Drone

frameless18: Asa-Chang & Junray, Arturas Bumšteinas, Jana Winderen @ Einstein Kultur, München, 2018-10-11

Am vergangenen Donnerstag fand in den Kellergewölben des Einstein Kultur die 18. Auflage der Münchner frameless-Reihe für experimentelle Musik und Medien-Kunst im digitalen Zeitalter als Auftakt zur Herbstserie nach einer langen Sommerpause statt, wie stets und löblicherweise gefördert aus öffentlichen Mitteln des Musikfonds eV und des Kulturreferats der Landeshauptstadt, präsentiert von der Münchner Kunsthistorikerin/Visual-Artistin Karin Zwack und kenntnisreich wie charmant anmoderiert von Dr. Daniel Bürkner.

Die Klangforschungen und tonalen Experimente zur Erweiterung der Hörgewohnheiten hätten sich nicht breitgefächerter präsentieren können als an diesem Abend im ehemaligen Braukeller-Gewölbe, den ersten Teil der Veranstaltung konzipierte der baltische Komponist und Sound-Künstler Arturas Bumšteinas, der neben seinen veröffentlichten Tonträgern bereits zahlreiche Installationen und Aufführungen für Festivals, Theater und Radio-Hörspiele gestaltete. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit individuellen und kollektiven Erinnerungen, die sich aus Archiven, Klängen und Fragmenten zusammensetzt. Für frameless18 war als Präsentation eine eigens für die Veranstaltungsreihe entwickelte Arbeit über die Geschichte des Eurovision Song Contest angekündigt, die – wohl wegen der japanischen Herkunft der im Folgenden auftretenden Formation – durch die halbstündige Multimedia-Performance „The Year Of The Catdog“ ersetzt wurde, die der litauische Klang-Tüftler ursprünglich 2016 für eine tschechische Radiosendung umsetzte. Zentrales Thema der experimentellen Dokumentation ist das Herstellen von Ton-Pfeifen und -Flöten mit traditionellen japanischen Brennöfen in einem Dorf 30 Kilometer außerhalb von Bumšteinas‘ Heimatstadt Vilnius, der vom Ehepaar Dorma und Juozas Penkinski und einigen Helfern als viertägiges Ritual begangene Arbeitsprozess wurde vom Experimentalmusiker als Field Recordings und Bildaufnahmen festgehalten, neben dem Knistern des Feuers zum Brennen der Ton-Instrumente waren im abgedunkelten Raum hauptsächlich die Dialoge der Handwerker zu vernehmen, die Bumšteinas auf einer schwarzen Videoleinwand ins Englische übersetzte und gegen Ende der Aufführung mit einer Schlaglicht-artigen Einblendung von Fotos und kurzen Filmen der Aktion anreicherte. Eingangs verlas er vermutlich erklärende Worte zu seiner Aufführung, über Inhalt und Zweck seiner Erläuterungen kann nur gemutmaßt werden, da sich sehr wahrscheinlich kaum jemand im Veranstaltungsraum befand, der der litauischen Sprache mächtig war.
Die Multimedia-Schau begleitete er sporadisch mit seinem Spiel auf Ton-Flöten, die wohl nahe liegend bei der dokumentierten Produktion gefertigt wurden, asiatisch anmutende, simple Meditations-Klänge, die dem spartanischen, minimalistischen Experimental-Charakter der Präsentation leider auch keine weiteren Spannungs-fördernden Elemente beizufügen wussten. Minimal Music und Multimedia-Sampling an der Grenze zum absoluten Stillstand hinsichtlich komplexer Finesse und Hinstreben zu einer wie auch immer gearteten Klimax, als Meditations-Übung mochte diese halbe Stunde durchaus Sinn ergehen, ob daraus tatsächlich alle aus der Zuhörerschaft den großen Kunstgenuss zogen, darf wohl getrost aufgrund des monotonen Charakters der Arbeit in Frage gestellt werden.

