainstream/Stadion-Rock schielende, mitunter enervierende „Clap Your Hands“-Anheizen, und dennoch hatte der Auftritt des Gregg-Filius und seines Projects, dass sich nahezu personell identisch aus der Band vom vorangegangenen Betts-Gig rekrutierte, genügend erhebende Momente, um einen gelungenen Konzertabend abzurunden. Als hart rockender Fender-Gitarrist überzeugte Devon Allman ohne Abstriche, wie auch mit einem gesegneten, im schwarzen Soul verhafteten Sangesvortrag. Die sporadisch mit Duane Betts korrespondierenden Gitarren-Soli sprühten vor improvisatorischen Ideen, bei der Auswahl und Interpretation US-amerikanischer Songklassiker nebst eingestreutem Eigenmaterial bewies das Ensemble eine sichere Hand. Da war zum einen der wie ein Dr-John-Wiedergänger daherkommende Keyboarder Nicholas David mit seiner Einlage, in der er mit der Withers-Nummer „Lean On Me“ als schwergewichtiger Soul-Crooner zu überzeugen wusste, im Mittelteil glänzte die gesamte Band mit einer wunderschönen, lockeren Version des Country-Rock-Songs „Friend Of The Devil“ vom Folk-Klassiker „American Beauty“ der Grateful Dead, und allerspätestens beim Grande Finale, in dem die Formation die ellenlange Fassung des Allman-Brothers-Sahnestücks „Dreams“ vom 1969er-Band-Debüt als großes Southern-Rock-Hochamt präsentierte, gab es hinsichtlich Begeisterungsstürmen im Publikum kein Halten mehr, die Gitarristen gaben sich die Klinke in die Hand bei den ausladenden Soli, die Rhythmusabteilung arbeitete intensiv inklusive doppelter Drum-Besetzung, und das süffige Georgel sorgte für das entsprechende Swampland-Feeling – das Auditorium, das an dem Abend sicher mit keinen großen Innovationen hinsichtlich Weiterentwicklung der traditionellen Rockmusik rechnete, bekam das Erwartete reichhaltig erfüllt. Die 2014 endgültig in die Annalen eingegangene Allman Brothers Band hat nach wie vor in Interpreten und/oder ex-Musikern wie Warren Haynes und seiner Formation Gov’t Mule, dem Gitarristen-Wunderkind Derek Trucks und – wie am Donnerstag Abend eindrucksvoll unter Beweis gestellt – im eigenen Familien-Nachwuchs mit den beiden Gitarristen Devon Allman und Duane Betts eine ganze Handvoll würdiger Gralshüter im Rennen.

Soundtrack des Tages (178): Grateful Dead

Das Rhino-Label hat kürzlich aus den Tiefen des Archivs ein Sahnestück für alle Deadheads geborgen: Der komplette Konzert-Mitschnitt eines Auftritts der Grateful Dead, den die Band am 8. Mai 1977 in der Barton Hall der Cornell University in Ithaca/New York spielte, „Cornell 5/8/77“ ist auch in der zeitgleich erschienenen 11-CD-Box „May 1977: Get Shown The Light“ enthalten, die vier Ostküsten-Konzerte der Jam-/Cosmic-American-Music-Institution aus jenem Jahr dokumentiert. Der Cornell-Auftritt gilt unter GD-Fans neben dem im August 1972 aufgenommenen und von Ken Kesey moderierten 3-Stunden-Konzert auf den Old Renaissance Faire Grounds in Veneta/Oregon, unter dem Album-Titel „Sunshine Daydream“ 2013 veröffentlicht, als einer der besten der Band.
Die 1977er-Aufnahmen präsentieren die kalifornische Legende in einer unbändigen, beseelten Spielfreude, selbst Titel, die in unzähligen anderen Versionen gemächlich vor sich hin plätschern, entfalten einen gefangen nehmenden Zauber und schmeicheln sich angenehmst und nachhaltig ins Ohr. Eigentlich ist dieses schier endlose Archiv-Veröffentlichen der Dead sowie der solistischen Live-Aufnahmen ihres dahingeschiedenen Lead-Gitarristen, Sängers und Vorstandssprechers Jerry Garcia der totale Overkill, überschauen und vor allem mit der gebotenen Muse abhören können das vermutlich allenfalls noch im Ruhestand befindliche Alt-Hippies, aber bei derartig exzellenter Qualität wie in dem Fall nimmt man diesen Wahnsinn gerne und billigend in Kauf…

Das komplette Cornell-Konzert der Grateful Dead aus dem Jahr 1977 als Stream → archive.org.

