Dokumentation

Das Double

„Dat is dat Allerschönste, wenn se sehr schön spielen!“

Frank Steffan – Das Double – 1977/78: Die Dokumentation einer außergewöhnlichen Epoche (2017, Edition Steffan)

Was heutzutage durch die Dominanz des von Vorbestraften geführten Münchner Mia-san-Mia-Syndikats zur tödlich langweilenden Routine im nationalen Liga-Betrieb geworden ist, hatte bis Anfang der 2000er absoluten Seltenheitswert im deutschen Fußball: Der Gewinn von Bundesliga-Meisterschaft und DFB-Pokal innerhalb einer Spielzeit durch den selben Klub, das sogenannte Double. Bis zur Jahrtausendwende ist das seit 1937 – die Schalker waren seinerzeit die ersten – ganze vier Mal gelungen, seitdem ödet der Rekordmeister aus dem Süden mit nahezu unschöner Regelmäßigkeit durch Einfahren beider Titel die Sport-interessierte Republik an.
Für den 1. FC Köln war es 1978 soweit: Als gerade mal dritter Double-Gewinner schrieb das Team aus der Domstadt am Rhein Fußball-Geschichte.
Hennes Weisweiler, Trainer-Unikat und Meistermacher der Gladbacher „Fohlen“ in den frühen Siebzigern, kehrte nach einem kurzen, unerfreulichen Gastspiel beim FC Barcelona, das vor allem durch sein von Beginn an zerrüttetes Verhältnis mit dem holländischen Superstar Johan Cruyff geprägt war, 1976 als Trainer zu den „Geißböcken“ zurück, in der Spielzeit vor dem Double gelang Weisweiler 1977 bereits ein Titelgewinn mit den Kölnern im DFB-Pokalfinale. Für die folgende Spielzeit ging der knorrige Trainer mit der bei Fans und Funktionären nicht unumstrittenen Demontage von Club-Legende, Führungsspieler und Weltmeister Wolfgang Overath ein hohes Risiko, die Fäden im Spiel des FC sollte zukünftig der Weltklasse-Techniker Heinz Flohe mit Hilfe von Herbert Neumann und Bernd Cullmann im Mittelfeld ziehen, im Sturm war man seinerzeit mit dem deutschen Nationalstürmer Dieter Müller und seinem belgischen Kollegen Roger Van Gool exzellent aufgestellt, Müller sollte in der Double-Saison mit 24 Liga-Treffern die Torschützenkönig-Auszeichnung einfahren.

Der Kölner Regisseur Frank Steffan hat über die Ausnahme-Saison der „Geißböcke“ einen sehenswerten Dokumentar-Film gedreht. Wie bereits bei seinem exzellenten Spieler-Portrait über Heinz Flohe „Der mit dem Ball tanzte“ aus dem Jahr 2015 hält sich Informatives und Unterhaltsames gekonnt die Waage in der chronologischen Erzählung dieser turbulenten „Effzeh“-Saison 77/78, in der sich ein Deutscher Meister auch ab und an eine krachende Niederlage leisten konnte, wie auch der Ausgang in Sachen erster Platz bis zuletzt offen war, die im Film fein inszenierte Dramatik des Fernduells Köln/Gladbach inklusive der unerklärlichen Torflut der „Fohlen“ gegen den BVB am letzten Saison-Spieltag spricht dahingehend Bände. Insofern ist die Doku nicht zuletzt für Fußball-Nostalgiker eine lohnende Angelegenheit, jeder, der Jahr für Jahr etliche Wochen vor Saisonende vom uneinholbaren Punktestand und damit der vorzeitigen Meisterschaft der rot-weißen Münchner Arroganz-Truppe angenervt ist, kann sich nach jenen vergangenen Zeiten nur sehnen, als der Champion erst am letzten Spieltag Samstags gegen 17.15 Uhr dann langsam feststand…
Der Film zeigt einen Tor-Reigen zum Zungen-Schnalzen in historischem Film-Material, dokumentiert das frühe wie desaströse Aus der Kölner Ausnahme-Mannschaft gegen den FC Porto im Pokalsieger-Europacup wie auch die Geschichte vom ersten japanischen Profi in der Bundesliga und lässt vor allem Zeitzeugen zu Wort kommen, beinharte FC-Fans wie Kult-Trainer Peter Neururer, den Kölner Künstler Anton Fuchs oder Hardcore-Supporter Jacki Nimmesgern und damals aktive Spieler wie den späteren National-Keeper Harald „Toni“ Schumacher, den Sympathie-Träger Dieter Müller, FC-Manager Karl-Heinz Thielen, Kölner Originale wie den damaligen Mannschaftsarzt Dr. Alfons Bonnekoh und den dänischen Entertainer Preben Elkjær Larsen, der in jener Zeit vor allem das Kölner Nachtleben genoss und seine großen Fußballer-Momente erst nach seiner kurzen Zeit am Rhein haben sollte.
Relativ kurz kommt der einhergehende Pokalsieg der Kölner zur Sprache, das mag an mangelndem Filmmaterial liegen, wohl aber auch am Losglück, der FC traf erst ab dem Halbfinale mit Werder Bremen und dann im Endspiel mit den rivalisierenden Nachbarn von der Düsseldorfer Fortuna auf ebenbürtige Gegner.

