Country

Lera Lynn @ Unter Deck, München, 2018-12-06

In der zweiten Staffel der amerikanischen Krimi-Serie „True Detective“ tritt Lera Lynn sporadisch in ihrer Nebenrolle als einsame, melancholische Folk-Croonerin im Hintergrund einer Kaschemme vor quasi leerem Saal auf, einzige Zeugen ihrer Sangeskunst sind die im Gesicht entstellte Kellnerin und die beiden Hauptprotagonisten Colin Farrell und Vince Vaughn, und die interessieren sich im Film seltsamerweise tatsächlich nicht die Bohne für die traurigen Darbietungen der schönen Musikerin, ganz anders verhielt es sich mit dem Publikums-Zuspruch zu ihrem ersten München-Gig am vergangenen Donnerstagabend im Innenstadt-Club Unter Deck. Lange Schlangen bereits vor dem Einlass, hat man so selten bis nie erlebt bei Veranstaltungen in der heimeligen Souterrain-Kneipe mit dem kleinen Konzert-Auditorium. „Sold Out“ verkündeten bereits Tage zuvor die Konzertveranstalter von Still Or Sparkling? um den rührigen Promoter Jörg Dahl – da haben die ortsansässigen Organisatoren einmal mehr ganze Arbeit geleistet zu der Gelegenheit.
Mit zweiter, elektrischer Gitarre und dezenten Harmony Vocals von ihrem Duett-Partner Todd Lombardo begleitet, gab die junge texanische Songwriterin Lera Lynn in ihrer München-Premiere alles andere als die ultracoole Unnahbare und suchte während ihres Gigs die Konversation mit den Konzert-Gästen, fand so umgehend den Draht zum vollbesetzten Saal und verstärkte damit nochmals gesteigert die Sog-artige Wirkung ihrer exzellenten Indie-Americana- und Neo-Folk-Songs, die sich vor allem im spartanischen, karg instrumentierten, erhabenen Balladen-Format als große Kunst ausnahmen, zu der die begnadete Sängerin alle Stärken ihrer charakteristischen Stimme zur Geltung bringen konnte, die sie mit ihrer Gebirgsbach-klaren Reinheit weit aus der Riege der Kolleginnen herausragen lässt. Eine Stimme, die es selbst im A-Capella-Ansatz vermag, große Dramen, ergreifende Sinnlichkeit und nachdenklichen Tiefgang, mitunter bedrückenden Schwermut zu transportieren. Mit derartigen Sanges-Qualitäten gesegnet, glänzte die junge Musikerin nebst optischer Reize mit einer Bandbreite von entrücktem Sinnieren bis hin zu verzweifelten Ausbrüchen, die schwerst beeindruckend das emotionale Spektrum ihres empathischen Vortrags zu demonstrieren wusste.
Daneben wagte sich das Duett angelegentlich in experimentellere Gefilde, lärmende Folk-Psychedelic-Gitarren vom versierten Mitmusiker Lombardo wie gesampelte Electronica-Rhythmik wussten tonale Dimension und Spannung der intimen Club-Show anregend zu steigern.
Der Song „My Least Favorite Life“ aus dem „True Detective“-Soundtrack war quasi Pflichtprogramm, ihre mit T Bone Burnett und Rosanne Cash geschriebene Solo-Glanznummer entfaltete auch im Duo-Vortrag ihre unterkühlte, gespenstische Erotik im Verbund mit dieser tieftraurigen Desert-Blues-Melancholie, die in der Fernsehserie die Bilder zur tiefschwarzen Geschichte nachdrücklich untermalt.
Auf die Coverversion des lahmen Heulers „Fire“ aus der Feder vom Stadien-Boss Bruce wäre indes gut zu verzichten gewesen, immerhin gelang es Lera Lynn mit ihrem betörenden Sangesorgan, der urfaden Nummer der Thematik entsprechend etwas mehr Sex-Appeal einzuhauchen, gleichwohl reichte auch das nicht aus, den Springsteen-Schleicher komplett vom Morast des Mainstream-Sumpfs zu befreien.
Lera Lynn ist mittlerweile in Nashville/Tennessee beheimatet, Welthauptstadt des Chart-tauglichen Country- und Western-Swings, das hörte man bedauerlicherweise auch dem ein oder anderen dargebotenen Song aus ihrem jüngsten Album „Plays Well With Others“ an, einer Duett-Arbeit mit diversen Größen des Genres wie Rodney Crowell, Shovels & Rope, JD McPherson und Dylan LeBlanc, Country-Gassenhauer, denen eine gewisse Austauschbarkeit hinsichtlich gängiger Cowboymusik-Phrasierungen leider nicht abzusprechen war. Bei einer Ausnahmesängerin wie der feschen Lera ist das gleichwohl Jammern auf hohem Niveau, lässliche Sünden letztendlich im Rahmen einer gelungenen, ersten tonalen Visitenkarten-Abgabe im Millionendorf an der Isar, mit der die hochtalentierte Musikerin unterstrich, dass im weiten Feld des amerikanischen Indie-Folk und Alternative Country neben nahezu unerträglich manierierten Vokal-Zumutungen – siehe etwa das derzeit allseits gepriesene, schwer verdauliche Laura-Gibson-Geheul – auch noch die reine, unverstellte Lehre ihren Platz findet, allein schon dafür herzlichen Dank an alle Beteiligten.

