Detroit

Mitch Ryder @ Kunstfoyer Versicherungskammer, München, 2019-03-10

Bei weitem eine anständigere Nummer als die eingenommenen Versicherungsprämien mit Derivate-Wetten in Hedge-Fonds oder auf dubiosen Lustreisen der Vertreter-Schar zu verpulvern: Die Versicherungskammer Bayern tritt seit geraumer Zeit über ihre gemeinnützige Stiftung als Ausrichter exzellenter wie kostenfreier Ausstellungs- und Konzertprogramme in der Münchner Kulturlandschaft in Erscheinung, für die in die Jahre gekommenen Rock’n’Roll-Fans schlüpfte sie am vergangenen Sonntag in die Spendier-Hosen zwecks Engagement des US-amerikanischen Bluesrock-Shouters Mitch Ryder – die Detroit-Legende für lau, die 180 Freikarten Wochen zuvor in sensationellen 2 Minuten vergriffen, so wurden die begehrten Tickets schnell zum wertvollen Dokument.
Der bestuhlte Sitzungssaal der Versicherungsanstalt bot eine ungewöhnliche Lokalität für einen Rock-Gig, die anberaumte Zeit mit 18.00 Uhr alles andere als einen gängigen Konzert-Termin, zur Krönung selbst die Getränke kostenfrei, die Kulturstiftung wusste im Rahmenprogramm mit Überraschungen zu glänzen.
„Ein Stück Sicherheit“ prangte als Werbeslogan unter dem Unternehmenslogo am rechten Bühnenhintergrund, ein durchaus brauchbares Motto zum zweistündigen Konzert der US-Rock-Ikone Mitch Ryder, der seinem zugewandten Publikum exakt das lieferte, was es im Wesentlichen erwartete: Grundsolides Soul-, Blues-, Rock- und R&B-Entertainment, begleitet von der Ost-Berliner Band Engerling um den versierten Bluesharp-Spieler und Keyboarder Wolfram „Boddi“ Bodag, mit der Ryder seit Mitte der Neunziger regelmäßig in Europa tourt und seine jeweils aktuellen Tonträger einspielt. Das wäre alles nicht weiter spektakulär, zumal sich die Gitarristen der Combo nicht selten in gängigen Mainstream-Soli und Stadien-Rock-Riffs verloren, wäre da nicht immer noch diese außergewöhnliche, raue, brüchige wie tief-dunkle Soul-Stimme des kleinen, in dem Fall sehr großen Mannes aus Michigan.
Der 1945 als William Sherille Levise Junior in der Great-Lakes-Region nahe Detroit geborene Sänger mit der unverkennbar schroffen wie klagenden Reibeisen-Stimme stand bereits 1962 als Jugendlicher auf den Bühnen örtlicher Soul-Clubs, mit den Detroit Wheels feierte er ab Mitte der Sechziger einige Chart-Erfolge in der amerikanischen Heimat, in Großbritannien und Australien. In Europa hat Mitch Ryder vor allem durch seinen berühmten, in zahlreichen Ländern live ausgestrahlten „Rockpalast“-TV-Auftritt im Oktober 1979 bleibenden Eindruck hinterlassen, das legendäre „Full Moon Concert“ lange nach Mitternacht als Finale der 5. ARD-Rocknacht gilt vielen Kritikern und Fans als eine der Sternstunden des Rock’n’Roll – das Motto der Sicherheit war seinerzeit alles andere als groß geschrieben: Trotz vorangegangenen Handgreiflichkeiten zwischen den Musikern in der Garderobe und einem katastrophalen Interview vor dem Auftritt mit Moderator Alan Bangs, trotz ausgelebter, destruktiver Feindschaft zu sich selbst, zu seiner Band und zum Publikum wusste ein streitsüchtiger, schwer angetrunkener und pöbelnder Mitch Ryder mit diesen radikal ausgelebten Launen als Rock-Performer nachhaltig schwerst zu überzeugen, ein Talent, mit dem wohl nur die wahrhaft Großen des Fachs gesegnet sind.
Das Raubeinige im Charakter hat sich bei Ryder in den vergangenen Jahrzehnten längst abgeschliffen, der Sänger gab sich mit seinen mittlerweile 74 Lenzen auf dem gekrümmten Buckel am frühen Sonntagabend als altersmilder, höflicher, für seine Verhältnisse geradezu leiser Frontman. Von gesundheitlichen Rückschlägen gezeichnet, in den Bewegungen und Gesten reduziert, mitunter filigran und nicht mehr völlig trittsicher auf den Beinen, ist Ryder dem eigenen Bekunden nach dankbar, dass er noch als Sänger auftreten darf, nachdem eine Kehlkopf-Erkrankung im Vorjahr dahingehend schwerwiegende Zweifel aufkommen ließ. Damit nimmt es nicht weiter Wunder, wenn manche Passage in Hits wie „Tough Kid“, „War“ oder „Bang Bang“ nicht mehr dergestalt kräftig geknurrt wie in vergangenen Zeiten grollen und vibrieren, der Mann am Mischpult hat durch die überlauten Gitarren zu der Gelegenheit das Seine beigetragen – den tot-zitierten Allgemeinplatz, dass der Weiße keinen Blues singen kann, vermag Mr. Levise trotz Abstrichen zu vergangenen Glanz-Abenden nach wie vor eindrucksvoll zu widerlegen – sie offenbarte sich zu Zeiten und forderte Bewunderung, diese überwältigende Urkraft in der erhobenen Stimme, die Konzerte von Mitch Ryder nach wie vor aus der Masse der altgedienten Haudegen an Bluesrock- und Soul-Acts herausragen lassen: In der herzergreifenden Balladen-Version des Jimmy-Cliff-Klassikers „Many Rivers To Cross“, in der Verneigung vor R&B/Soul-Reverend Al Green mit dem oft gecoverten Soul-Hit „Take Me To The River“ oder der finalen, schwer Blues-lastigen Doors-Nummer „Soul Kitchen“, in der Mitch Ryder mit dem Ziehen aller Register seiner einzigartigen Vokal-Kunst unter Beweis stellte, dass er im Zweifel vermutlich der bessere Morrison gewesen wäre.
Mit der (unzweifelhaften) Bemerkung, dass ein Kollege wie Bob Dylan wohl mittlerweile am Ende wäre, blitzte kurz der alte Ryder-Sarkasmus auf, wenn sich der Meister auch postwendend gnädig gab und den fein abgerockten „Subterranean Homesick Blues“ mit den Worten ankündigte, man spiele ihn trotzdem, der Mann wäre ja zweifellos ein Heiligtum.
Der ein oder andere erwartete Klassiker fehlte in der Setlist, der Uralt-Bühnenfeger „Devil With A Blue Dress On“ etwa, „Little Latin Lupe Lu“ oder sein Song mit dem deutschen Titel „Er ist nicht mein Präsident“, der sich in Zeiten eines Donald Trump förmlich aufdrängt, die Nummer hat nichts an Aktualität verloren, wenn sie auch seinerzeit Anfang der Achtziger in Opposition zum neoliberalen B-Movie-Cowboy Ronald Reagan entstand. Mag sein, dass einer wie Mitch Ryder über die Jahrzehnte längst an der amerikanischen Politik verzweifelt ist, der betagte Sänger strahlte in seiner fragilen Erscheinung durchaus auch etwas latent Resignatives und Entrücktes aus – wie es sich für einen altgedienten Blues-Mann eben ziemt.
Nach gut zwei Stunden gediegenem Bühnen-Entertainment und Standing Ovations seitens der beinharten Ryder-Fans war klar, dass die Münchner Versicherung mit dem bis 1994 bestehenden Feuerschutz-Monopol auch beim spendierten Wandeln durch nahezu sechs Dekaden Rock-Geschichte nichts anbrennen ließ.

