Dark Folk

Reingehört (293): Autisti

Autisti – Autisti (2017, Hummus Records / Czar of Revelations Records / S.K. Records)

Die Schweizer Formation Autisti retten in 32 Minuten und 8 Songs den guten Ruf des Alternative-Rock. Nicht weniger. Endlich wieder eine Indie-Combo, die knallt, scheppert, groovt, ordentlich reinbrummt. Im zunehmend beliebigen Gleichklang des Genres haben sich Autisti eine gehörige Prise an Garagen-Schmutz, Ecken, Kanten und vor allem eine geballte Ladung an LoFi-Charme bewahrt, im Einklang mit einer unbändig zur Schau getragenen Energie, verhallt-psychedelischem Gesang und untrüglichem Gespür für den Geist aus J Mascis‘ Übungkeller, das Punk-Rausgerotze der Spätsiebziger und die Psychedelic-Pop-Songwriterkunst, die einer wie Wayne Coyne früher auch mal beherrschte, ziehen sie die Hörerschaft ohne qualitative Durchhänger über die volle Distanz in ihren Bann.
Autisti wandern von beängstigender Bedrohung zu durchgeknallter Euphorie – und wieder zurück.
Die Band beherrscht das Uptempo-Gepolter im harten Moll-Anschlag und die Noise-Ausbrüche ebenso unperfekt-perfekt und unangestrengt wie den Psycho-Pop in „Trundle Beds“ mit gespenstisch-schönem, unterschwelligem Beat und den dazu passenden atmosphärischen Kratzgeräuschen, „Carb“ kommt als Tempo-herausnehmende LoFi-Düsterfolk-Ballade zum Innehalten, das finale „Down To The Minimum“ beginnt als flotter Uptempo-Trash-Rocker, franst hinsichtlich Gitarrenüberschwang im weiteren Verlauf völlig aus, endet als Feedback-Fadeout-Ambient-Meditation und treibt den Hörer nach den letzten Klängen sofort wieder ans Abspielgerät zwecks Drücken der Repeat-Taste.
Autisti kriechen in die Gehörgänge, fräßen sich dort ein und bleiben. Insofern eigentlich Beipackzettel-pflichtig, zwecks Nebenwirkungen, die Platte.
Autisti sind Louis Jucker und Emilie Zoé, die an den Drums im Studio von Steven Doutaz begleitet werden, auf Tour trommelt der Schlagzeuger Pascal Lopinat. Autisti spielten ihr Debüt ohne Bass, mit viel scheppernden und jaulenden Gitarren unter Verwendung einer Bandmaschine ein. Das Leben kann so einfach sein, die Resultate so grandios.
Louis Junker war bis 2012 bei der Formation The Ocean Collective zugange, mit Aaron Bean und John Sherman von der amerikanischen Sludge-Metal-Band Red Fang und seinem Kumpel Luc Hess betrieb er das Projekt Red Kunz.
Emilie Zoé ist eine Schweizer Folk-Sängerin, die im letzten Jahr ihr von Louis Junker produziertes Solo-Debüt „Dead- End Tape“ veröffentlichte, das vor allem Freunden der Songwriterkunst der zuletzt hochgelobten Emma Ruth Rundle schwer ans Herz gelegt sei.
„Autisti“ ist Teil von Louis Juckers Mammutwerk „L’Altro Mondo“, fünf Kollaborationen auf fünf LPs mit befreundeten Künstlern, die „Autisti“-Vinyl-Version erscheint in limitierter 200er-Auflage mit Siebdruck-Artwork und handgemachtem Deluxe-Booklet. Vinyl und reguläre CD-Ausgabe werden am 14. April veröffentlicht.
(***** – ***** ½)

Reingehört (236): Emma Ruth Rundle

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Emma Ruth Rundle – Marked For Death (2016, Sargent House)
Der Schritt vom verträumten Indie-Folk und Experimental-Gitarren-Ambient der Vorgängerwerke „Electric Guitar One“ (2014, The Errant Child) und „Some Heavy Ocean“ (2014, Sargent House) hin zu düsterem Art-Rock und dunklem Post-Folk mit schweren Doom/Sludge-Metal-Einfärbungen ist ein gewaltiger, was die junge Kalifornierin Emma Ruth Rundle bei ihrem kürzlich vorgetragenem Wovenhand-Opener-Konzert mit spartanischem, bedrückendem Gitarren-Folk und klagender, inbrünstig-verzweifelter Sangeskunst in einem halbstündigen Seelen-Strip darbot, wächst sich auf dem aktuellen Werk der Red-Sparrowes-/Marriages-/Nocturnes-Musikerin zu einer Dämonenbeschwörung von erschütternder Wucht aus. Das Leid und die Verletzlichkeit in den Texten ergänzt sich perfekt mit den gewaltigen Druckwellen im dunkel funkelnden Klangbild der Songs. Rundle lässt den Schmerz in brillantem Vokalvortrag ausfließen, in den finstersten Momenten der klanglichen Exorzismen greift die berühmte, Existenz-vernichtende Ansage aus Dantes Inferno: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“, untermalt von atmosphärischen und wuchtigen Laut-Leise-Gitarren-Eruptionen, Shoegazer-Post-Folk/-Rock/-Metal und schweren Ambient-Drones.
Nebelverhangene, Gedanken-verfinsternde Liedkunst, die Chelsea-Wolfe- und PJ-Harvey-gestählte Musikkonsumenten-Schar erkennt und würdigt dieses bedingungslose Nach-Außen-Kehren des Innersten und greift ohne Bedenken zu. Der Soundtrack für den demnächst anstehenden Allerheiligen-Friedhofsgang.
(**** ½ – *****)