Weitaus opulenter, vielschichtiger und komplexer gestaltete sich das Konzert der japanischen Formation Asa-Chang & Junray an diesem Abend: der Gründer und ehemalige Kopf des erfolgreichen Tokyo Ska Paradise Orchestra, Studio-Musiker bei asiatischen Millionen-Seller- und Mainstream-Acts, Bandleader und Perkussionist Asa Chang zauberte mit Unterstützung seiner eigenen Trompeten-Künste, dem Saxophonisten/Flötisten Yoshihiro Goseki, der bezaubernden Anzu Suhara an Violine und Akkordeon und den elektronischen Lauten der „Junray-Tronics“-Maschine ein breitgefächertes Klangspektrum im sich gegenseitig befruchtenden Zusammenwirken von organischer und synthetischer Musik in den Saal. Die drei Multiinstrumentalisten und der programmierte Sprach-Computer präsentierten eine schwer zu fassende, in jedem Fall faszinierende Crossover-Mixtur aus Elektronik-Pop, leichtfüßig beschwingtem Kraut-Space und neoklassischer Kammermusik, das exotisch anmutende Klangwerk scheint von japanischen Kinderliedern, asiatischer Folklore und Eastern-Filmsoundtracks genau so geprägt wie von Mutationen orientalischer Jazz-Spielarten, Spoken-Word-Samplings und dadaistischen Wort-Wiederholungen im Modus gebetsmühlenartiger Endlosschleifen. Die Mensch-Maschine-Kombination beeindruckte mit minimalistischem, permanent wiederholtem Abzählen von eins bis zwölf in japanischer Sprache, das sich zu einem geloopten Trance-Kanon als spirituelles Mantra auswuchs, daneben mit relativ simpel gestalteten Hymnen zwischen fernöstlichem Folk und futuristischer Drone-Untermalung, mit melancholischen Avantgarde-Songs und unbeschwerter J-Pop-Melodik. Eine stilistische Klammer um die heterogenen Songs und Instrumental-Kompositionen war kaum auszumachen, was bei anderen Bands beliebig, erratisch oder konzeptlos erscheinen mag, zeugte bei Asa-Chang & Junray von großer Abenteuerlust auf der Suche nach dem Neuen und einer schier unerschöpflichen Virtuosität im musikalischen Grenzgang.
Die ausufernden Klang-Visionen, kleinen Experimental-Pop-Songs und großen Tondichtungs-Melodramen lösten einst bereits beim berühmten englischen Radio-DJ John Peel Begeisterungsstürme aus, bei der zahlreich erschienenen Münchner Japan-Community und den weiteren Besuchern vom frameless18-Abend verhielt es sich am Donnerstagabend nicht viel anders, und so gewährten Asa-Chang & Junray eine im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe seltene Zugabe nach Entgegennahme des langanhaltenden und verdienten Applauses.

Wo sich sonst im Nebenraum zu den experimentellen Konzerten zumeist außergewöhnliche, unkonventionelle Video- und Multimedia-Arbeiten finden, präsentierte frameless18 die Klanginstallation „Restless“ der Norwegerin Jana Winderen. Die akademisch ausgebildete Musikerin, Mathematikerin, Chemikerin und Fisch-Ökologin konzipierte ihre Field Recordings an der Grenze von Kunst und Naturwissenschaft, die Aufnahmen zu „Restless“ fangen mittels digitaler Technik die Geräusche von Tiefsee-Krustentieren ein, eine abstrakt-tonale Abbildung verborgener Muster der Natur, die mithilfe von vier Lautsprechern die kargen Backsteingemäuer beschallte – in der Theorie ein vielversprechender Ansatz, in der Umsetzung als Hörerfahrung oder Erweiterung des individuellen musikalischen Horizonts indes nur mäßig anregend, in der eigenen Eintönigkeit gefangen und damit in einer Linie mit der puristischen Präsentation von Arturas Bumšteinas am selben Abend. Da gab es in der Vergangenheit durchaus schon von spannenderen frameless-Veranstaltungen zu berichten, wenngleich die drei Japaner und ihre Maschine an diesem Abend im Kampf gegen die Gleichförmigkeit viel wett machten…

frameless19 findet am 14. November im Einstein Kultur statt, Einsteinstrasse 42, München, Einlass 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.
Angekündigt sind Mark Nelson aka Pan American, der legendäre US-Vorreiter abstrakter Experimental-Elektronik, Klangforschungen von Annabelle Playe aus Frankreich und ein Film der Medienkünstlerin Lilli Kuschel, der die Realität und die digitale Traumwelt Hollywoods kontrastiert. Frau/Man darf – wie immer – gespannt sein.