Steffan dokumentiert die Erfolgsgeschichte des FC im Kontext des damaligen Zeitgeschehens, Rock’n’Roll-King Elvis Presley stirbt 1977, das Beben des Punkrock ist vor allem durch die Krawall-Aktionen der Sex Pistols auf der britischen Insel zu vernehmen und wird später auch in der rheinischen Republik seine Spuren hinterlassen, Köln im Speziellen ist nicht nur wegen dem Fußball-Gekicke im Fokus, darüber hinaus ist die Stadt auch zentraler Schauplatz im „Deutschen Herbst“ mit der gewaltsamen Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer durch das „Kommando Siegfried Hausner“ der linksextremen RAF wie auch Epizentrum der deutschen Kunstszene in jenen Jahren, ein zeitweiliger Aufenthalt von Pop-Art-Ikone Andy Warhol in der Domstadt war diesem Ruf gewiss nicht abträglich. Der Chef der legendären New Yorker Factory outete sich als wahrer Fußball-Experte, für den stürmenden FC-Außenverteidiger Harald Konopka, der im Übrigen in seiner Funktion als rheinische Frohnatur, ehemaliger Spieler und befragter Zeitzeuge keinen geringen Anteil am Unterhaltungswert des Films hat, signierte Warhol einen Druck mit der Widmung „To the best soccer player in the world“„Who the fuck is Cruyff?“ mag sich da so mancher im Kölner Umkreis gefragt haben…

„Das Double“ wird wie bereits der Flohe-Film vom ex-Schroeder-Roadshow-Sänger Gerd Köster kommentiert, der ehemalige Musiker und Hörbuch-Sprecher bringt die Nummer unaufgeregt wie grundsolide und mit eigener Note zum Vortrag. Der angepunkte, perfekt zur damaligen Zeit passende Soundtrack stammt von der Früh-Achtziger New-Wave-Combo mit dem sinnigen Namen „The Cöln“ um den Gitarristen Dirk Schlömer, der später auch bei der Deutschrock-Legende Ton Steine Scherben zugange war.

Beim momentanen Tabellenstand kann man in Köln von diesen glorreichen Zeiten nur träumen, zur seelischen Erbauung und moralischen Stütze sollte die Doku in jedem Fall für alle Fans und Sympathisanten des „Effzeh“ in Reminiszenz an bessere Tage taugen, für alle anderen Fußball-Interessierten ist es immer noch ein herausragendes, informatives Stück Zeitgeschichte aus einer Ära, in der die Welt in Sachen Bundesliga-Fußball weitestgehend in Ordnung war – Platz zwölf, ein negatives Tor-Verhältnis, 13 Saison-Niederlagen, zwischenzeitliche Abstiegs-Gefahr sowie eine Derby-Klatsche inklusive Platzverweis für den späteren Luxusuhren-Schmuggler in der Saison-Endabrechnung 1977/78 des rot-weißen Großkotz-Vereins aus München sind dahingehend ein untrügliches Indiz, da muss man die tolle Saison der rot-weißen, hochsympathischen Jahrhundert-Mannschaft des 1. FC Köln jener Jahre noch gar nicht in die Waagschale schmeißen…

Die DVD „Das Double“ ist bei Edition Steffan erschienen, wie auch das bereits im November 2016 publizierte, um viele historische Foto-Aufnahmen bereicherte Buch mit gleichem Titel.

Herzlichen Dank an Frank Steffan.

Reingelesen (70): Christof Meueler mit Franz Dobler – Die Trikont-Story: Musik, Krawall & andere schöne Künste

„Im Übrigen meinen wir, dass nicht die Musik in der Krise ist, sondern ihre industrielle Verwertung und das ständige Schielen nach dem statistischen Durchschnitt. Deshalb nehmen wir uns die Freiheit nach allen Seiten zu schauen und immer noch und immer wieder die Musik ins Zentrum unserer Arbeit zu stellen.
Und vor allem: Wir machen weiter.“
(Eva Mair-Holmes und Achim Bergmann, Trikont-Katalog 2015)

Christof Meueler mit Franz Dobler – Die Trikont-Story: Musik, Krawall & andere schöne Künste (2017, Heyne Hardcore)

Im bisher noch nicht völlig zu Tode gentrifizierten Münchner Arbeiterviertel Obergiesing, an der Tegernseer Landstraße, findet sich die alternative Kneipe „Café Schau ma moi“, einen Steinwurf entfernt von der ersten deutschen McDonalds-Filiale, von der Kultur-/Öko-Freifläche Grünspitz und dem Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße, der Heimat der Münchner „Löwen“, vor und in der schmalen Bar tummelt sich an Regionalliga-Spieltagen die links-alternative Fanszene der „Sechziger“, etlichen aus dem treuen Haufen dürfte durchaus geläufig sein, dass sich im Hinterhof zur Kneipe seit 1977 die Heimat des ältesten deutschen – vielleicht sogar weltweit ältesten – Independent-Labels findet, und für die, die es nicht wissen, gibt der große Trikont-Schaukasten am winzigen Biergarten der Wirtschaft und Portraits von Querdenkern wie Oskar Maria Graf, Karl Valentin oder Erich Mühsam an der Wand der Café-Bar unübersehbare Hinweise auf die unmittelbare Nachbarschaft in der Kistlerstraße.