Reingehört (373): Protomartyr, The Pack A.D.

The Pack A.D. – Dollhouse (2017, Cadence Music)

Knappe halbe Stunde Gehörgänge durchpusten mit Becky Black und Maya Miller, die Ladies aus Vancouver lassen mit ihrem Duo The Pack A.D. auch auf ihrem siebten Longplayer keine Wünsche offen hinsichtlich Trash, Punkrock, Spaß haben.
Die Puppen tanzen im „Dollhouse“ zum bewusst simpel gehaltenen wie gewohnt effektiv abrockenden Garagen-Uptempo-Anschlag und den fräsend-schneidenden Trash-Gitarren, darüber singt Mrs Black ihre von jugendlicher Energie und Pop-Appeal befeuerten Punk-Arien, damit die Sause nicht zu eindimensional daherkommt, würzen die Mädels den rohen Teig mit allerlei stumpf-stoischem Postpunk-Dröhnen, schwergewichtigem Retro-Brachial-Blues, psychedelischem Gefunkel und LoFi-Geschrammel.
Mag in der Tonkonserve nicht ganz an die furiosen Live-Darbietungen der beiden jungen Kanadierinnen herankommen, vermittelt aber eine mehr als nur ungefähre Ahnung der ungebändigten Energie eines Pack-A.D.-Konzerts, zum Abhotten und Rumzappeln in der heimischen Butze taugt’s in jedem Fall uneingeschränkt.
(**** ½)

Protomartyr – Relatives In Descent (2017, Domino)

