Dub

Reingehört (311): Cakewalk, Pontiak

Cakewalk – Ishihara (2017, Hubro)

Das norwegische Label Hubro wurde hier erst vor kurzem für die Veröffentlichung der neuen Scheibe von Geir Sundstøl über den Schellenkönig gelobt, heute dann gleich wieder. Und mit was? Mit Recht. Das Trio Cakewalk aus Bergen mit Stephan Meidell an Synthesizern, Bass und Gitarren, Øystein Skar an den Tasten und Reglern und Ivar Loe Bjørnstad am Schlagzeug liefert auf seinem dritten Hubro-Release eine berauschende Mixtur aus experimenteller Electronica, zupackendem Postrock-Drive und ureigenen Spielarten von Free Jazz und Jazz-Rock, die als solche im herkömmlichen Sinne kaum mehr erkennbar sind und selbst dem Jazz-Verächter in der Form keine Schmerzen bereiten dürften, ein Ambient-artiges Experimentieren, das auch Trance-, Industrial-, Dub- und Trip-Hop-Elemente in den Klangteppich einwebt, im schweren Bass-Trommeln und Saitenanschlag selbst dem Postpunk die Ehre gibt und sich vor allem ausgiebigst im hypnotischen Flow des Space- und Krautrock delektiert. Ein sofort gefangen nehmendes Akustik-Konglomerat, in dem der King-Crimson-Prog genauso fließt wie das Industrial-Donnern grollt und der Synthie in schwerer Electronica-Vehemenz zum Hineinversenken einlädt.
Die Bandmitglieder sind in diversen renommierten norwegischen Formationen im Experimental- und Prog-Jazz-Bereich zugange – Stephan Meidell veröffentlicht im Übrigen mit „Metrics“ dieser Tage bei Hubro eine Experimental-Solo-Arbeit, die dann auch noch eingehender Würdigung bedarf – die Musiker bringen in schwer beeindruckender Fertigkeit ihre individuelle Könnerschaft ein und garantieren so in sechs gedehnten Werken einen fulminanten Instrumental-Flow.
Der norwegische Staatsfonds ist bei weitem nicht die einzige grundsolide Institution und verlässliche Größe, die sie da oben im hohen Norden eingerichtet haben, das Label mit der Eule kann dahingehend locker mithalten.
(*****)

Pontiak – Dialectic Of Ignorance (2017, Thrill Jockey)

Schwergewichtiges Psychedelic-Brett der Gebrüder Carney aus den Blue Ridge Mountains, das Familien-Trio versinkt knietief in zäher, nebelverhangener Entrücktheit, die der Hörerschaft trotz schwermütig-melancholischem Abdriften in den Sphären-Raum mit wuchtiger Vehemenz durch massive Stoner-, Prog-Metal- und Acid-Rock-Beschallung angedient wird.
Ob beim Komponieren und Einspielen dieser tonalen Outer-Space-Trips das eigen-gebraute Craft-Beer aus der im Nebenerwerb betriebenen Pen Druid Brewery die ausschließliche Bewusstseins-erweiternde Substanz zur kreativen Stimulanz der Musikanten war, erschließt sich aus dem Beipackzettel nicht, darf aber wohl getrost in Zweifel gezogen werden.
Die quasi-meditative Vollbedienungs-Dröhnung für all jene, denen im Pink-Floyd-Frühwerk zuwenig Black Sabbath steckt und denen in den Flaming-Lips-Spinnereien die Beton-schwere Erdung des Grunge und Heavy Rock fehlt.
(**** ½ – *****)

Reingehört (299): Gnod

Gnod – Just Say No To The Psycho Right-Wing Capitalist Fascist Industrial Death Machine (2017, Rocket Recordings)

