David Bowie

Eugene Chadbourne, Schroeder & Titus Waldenfels @ Stragula, München, 2017-10-24

„The Music Of My Youth“ war das Motto, unter dem der Konzertabend am vergangenen Dienstag in der Westend-Realwirtschaft Stragula stand, ‚The Good Doctor‘ from Boulder/Colorado was back in town, gleicher Ort, gleiche Mitmusiker wie in den vergangenen Jahren, und doch war wieder Etliches einzigartig im Programm, zusammen mit seinen kongenialen Begleitern Schroeder am Schlagzeug und Organisator Titus Waldenfels an Lap Steel, halbakustischer Gitarre, Banjo und Violine zelebrierte Eugene Chadbourne Liedgut aus dem Soundtrack seiner Jugend, im ersten Teil der Aufführung uramerikanischen Stoff aus der Ecke Country, Western, Bluegrass und Hillbilly, den der Doc durch seine unnachahmlich-humorige Art mit pointiertem Gesang, dem obligatorischen Grimassen-Schneiden und ausfransendem Gitarren-Gefrickel im Free-Jazz-Flow jenseits jeglicher gängiger Akkorde und Riffs in sein ureigenes Outsider-Folk-Universum trieb, in dem selbstredend jederzeit auch Platz war für zuckersüßen Slide-Gitarren-Schmelz, atmosphärischen Hall, ein wunderschönes Geigen-Solo im zwischenzeitlichen Lead von Saiten-Allrounder Titus Waldenfels und das Form-gebende, den Laden zusammenhaltende wie virtuose Getrommel vom langjährigen Freiburger Chadbourne-Begleiter Schroeder. Im unüberblickbaren Tonträger-Output des Avantgarde-Pioniers war dieser Teil des Konzerts annähernd vergleichbar an die Ergüsse des 1987er-Fundamental-Albums „LSD C&W – The History Of The Chadbournes In America“ angelehnt, selbst die unkonventionelle Interpretation des Bowie-Klassikers „Heroes“ fügte sich da gut ins Gesamtbild, in der das Trio gekonnt alle Spuren des artifiziellen Prog-Rock verschwinden ließ und die Nummer in Richtung Bluegrass-Bastard mit finalem Atonal-Improvisations-Drone-Fadeout auflöste.
Der Part nach der Pause gestaltete sich dann weitaus heterogener, der schwer zur Schräglage neigende Freak-Country erklang nur noch sporadisch, Chadbourne und Co warteten auf mit einer Hand voll dröhnender Garagen-Rocker, Ausflügen in die Psychedelic, Zitaten aus dem Protopunk im Geiste der frühen Pere Ubu und MC5, Anlehnungen an verhallt-gespenstischen Prärie-Roots-Rock und Deadheads-beglückenden Flow in Richtung Space-Übungen aus dem Stegreif und Cosmic American Music, mit dem Prog-Folk-Titel „Lucky Man“ aus der Feder von Greg Lake nahm sich die Band um einen weiteren Meilenstein der britischen Art-Rock-Ära an, bereinigt um jeglichen Bombast und Opulenz präsentierten Chadbourne, Schroeder und Waldenfels das Kleinod als stramme wie beeindruckende Indierock-Ballade, eines der unzähligen Beispiele für das weit ausgedehnte Musik-Universum des großen amerikanischen Experimental-Entertainers.
Nicht überraschend, und doch immer wieder beeindruckend die stilistische Vielfalt, in der es für Eugene Chadbourne zwischen vermeintlich weit auseinander liegenden Genres wie Country, Jazz, Prog- und Punk-Rock keine Berührungsängste gibt, im experimentellen Ansatz lässt er diesen Abgrenzungen keine Bedeutung zukommen. Exzellent auch wie stets die Balance zwischen Noise-artigem Ausfransen und tonalem Wohlklang, wie auch das jeweils unmittelbare Eingrooven der beiden Mitmusikanten in die spontane, nicht abgestimmte Songauswahl des Meisters im steten Improvisations-Modus – das vollbesetzte Lokal und der lang anhaltende, dankbare Applaus sind hoffentlich Garant für viele weitere Auftritte des ‚Good Doctor‘ in der Münchner Stammkneipe, mit dem Münchner Stammpersonal Schroeder & Waldenfels… „No Reason To Quit“.
(***** – ***** ½)