„It blooms at night“: Machte möchte meinen, der schwer ins Retrospektive neigende Postpunk der Ur-Märtyrer um Frontmann Joe Casey würde sich irgendwann totlaufen, tut er aber auch auf dem inzwischen vierten Longplayer der Combo aus Motorcity Detroit/Michigan in keinster Weise, ganz im Gegenteil, eindrücklicher aufgebäumt haben sich Protomartyr seltener als auf dem Ende September erschienenen, aktuellen Machwerk „Relatives In Decent“. Die kürzlich stattgefundene Kollaboration mit der legendären Pop Group anlässlich des 40-jährigen Label-Jubiläums von Rough Trade mag da seine Spuren hinsichtlich neuer Einflüsse und Weiterentwicklung hinterlassen haben. Casey ist weit davon entfernt, den lakonischen, latent angelaschten Vorsteher zu geben, den er beim letzten München-Konzert zelebrierte, und so kommen die zwölf neuen Titel mit einer ergreifenden Leidenschaft wie Schärfe, die am engagierten Vokalvortrag zwischen strammer, wütender, mitunter sarkastischer Ansage und latenter Verzweiflung festzumachen sind wie im von abgehackten Riff-Attacken, stürmischen Gitarren, schneidendem Postwave-Drive, dunkler, unterkühlter Downtempo-Balladenkunst und dröhnenden Bässen geprägten Sound der unwirtlichen Großstadt-Nacht, den die Band hier mustergültig im Geiste von Säulenheiligen wie Ian Curtis oder Mark E. Smith zur Formvollendung bringt.
Wie es sich für besorgte US-Bürger dieser Tage ziemt, wird in den Texten unverblümt gegen den Trottel im Weißen Haus, „alternative“ Fakten-Lagen, den Verfall von Sitten und Kultur und den weißen Führungsanspruch schwadroniert, selten war die Band politischer, auch dahingehend weht ein frischer Geist durch den aktuellen Tonträger.
Protomartyr stellen auf „Relatives In Descent“ die richtigen Fragen, liefern die entsprechenden Antworten in Form eines rundum gelungenen, düsteren Soundtracks zu den Verwerfungen dieser Welt, und damit ihr bis dato reifstes Album, wer hätte das gedacht…
(*****)

Protomartyr + Heads @ Kranhalle, München, 2016-04-13

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Endlich Protomartyr in München, im zweiten Anlauf. Zuvor aber als Einstimmung des Abends gepflegte Volldröhnung von den Heads aus Berlin, eine Trio-Besetzung, über die hinsichtlich heimatlicher Wurzeln der Bandmitglieder „Saarland meets Hamburg meets Australien“ zu lesen ist. Bass / Gitarre / Schlagzeug und ein engagiert emotional-verzweifelter Gesang, mehr brauchte die Combo aus der Bundeshauptstadt nicht an Ingredienzen, um die Anwesenden mit ihrer schwergewichtigen Mixtur aus Noise- und Post-Rock, Sludge Metal, hypnotischen Prog-Rock-Beigaben und der bleiernen Wucht des Früh-70er-Black-Sabbath-Sounds zu begeistern. Bassist Chris Breuer war in der Funktion auch bereits beim renommierten Postmetal-Kollektiv The Ocean zugange, der Mann ist sozusagen ein alter Hase im Noise-Bereich, was wie auch bei seinem beiden Mitstreitern Peter Voigtmann an der Trommel und Ed Fraser an Gitarre und Gesang hinsichtlich einnehmender Bühnenpräsenz und formvollendet-wuchtigem Klangbild nicht zu übersehen- und hören war. Gerne irgendwann mal mehr davon.
(**** ½)

Our second time in Munich, but the first time we play“, dieses Mal hat es geklappt mit dem Protomartyr-Auftritt, nachdem bei der letzten Tour das München-Konzert wegen mangelnder Publikums-Nachfrage abgeblasen wurde und die offensichtlich vorab spärlich erstandenen Tickets zur Vorverkaufsstelle zurückgetragen werden durften.
Die Band aus Detroit/Michigan hielt sich dann auch nicht groß mit Vorreden oder anderweitigem Vorgeplänkel auf beim Einstieg zu ihrem knapp einstündigen Auftritt, mit der von den Herren Ahee, Leonard und Davidson zu erwartenden Mixtur aus scheppernd-treibenden Rhythmen, wuchtigen Bassläufen und schneidenden Gitarrenriffs, die die Nacht Alarmsirenen-gleich durchschnitten, und den schnörkellos hingeworfenen Texten des Frontmanns und Sängers Joe Casey lieferte die Band ein Set, in dem die Songs oft wie hastig durchexerziert und abgehackt wirkten, um sofort ohne großen Übergang oder Zwischenrede in den nächsten Titel überzugehen.
Das passte selbstredend ideal ins Gesamtbild einer Band, die aus ihren Frühachtziger-Postpunk-Einflüssen keinen Hehl macht, mit ausgewähltem Material ihrer bisher drei, seit 2012 erschienenen, sehr passablen Alben pflegte die Band ihre Reminiszenz an die großen Zeiten des UK-Postpunk, auch die lakonisch-nonchalante Bühnenpräsenz Caseys weckt dahingehend Erinnerungen. Da in der Musik inzwischen sowieso schon irgendwie alles irgendwann mal da war, sollte sich niemand an diesem nicht von der Hand zu weisenden Retro-Ansatz reiben, für eine beherzt-kraftvolle, ungeschliffene Darbietung, die zumindest in den Song-Refrains auch ein Gespür für die euphorische Melodie erkennen ließ, hat es allemal gereicht, in der leider etwas mäßig gefüllten Kranhalle.
(**** ½)

Protomartyr Live Brooklyn 2015 @ nyctaper.com