Dokumentarfilm

Konzert-Vormerker: The Sonics

Die Godfathers des Grunge wollen es nochmal wissen: The Sonics, Paten des Alternative Rock, Pioniere, Urgesteine und Kult-Helden des Garagen-/Proto-Punk und des Rock’n’Roll-Trashs, schlagen im Oktober im alten Europa für eine ausgedehnte Tournee auf, auch im schönen München werden sie ihre Visitenkarte im Backstage abgeben, jeweilige Termine für die Schweiz und Deutschland guckst Du unten.

Die US-Trash-Institution aus Tacoma/Washington ist seit den frühen Sechzigern aktiv und war mit legendären Kollegen wie den Kinks oder den Byrds auf gemeinsamer Konzertreise, das halbe Jahrhundert Rock-and-Roll-Krakeelen hat sie längst auf dem Buckel und nähert sich zielstrebig der sechsten Dekade ihrer Bandgeschichte.

Die Sonics haben bereits auf ihrem Debüt-Album „!!!Here Are The Sonics!!!“ stilbildende Klassiker wie „Strychnine“, „Psycho“ und „The Witch“ veröffentlicht, die später von unzähligen Interpreten in eigenen Versionen aufgenommen oder live präsentiert wurden, ihre rohe Energie und den harten, direkten Sound ihrer Songs haben Legionen von Bands und Musiker wie die Sex Pistols, die Ramones, Nirvana, The Cramps, The-Fall-Grantler Mark E. Smith, die White Stripes oder die Fuzztones als maßgeblichen Einfluss ihrer eigenen Arbeiten benannt, selbst Pathos-Schmalzer Springsteen covert ab und an die Richard-Berry-Adaption „Have Love, Will Travel“ in seinen Shows, E-Street-Band-Gitarrero, Garagenband-Fan und Wicked-Cool-Records-Chef Steven Van Zandt wird’s wohl zu schätzen wissen…

2014 waren die Sonics als Headliner bei der US-Originalausgabe des Muddy Roots Festivals in Cookeville/Tennessee am Start, kurz darauf ist mit „This Is The Sonics“ das erste neue Album seit 35 Jahren erschienen. Der Song „Bad Betty“ ist bereits vorab als Split-Single zusammen mit einer Nummer der Seattle-Grunger von Mudhoney zum Record Store Day 2014 veröffentlicht worden.

Am 30. September wird der Dokumentar-Film „Boom“ über die Sonics beim Raindance Film Festival in London uraufgeführt: „For the first time ever, all five original members of the band tell the true story of how it all went down, beginning to end“.

Die Konzertagentur Hotellounge präsentiert die Deutschland- und Schweiz-Termine der Sonics:

THE SONICS – „This Is The Sonics“ 2018

11.10.Hamburg – Molotow
12.10.Bonn – Harmonie / WDR Rockpalast Crossroads
13.10.Aachen – Musikbunker
14.10.Frankfurt – Das Bett
16.10.Essen – Zeche Carl
17.10.München – Backstage
23.10.Zürich – Ziegel Oh Lac
25.10.Etagnières – Croc‘ The Rock Festival
27.10.Bern – Dachstock / Reitschulfest
28.10.Karlsruhe – Jubez

Reingehört (476): Manu Delago

„In general, I find limitations inspiring and in the case of Parasol Peak I was limited to a fixed ensemble of 7 musicians. The different locations also brought various limitations, which affected how I composed the music. At some locations we were vertically aligned and couldn’t see each other. At others we couldn’t hear each other, or we were trying to survive while playing.“
(Manu Delago)

Manu Delago – Parasol Peak (2018, One Little Indian)