Radical, Dude: Das Musiker-Kollektiv Gnod aus dem nordenglischen Salford setzt sich mit sozialen und politischen Themen der modernen Gesellschaft wie der Zersetzung des Liberalismus durch die Regierenden und den Vertrauensschwund der Bevölkerung in das herrschende System auseinander, die Arbeiten des sozialkritischen amerikanischen Schriftstellers und „The Wire“-Produzenten David Simon oder der deutsche Maler Otto Dix und seine Bilder aus dem Industrie-Zeitalter werden als Einfluss ebenso genannt wie die Stakkato-artigen Endlos-Tiraden eines Mark E. Smith und seiner Postpunk-Kult-Kapelle The Fall, musikalisch bewegt sich das in einem weiten, in sich stimmigen Feld aus hart zupackendem, schwerem Grunge-Rock, circa Ecke Butthole Surfers, inklusive direktem, schneidendem Gitarrenanschlag und schweren Bässen, psychedelischen Kraut-Rock-Ergüssen, Field-Recording-Sampling irgendwo zwischen Dub und Throbbing-Gristle-Industrial-Noise, No-Wave-Attacken, tribalistisch-tranceartiger Kontemplation und lautsprechender Kampfansage im Sangesvortrag. Widerstand gegen den globalisierten Kapitalismus ist das zentrale Thema, nicht weiter überraschend bei diesem Album-Titel.
Gnod bewegen sich dabei inhaltlich wie musikalisch in der Tradition von systemkritischen Establishment-Gegnern und Verfechtern der Sub- und Gegen-Kultur wie den amerikanischen Detroit-Protopunks von MC5 oder, mit aktuellerem Bezug, den britischen Zeitgenossen von Crippled Black Phoenix und den Sleaford Mods und treiben diesen Ansatz vor allem hinsichtlich tonaler wie atonaler Intensiv-Präsentation auf die Spitze, selbstredend eine Herausforderung an die Hörerschaft, Pop-musikalisches Wohlfühl-Geplänkel und Easy Listening sind was komplett anderes.
Independent im besten Sinne: radikal in der musikalischen Umsetzung, unbequem, unnachgiebig, kompromisslos in der Ansage. „Rebel! Rebel! We are many, they are few!“
(**** ½ – *****)

Reingehört (280): Sun Kil Moon

KULTURFORUM Portugal II www.gerhardemmerkunst.wordpress.com 31

Sun Kil Moon – Common As Light And Love Are Red Valleys Of Blood (2017, Rough Trade)

Hinsichtlich Fleiß und Inspiration ist Mark Kozelek dieser Tage schwer zu toppen, mit seinem Indie-Rock-/-Folk-Betrieb Sun Kil Moon hat er im vergangenen Jahr zusammen mit dem Godflesh-Industrial-Metal-Pionier Justin Broadrick aka Jesu eine herausragende, weit über das Musikjahr 2016 hinausstrahlende Postmetal-/Free-Folk-Kollaboration unter das Volk gebracht, nebenher war er mit geschätzten Musikern wie Minnie Driver und Will Oldham beim Einspielen seiner Lieblingslieder aus fremder Feder für die Sammlung „Sings Favorites“ zugange, im noch jungen Jahr 2017 hat er mit „Common As Light…“ bereits wieder ein gewichtiges Werk im Doppelalbum-Format am Start, in sechzehn langen bis sehr langen Arbeiten lässt Kozelek sein persönliches Jahr 2016 Revue passieren, in einem Spoken-Word-artigen, Stakkato-haften Redefluss unter HipHop-Einfluss erzählt er in seinem charakteristischen, ab und an gefährlich ins Lamentieren abkippenden Sprechgesang seine in Songs gegossenen autobiographischen Short Stories und gibt seine persönlichen Eindrücke wieder von Reisen und Tournee-Aufenthalten wie in „God Bless Ohio“ oder „I Love Portugal“ (wer nicht?), Reflexionen über eigene Befindlichkeiten, als er die Nachrichten vom Ableben geschätzter Helden wie Muhammad Ali oder David Bowie vernahm, Gedanken zum Jarmusch-Film „Stranger Than Paradise“ oder zum mysteriösen Verschwinden und Tod der kanadisch-chinesischen Studentin Elisa Lam in einem Hotel in Los Angeles im Jahr 2013. „Lone Star“ handelt in einem vor der Wahl geschriebenen Text vom aktuellen US-Fake-Präsidenten, Kozelek hat den Finger am Puls der Zeit, wie ihm auch Songwriter-Kollege Conor Oberst jüngst in einem Interview attestierte.
In den improvisierten Aufnahmesessions musikalisch begleitet wurde Kozelek auf diesem in den Lyrics ausufernden, individuell geprägten Trip vom ehemaligen Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley, der das Werk in einem entspannten Flow in einer Art Post-Indierock im Geiste von Tortoise mit frei fließenden, an beschwingten Jazz angelehnten Drums und unaufdringlichen, nichtsdestotrotz schwer und treibend einwirkenden Dub-Bässen über die volle Distanz trägt, der spartanisch wirkende, zurückgenommene Alternative-Triphop wird nur durch sporadische Ausreißer wie den zum Titel passenden Motown-Soul-Funk in „Seventies TV Show Theme Song“ ergänzt.
Einiges über zwei Stunden Laufzeit des Tonträger-Großwerks nötigen Respekt und Konzentration beim Hören ab, wie bei vorab hinsichtlich Filmdauer furchteinflössenden cineastischen Überlänge-Produktionen vom Kaliber „Manchester By The Sea“ oder „Toni Erdmann“ sind die Bedenken letztlich hinfällige, zu keiner Minute kommt im Rahmen dieses gehaltvollen, formvollendeten Entertainments Leerlauf oder gar Langeweile auf.
(*****)

