Dub

FACS + WhåZho @ Maj Musical Monday #90, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-11-19

Wo bei der Oktober-Ausgabe der Do-It-Yourself-Serie Maj Musical Monday für Indie-, Post-, Experimental-, Noise-Rock, Artverwandtes und Multimedia-Installationen mit dem britischen Postrock/Neoklassik-Duo VLMV die ruhigen, getragenen, elegischen Töne dominierten, verfiel die Nachfolge-Veranstaltung in der 90. Auflage am vergangenen Montagabend an gewohnter Örtlichkeit im Glockenbachwerkstatt-Saal mit den beiden Formationen FACS und WhåZho in das andere Extrem: für die geneigte Hörerschaft der lärmenden Rockmusik-Beschallung blieben zu der Gelegenheit kaum Wünsche offen.

Für den ersten Teil des Doppelpacks stieg das Münchner Duo WhåZho in den Ring, Bassist Christian Riedel und Drummer Philip Gross veröffentlichten im vergangenen März ihr Debütwerk „100 Ways To Look Great“ beim Münchner Indie-Label Gutfeeling Records, dem bestens beleumundeten Hort für alles Wahre, Schöne und Gute, was diese Stadt an musikalischen Abenteuer-Reisen zu bieten hat. Schlagwerker Gross ist in der konzertanten lokalen Szenerie kein unbekanntes Gesicht, neben zahlreichen Auftritten mit Kompagnon Riedel ist er in der Vergangenheit bereits mit etlichen Beiträgen zu den G.Rag-Inkarnationen Hermanos Patchekos wie den Landlergschwistern in Erscheinung getreten. Polka, Texas Bohemia und Carribean Folk Trash kann man bei WhåZho-Aufführungen indes lange und vergebens suchen, das Duo entwickelt aus dem Stand offensiven Druck mit einer instrumentalen, von intensiven Rhythmen und schweren Bass-Linien dominierten Crossover-Spielart aus unkonventionellem Postrock, orientalisch durchwirkter Psychedelic und einer modernen, gleichfalls tanzbaren Version des Krautrock. WhåZho trimmen dieses fein abgestimmte Gebräu in Richtung Postpunk a la Joy Division auf Speed und geizen daneben nicht mit voluminösen Dub-Elementen, das erste Slits-Album dürfte in der Vergangenheit vermutlich des Öfteren durch die Gehörgänge der Musikanten gerauscht sein und seine entsprechenden Spuren hinterlassen haben.
Neben dem versierten Bespielen der rudimentären Drum&Bass-Rhythmus-Gerätschaft ergingen sich Gross und Riedel in allerlei Effekt-steigernden Sounduntermalungen mittels Loops, digitaler Drums, Einsatz des Pedal-Sets und atmosphärischer Samplings, die das experimentelle Treiben des Duos zu einem vollen und vielschichtigen Klang im Bandformat anschwellen ließen.
Mit den letzten beiden Nummern brachte das Doppel ihren bis dahin stringenten Instrumental-Vortrag leider Gottes zum Kollabieren, die Hinzunahme eines ansonsten nicht unsympathischen gemischten Duos zwecks unterstützendem Vokalvortrag warf die Frage auf, was seichte NDW- und Reggae-Verirrungen in diesem Rahmen zu suchen hatten – belanglose Mainstream-Berieselung, die als tonaler Beihau weit mehr in die mittlerweile abgesetzte, unsägliche Samstagabend-Fernsehshow vom kalifornischen Brandopfer Gottschalk denn zu einer gepflegten Maj-Musikmontag-Veranstaltung harmoniert hätte.
Muss ja nicht gleich auto-aggressive Selbstkritik im stalinistischen oder maoistischen Geiste sein, ein eingehendes Überdenken dieses Konzert-beschließenden Abgangs täte an der Stelle nichtsdestotrotz Not. Positiv formuliert, denn das Wohlwollen muss in dem Fall bei Weitem überwiegen: Fulminantes Postpunk-Dancehall-Gedröhne, mit zwei Streich-Ergebnissen hintenraus, ansonsten alles paletti.