Musikalischer Kosmopolit schaut sich die Welt von oben an, auf dem kommenden neuen Album „Parasol Peak“ im wahrsten Sinne des Wortes. Der in Innsbruck geborene und in London lebende Österreicher Manu Delago wurde von Islands prominentestem Nebelhorn Björk entdeckt und ist fixes Ensemble-Mitglied ihrer Live-Crew, bei derartigen Biografie-Eckdaten schrillen zwar kurz alle Alarmglocken, die aber genauso schnell wieder verstummen, der akademisch ausgebildete, komponierende Ausnahme-Perkussionist hatte neben der exaltierten Trulla vom Geysir bereits Exzellenzen wie das London Symphony Orchestra, die indische Sitar-Spielerin Anoushka Shankar oder die verehrungswürdige Poppy Ackroyd als Kundschaft für sein experimentelles Rhythmus-Geben, die englische Electronica/Neoklassik-Pianistin etwa für ihren jüngsten Grandios-Wurf „Resolve“.
„Parasol Peak“ ist eine Reise, und wie jede gute Reise auch irgendwo ein Abenteuer – ein klangliches allemal, und hier im speziellen wegen der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte der Album-Aufnahmen ein tatsächlich nicht ungefährliches Abenteuer. Das siebenköpfige Ensemble begab sich nebst Ton-Ingenieuren und Film-Crew zur Einspielung der instrumentalen Preziosen in den Stubaier Alpen auf Feld-Exkursion und wählte die Bergwelt als großen Konzert-Saal zur Live-Aufführung der neuen Delago-Tondichtungen, die Stücke entstanden im Wortsinn als „Field Recordings“ in freier Wildbahn in unterschiedlichsten, sich von Titel zu Titel steigernden Höhenlagen, in denen das eigentliche Musizieren die geringste Herausforderung für die versierten Instrumental-KünstlerInnen darstellte. Vor den jeweiligen Sessions mussten Felsformationen überwunden, der Kälte getrotzt, die Instrumente aufgrund der extremen Temperaturen permanent neu gestimmt und im Alpinisten-Outfit gesicherte Orte im schroffen Fels für die eigentliche Performance gefunden werden. Aufgrund der verschärften Aufnahme-Bedingungen war die Einspielung vieler Takes nur maximal zweimal möglich, dann musste die Nummer im Kasten sein, und die Seilschaft zog weiter, dem Gipfel entgegen, wo das Titelstück in über 3000 Metern Höhe in der Schnee-Pracht der Tiroler Alpen als Kammerorchester-Werk seine Premiere erlebte.
Die Stimmung der einzelnen Stücke ist den jeweiligen Höhenlagen und Schwierigkeitsgraden des Geländes angepasst, die in tiefer gelegenen Regionen im Schutz des Waldes in unmittelbarer Nachbarschaft zu den thematisierten Pilzen aufgenommene Nummer „Parasol Woods“ ist ein dynamischer, euphorischer, fast tanzbarer Opener, der die Freude des Aufbruchs und die beschwingte Abenteuerlust einfängt, in exponierterer, ungeschützter Landschaft gerät das Musizieren mit Karabiner gesichert sitzend in der Felsspalte dann zuweilen zu einer getrageneren, elegischeren, wesentlich ehrfürchtigeren Ode, die dem Ausgeliefertsein an die Naturgewalten und der lebensbedrohenden Absturzgefahr gebührend Respekt zollt. Das beschließende „Base Camp“ lässt als befreiende Coda den Glücksgefühlen tonal transportiert freien Lauf, final im heimeligen Stockbetten-Lager der Berghütte nach gelungener Expedition aufgenommen.
Die Musik ist durchwirkt von Chanson-folkloristischen Akkordeon-Klängen, experimentellen Cello-Ambient/Prog-Drones und dominierenden Bläser-Sätzen, die Elemente aus harmonischem wie latent nervösem Jazz-Verwandtem, luftige, gleichsam profunde, hochmelodische Neoklassik-/Minimal-Music-Strukturen und Versatzstücke aus der Folklore der Alpenregion in ihrer südlichen und östlichen Ausdehnung enthalten, wunderschöne Welt-Musik-Entwürfe, die sich wie etwa auch die herrlichen Kompositionen der Münchner Hochzeitskapelle jeglicher eindeutigen Etikettierung entziehen. Perkussiv begleitet wird das tonale Gipfelstürmen vom Steeldrum-verwandten Hang/Handpan-Spiel Manu Delagos und seiner Rhythmus-Begleiter an Handtrommel, Xylophon, durch Klang-forschende Taktgebung mittels Ziehen der Karabinerhacken an Sicherungsseilen im alpinen Gelände, mit dem einfachen Aufeinander-Schmeißen von Steinen, dem Streichen des Schlagzeug-Besens an der Baumrinde, im naturbelassenen Takt-Geben zwischen artifiziellem Triphop und dem Puls der Natur im freien Flow – frei fließend im wahrsten Sinne des Wortes etwa hinsichtlich Einbindung der Klänge des nassen Elements eines vorbeiplätschernden Gebirgsbachs – in perfekter Symbiose und im Einklang mit der unberührten Berglandschaft.
„Parasol Peak“ ist eine überwältigend schöne Klangreise, die auch beim x-ten Hören nicht völlig umfänglich in ihrer ganzen Herrlichkeit zu fassen ist, wie ein atemberaubendes Bergpanorama im schweifendem Blick in die Ferne, vom Gipfel herab. So, wie es den Wanderer immer wieder zu neuen Touren und Bewältigen der Höhenmeter in die Berglandschaften ruft, so drückt man immer wieder gerne mit selbem Enthusiasmus die Repeat-Taste für dieses wunderbare, unerschöpfliche Instrumental-Meisterwerk.
„Parasol Peak“ gibt es als Tonträger wie als wunderschöne halbstündige Film-Meditation, die das siebenköpfige Ensemble beim Musizieren in der alpinen Natur zeigt und die Einspielung der acht Stücke unter ungewöhnlichen Bedingungen dokumentiert, erhaben und gefangen nehmend wie die Musik selbst. Der Film läuft in ausgewählten Kinos, bei diversen Doku-/Heimat-/Berg-Film-Festivals, und hoffentlich irgendwann auch im Netz für alle.
Live In The Alps. No Overdubs. Gott ist mit den Furchtlosen: Viel gewagt und alles gewonnen. Man gebe sich jedoch keiner Illusion hin: Die Musik wäre ohne die spektakuläre Entstehungsgeschichte nicht weniger großartig.
„Parasol Peak“ erscheint als Tonträger am 7. September beim Londoner Indie-Label One Little Indian.
(***** ½)

