Desert-Rock

Reingehört (526): No Man’s Valley

No Man’s Valley – Outside The Dream (2019, Tonzonen Records)

Ein Sound, dessen Herkunft man spontan am Rand einer kalifornischen Wüsten-Region verortet, für die Nachwelt festgehalten in flimmernder Hitze, die Hirnwindungen der Musiker von bewusstseinserweiternden Substanzen angeregt, auf den Spuren der bunt bebilderten Acid-Höhenflüge längst vergangener Tage. Wenn irgendwo in Europa vermutet, dann allenfalls als tonale Halluzinationen am Pariser Totenacker Cimetière du Père-Lachaise, dort als Geistergesänge dem berühmten Grab Nr. 740 in der Division 6 entwichen, Mr. Mojo Rising out of the grave.
Weit gefehlt: Die Kleinstadt Horst aan de Maas in den südlichen Niederlanden beheimatet die jungen Musiker von No Man’s Valley, die auf „Outside The Dream“ das Erbe des Sechziger- und Siebziger-Psychedelic- und Blues-Rock verwalten und für das Hier und Jetzt in eine zeitlose, entstaubte Form bringen. Mit schneidigen, scharf lärmenden Fuzz-Gitarren, vehementen Grunge- und Stoner-Erruptionen, in einem diffus lichternden und nachhallenden Sound-Gebräu inklusive schwer durch das Gewerk dröhnender Orgel. Und nicht zuletzt durch einen Sänger, der mit seinem inbrünstigen, waidwunden Wolfsgeheul und seiner gefährlich einschmeichelnden Blues-Crooner-Düsternis dem vor langer Zeit dahingeschiedenen Morrison-Jim hinsichtlich Tonlage und Stimmvolumen in nichts nachsteht. The Lizard King is gone, but he’s not forgotten, hat ein anderer, ewig junger Meister der Psychedelic-Gitarre einst gesungen. Oder irgend sowas ähnliches.
Selbst die Desert-Mystik, die durch die dichten, halluzinogen mächtig lichternden Songs weht, fügt sich in dem Kontext perfekt ins Bild, Assoziationen damit auch hier zuhauf zum rauschhaften, traumwandlerischen Trip durch die Mojave-Wüste des großen Jimbo in seinem experimentellen Film „HWY: An American Pastoral“. Und in der Nummer „From Nowhere“ wäre es nicht weiter überraschend, wenn Sänger Jasper Hesselink vom eigenen Text abweicht und urplötzlich von „Weird Scenes Inside The Gold Mine“ singen oder ödipales Begehr nach Vatermord und Inzest zum Ausdruck bringen würde, näher kam den vermuteten Vorbildern aus L.A. in jüngster Zeit kaum jemand an poetisch-morbider Inbrunst.
Größtenteils live im Studio in gerade mal vier Tagen eingespielt, das haucht dieser stilistisch ursprünglich in vergangenen Dekaden verhafteten Spielart der harten Rockmusik zusätzliches Leben ein, das Ungebändigte, Ungewaschene ist dem Klangbild alles andere als abträglich.
Hat sich doch tatsächlich einiges an Doors-Querverweisen breit gemacht in diesem Geschreibsel, aber das verhält sich mit den Reminiszenzen auf dem neuesten Tonträger von No Man’s Valley nicht viel anders, insofern: Take it easy baby, take it as it comes!
„Outside The Dream“ ist seit Ende März über das Krefelder Indie-Label Tonzonen Records erhältlich.
(**** ½ – *****)

Madrugada @ Technikum, München, 2019-02-28

Like some new mountain range
Leave the lowlands behind
(Madrugada, The Kids Are On High Street)