FACS aus Chicago wussten in der zweiten Runde des MMM #90 hinsichtlich Lärm noch eine gehörige Schippe draufzupacken. Das Trio rekrutiert sich aus Mitgliedern der 2016 dahingeschiedenen Indie-Rock-Band Disappears, die zwischenzeitlich Anfang der 2010er Jahre mit dem Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley prominente Verstärkung im Tourbetrieb an Bord hatte. Ex-Disappears-Gitarrist/Sänger Brian Case und der Shelley-Nachfolger Noah Leger an den Trommelstöcken werden bei FACS mit weiblicher Anmut durch die ehemalige Cat-Power-Musikerin Alianna Kalaba und ihr Wirken am Bass ergänzt. Das Trio definiert ihren Sound wie folgt: „Using minimalism and space, FACS make abstract and modern art rock“. Live klingt das nach vehementestem Noise-Rock, der die klirrenden, jaulenden und gerne auch dissonanten Gitarren-Riffs in den Vordergrund stellt und nicht zuletzt mit den Sangeskünsten von Frontmann Case durch beinharte Industrial-Ästhetik und anonyme Großstadt-Unwirtlichkeit charakterisiert wird. Das schneidende Organ des Gitarristen klingt, als hätte sich Throbbing-Gristle-Vorturner Genesis P-Orridge in die Experimental-Garage einer lautmalenden Postpunk-Combo verirrt, mitunter flammten kurze und prägnante Assoziationen zum unorthodoxen Gitarren-Behacken der frühen Mission Of Burma und die kalte, schneidende, berechnende Wut der ersten PiL-Arbeiten inklusive beißendem Lydon/Rotten-Zynismus durch die Hirnwindungen, im inspirierten, dunklen Lärmen des Trios ist neben diffusen Reminiszenzen an ausgewählte Noise-Pioniere gleichwohl und zuforderst viel Raum für eigene Ideen, emotionale Ausbrüche und tonal/atonale Exzesse.
Die schöne Alianna Kalaba bediente in formvollendetem Stoizismus ihren Bass, Gitarrist Brian Case ließ den virulenten Lärm seiner flirrenden sechs Saiten unterschwellig bedrohlich und konstant anhaltend durch den Saal lichtern und Drummer Noah Leger kannte nur eine Richtung im Bearbeiten der bespannten Becken: straight forward, mit maximalem Druck und in nicht nachlassender Intensität, der beherzte Schluck aus dem Jägermeister-Flachmann war dem guten Mann nach verrichtetem Tagwerk mehr als gegönnt. Wie allen MusikantInnen der wohlverdiente Applaus für die einstündige Druckbetankung und die folgende, dringend erforderliche Erholungs/Ruhe-Phase für die strapazierten, blutenden, gleichwohl beglückten Gehörgänge des Publikums. Rasiermesser-Postpunk from Chicago at its best. Haben’s mal wieder eine goldene Hand bewiesen bei der Programmzusammenstellung, die MMM-Macher Josip Pavlov und Chaspa Chaspo, Hut ab.

Soul Family Tree (52): 50 Jahre Trojan Records

Black Friday, heute mit einem Gastbeitrag von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog über das erste halbe Jahrhundert des englischen Trojan-Labels:

Im Juli 1968 gründeten die beiden Engländer Lee Gopthal und Chris Blackwell von Island Records in London das unabhängige Plattenlabel Trojan Records. Intention hinter dem Unternehmen war, Reggae- und Dub-Musik nach Europa zu bringen. Der Name Trojan kommt wohl daher, dass der jamaikanische DJ Duke Reid seinerzeit mit seinem Sound-System auf einem Trojan-Truck von Ort zu Ort tourte. Die ersten sieben Jahre waren die wichtigste Ära für die Kulturinstitution. Durch die Musik erreichte Trojan von Beginn an die Jugendlichen. Und mit den Skinheads als Kunden, der ersten multikulturellen Bewegung in England, kam einiges an Singles von Trojan Records in die Charts. Die Skins warten zu Beginn in erster Linie an Mode und Musik interessiert und weniger an Randale. In den 1970er Jahren setzte sich der rechte Flügel der zusehends gewaltbereiteren Jugendbewegung durch.