Das Double

„Dat is dat Allerschönste, wenn se sehr schön spielen!“

Frank Steffan – Das Double – 1977/78: Die Dokumentation einer außergewöhnlichen Epoche (2017, Edition Steffan)

Was heutzutage durch die Dominanz des von Vorbestraften geführten Münchner Mia-san-Mia-Syndikats zur tödlich langweilenden Routine im nationalen Liga-Betrieb geworden ist, hatte bis Anfang der 2000er absoluten Seltenheitswert im deutschen Fußball: Der Gewinn von Bundesliga-Meisterschaft und DFB-Pokal innerhalb einer Spielzeit durch den selben Klub, das sogenannte Double. Bis zur Jahrtausendwende ist das seit 1937 – die Schalker waren seinerzeit die ersten – ganze vier Mal gelungen, seitdem ödet der Rekordmeister aus dem Süden mit nahezu unschöner Regelmäßigkeit durch Einfahren beider Titel die Sport-interessierte Republik an.
Für den 1. FC Köln war es 1978 soweit: Als gerade mal dritter Double-Gewinner schrieb das Team aus der Domstadt am Rhein Fußball-Geschichte.
Hennes Weisweiler, Trainer-Unikat und Meistermacher der Gladbacher „Fohlen“ in den frühen Siebzigern, kehrte nach einem kurzen, unerfreulichen Gastspiel beim FC Barcelona, das vor allem durch sein von Beginn an zerrüttetes Verhältnis mit dem holländischen Superstar Johan Cruyff geprägt war, 1976 als Trainer zu den „Geißböcken“ zurück, in der Spielzeit vor dem Double gelang Weisweiler 1977 bereits ein Titelgewinn mit den Kölnern im DFB-Pokalfinale. Für die folgende Spielzeit ging der knorrige Trainer mit der bei Fans und Funktionären nicht unumstrittenen Demontage von Club-Legende, Führungsspieler und Weltmeister Wolfgang Overath ein hohes Risiko, die Fäden im Spiel des FC sollte zukünftig der Weltklasse-Techniker Heinz Flohe mit Hilfe von Herbert Neumann und Bernd Cullmann im Mittelfeld ziehen, im Sturm war man seinerzeit mit dem deutschen Nationalstürmer Dieter Müller und seinem belgischen Kollegen Roger Van Gool exzellent aufgestellt, Müller sollte in der Double-Saison mit 24 Liga-Treffern die Torschützenkönig-Auszeichnung einfahren.