Die unvergleichlich feine Münchner Plattenfirma Trikont feiert in diesem Jahr 50-jähriges Gründungsjubiläum, und das ist mindestens genauso viel Grund zum Jubeln wie die Rückkehr der „Löwen“-Kicker an die innig geliebte Spielstätte in der Nachbarschaft, gebührend gewürdigt wird der runde Geburtstag nebst einiger „Trikont wird 50!“-Konzerte mit einem opulenten Prachtband zur Label-Historie der beiden Autoren Christof Meueler und Franz Dobler, dieser Tage im Heyne-Verlag im Hardcore-Programm erschienen.

„Wir schrappen immer wieder an so einem Grat entlang und wissen nicht, wie lang wir uns da noch halten. Aber wenn du Spaß dran hast, willst Du nicht aufhören! Uns trägt immer noch das Gefühl: Wir können euch Musik zeigen, die ihr sonst nicht findet.“
(Eva Mair-Holmes, in: Trikont, Interview mit Petra Kirzenberger, curt. Stadtmagazin München #87, Sommer 2017)

„Die Trikont-Story“ dokumentiert chronologisch die wechselvolle Geschichte der heute weit über Münchens Stadtgrenzen hinaus bekannten Indie-Institution, die ihren Anfang nahm in den Studenten-bewegten, Autoritäten anzweifelnden, rebellischen Sechzigern, in denen die heutige Platten-Firma als linker Sponti-Buchverlag mit Publikationen wie der Mao-Bibel, Schriften vom nordvietnamesischen Onkel Hồ, dem „Bolivianischen Tagebuch“ des im Jahr der Trikont-Gründung ermordeten lateinamerikanischen Guerillaführers Ernesto ‚Che‘ Guevara und der von der Staatsanwaltschaft verbotenen Autobiographie „Wie alles anfing“ des ausgestiegenen ex-Terroristen Bommi Baumann auf sich aufmerksam machte. Die Musik kam erst später ins Programm, anfangs trat der Trikont-Verlag nur als Vertrieb für den Deutsch-Rock von Ton Steine Scherben in Erscheinung, in späteren Jahren dann mit eigen-eingesungenen Arbeiterliedern der Label-Betreiber zur Unterstützung von Streiks in den Münchner BMW-Werken, als Label für Folk-Musik und Protest-Songs aus dem Bereich der indigenen Völker, des linken europäischen Untergrunds und Widerstands gegen die Diktaturen in Spanien, Griechenland oder Chile, und nicht zuletzt als Soundtrack-Lieferanten der in den Siebzigern aufkommenden Anti-Atomkraft-Bewegung.

Mit den Jahren wechselte die Verlags- und Plattenfirma-Führung, wo zu Beginn der Schriftsteller Herbert Röttgen und die heutige Grünen-Politikerin Gisela Erler mit Achim Bergmann die Geschicke bei Trikont lenkten und sich später der daraus hervorgegangene Dianus-Trikont-Verlag unter der Ägide von Röttgen vermehrt mit esoterischer Literatur beschäftigte und daran auch pleite ging, haben Bergmann und Eva Mair-Holmes mit dem 1980 abgespaltenen Trikont-Plattenlabel „Unsere Stimme / Our Own Voice“ bis heute fast fünfhundert Tonträger auf den Markt gebracht. Darunter finden sich mutige Musik-verlegerische Glanztaten wie eine neun-teilige Samplerreihe zur Cajun- und Zydeco-Musik Louisianas, die vom Münchner Künstler und Journalisten Jonathan Fischer herausgegebenen, größtenteils politischen Schwerpunkt-Sampler zum Thema Soul, das gesammelte gesprochene Wort vom bayerischen Urgestein des absurden Theaters Karl Valentin, exzellente Dokumentationen von FSK-Musiker, Autor und Radio-DJ Thomas Meinecke über die von texanischen Polka-Bands jenseits des Atlantiks fortgeführte bayerisch-böhmische Musiktradition, die Begleitmusik zur eigenen Beerdigung aus den „Dead & Gone“-CDs, zusammengestellt vom hochverehrten Wiener (was Wunder bei dem Thema?) Ö3-Musicbox-Moderator Fritz Ostermayer, die beiden grandiosen DVDs „Hard Soil“ und „The Folk Singer“ von Slowboat-Filmemacher und Sargasso-Herausgeber M. A. Littler und der hierzu ergänzende, nicht minder gelungene CD-Sampler „Strange & Dangerous Times“ von Sebastian Weidenbach zum Thema Muddy Roots/US-Folk-/Blues-Underground wie auch tonale Feldforschungen über vietnamesische Straßenmusik, äthiopischen Funk, die Wurzeln und Ausblicke in der jüdischen Klezmer-Musik oder den Rembetiko-Underground der griechischen Hafen-Spelunken – um nur einige ausgewählte Glanzlichter des Trikont-Backkatalogs zu nennen, die in ihrer Vielfalt ein weites, globales wie heterogenes musikalisches Feld abdecken, sich aber durch die Bank durch hohe Qualität und bei den Themen-Sammlungen durch erschöpfend-umfängliche Zusammenstellungen und in den beigelegten, mit Liebe und Herzblut verfassten Booklets durch kenntnisreiches Detail-Wissen und Einordnen in einen größeren gesellschaftlichen Kontext auszeichnen. Und nicht selten werden durch die jeweiligen Sampler Querverbindungen zu anderen Musikgattungen offen gelegt und Einflüsse thematisiert, die sich auf den ersten Blick bzw. das erste Hören so nicht offenbaren wollen. Die im Bezug auf die ausgeprägte Trikont-Compilation-Kultur seit jeher angestimmten Lobpreisungen etwa von BBC-Kult-DJ John Peel oder aus der versammelten in- wie ausländischen Presselandschaft kommen nicht von ungefähr.