D’Aqui Dub @ Great Bavaria Reef / Stadtstrand, München, 2016-08-11

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Nachdem es in den letzten Monaten zu etlichen Verwerfungen in der Münchner Kulturpolitik hinsichtlich des sommerlichen, mittlerweile traditionellen Kulturstrands am Vater-Rhein-Brunnen in Form einer einstweiligen gerichtlichen Verfügung und konzeptioneller/juristischer Streitigkeiten bezüglich des Vergabe- und Förderverfahrens gekommen ist, hat das jährliche Kultur- und Freizeit-Programm an der Isar in der Nähe des Deutschen Museums seit ein paar Wochen unter dem neuen Logo „Great Bavaria Reef – Stadtstrand“ doch noch ordentlich Fahrt aufgenommen.
Am vergangenen Donnerstag warteten die neuen Veranstalter mit einem besonderen musikalischen Leckerbissen auf der Musikbühne auf: Der von den geneigten Münchner Konzertgängern vor allem als Gitarrist der wunderbaren Postrock-/Prog-/Experimental-Band Majmoon geschätzte Musiker Asmir Šabić hatte seine Freunde Arnaud Fromont, Sylvain Bulher und Manuel Castel aus Marseille bzw. Paris zu Gast, mit denen er seit einigen Jahren die Trance-/World-Formation D’Aqui Dub betreibt.
Mit elektrisch verstärkter Bouzouki, Klarinette, E-Gitarre, Gesang und rhythmischen Elektro-/Trance-/Dub-/Ambient-Loops/Beats begeisterte das Quartett die Besucher am gottlob regenfreien frühen Abend von der ersten Minute an.
Die Band versteht es meisterhaft, ihre Geschichten über Wanderschaft, Flucht und Gefangenschaft in einen stimmigen, einnehmenden Mix aus orientalischer Volksmusik, Balkan-Folk, schweren, westlich geprägten Rockriffs, hypnotischer, experimenteller Electronica, melancholischen Klarinetten-Klängen und den Postrock-artigen Flow der griechischen Laute einzubetten. Würde die friedliche, sich gegenseitig befruchtende Koexistenz der Kulturen öfter so gut funktionieren wie im mediterranen Konglomerat dieser Frankreich-/München-Connection, die Welt wäre eine bessere.
Der perfekte Soundtrack für die Fabio-Montale-/Marseille-Krimi-Trilogie von Jean-Claude Izzo oder einfach nur supergute, zum Mitgrooven einladende Musik für einen etwas zu kühlen Sommerabend am schönsten Fluss der Welt…
(**** ½ – *****)