Trojans Blütezeit, von 1968 bis 1975, bereitete den Boden für die spätere Punk-/Reggae-Welle der späten Siebziger Jahre. Ohne Trojan hätte es keinen Ska, Dub oder Punk gegeben. Der Reggae war jamaikanischer Punk und ein klares Statement gegen Rassismus. Bis heute tauchen Trojan-Songs in Werbeclips auf oder werden gesampelt von Rappern wie Jay-Z und vielen anderen. Obwohl das Label bereits 1975 verkauft wurde, blieb es bis heute in London beheimatet und ist mittlerweile englisches Kulturgut. Zum 50. Geburtstag wurde eine üppige CD- und LP-Box „Trojan 50“ veröffentlicht. Darüber hinaus publizierte Trojan ein Coffeetable-Book: „The Story Of Trojan“. Mehr Infos gibt es drüben bei www.trojanrecords.com. Dort finden sich auch jede Menge Musiklisten zum Nachhören.

„If every generation really learned from the one before, we’d be gods by now.“
(Don Letts)

Das Label machte zahlreiche jamaikanische Musiker wie Jimmy Cliff, Desmond Dekker, Lee „Scratch“ Perry und natürlich den jungen Bob Marley bekannt. Trojan brachte damit den Reggae und Dub nach Europa. Und ohne Trojan hätte es keinen Ska gegeben, keine Madness oder Specials. Don Letts, Sohn jamaikanischer Eltern in London, brachte den Reggae zum Punk und den Punk zu Bob Marley → Punky Reggae Party“.

Wie Letts in einem Interview erzählte, gab es in den 1970er Jahren in der Kings Road in London nur zwei coole Mode-Shops, Acme und einen Laden, der von Vivienne Westwood und dem späteren Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren geführt wurde. Letts heuerte bei Acme an. Dort kauften auch viele Punk- und Rock-Musiker ein, und Letts schloss schnell mit ihnen Bekanntschaft. Als 1976 Manager des Londoner Roxy Clubs bei Letts anfragten, ob er nicht bei ihnen als DJ auflegen möchte, sagte er zu und spielte Punk, hauptsächlich aus den USA, vor allem Songs der New York Dolls, von Patti Smith oder Television. Doch es gab zu der Zeit noch nicht so viele Punk-Platten, und so legte er aus der Not heraus auch Reggae- und Dub-Singles auf. Und die Punks liebten es. Alles weitere ist Geschichte.

Jimmy Cliff – „Guns Of Brixton“ (The Clash Cover)

Bob & Marcia – „Young Gifted And Black“ (Nina Simone Cover)

Toots And The Maytals – „54-46 That’s My Number“

Harry J. All Stars – „The Liquidator“ (wird heute noch immer beim FC Chelsea im Stadion gespielt)

Mikey Dread – „Roots And Culture“

„It was Trojan’s music that united black and white youths. On the playgrounds, on the streets and on the dance floor.“
(Don Letts)

Don Letts brachte den Reggae zum Punk. Er ist mittlerweile längst ein renommierter englischer Moderator, Filmemacher, Musiker, Journalist und DJ. Beim Radiosender BBC 6 Radio legt er jeden Sonntagabend für zwei Stunden Musik auf. Die Sendung ist bei uns ab 23.00 Uhr zu hören. Wem das zu spät ist, kann die Sendung 4 Wochen lang nachhören, ganz ohne Geoblocking. Der Link zur Sendung → Don Lett´s Culture Clash Radio.

Nachdem er den Reggae zu den Punks brachte, machte er als Video-Regisseur der Band The Clash von sich reden. In den ersten Jahren der Band-Historie hatte er alle Videos des Quartetts gedreht. Auf dem Album „Black Market Clash“ ist er auf dem Cover zu sehen. Seine spätere Dokumentation über die Band „Westway To The World“ erhielt einen Grammy.