Als im vergangenen Herbst die Meldung die Runde machte, dass die norwegische Indie-Legende Madrugada nach 10 Jahren Auszeit den Betrieb wieder aufnimmt, wurde das mancherorts als kleine Sensation gefeiert. Die Band stellte 2008 ihr letztes Album fertig, während der Aufnahmen verstarb Gitarrist Robert Burås unerwartet im Jahr zuvor, Sänger Sivert Høyem und Bassist Frode Jacobsen entschieden sich seinerzeit zu einer letzten Tour zur Tonträger-Promotion und lösten die Band im Anschluss auf.
2019 nun die Reunion der verbleibenden Gründungsmitglieder, neben Høyem und Jacobsen ist der zwischenzeitlich ausgestiegene Ur-Drummer Jon Lauvland Pettersen wieder mit an Bord, unterstützt von den Tour-Gitarristen Cato Thomassen und Christer Knutsen ist die Band derzeit auf ausgedehnter Konzertreise in Europa zur Feier des 20jährigen Jubiläum ihres 1999er Debütalbums „Industrial Silence“ unterwegs, ihr letzter regulärer Deutschland-Termin ließ Madrugada dankenswerterweise im Münchner Technikum Station machen.
„Ausverkauft“ vermeldeten die Ticket-Dealer bereits weit vor Ende des letzten Jahres zum anstehenden Gig, die Fans im Süden der Republik waren in freudiger Erwartung fix bei der Hand beim Billett-Kauf, und so nahm es nicht weiter Wunder, dass die Stimmung im Saal bereits bei Bühnen-Betreten der Musiker kurz vor dem Siedepunkt war. Dahingehend sollte sich die Betriebstemperatur an diesem denkwürdigen Abend auch nicht mehr abkühlen und gegen Ende hin gar zu glückseliger Euphorie steigern, lange wurde keine Combo mehr so dankbar abgefeiert wie die Alternative-Rock-Institution aus dem hohen Norden. Und die Band wurde der entgegengebrachten Verehrung in ihrem gut zweistündigen Set durchgehend gerecht, dahingehend dürfte es keine zwei Meinungen unter den Besuchern der Veranstaltung geben.
Im ersten Teil des Konzert-Abends also „Industrial Silence“ zur Gänze, der Debüt-Meilenstein und neben „The Deep End“ das vermutlich beste Madrugada-Album, auf dem die Band alle ihre geschätzten Qualitäten bereits zur vollen Entfaltung brachte: Herausragende Indie-Rock-Songs zwischen großen, überbordenden Gefühlen, melancholischen Anwandlungen in einer dunklen Grundstimmung, exzellente Balladen-Kunst und das ausgeprägte Gespür für einen dichten Alternative-Rock-Sound, der das Blues-Jaulen der Strom-Gitarre und die süffigen, satten Riffs zu feiern weiß. Dem Mann am Mischpult sei Dank für den glasklaren Sound, Sänger Sivert Høyem, hoch sympathischer Moderator des Abends, verzauberte mit seinem warmen, wohl tönenden Bariton, als leidenschaftlicher Rock-Frontmann wie als emotionaler Balladen-Crooner, die Band ließ ihre Einflüsse aus dem Prärie- und Wüsten-Blues des Gun Club bis hin zur härteren Gangart aus der Underground-Garage der Stooges durchscheinen und unterstrich nachdrücklich, dass der Soundtrack für geheimnisvolle David-Lynch-Szenarien, zur Untermalung von nächtlichen Fahrten über den Highway oder zur Beschallung für das mitternächtliche, einsame Weinen ins Bier am nächsten Tresen seit jeher im skandinavischen Raum bunte Blüten treibt – die Mojave-Wüste, das Motel in the middle of nowhere und die Interstate 5 sind scheint’s da oben irgendwo zwischen Stokmarknes und Oslo zu verorten.
Im zweiten Teil boten Madrugada in einer Auswahl an Songs aus den späteren Alben noch einmal großes Kino an dichtem Sound und intensiver Song-Kunst, ein ausgedehnter Zugaben-Block in stetiger Spannungssteigerung offenbarte das Ausnahme-Talent der Band für die erhebenden, hymnischen Momente des Indie-Rock. Nicht weniger als pure Ergriffenheit beim Grande Finale im gesamten Saal mit der heiligen Dreifaltigkeit aus „Majesty“, „The Kids Are On High Street“ und „Valley Of Deception“, epische Song-Dramen und große Melodien, die das Beste zum Schluss kredenzten und damit für das Publikum keine Wünsche mehr offen ließen.
Nicht jedes Comeback glückt, so manche Reunion darf man getrost unbesehen durchwinken, Aufgewärmtes mag ab und an einfach nicht mehr munden, bei Madrugada hingegen war die Rückkehr auf die Bühnenbretter dieser Welt mindestens am vergangenen Donnerstag in München ein einziger, rauschhafter Triumphzug, vermutlich verhält es sich auf jeder weiteren Station ihrer Tour kaum anders. In der Form hat der Indie-Rock auch heute noch weit mehr zu bieten als den handelsüblichen Einheitsbrei, so manche zeitgenössische Band darf sich bei den Skandinaviern abschauen, wo das Werkzeug aus der „Norwegian Hammerworks Corp.“ hängt.
Madrugada 2019: Als wären sie nie weg gewesen. Und nie waren sie so wertvoll wie heute. Wie ausnehmend schön, dass sie wieder da sind.