Advertisements

Don’t Take Your Guns To Town – Johnny Cash und die Amerikaner in Landsberg 1951-1954 @ Amerikahaus

Fotos © William Harrell / Mit freundlicher Genehmigung des Amerikahauses München

„Wo ist zuhause, Mama?“ fragt Johnny Cash in der deutsch gesungenen Version seiner Nummer „Five Feet High And Rising“, für den damals noch unbekannten Country-Star war ab 1951 für die kommenden drei Jahre der US-Army-Fliegerhorst Penzing in der Nähe der oberbayerischen Kleinstadt Landsberg Zuhause, für den Soldaten Cash der United States Air Force galt wie für seine Kameraden damals die Devise „Don’t Take Your Guns To Town“ als Ermahnung und Verhaltensregel für den Ausgang in die Stadt am Lech.
Das Amerikahaus München zeigt ab Mitte Oktober die gleichnamige Ausstellung, die sich mit der Militärzeit des angehenden Musikers und Songwriters beschäftigt, einem Lebensabschnitt, der in den frühen Fünfzigern exemplarisch war für Hunderttausende von jungen amerikanischen Männern, die sich wie Cash freiwillig zur US-Armee meldeten, nach Deutschland eingeschifft wurden und in Westdeutschland meist für drei Jahre Dienst taten.
Aus seinen Briefen in die amerikanische Heimat erfährt man vieles über die Freizeit-Aktivitäten der späteren Country-Legende in Bayern, darüber hinaus dokumentiert die Ausstellung die ersten musikalischen Gehversuche Cashs und die Entstehungsgeschichte einiger seiner frühen Hits, die er während seiner Dienstzeit im idyllischen Bayernland komponierte. Neben dem privaten Schriftverkehr, einer original Jukebox und diversen Ton- und Filmaufnahmen zeigt die Ausstellung unter anderem auch Fotografien, die Johnny Cashs damaliger Zimmerkamerad William Harrell geschossen hat.
Die von der Universität Augsburg konzipierte Exposition war erstmals ab Ende 2015 für einige Monate im Neuen Stadtmuseum in Landsberg am Lech zu sehen, eine eingehende Würdigung der gelungenen und nicht nur für Country-Fans uneingeschränkt zu empfehlenden Präsentation fand sich seinerzeit hier.

Die Vernissage zur Ausstellung im Amerikahaus München findet am Freitag, den 19. Oktober 2018, um 19 Uhr statt. Im Rahmen der Langen Nacht der Münchner Museen am 20. Oktober liest ab 20 Uhr der hochverehrte Franz Dobler aus seiner grandiosen Johnny-Cash-Biografie „The Beast In Me. Johnny Cash und die seltsame und schöne Welt der Countrymusik“, im Anschluss wird der ausgewiesene Country-Experte, Schriftsteller und DJ Perlen aus seiner privaten Plattensammlung auflegen.
Die Ausstellung ist bis Sonntag, 13. Januar 2019, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Don’t Take Your Guns To Town – Johnny Cash und die Amerikaner in Landsberg 1951-1954

Amerikahaus München, Barer Straße 19a
21. Oktober 2018 bis 13. Januar 2019
Öffnungszeiten:
Montag – Freitag 10 – 17 Uhr
Mittwoch 10 – 20 Uhr
Sonntag 10 – 16 Uhr
Eintritt Frei

Reingehört (480): Los Gatillos

Los Gatillos – Los Gatillos (2018, Gutfeeling Records)