Brother Grimm @ Fish’n’Blues Special, Glockenbachwerkstatt, München, 2017-01-25

brother-grimm-glockenbachwerkstatt-muenchen-2017-01-25-dsc03575

„Scott Walker trifft auf Godspeed trifft auf Mogwai trifft auf Tom Waits – eine verrückte Mischung und eben deshalb interessant, 08/15-Musik gibt’s genug. Brother Grimm muss die Musikwelt aufmischen, falls es in dieser noch gerecht zugeht.“
(MD, Eclipsed-Magazin)

„Albträume in Fuck-Moll. Verwischter Geisterhausblues und grimmige Oden an Verblichene“, so zeugt der Infotext von der Musik des Berliners Dennis Grimm auf der Homepage seines Plattenlabels Magnificent Music, und da hat der unbekannte schreibende Mensch den Mund nicht zu voll genommen, Brother Grimm bot am vergangenen Mittwochabend auf der Bühne der Glockenbachwerkstatt-Kneipe eine eindrucksvolle Demonstration seiner Spielart des sinisteren Desert-Blues, der die Arme weit öffnet und das klangliche Experiment, geloopte Düster-Drones und die Vehemenz des Postrock willkommen heißt.
Der Musiker gab in einem intensiven Vortrag klagend und fordernd, hadernd und beschwörend seinem Begehr nach Erlösung Ausdruck, die Songs seines 2016 veröffentlichten Tonträgers „Kind For A Day, Cool For A Lifetime“ arrangierte Grimm im Solo-Vortrag oft mehr als Rohentwürfe, weitab von stringent durchkomponiertem Songwriting, die Grundmuster des Hugo-Race-/Birthday-Party-geprägten Wüstenblues wurden durchbrochen, ergänzt und bereichert durch beklemmende Beschwörung der ureigenen Dämonen, gesampelte Electronica-Loops und düster-dunkel klopfendes Rhythmus-Gepolter, die Gitarre erging sich in berauschenden Feedbacks und nachdrücklichem Klang-Experiment. Der Minimalismus des Blues-Grundmusters traf auf frei fließenden Ausbruch und schuf so neue Kategorisierung für die uralte Magie der US-Südstaaten-Musik.
Brother Grimm spielte charmant über diejenigen ignoranten Teile des Publikums, die da meinten, dem beseelten, direkten, Aufmerksamkeit-fordernden und mitunter auch verstörenden Drone-Blues-Rohentwurf via ausgelassener Konversation ihre persönliche Note aufdrücken zu können, mit der Interpretation des „Heroes“-Hits seines ehemaligen Berliner Mitbürgers David Bowie im Zugabenteil brachte er den unkonventionellen Vortrag zu einem würdigen Ende, mittels einer Version des Art-Rock-Klassikers, die an roher Energie, übersteuerten, wiederholt ins Atonale kippende Gitarren-Feedbacks/-Drones und abstrakter Ambient-Atmosphäre nichts zu wünschen übrig lies, derart individuell gelungen dürften das Werk bisher die Wenigsten dekonstruiert haben, Respekt, ein Held für mehr als nur einen Tag…
(**** ½ – *****)

Brother Grimm spielt die abschließenden Konzerte seiner Solo-Tour zu folgenden Gelegenheiten:

03.02.2017Hamburg – Gängeviertel
04.02.2017Lüneburg – Jekyll & Hyde
05.02.2017Berlin – Monarch

Soul Family Tree (3): Sharon Jones, Shirley Bassey, Slim Harpo, David Bowie

cephaswiggins

Black Friday, once again, das nächste Menü aus der Soul Kitchen, serviert von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog, heute unter anderem mit einer Reminiszenz an den Thin White Duke – do the hip shake, Brothers and Sisters:

Wer noch nach einer guten Anleitung für das angebrochene Jahr sucht, dem sei „Shake Your Hips“ empfohlen. 2016 beschäftigt auch im neuen Jahr. Und es bleibt bewegend und abwechslungsreich mit Sharon Jones, Shirley Bassey, Slim Harpo und mit einer Erinnerung an David Bowie.