Daneben hatte das Label stets Auflagen-starke Einzelkünstler und Bands unter Vertrag, früher die in jeder Schul-Aula progressiver Gymnasien präsenten Deutsch-Anarcho-Rocker Schroeder Roadshow, später den Bayernrock-musizierenden Oberarzt Georg Ringsgwandl und die Pioniere der neuen Volksmusik-Bewegung, La Brass Banda und Kofelgschroa, über die Qualitäten der beiden letztgenannten Formationen darf man durchaus geteilter Meinung sein, wie auch über die brachial-derben und oft ausfälligen Ansagen und Songs von CSU-Intimfeind Hans Söllner, über den man viel sagen kann, aber nicht, dass er sich je von Trends, politischen Opportunitäten oder gar richterlichen Beschlüssen hätte verbiegen lassen, und damit hat er viel gemein mit den Trikont-Machern und somit auch jederzeit seine Existenzberechtigung beim Münchener Vorzeige-Label. Über jeden Zweifel erhaben hingegen  der großartige Alpenbeat-/Punkfolk-/Hiphop-Crossover des bis heute unvergleichlichen oberösterreichischen Duos Attwenger und das Deutschpop-Philosophen-Songwriting von Eric Pfeil, der in seinen unnachahmlich geistreichen Ausführungen im Buch unter anderem auch zum letztjährigen Literaturnobelpreisträger-Witz zu Wort kommt und damit den Leitfaden zum unverkrampften Umgang mit vermeintlichen Mega-Stars gibt: „Bob Dylan ist wirklich der seltsamste Popstar, den es gibt. Er hat auf seinen Platten jahrelang nur mit Tom-Waits-Stimme gegrunzt, und auf einmal fängt er wieder an zu singen – ausgerechnet bei Frank-Sinatra-Songs. Ich glaube, bei Dylan ist man immer gut beraten, wenn man ihn als Komiker begreift. Das hilft extrem. Wenn man ihn so sieht, dann kann man sehr viel Spaß haben, und dann nimmt man ihn nicht so ernst.“

Den Punk mag das Label weitestgehend verschlafen haben, kurzfristige Moden waren sowieso nie das Ding von Trikont, dafür sind über die Jahre bis heute anhaltende Beziehungen zu den Künstlern gewachsen wie riesige Themensammlungen aufgebaut worden, ob das eine mehrteilige CD-Dokumentation mit 83 Variationen über die Ursonate des Pop „La Paloma“ ist oder ein inzwischen riesiger, grenzen-erweiternder Fundus zur bayerischen Musik, der von alten Schellack-Aufnahmen Münchner Volkssänger_Innen, Best-Of-Doppel-CD-Sammlungen von Ausnahmekünstler_Innen wie der einzigartigen Bally Prell und dem Bayern-Krautrock von Sparifankal bis hin zur um Chanson und modernes Liedgut erweiterten neuen Traditionsmusik von Mrs. Zwirbl reicht – ausgerechnet ein linker Musikverlag wurde damit zum Vorreiter und Erneuerer in Sachen Bayerische Volksmusik.

„Trikont macht komische Sachen. Das Ganze funktioniert nur wegen der Leidenschaft, die drinsteckt. Es geht nicht nur um den kommerziellen Erfolg. Man ist hier gut aufgehoben und bekommt zu jeder Zeit alles.“
(Eric Pfeil, in: Stimmen über Trikont, curt. Stadtmagazin München #87, Sommer 2017)

„Die Trikont-Story“ funktioniert als Buch auf mehreren Ebenen, zum einen als opulente, Kilo-schwere, robust gebundene Festschrift zum Jubiläum eines großartigen Platten-Labels, wie auch als gut zu lesende Geschichte der APO, linker Sponti-Aktionen, alternativer gesellschaftlicher wie subkultureller Gegenentwürfe und daraus entstandenen Musik-historischen Trends und Bewegungen, die bereichert wird durch zahlreiche Abbildungen, Schlaglicht-artige Statements und Ausführungen der Labelmacher, Musiker und weiterer Zeitzeugen aus dem kulturellen wie historischen Kontext im Stile des maßgeblichen Standardwerks zum US-Punkrock „Please Kill Me: The Uncensored Oral History of Punk“ von Legs McNeil und Gillian McCain.
Aufgrund der ausführlichen Dokumentation jeder einzelnen Trikont-Tonträger-Veröffentlichung inklusive abgebildeter Plattencover und Anekdoten um Musiker, Auftritte, den thematischen, Musik-historischen und/oder gesellschaftspolitischen Kontext, dem Bezug der Label-Chefs zu den Künstlern und dem jeweils individuellen Verhältnis zur Musik, zur Entstehungsgeschichte der Aufnahmen und den Geschichten, wie sie letztendlich bei Trikont gelandet sind, ist das gewichtige Werk selbstredend auch ein umfassender und sorgfältig gestalteter Plattenkatalog geworden, und sollte man dann nach Stunden der Muße und des Quer-Checkens mit der Wunsch-Liste zur Schließung der Lücken im eigenen Plattenschrank fertig sein, kann man den Wälzer nochmal von vorne aufschlagen und die Zitate-Sammlung, die sich wie ein Endlos-Laufband am unteren Ende jeder Buchseite findet, in einem Rutsch von vorne bis hinten durchackern und genießen, Zitate-Daumenkino, quasi.
Als Einblick in zahlreiche Musiker-Biografien taugt es nicht minder, wie auch als weitere Leseanregung, wem etwa die 3 Seiten über das unfassbare Leben des Berliner Swing-Gitarristen Coco Schumann nicht ausreichen, die oder der greift weiterführend zur Autobiografie „Der Ghetto-Swinger. Eine Jazzlegende erzählt“ des musizierenden KZ-Überlebenden – „Theresienstadt, Auschwitz, Dachau – das glaubst du mir sowieso nicht…“