Der Kölner Regisseur Frank Steffan hat über die Ausnahme-Saison der „Geißböcke“ einen sehenswerten Dokumentar-Film gedreht. Wie bereits bei seinem exzellenten Spieler-Portrait über Heinz Flohe „Der mit dem Ball tanzte“ aus dem Jahr 2015 hält sich Informatives und Unterhaltsames gekonnt die Waage in der chronologischen Erzählung dieser turbulenten „Effzeh“-Saison 77/78, in der sich ein Deutscher Meister auch ab und an eine krachende Niederlage leisten konnte, wie auch der Ausgang in Sachen erster Platz bis zuletzt offen war, die im Film fein inszenierte Dramatik des Fernduells Köln/Gladbach inklusive der unerklärlichen Torflut der „Fohlen“ gegen den BVB am letzten Saison-Spieltag spricht dahingehend Bände. Insofern ist die Doku nicht zuletzt für Fußball-Nostalgiker eine lohnende Angelegenheit, jeder, der Jahr für Jahr etliche Wochen vor Saisonende vom uneinholbaren Punktestand und damit der vorzeitigen Meisterschaft der rot-weißen Münchner Arroganz-Truppe angenervt ist, kann sich nach jenen vergangenen Zeiten nur sehnen, als der Champion erst am letzten Spieltag Samstags gegen 17.15 Uhr dann langsam feststand…
Der Film zeigt einen Tor-Reigen zum Zungen-Schnalzen in historischem Film-Material, dokumentiert das frühe wie desaströse Aus der Kölner Ausnahme-Mannschaft gegen den FC Porto im Pokalsieger-Europacup wie auch die Geschichte vom ersten japanischen Profi in der Bundesliga und lässt vor allem Zeitzeugen zu Wort kommen, beinharte FC-Fans wie Kult-Trainer Peter Neururer, den Kölner Künstler Anton Fuchs oder Hardcore-Supporter Jacki Nimmesgern und damals aktive Spieler wie den späteren National-Keeper Harald „Toni“ Schumacher, den Sympathie-Träger Dieter Müller, FC-Manager Karl-Heinz Thielen, Kölner Originale wie den damaligen Mannschaftsarzt Dr. Alfons Bonnekoh und den dänischen Entertainer Preben Elkjær Larsen, der in jener Zeit vor allem das Kölner Nachtleben genoss und seine großen Fußballer-Momente erst nach seiner kurzen Zeit am Rhein haben sollte.
Relativ kurz kommt der einhergehende Pokalsieg der Kölner zur Sprache, das mag an mangelndem Filmmaterial liegen, wohl aber auch am Losglück, der FC traf erst ab dem Halbfinale mit Werder Bremen und dann im Endspiel mit den rivalisierenden Nachbarn von der Düsseldorfer Fortuna auf ebenbürtige Gegner.

Steffan dokumentiert die Erfolgsgeschichte des FC im Kontext des damaligen Zeitgeschehens, Rock’n’Roll-King Elvis Presley stirbt 1977, das Beben des Punkrock ist vor allem durch die Krawall-Aktionen der Sex Pistols auf der britischen Insel zu vernehmen und wird später auch in der rheinischen Republik seine Spuren hinterlassen, Köln im Speziellen ist nicht nur wegen dem Fußball-Gekicke im Fokus, darüber hinaus ist die Stadt auch zentraler Schauplatz im „Deutschen Herbst“ mit der gewaltsamen Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer durch das „Kommando Siegfried Hausner“ der linksextremen RAF wie auch Epizentrum der deutschen Kunstszene in jenen Jahren, ein zeitweiliger Aufenthalt von Pop-Art-Ikone Andy Warhol in der Domstadt war diesem Ruf gewiss nicht abträglich. Der Chef der legendären New Yorker Factory outete sich als wahrer Fußball-Experte, für den stürmenden FC-Außenverteidiger Harald Konopka, der im Übrigen in seiner Funktion als rheinische Frohnatur, ehemaliger Spieler und befragter Zeitzeuge keinen geringen Anteil am Unterhaltungswert des Films hat, signierte Warhol einen Druck mit der Widmung „To the best soccer player in the world“„Who the fuck is Cruyff?“ mag sich da so mancher im Kölner Umkreis gefragt haben…