Wovenhand + Emma Ruth Rundle @ Ampere, München, 2016-09-21

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Anfang/Mitte der Neunziger trieb in München mal eine Artcore-Band mit dem genialen Namen Schwermut Forest ihr Unwesen, das kaum genießbare Gedöns musste man seinerzeit das ein oder andere Mal im Vorprogramm von großen Indie-Nummern wie etwa Fugazi hinter sich bringen, aber wie gesagt, der Band-Name: sensationell.
In derart düsteres Gehölz führte uns auch ohne Umschweife am vergangenen Mittwoch die bezaubernde Songwriterin Emma Ruth Rundle aus L.A./California im Vorfeld zum anstehenden Wovenhand-Orkan, und aus diesen Wäldern sollten wir für den Rest des Abends nicht mehr so richtig herausfinden.
Neben ihren solistischen Arbeiten ist Rundle bei der amerikanischen Postrock-Institution Red Sparowes, der Experimental-Band Marriages und der Slowcore-Combo Nocturnes aktiv, die Gute kommt rum…
Die junge Frau von der amerikanischen Westcoast hat beim Verfassen ihrer Werke offensichtlich alles andere als Sonnenschein im Herzen, ihre Folksongs künden von der dunklen Seite des Lebens, spartanisch, hart und zupackend im Gitarrenanschlag, im weiteren Verlauf des Konzerts begleitet und bereichert durch die schwere Melancholie des Violinenspiels, verzweifelt, klagend, hypnotisch, mit dem Schicksal hadernd ist der Gesang der Amerikanerin, der irgendwo zwischen hoffnungsloser Entrücktheit, der intimen, mitternächtlichen, stimmlich-dunklen Erotik von Hope Sandoval/Mazzy Star und halluzinierender Pop-Psychedelic wandert.
Mit ihrem halbstündigen Vortrag sorgte Emma Ruth Rundle für eine der angenehmsten Überraschungen in jüngster Zeit hinsichtlich Konzert-Vorprogramm, der düstere Folk hätte auch über eine längere Distanz getragen, das begeisterte Publikum wäre mit Andacht dabeigewesen.
(**** ½ – *****)

Das Herantasten und Heranführen des Publikums an den Kern des eigenen musikalischen Kosmos war auch das Ding von David Eugene Edwards und seiner Southern-Gothic-Combo Wovenhand am Mittwochabend nicht, mit der geballten Wucht der jüngsten Aufnahmen wie etwa dem aktuell erschienenen Album „Star Treatment“ eröffnete die Band, die im Lineup hinsichtlich des letzten München-Konzerts um einen Keyboarder erweitert wurde.
Mit indianischen Beschwörungs-Riten und schweren Gitarren-Gewittern entfesselten Edwards und seine Mannen bereits zu Beginn einen Orkan, der die Zuhörer hineinzog in die Welt der Mythen der amerikanischen Ureinwohner, der religiösen Visionen und der staubtrockenen, düsteren, schweren Romantik des amerikanischen Südens. Vorbei sind die Zeiten, in denen der charismatische Edwards in der Frühphase von Wovenhand den dunkel funkelnden Appalachen-Alternative-Country-Geist seiner Vorgängerband 16 Horsepower in das Klangbild seines neuen Outfits herüberrettete und seine getragenen, beschwörenden Weisen zur halbakustischen Gitarre vortrug, Wovenhand sind konzertant endgültig in der finsteren, kochenden, bezwingenden, geradezu manischen „Tribal Psycho-Blues“-Welt des Gun Club angekommen, auch der treibende Underground-Blues der australischen Kult-Band Crime & The City Solution dient als Referenz zu den schneidenden Gitarren, Edwards selbst mischte beim Wiederaufleben der Combo um Simon Bonney im Jahr 2012 mit und dürfte einiges an Einflüssen aus dieser gedeihlichen Zusammenarbeit mitgenommen haben.
Bevor das Konzert mit „El-Bow“ vom „Refractory Obdurate“-Album und „King O King“ als einzige Zugabe den Schlusspunkt und furiosen Höhepunkt erreichte, zu dem vor allem Drummer Ordy Garrison wie bereits vor zwei Jahren im selben Saal mit virtuosem Schlagwerk-Donnern zu Hochform auflief, irritierte die Band im Mittelteil mit erratischen Ausflügen in psychedelischen Alternative-/Progressive-Rock, in diesen Passagen stand für Edwards vor allem das Predigen und Beschwören der Dämonen im Vordergrund, das begleitende Moog- und Wurlitzer-Georgel mochte nicht ungeteilt Wohlgefallen finden im vollgefüllten Ampere. Wird aber vermutlich niemanden vom Besuch abhalten, wenn Wovenhand beim nächsten Schamanen-Ritual ihren imaginären Totem-Pfahl in der Münchner Konzert-Landschaft aufstellen.
(**** ½)