Wie wichtig Engagement, Einmischen, Querdenken gerade auch in diesen Tagen wieder sind, hat kürzlich der tätliche Angriff auf Trikont-Chef Achim Bergmann bei der Frankfurter Buchmesse durch einen Vertreter der sogenannten „Neuen Rechten“ nach einer kurzen, kontroversen Diskussion gezeigt, Ausführlicheres hierzu auf der Label-Homepage.

Der Journalist und Soziologe Christof Meueler wurde 1968 geboren und lebt in Berlin. Er gab in den 80er-Jahren das Noisepop-Fanzine „Rat Race“ heraus und schrieb in den 90er-Jahren unter anderem für das Hardcore-Magazin „Zap“. Seit 2001 ist er Ressortleiter für Feuilleton und Sport bei der linken Tageszeitung „junge Welt“. Meueler ist Autor von Biografien über den ex-Terroristen Bommi Baumann und den Indielabel-Betreiber Alfred Hilsberg.

Franz Dobler, Jahrgang 1959 , lebt in Augsburg. Er ist als Journalist, Schriftsteller und DJ tätig. Die Welt hat ihm neben seinen mit dem deutschen Krimi-Preis ausgezeichneten Büchern „Ein Schlag ins Gesicht“ und „Der Bulle im Zug“ sowie weiterer Prosa und Sammlungen kürzerer Texte die grandiose Johnny-Cash-Biografie „The Beast In Me“ zu verdanken. Bei Trikont hat er die mehrteilige Sampler-Serie „Perlen deutschsprachiger Popmusik“ herausgegeben, die 1995 mit „Wo ist zuhause Mama?“ startete, 2002 kompilierte er für das Label den Johnny-Cash-Tribute-Sampler „A Boy Named Sue“, für die wunderbare Doppel-CD-Dokumentation „Sonntag“ über den legendären Kraudn-Sepp hat er den kundigen Text zum Beiheft verfasst und das bei Trikont verlegte Buch „Bloss a Gschicht“ von Hans Söllner ins Hochdeutsche übersetzt. Der grandiose Franz Dobler halt… (um den Ball mal wieder zurückzuspielen ;-))

Herzlichen Dank an Gabi Beusker von Heyne Hardcore für das Rezensionsexemplar.

Konzertant werden 50 Jahre Trikont zu folgenden Gelegenheiten gefeiert:
Am 15. November im Bi Nuu in Berlin, Kreuzberg, Im U-Bahnhof Schlesisches Tor, ab 19.00 Uhr, mit Konzerten von Bernadette La Hengst, Lydia Daher, Textor & Renz und Kofelgschroa.
Und am 30. November am Münchner Feierwerk-Gelände, Hansastraße 39 – 41, im Farbenladen und im Hansa39, ab 18.00 Uhr, auftreten werden die grandiosen Attwenger, der großartige Eric Pfeil, die wunderbare Mrs. Zwirbl, Coconami, die Express Brass Band und die Zitronen Püppies.

Das Kulturforum hebt das Glas mit Hans-Peter Falkner von Attwenger
auf die nächsten 50 Jahre Trikont.

Prost & Alles Gute!

Reingelesen (57): Robert Hilburn – Johnny Cash: Die Biografie

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„Obwohl sein Ansehen und sein Können stetig wachsen, bleibt der Mann in Schwarz mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Er ist einer der beliebtesten und am meisten verehrten Stars der Welt.“
(Gedenktafel für Johnny Cash, Country Music Hall Of Fame, Nashville/Tennessee)

„Till things are brighter, I’m the Man In Black“
(Johnny Cash)

„And once you’re gone
You can never come back
When you’re out of the blue
And into the black“
(Neil Young, My My, Hey Hey (Out Of The Blue))

Robert Hilburn – Johnny Cash: Die Biografie (2016, Berlin Verlag)