The Harmed Brothers @ Bar Gabányi, München, 2017-07-06

Allzu viele Konzert-Gäste haben sich am vergangenen Donnerstag nicht in die Bar von Stefan Gabányi verirrt, an der gediegenen Lokalität kann es nicht gelegen haben, an der nicht minder einnehmenden Sanges-Kunst der auftretenden Musikanten von den Harmed Brothers ganz sicher auch nicht, das exzellente Biergarten-Wetter bei hochsommerlichen Temperaturen selbst zu fortgeschrittener Stunde wird wohl größeren Zulauf verhindert haben, sehr schade, die abwesenden Freunde des gepflegten Americana- und Alternative-Country-Folk haben da einiges an Erhebendem liegen gelassen hinsichtlich Auftritt der beiden jungen Männer aus Cottage Grove/Oregon.
The Harmed Brothers sind momentan im alten Europa unterwegs, das Muddy Roots Europe Festival in Belgien stand bereits vor kurzem als Station auf dem Programm, spontan auch das Wohnzimmer von der Oma at the Icedigger-House out of Rosenheim, nachdem die Schweizer Grenzer erst nach Einkassieren diverser mitgeführter Taschenmesser die Weiterfahrt ins schöne Bayern gewährten, der Spielfreude der Musiker tat das offensichtlich keinen Abbruch, genauso wenig wie das Fehlen der restlichen Bandmitglieder, die bei dieser Konzertreise daheim in den Staaten blieben.
Auch als Duo gaben Ray Vietti an Gitarre und Alex Salcido an Banjo und Piano sowie wechselndem und Duett-/Harmonie-Gesang eine eindrucksvolle, weit über zwei Stunden währende Aufführung ihrer Songwriter-Fertigkeiten, mit der sie die Geschichten von der Verzweiflung am Tag nach dem Vollrausch und verflossenen Liebschaften erzählten. Die im Grundton getragenen, oft melancholischen und nachdenklichen Songs fanden schnell ihren Weg in die Gehörgänge, Seelen und Herzen des aufmerksam-zugewandten Publikums, die Folk-, Americana- und Bluegrass-angelehnten Kurzgeschichten in Moll speisten sich zum Großteil aus den zahlreichen Eigenkompositionen der Brothers, die dem eingestreuten Fremdmaterial von altvorderen Helden wie Willy Tea Taylor oder Guy Clark an Ergriffenheit-erzeugender Intensität im Vortrag und kompositorischer Güte in nichts nach standen.
Hinsichtlich Einflüssen lassen die Harmed Brothers in ihren Balladen-, Folkrock- und Roots-Ansätzen immer wieder Querverweise an Simone Felice, The Band bis hin zu 70er-Westcoast-Wohlklang und Tweedy/Wilco-Reminiszenzen an deren bessere Tage anklingen, ohne je in Epigonentum zu verfallen, zu eigen sind Handschrift und persönliche Note der beiden jungen Männer aus dem amerikanischen Nordwesten im Formulieren ihrer akustischen Kleinode, zu individuell die erzählten Geschichten.
Zur mitternächtlichen Stunde gab Alex Salcido solistisch als Rausschmeißer großartige Piano-Dramatik zum Besten, die nachhaltig unterstrich, dass er mit seinem Können an den Tasten und einer einschmeichelnden Stimmlage in einer Bandbreite zwischen American-Songbook-Kitsch und Blues-/Folk-Bar-Entertainment jeden Saal zum Hinschmelzen bringen kann.
Für das kommende Jahr haben sich die Harmed Brothers zu einer Konzertreise in voller Band-Stärke angekündigt, nach dem beeindruckenden Vortrag vom vergangenen Donnerstag darf man sich schon heute der Vorfreude hingeben.
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