„Dirty French Folk Songs“ gibt der Songwriter Fred Raspail zum Besten, auf seinen schönen Tonträgern und beschwingten Maximum-Entertainment-Konzerten, wie erst vor Kurzem im Giesinger Wohnzimmmer Schau Ma Moi, jetzt hat er die Gespenster seines Primitive Ghost Orchestra gegen zwei real existierende Mitmusikanten ersetzt, unter dem Bandnamen Los Gatillos veröffentlicht das Trio dieser Tage den ersten Longplayer-Wurf. Neben Raspail sind Pierre Omer, ex-Dead-Brothers und Chef seiner eigenen Swing Revue, und der Genfer Gitarrist Bernard Monney aka Monney B von der helvetischen Blues-Combo Hell’s Kitchen am Start.
Ursprünglich war als lockeres Gemeinschaftsprojekt die Einspielung zweier Singles geplant, die Sessions liefen aber so gut, dass sich bereits nach wenigen Tagen fünfzehn Veröffentlichungs-würdige Songs im Aufnahmegerät wiederfanden. Die ungebremste Spielfreude, der Spaß am gemeinsamen Zusammenwirken und der hemdsärmlige, zupackende Spirit der Spontanität und des Do It Yourself wurden konserviert und schwingen in jeder der dargebotenen Songperlen mit.
Im Dreierverbund klingt der Folk Noir selbstredend wesentlich voluminöser als in solistischer Ausgestaltung, der staubige Wüsten-Blues nach noch größerer Weite und unendlicher Prärie, das trashige Blues- und Surf-Geschrammel nach großem Fifties-Rock’n’Roll, ohne seine charakteristischen Ecken, Abschürfungen und Kanten zu verbergen. Glatt-Produzieren gibt es nicht bei den Herren Raspail, Omer und Monney, damit kann und will das Trio nicht dienen, und das ist auch gut so. Alles echt, authentisch, ungehobelt und aus dem Bauch raus, so muss es sein. Auf dem selbstbetitelten Album ist viel Platz für Gepolter, jaulende, verhallte Blues-Gitarren, angetrunkenes Marodieren direkt aus der Trash-Garage und Lamentieren vom hinteren Ende der Versumpf-Kneipe. Die aus dem Leben gegriffenen Kracher, dunklen Balladen und zum Hüftschwingen animierenden Kaschemmen-Howler in Englisch, Französisch und gebrochenem Deutsch sind schön garniert mit stilistischem Zierwerk aus semi-morbidem Chanson, uraltem Vaudeville-Cabaret, beseeltem Swing, rohem Swamp Blues aus den US-Südstaaten-Sümpfen und gespenstisch atmosphärischer Desert-Americana.
Neben einem Großteil an Eigenkompositionen brillieren die drei Musiker auch mit zwei feinen Interpretationen von Fremdwerken, einmal mit der von Raspail bereits zu Gelegenheiten live vorgetragenen, traurigen Traditional-Ballade „Wayfaring Stranger“ in einer völlig windschiefen und exzellent lässigen Version, zum anderen wesentlich besser gelaunt und schmissiger im Country-Rock’n’Roll-Cover der Chuck-Berry-Nummer „Down Bound Train“ (nicht zu verwechseln mit dem Schmachtfetzen gleichen Titels vom Pathos-Fritzen, Ihr wisst schon, der so called „Boss“ der Stadien-Mainstream-Rocker).
Da haben sich drei gefunden, die die Tauben nicht schöner hätten zusammentragen können, wie die Alten so schön sagen. Brüder im Geiste und alte Seelen, die scheints ohne jede Anstrengung ein gemeinschaftliches, übereinstimmendes Verständnis für den Geist ihrer Lieder verspüren und diese Übereinkunft mit der Welt da draußen ungefiltert teilen, ohne die jeweils individuellen Talente, Fertigkeiten und Finessen zu verbergen.
Die Unabhängigkeitserklärung aus der Republik Gatillon steht als tonales Debüt des Trios ab morgen in den Plättenläden und den Download-Stationen des Vertrauens zur Verfügung, veröffentlicht wird das gute Stück bei Gutfeeling Records, der musikalischen Münchner Heimstatt für alles Wahre, Schöne und Gute.
(*****)

Tour-Start zu den Release-Konzerten zum neuen Tonträger ist am kommenden Mittwoch im schönen München, Details guckst Du hier:

Los Gatillos Release Parties 2018

12.09.München – Polka Bar
13.09.Tübingen – Blauer Salon
15.09.Zürich – El Lokal
16.09.Carouge – Le Chat Noir