Von der Wiege bis zur Bahre alles aufgeschrieben in einer umfangreichen Biografie von Robert Hilburn über den Mann, von dem sein Freund und Country-Musikerkollege Merle Haggard im persönlichen Nachruf angemerkte: „Er war wie Abraham oder Moses – einer dieser großen Männer, die der Welt ab und zu geschenkt werden. Es wird nie einen anderen Man in Black geben.“ – Johnny Cash: ein Leben auf der Überholspur, die zahlreiche Schlaglöcher bereithielt, getrieben von den Dämonen der Sucht und dem Ruhm der Bühne, eine Karriere-Achterbahn ohne Beispiel, final zu einem würdigen Ende gebracht, angereichert mit den gängigen Superstar-Ingredienzen Wein, Weib, Gesang.
Hilburn hat ausführlichst dokumentiert, kenntnisreich erzählt er die Geschichte vom harten Leben des jungen J.R. Cash auf den Baumwollfeldern während der großen Depression in Dyess/Arkansas, dem frühen Verlust des geliebten Bruders, der Militärzeit des jungen Mannes im bayerischen Landsberg, während der er täglich seine angebetete Vivian per Briefwechsel anschmachtete, nur um nach Hochzeit im Jahr 1954 die Country-Star-Karriere in Schwung zu bringen und zuhause zwecks fleißigem Touren quasi nur noch zur Zeugung der vier gemeinsamen Töchter und zum zwischenzeitlichen Ausnüchtern anzutreffen war.
Die Ehe wird 1966 geschieden, Cash ist zu der Zeit bereits seit einer Weile mit seiner späteren Frau und Duett-Partnerin June Carter aus dem legendären Carter-Family-Clan liiert, schwer Amphetamin-abhängig und der amerikanische Country-Music-Star schlechthin, dank einem bei Sun Records erschienen exzellenten Frühwerk mit vielen späten Klassikern und nicht minder gelungenen Folge-Alben beim führenden Columbia-Label wie „The Fabulous Johnny Cash“ (1958), „Songs Of Our Soil“ (1959), dem Konzeptalbum „Ride This Train“ (1960) oder dem mit etlichen Coverversionen seines Freundes und Seelenverwandten Bob Dylan gespickten Prachtwerk „Orange Blossom Special“ (1965) und oft mitreißenden Live-Auftritten legt die Country-Legende einen Karriere-Frühstart hin, wie er nur wenigen Künstlern beschieden war, mit den bei frühen Aufnahmesessions in Sam Phillips‘ Sun Records kennengelernten, angehenden Stars wie Elvis Presley, Jerry Lee Lewis oder Carl Perkins bewegt sich der Musiker von Anfang an unter seinesgleichen.

Nicht nur aufgrund der auch mit seiner zweiten Frau June auftretenden Eheprobleme wird es für Cash ab Mitte der sechziger Jahre erstmals ungemütlich, die zunehmend ausgeprägte Drogensucht durch permanente Einnahme von Aufputsch-Mitteln inklusive der Verhaftung im Rahmen einer Razzia in El Paso, der Tour-Stress und das unstete Leben fordern ihren Tribut, die Fans stehen nicht mehr bedingungslos hinter dem mit den langjährigen Mitmusikern Luther Perkins und Marshall Grant entwickelten „Boom Chicka Boom“-Sound, die Hippie-Ära wirft mit den Beatles, den Stones, den Doors, den Grateful Dead und unzähligen anderen neuen Bands ihre Schatten und bietet vor allem spannendere musikalische Grenzerfahrungen für das junge amerikanische Pop-Publikum, der als ländliche Farmer-Musik abgestempelte Country-Folk mag die Kassen bei Columbia Records nicht mehr zur Zufriedenheit des Managements füllen.
Cash reißt das Ruder mit seinem genialen Auftritt im kalifornischen Folsom Prison noch einmal herum, der im Mai 1968 veröffentlichte Live-Mitschnitt des Benefizkonzerts vor einem Saal schwerer Jungs übertrifft alle künstlerischen und vor allem auch kommerziellen Erwartungen, dem Album, das in keiner ernstzunehmenden Besten-Liste und Plattensammlung fehlt, folgt nach einigen Best-Of-Samplern und dem religiösen, wenig überzeugenden Konzeptalbum „The Holy Land“ mit „Johnny Cash At San Quentin“ ein weiterer in einer Strafvollzugsanstalt aufgenommener, höchst erfolgreicher Live-Meilenstein. Cash festigt damit seinen Superstar-Status, betreibt von 1969 bis 1971 seine eigene TV-Show, in der neben Country-Größen auch Musiker wie Louis Armstrong, Neil Young oder Bob Dylan auftreten, Cash und Mr. Zimmerman schätzen sich gegenseitig außerordentlich, was im gemeinsam aufgenommenen Stück „Girl From The North Country“ für die exzellente Dylan-Country-Rock-LP „Nashville Skyline“ (1969, Columbia) mündet.

„Johnny war und ist der Polarstern, du konntest deinen Kurs nach ihm ausrichten – der Größte der Großen, damals wie heute.“
(Bob Dylan, Rolling Stone, 16. Oktober 2003)

Für Cash folgen harte Zeiten in den siebziger und achtziger Jahren, Manager-Wechsel, Eheprobleme, Zerwürfnisse mit Mitmusikern. Columbia lässt ihn aufgrund nachlassender Kreativität und Verkaufszahlen Ende der Achtziger fallen, die folgenden Alben beim Mercury-Label sind – mit einer Ausnahme, siehe unten – allenfalls von durchwachsener Qualität, Cash kämpft – oft erfolglos – gegen seine Drogensucht, engagiert sich für die sogenannten „Kreuzzüge“ des befreundeten Fernsehpredigers Billy Graham (wenn er’s packt, wird der nächstes Jahr 100!), Achtungserfolge erzielt er vor allem mit der Country-Supergroup The Highwaymen, mit der er sporadisch zusammen mit seinen Freunden Willie Nelson, Kris Kristofferson und Waylon Jennings veröffentlicht und auftritt.