Vor einigen Wochen hatte er in seiner Sendung eine „Summer Bass-Heavy Reggae Selection!“ Leider ist die Sendung nicht mehr nachzuhören. Aus dieser Sendung habe ich 5 Songs ausgesucht:

Benjamin Zephaniah – „Earth Liberation Sounds“

Gentleman’s Dub Club – „Hotter“

Dubmatrix & Ranking Joe – „War Inna Corner“

Dread Lion & Mr Biska meet Vibronics – „Zion Dubwise“

DJ Vadim – „Fussin‘ & Fightin'“

„Much has changed since the summer of 1968, yet despite the rise and fall of numerous music trends and the development of new formats on which music can be acquired, Trojan Records has consistently maintained a significant and relevant presence in an ever-competitive market. And such is the vast wealth of music at its disposal there is no reason why it should not continue to do so for many, many years to come.“
(Trojan Records)

Peace and Soul

Stefan aka Freiraum

Reingehört (311): Cakewalk, Pontiak

Cakewalk – Ishihara (2017, Hubro)

Das norwegische Label Hubro wurde hier erst vor kurzem für die Veröffentlichung der neuen Scheibe von Geir Sundstøl über den Schellenkönig gelobt, heute dann gleich wieder. Und mit was? Mit Recht. Das Trio Cakewalk aus Bergen mit Stephan Meidell an Synthesizern, Bass und Gitarren, Øystein Skar an den Tasten und Reglern und Ivar Loe Bjørnstad am Schlagzeug liefert auf seinem dritten Hubro-Release eine berauschende Mixtur aus experimenteller Electronica, zupackendem Postrock-Drive und ureigenen Spielarten von Free Jazz und Jazz-Rock, die als solche im herkömmlichen Sinne kaum mehr erkennbar sind und selbst dem Jazz-Verächter in der Form keine Schmerzen bereiten dürften, ein Ambient-artiges Experimentieren, das auch Trance-, Industrial-, Dub- und Trip-Hop-Elemente in den Klangteppich einwebt, im schweren Bass-Trommeln und Saitenanschlag selbst dem Postpunk die Ehre gibt und sich vor allem ausgiebigst im hypnotischen Flow des Space- und Krautrock delektiert. Ein sofort gefangen nehmendes Akustik-Konglomerat, in dem der King-Crimson-Prog genauso fließt wie das Industrial-Donnern grollt und der Synthie in schwerer Electronica-Vehemenz zum Hineinversenken einlädt.
Die Bandmitglieder sind in diversen renommierten norwegischen Formationen im Experimental- und Prog-Jazz-Bereich zugange – Stephan Meidell veröffentlicht im Übrigen mit „Metrics“ dieser Tage bei Hubro eine Experimental-Solo-Arbeit, die dann auch noch eingehender Würdigung bedarf – die Musiker bringen in schwer beeindruckender Fertigkeit ihre individuelle Könnerschaft ein und garantieren so in sechs gedehnten Werken einen fulminanten Instrumental-Flow.
Der norwegische Staatsfonds ist bei weitem nicht die einzige grundsolide Institution und verlässliche Größe, die sie da oben im hohen Norden eingerichtet haben, das Label mit der Eule kann dahingehend locker mithalten.
(*****)

Pontiak – Dialectic Of Ignorance (2017, Thrill Jockey)

Schwergewichtiges Psychedelic-Brett der Gebrüder Carney aus den Blue Ridge Mountains, das Familien-Trio versinkt knietief in zäher, nebelverhangener Entrücktheit, die der Hörerschaft trotz schwermütig-melancholischem Abdriften in den Sphären-Raum mit wuchtiger Vehemenz durch massive Stoner-, Prog-Metal- und Acid-Rock-Beschallung angedient wird.
Ob beim Komponieren und Einspielen dieser tonalen Outer-Space-Trips das eigen-gebraute Craft-Beer aus der im Nebenerwerb betriebenen Pen Druid Brewery die ausschließliche Bewusstseins-erweiternde Substanz zur kreativen Stimulanz der Musikanten war, erschließt sich aus dem Beipackzettel nicht, darf aber wohl getrost in Zweifel gezogen werden.
Die quasi-meditative Vollbedienungs-Dröhnung für all jene, denen im Pink-Floyd-Frühwerk zuwenig Black Sabbath steckt und denen in den Flaming-Lips-Spinnereien die Beton-schwere Erdung des Grunge und Heavy Rock fehlt.
(**** ½ – *****)