Reingehört (491): Phal:Angst

Phal:Angst – Phase IV (2018, Bloodshed666 Records)

„Bella gerant alii, tu felix Austria nube“ – bei der Vereinigung der Herrscherhäuser via Hochzeits-Sause bewiesen die Österreicher einst eine glückliche Hand, auch heute noch mag die ein oder andere wie auch immer geartete Fusion geschmeidig, gegenseitig befruchtend und Besitzstands-mehrend über die Bühne gehen – auch wenn hierzu kein Walzer getanzt wird, kann dieser Tage beim stilistischen Verheiraten von Electronica/Industrial und Postrock ein großer Wurf aus der Alpenrepublik vermeldet werden: Die Wiener Formation Phal:Angst ist seit Ende September in die „Phase IV“ ihrer auf Tonträger veröffentlichten Arbeiten eingetreten, mit den fünf ausgedehnt überwältigenden Sound-Exzessen, die sich alle um die zehn Minuten Laufzeit bewegen, plus zweier nicht minder exzellenter, etwas kürzer gehaltener Remixe liefert das Quartett aus der Donaumetropole knapp über eine Stunde eindringliche Experimental-Beschallung, die mit elektronischem Beat und Bass-lastiger Polterei zum Zucken im Club-Bunker einlädt und sich einhergehend als Klang-epischer Hörgenuss nachhaltig in die Hirnwindungen fräst.
Schneidende Postrock-Gitarren wagen eine ausgewogen gelungene Symbiose mit elektronischem Ambient, treibenden Trance-Flows, dunklen Industrial-Rhythmen und abstrakten Digital-Drones, man möchte fast zum Begriff „harmonisch“ neigen, wäre der Spirit des Albums nicht von einer zutiefst nachdenklichen, selten aufgehellten, tendenziell geradezu pessimistischen Grundstimmung durchdrungen. Der zusätzlich mit EBM- und Electro-Wave-, Kraut- und modernen Progressive-Elementen angereicherte, mit melancholischer, klagender Stimme besungene und durch ausgedehnte Spoken-Word-Samples unterlegte Stil-Mix entwickelt hypnotische Sog-Kraft, der sich schwer zu entziehen ist, der dunkle Flow arbeitet gründlich, die Grundmuster der Songs werden ergiebig, opulent ausstaffiert und permanent mutierend durchexerziert.
Der „Deadverse“-Remix der Nummer „Despair II“ des amerikanischen Experimental-Hip-Hopers Will Brooks aka MC Dälek nimmt sich durch flirrende, verhallte Postrock-Gitarren geradezu luftig aus im Kontext des Gesamtwerks, am kontrastreichsten wohl zum massiven, Endzeit-Visionen befeuernden Drone-/Industrial-/Doom-Schwergewicht „They Won’t Have To Burn The Books When Noone Reads Them Anyway“, das nicht nur im Titel Erinnerungen an finsterste Momente der deutsch-österreichischen Geschichte heraufbeschwört. Eine scharfe Anklage und offene Wunde, die in metallener Härte und ergreifender Spannung noch vom JK-Flesh-Remix von Justin Broadrick gesteigert wird, da haben sich die vier Wiener mit dem Godflesh-/Jesu-Multiinstrumentalisten und Industrial-Metal-/Experimental-Großmeister genau den richtigen Hawara für diesen Job angelacht, zentraler ins abgrundtief Schwarze hätten sie zu dieser Rekrutierung nicht mehr treffen können.
Auch wenn das Plattencover einen vernichtenden Absturz suggerieren mag, ist „Phase IV“ ein einziger, rauschhafter Höhenflug in Staunen machenden, selten hell, oft dunkel funkelnden Electro-/Postrock-Sphären, in einem musikalisch weit reichenden Kosmos etwa von Coil bis Russian Circles, um ein paar referenzielle Fixsterne ins Spiel zu bringen – oder wie der Wiener und auch die Wienerin immer so schön kurz und knapp anmerken: eh olles leiwand!
(***** ½)