D’Aqui Dub / Bandcamp

Tortoise @ Hansa39, München, 2016-05-29

tortoise

Über die durchwachsene Qualität des aktuellen Tortoise-Tonträgers ‚The Catastrophist‘ (2016, Thrill Jockey) war vor kurzem einiges zu lesen, auch hier war die Begeisterung nicht das, was man überbordend nennt, vom Konzertbesuch durfte dies trotz allem nicht abhalten, zu gut ist der Ruf der Band aus Chicago als exzellente Live-Attraktion, und Iron Maiden im Olympiastadion wäre (trotz ordentlicher aktueller ‚Book Of Souls‘-Scheibe) ob des seit Tagen anhaltenden Frühlingsgewitter-Wetters ohnehin keine Alternative gewesen.
Pure Freude vom Start weg bereitete der Auftritt des Quintetts im sehr gut gefüllten Hansa39-Saal, wie perfekt ineinander greifende Uhrwerk-Mechanik spielten die Herren McEntire, McCombs, Bitney, Parker und Herndon groß auf, so wie sich die fünf Musiker immer wieder multifunktional begabt an den Instrumenten abwechselten und so eine basisdemokratische Gruppen-Philosophie ohne hervorstechenden Band-Leader konzertant umsetzten, so perfekt harmonierte der stilistische Mix aus Fusion-Jazz, Kraut-, Prog- und Post-Rock, Dub und Ambient in sich gegenseitig bereichernder Koexistenz.
Lediglich Eleventh-Dream-Day-/Brokeback-Urgestein Douglas McCombs beschränkte sich auf das Musizieren an den Saitenintrumenten, der Rest der Combo brillierte im fliegenden Wechsel an Korg-/ Elektronik-/Synthie-Geräten, Schlagwerk, Gitarren, Bass und Vibraphon und sorgte so für permanent hohes musikalisches Spannungsniveau.
Die Band wäre wohl gut beraten gewesen, hätte sie ihr aktuelles ‚Catastrophist‘-Material konzertant eingespielt, die sieben aus dem neuen Werk dargebotenen Stücke entfalteten im Live-Vortrag eine betörende Dynamik und einen rhythmischen Drive, den man dem Material aufgrund konservierter Tonträger-Dokumentation nicht zwingend zugetraut hätte.
In Punkto Schmackes stand das punktuell aus dem Backkatalog selektierte, ergänzende Material den jüngsten Kompositionen der amerikanischen Post-Rock-Pioniere in nichts nach, vor allem die mit Wucht, Hingabe und technischer Finesse vorgetragenen Preziosen „I Set My Face To The Hillside“ vom hervorragenden ‚TNT‘-Album (1998, Thrill Jockey), „Prepare Your Coffin“ und das finale „Crest“ aus den beiden Zugaben-Blöcken ließen beim begeisterten Publikum alle Dämme in Richtung freudiges Applaudieren brechen.
Warum von allen Tortoise-Vollwerken einzig die Insel-Scheibe ‚Millions Now Living Will Never Die‘ (1996, Thrill Jockey) nicht bei der Auswahl der Instrumental-Wunderwerke berücksichtigt wurde, anyway, die Band wird’s wohl wissen, auch ohne Beitrag dieses Spitzenprodukts war das Münchner Tortoise-Konzert vom vergangenen Sonntagabend ein stimmiges Gesamtkunstwerk, das nach gut 90 Minuten Experimental-Crossover-Vollbedienung keine Wünsche bei den Besuchern offen ließ.
Schön deppert wär man gewesen, wenn man da wegen irgendwelchen unterkühlten Plattenkritiken ferngeblieben wäre…
(***** – ***** ½)

Setlist: Seneca / The Catastrophist / Shake Hands With Danger / Hot Coffee / Gesceap / Eros / High Class Slim Came Floatin‘ In / Yonder Blue / Dot/Eyes / Tesseract / Ten-Day Interval / Tin Cans & Twine / At Odds With Logic / I Set My Face To The Hillside / Prepare Your Coffin / Crest

Tortoise Live @ Littlefield, Brooklyn/NY, 2016-03-17 -> nyctaper.com