„Das Double“ wird wie bereits der Flohe-Film vom ex-Schroeder-Roadshow-Sänger Gerd Köster kommentiert, der ehemalige Musiker und Hörbuch-Sprecher bringt die Nummer unaufgeregt wie grundsolide und mit eigener Note zum Vortrag. Der angepunkte, perfekt zur damaligen Zeit passende Soundtrack stammt von der Früh-Achtziger New-Wave-Combo mit dem sinnigen Namen „The Cöln“ um den Gitarristen Dirk Schlömer, der später auch bei der Deutschrock-Legende Ton Steine Scherben zugange war.

Beim momentanen Tabellenstand kann man in Köln von diesen glorreichen Zeiten nur träumen, zur seelischen Erbauung und moralischen Stütze sollte die Doku in jedem Fall für alle Fans und Sympathisanten des „Effzeh“ in Reminiszenz an bessere Tage taugen, für alle anderen Fußball-Interessierten ist es immer noch ein herausragendes, informatives Stück Zeitgeschichte aus einer Ära, in der die Welt in Sachen Bundesliga-Fußball weitestgehend in Ordnung war – Platz zwölf, ein negatives Tor-Verhältnis, 13 Saison-Niederlagen, zwischenzeitliche Abstiegs-Gefahr sowie eine Derby-Klatsche inklusive Platzverweis für den späteren Luxusuhren-Schmuggler in der Saison-Endabrechnung 1977/78 des rot-weißen Großkotz-Vereins aus München sind dahingehend ein untrügliches Indiz, da muss man die tolle Saison der rot-weißen, hochsympathischen Jahrhundert-Mannschaft des 1. FC Köln jener Jahre noch gar nicht in die Waagschale schmeißen…

Die DVD „Das Double“ ist bei Edition Steffan erschienen, wie auch das bereits im November 2016 publizierte, um viele historische Foto-Aufnahmen bereicherte Buch mit gleichem Titel.

Herzlichen Dank an Frank Steffan.

Carpet + 0101 @ Maj Musical Monday #80, Glockenbachwerkstatt, München, 2017-05-15

Die 80. Auflage des regelmäßig im Münchner Stadtteil-Treff Glockenbachwerkstatt stattfindenden Maj Musical Monday zeigte sich hinsichtlich Experimentierfreude von seiner besten Seite, die gut besuchte Montagabend-Veranstaltung eröffneten die unter dem Duo-/Projektnamen 0101 firmierenden Media-Künstler und Musiker Daniel von Rüdiger und Carl, die beiden Rosenheimer spielten hinter einer halbtransparenten Plastik-Folie ihren „Cinematic Postrock“ als Live-Soundtrack zu bewegten Bildern, die als Leinwand gedachte Abtrennung von Bühne und Zuschauerraum diente als Projektionsfläche für sozial-dokumentarische Filmaufnahmen, die Daniel von Rüdiger 2014 in Papua-Neuguinea drehte. Die schlagenden, hauenden, sägenden, monotonen Arbeitsgeräusche der Ureinwohner beim aufgezeichneten Bau eines Kanus wurden wunderbar stimmig als Rhythmus-gebende Field Recordings in den konzertanten Vortrag des Duos integriert und verliehen der instrumental dominierten Soundlandschaft aus karibischem Western, Ennio-Morricone-Anleihen, durch Effekt-Geräte behandeltem Gitarren-Postrock und maschinellen Elektro-/Industrial-Drones und -Loops die sprichwörtliche besondere Würze.
Die „1Hz“ betitelte Live-Performance ist eine mehr als sehens- und hörenswerte Multimedia-Präsentation, ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, dass in der Form 2015 beim Kasseler Dok-Fest uraufgeführt wurde.
(*****)