Wenn das Leben eine lebenslange Prüfung ist, dann wurde Sharon Jones besonders hart geprüft. 20 Jahre lang versuchte sie, einen Plattenvertrag zu bekommen. Unbeirrt verfolgte sie ihr Ziel, nahm verschiedene Jobs, u.a. als Gefängniswärterin, an. Sie wurde als zu alt, zu klein, zu dick abgelehnt und es dauerte bis 2002, als sie bei dem neu gegründeten Plattenlabel Daptone Records ihr Ziel erreichte und einen Plattenvertrag unterschrieb. Mit 46 Jahren startete sie ihre erfolgreiche, wenngleich zu kurze Musikkarriere. Denn das Schicksal schlug wieder zu. 2013 wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Bereits wenige Monate später in 2014 stand sie wieder auf der Bühne. Mit kurz geschorenen Haaren trat sie auf, was man auch als klares Statement verstehen kann. Die Liebe und Zuneigung ihrer Fans war ihre Medizin, wie sie in Interviews betonte. Mittlerweile hatte sie auch Erfolg und spielte vor ausverkauften Häusern. Doch der Krebs streute wieder und im November 2016 starb sie an ihrer Erkrankung.
Dem Fernsehsender ARTE sei Dank. Sie filmten ein Konzert aus 2014 im Pariser Olympia, was natürlich ausverkauft war. Ganz wie die Großen des Soul in den 60er Jahren ließ sie sich von ihrer formidablen Band The Dap Kings ankündigen, betrat nach ca. 15 Minuten die Bühne und lieferte ein energiegeladenes Konzert ab.
Sharon Jones hat nie aufgegeben, an sich zu glauben, und stets Haltung gezeigt. Eines meiner Lieblingslieder von ihr ist eine ruhige Nummer: „Slow Down Love“. Doch bitte nicht vergessen: auf ARTE das Konzert anschauen. Es lohnt sich.

„Don’t have to move yo‘ head
Don’t have to move yo‘ hands
Don’t have to move yo‘ lips
Just shake yo‘ hips…“

Slim Harpo (1924-1970) gehört zu den Legenden im Blues. Besonders sein Harmonika-Spiel begeisterte das Publikum. Nicht zu vergessen: sein Einfluss auf andere Künstler war groß und ist es immer noch. Das Lied „Shake Your Hips“ wurde u.a. von den Rolling Stones (auf dem Album „Exile On Main St.“) aufgenommen. Und den Gitarrenriff kann man z.B. bei ZZ Top´s „La Grange“ hören. In den 60r Jahren hatte er zudem großen kommerziellen Erfolg und war einer der erfolgreichsten Blueskünstler seiner Zeit. Also folgen wir doch einfach Slim Harpos Worten „Shake Your Hips“.

Die gebürtige Waliserin (Dame) Shirley Bassey wurde am 8. Januar 80 Jahre alt. Die meisten kennen sie u.a. durch ihre Zusammenarbeit mit Yello („The Rythm Divine“) oder mit Propellerheadz („History Repeating“) und als einzige Sängerin, die in drei Filmen einen James- Bond-Titelsong sang („Goldfinger“, „Diamonds Are Forever“, „Moonraker“). Vor 60 Jahren erschien ihre erste Single und sie hatte das Glück, über mehrere Jahrzehnte erfolgreich zu sein. Und das, obwohl es wenige Single-Hits von ihr gibt. Schon früh verkörperte sie die Diva auf der Bühne. Besonders hervorzuheben ist ihre kraftvolle Stimme. Der Zufall wollte es zudem, dass mir ein Remix vom amerikanischen DJ Kenny Dope in die Ohren kam, der ihre Interpretation von „Light My Fire“ von 1970 remixte und in die Neuzeit hob. Das ist Entertainment.

Am 8. Januar hätte David Bowie seinen 70. Geburtstag gehabt. Und am 10. Januar war sein Todestag. In einem Nachruf schrieb ich: „Er schaffte den Sprung vom Künstler zum eigenen Kunstwerk früh. Etwas was nur wenige schaffen. Nicht das er als Künstler nur seine Äußerlichkeit und den Musikstil änderte. Nein, er änderte den ganzen Hintergrund seines eigenen Gemäldes und wurde damit früh künstlerisch unsterblich.“

Und sein Produzent, auch vom letzten Album, Tony Visconti, sagte: „His death was no different from his life – a work of Art.“ In Erinnerung an einen der großen Künstler in der Musik. David Bowie mit „Lady Grinning Soul“.

Und beim nächsten Mal werde ich u.a. an den 10. Todestag von James Brown erinnern.

Peace and Soul.