Das Blatt wendet sich, als der Produzent und Def-Jam-/American-Recordings-Labelchef Rick Rubin Kontakt zu Cash aufnimmt, nach anfänglicher Skepsis lässt sich der Country-Altstar auf einige Akustik-Solo-Sessions ein, der Rest ist die hinlänglich bekannte Geschichte einer beispiellosen Wiederauferstehung: Unter der Ägide des Metal- und Hip-Hop-Produzenten Rubin schwang sich der zu der Zeit bereits schwer mit gesundheitlichen Problemen kämpfende Cash zu nicht mehr geahnten kreativen Höhen auf, es entstanden die hochgelobten „American“-Alben, mit grandiosen Interpretationen von Country-fernem Fremdmaterial, oft unter Schmerzen eingespielt, mit die besten Aufnahmen, die der Man in Black neben seinen richtungsweisenden ersten Sun-Records-Einspielungen, dem Columbia-Frühwerk und den berühmten Knast-Live-Platten veröffentlichte.

„Meiner Treu, was geht’s mich an; ein Mann kann nur einmal sterben; wir schulden Gott einen Tod, und wie’s auch gehen mag, wer dieses Jahr stirbt, braucht’s im nächsten nicht mehr zu tun.“ Der große Shakespeare hat es vor Jahrhunderten auf den Punkt gebracht. Viel ist geschrieben und lamentiert worden in den letzten Monaten, dass 2016 hinsichtlich Dahinscheiden von großen Musikern ein allzu schreckliches Jahr war, dabei haben einige der ganz Großen bereits lange vorher die letzte Reise angetreten, Hendrix, Coltrane, Zappa, Beefheart, die alten Bluesmänner, Keith Moon, Lou Reed, Townes Van Zandt, you name it, am 12. September 2003 hat sich Johnny Cash nach 71 Jahren beispiellosen Lebens in die Hände seines Gottes begeben, er ruht in den Hendersonville Memory Gardens am Johnny Cash Parkway an der Seite seiner geliebten Frau June, die ihm nur wenige Monate vorher im Mai vorausging, einer Frau, ohne die der Man in Black wahrscheinlich nicht annähernd so alt geworden wäre, die ihm immer wieder seine Grenzen setzte und die ihm treu zur Seite stand, vor allem in seinen harten Zeiten im Kampf gegen die Drogensucht und in den schweren Stunden des kreativen Selbstzweifels.

„Es gab den Großstadt-John, den ländlichen John, den College-John, den Sträfling John und den Weißes-Haus-John. Ich war verblüfft, wie sehr er sich auf sein Publikum und dessen Gefühlswelt einstellen konnte und stets etwas in seiner eigenen Erlebniswelt fand, mit dem er eine Brücke bauen konnte.“
(John Hilburn, Johnny Cash. Die Biografie, 17, Die Totenwache, IV)

Der amerikanische Musik-Journalist Robert Hilburn hat sich im vorliegenden Buch neben der Vita Cashs als Musiker und den qualitativ die ganze Bandbreite abdeckenden, unzähligen Platten-Veröffentlichungen vor allem mit der Zerrissenheit des Bibel-festen Country-Stars zwischen Gottesfürchtiger Moralvorstellungen und ausgeprägtem Wohlwollen für die Mitmenschen und den Abgründen seiner Drogensucht mit den einhergehenden Verwerfungen im Freundes- und Familien-Kreis ausgiebigst auseinandergesetzt.
Hilburn ist bei weiten nicht der erste, der eine Biografie über Johnny Cash verfasst hat, der Musiker selbst hat neben zahlreichen anderen Autoren mehrere (auto)biografische Schriften verfasst, von Franz Dobler gibt es gewiss auch eine originellere, siehe unten, a good read ist das Buch von Hilburn allemal, was für die Lektüre dieses aktuellen Werkes spricht, ist die Detailtreue, die ausführliche und objektive Würdigung der komplexen Person Johnny Cash und vor allem das Insider-Wissen zu vielen Begebenheiten, Gerüchten und Aussagen Cashs, Hilburn kennt zahlreiche langjährige Weggefährten und Verwandte des Country-Stars persönlich, er hat als Journalist unzählige Interviews mit Johnny Cash selbst und den ihm Nahestehenden geführt, und er war nicht zuletzt beim legendären Konzert im Folsom State Prison im Januar 1968 selbst vor Ort.

Der 1939 in Louisiana geborene Robert Hilburn arbeitete von 1970 bis 2005 als Kritiker und Musik-Redakteur für die Los Angeles Times, seine Arbeiten wurden weltweit in Magazinen publiziert. 2009 erschienen seine Memoiren „Corn Flakes with John Lennon (And Other Tales from a Rock ‘n’ Roll Life)“. Hilburn ist Mitglied des Nominierungskomitees der Rock and Roll Hall Of Fame. Er begleitete Johnny Cash wie erwähnt 1968 beim Folsom-Prison-Konzert, die Sex Pistols auf ihrer ersten und gleichzeitg finalen US-Tour 1977/78 und Bob Dylan bei seinem ersten Israel-Gig. Robert Hilburn lebt mit seiner Frau in Los Angeles, er moderiert die wöchentliche Radio-Show „Rock ’n‘ Roll Times“ beim ortsansässigen Sender KCSN.