Den zweiten Auftritt des Abends bestritt das Quintett Carpet, die Augsburg-München-Connection präsentierte ihre Klangkunst zwar „nur“ im herkömmlichen Konzertformat, jedoch nicht minder anregend-spannend war ihr in Anlehnung an den großen Zappa selbstbetitelter „Jazz From Hell“, die hochqualifizierten fünf Virtuosen verstanden es meisterhaft, ihr Demokratieverständnis im musikalischen Kontext ohne die Dominanz eines einzelnen Instruments formvollendet vorzuleben, ihre Spielart des Jazzrock-Grooves in Grenzen-überschreitender Erweiterung hin zum Kraut-, Psychedelic-, Progressive- und Postrock-Flow und zur schweren Eindringlichkeit des Stoner Rock vermochte das aufmerksame, kundige Publikum für gute neunzig Minuten völlig in den Bann zu ziehen, die Präsentation des jüngst erschienenen Carpet-Werks „Secret Box“ (2017, Elektrohasch Schallplatten) gelang in nahezu perfektionistischer Manier. Neben den Detail-reichen, komplexen, stimmig austarierten Songstrukturen, die sich bei Carpet im Live-Vortrag zu großen Teilen im rein instrumentalen Bereich bewegen, gilt es das Können des Mannes am Mischpult ausdrücklich zu loben, der glasklare Sound sorgte für ein berauschendes Hörerlebnis, der Klang-Teppich war an dem Abend in allen Teilen ein fein gewobener.
(*****)

Die Veranstaltung Maj Musical Monday ist eine feste Einrichtung der Münchner Glockenbachwerkstatt, jeden dritten Montag im Monat präsentieren Musiker und Künstler aus dem Umfeld der ortsansässigen Postrock-Band Majmoon experimentelle Klänge und visuelle Kunst: „Supporting development of a solidarity event like this has made possible to host many European artists, create artistic exchange, and improve quality in logistic and technical conditions for independent music production.“

In dem Zusammenhang sei auch auf das kommende Noise Mobility Festival #7 zur Präsentation europäischer Underground-Kunst und -Musik von 3. bis 5. Juni in der Münchner Glockenbachwerkstatt und die dazugehörige Warm-Up-Night mit Ippio Payo und Igor Hofbauer am 1. Juni in der Roten Sonne verwiesen.

Eine Kerze für Jonathan Demme

Jonathan Demme / Foto © Shelley Rutledge

Der amerikanische Filmregisseur Jonathan Demme ist gestern in Manhattan im Alter von 73 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben.
Mit seinem bekanntesten Werk, „The Silence Of The Lambs“, einer vielfach prämierten Verfilmung des gleichnamigen Serienkiller-Romans von Thomas Harris, hat er 1991 im Krimi-Konsumenten-Lager den Hannibalismus-/Kannibalismus-Kult um den Menschen-verzehrenden Psychologen Dr. Lecter losgetreten, im Film meisterhaft dargestellt vom großartigen Anthony Hopkins und kongenial begleitet von Jodie Foster.
Der Musikwelt wird er durch etliche sehenswerte Streifen in Erinnerung bleiben, vor allem durch den exzellenten Konzert-Film „Stop Making Sense“ über einen Auftritt der Talking Heads in Los Angeles im Dezember 1983, mit Neil Young drehte er mehrere Dokumentarfilme, unter anderem „Neil Young: Heart Of Gold“, einer hochgelobten Arbeit über die Live-Prämiere seines Albums „Prairie Wind“.
Eine charmante musikalische Fußnote war der Auftritt der Feelies im Spielfilm „Something Wild“ (Dt. „Gefährliche Freundin“), in dem die New-Jersey-Schrammel-Götter unter dem Pseudonym The Willies etliche Coverversionen zum Besten gaben.