Appendix:

Franz Dobler – The Beast In Me. Johnny Cash …und die seltsame und schöne Welt der Countrymusik (2004, Heyne Verlag)
Keiner schreibt lakonischer, subjektiver und geistreicher über Country-Musik im Allgemeinen und Cash im Besonderen als the beloved Augsburger Autor, Blogger, Rezitator und Journalist Franz Dobler. Persönlich nach wie vor die favorisierte Biografie über den Man in Black.

Michael Streissguth – Johnny Cash at Folsom Prison: Die Geschichte eines Meisterwerks (2006, Rogner & Bernhardt)
Schöner Doku-Band mit vielen Bildern zum berühmten Knast-Konzert vom amerikanischen Musikjournalisten Michael Streissguth, der im übrigen in den 00er-Jahren auch eine Cash-Biografie verfasst hat.
Zum Buch gibt es eine sehenswerte Film-Doku über das Folsom-Prison-Konzert von Regisseur Bestor Cram, die ab und an schon bei Arte und 3sat gezeigt wurde. Dicker Tipp.

Reinhard Kleist – Cash. I see a Darkness (2006, Carlsen)
Wer sich nicht durch hunderte von Biografie-Seiten lesen will, kann die wichtigsten Details im Leben des Country-Stars auch mit dem Comic des Zeichners und Illustrators Reinhard Kleist in wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern nachvollziehen. Seine Bildergeschichte über Cash wurde beim Internationalen Comic-Salon in Erlangen 2008 mit den Max-und-Moritz-Preis als bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet.

Edith Raim, Sonja Fischer – Don’t Take Your Gun To Town – Johnny Cash und die Amerikaner in Landsberg 1951 – 1954 (2015, Volk Verlag)
Der Begleitband zur wunderbaren Ausstellung, anno 2015 im Neuen Stadtmuseum zu Landesberg am Lech. Neben einer allgemeinen Doku über die amerikanische Besatzung im deutschen Süden nach Ende des zweiten Weltkriegs enthält der Band Material zur Zeit Cashs in Landsberg und ein ausführliches Interview, dass die Zündfunk-Redakteurin Judith Schnaubelt im Rahmen des englischen Glastonbury-Festivals 1994 mit der Country-Legende führen durfte.

Bill Friskics-Warren – Johnny Cash. The Man in Black and White, and every Shade in between, aus: The Best of No Depression: Writing About American Music, hrsg. v. Grant Alden und Peter Blackstock (2005, University Of Texas Press)
Auf 10 Seiten alles Wesentliche komprimiert zur Vita Cashs im Artikel aus Issue #42/ Nov-Dec 2002 des weltbesten „Bimonthly Alternative Country (whatever that is)“-Magazins.

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Tonträger kann man von Johnny Cash nie genug haben, hier eine subjektive Auswahl der wichtigen Titel:

Auf den ersten Sun-Records-Alben sind bereits einige seiner All-Time-Klassiker wie „I Walk The Line“, „Big River“ oder „Folsom Prison Blues“ enthalten:
With His Hot And Blue Guitar (1957)
Sings the Songs That Made Him Famous (1958)

Bei Columbia Records hat er vor allem von Ende der fünfziger bis Ende der sechziger Jahre hervorragende Alben veröffentlicht, inklusive der beiden legendären Liveaufnahmen von den Konzerten in kalifornischen Justizvollzugsanstalten:
The Fabulous Johnny Cash (1959)
Hymns By Johnny Cash (1959, ein Gospel-Album)
Songs Of Our Soil (1959)
Ride This Train (1960, ein Konzeptalbum über die Geschichte der US Rail)
Orange Blossom Special (1965, enthält einige Dylan-Coverversionen)
At Folsom Prison (1968, Live)
At San Quentin (1969, Live)
Silver (1979)
Johnny 99 (1983, mit einigen, man ahnt es, Springsteen-Coverversionen)
Johnny Cash At Madison Square Garden (2002, Live, posthum veröffentlicht)

Aus seiner Zeit bei Mercury Records ist nur das folgende Werk erwähnenswert, nicht zuletzt wegen der flotten Nummer „The Night Hank Williams Came To Town“:
Johnny Cash Is Coming To Town (1987)

Aus der Zusammenarbeit mit Rick Rubin für American/Sony ragen vor allem die drei folgenden Alben heraus, selbst bei einem Deppen wie U2-Bono kommt man nicht umhin, zuzugeben: er hat einen grandiosen Song für Johnny Cash geschrieben ;-)))
American Recordings (1994)
American III: Solitary Man (2000)
American IV: The Man Comes Around (2002)

Unearthed (2003, Universal; schöne 5-CD-Sammlung mit Outtakes, Alternativ-Versionen und einer Best-Of-Sammlung der American Recordings plus „My Mother’s Hymn Book“, einer Sammlung von Spirituals, die 2003 auch als separate CD veröffentlicht wurde)

Love, God, Murder (2000, Legacy/Columbia; tolle Themensammlung mit vielen wichtigen Cash-Nummern, wurde 2004 durch den gleichfalls sehr gelungenen Sampler „Life“ ergänzt)