Dub

Reingehört (299): Gnod

Gnod – Just Say No To The Psycho Right-Wing Capitalist Fascist Industrial Death Machine (2017, Rocket Recordings)

Radical, Dude: Das Musiker-Kollektiv Gnod aus dem nordenglischen Salford setzt sich mit sozialen und politischen Themen der modernen Gesellschaft wie der Zersetzung des Liberalismus durch die Regierenden und den Vertrauensschwund der Bevölkerung in das herrschende System auseinander, die Arbeiten des sozialkritischen amerikanischen Schriftstellers und „The Wire“-Produzenten David Simon oder der deutsche Maler Otto Dix und seine Bilder aus dem Industrie-Zeitalter werden als Einfluss ebenso genannt wie die Stakkato-artigen Endlos-Tiraden eines Mark E. Smith und seiner Postpunk-Kult-Kapelle The Fall, musikalisch bewegt sich das in einem weiten, in sich stimmigen Feld aus hart zupackendem, schwerem Grunge-Rock, circa Ecke Butthole Surfers, inklusive direktem, schneidendem Gitarrenanschlag und schweren Bässen, psychedelischen Kraut-Rock-Ergüssen, Field-Recording-Sampling irgendwo zwischen Dub und Throbbing-Gristle-Industrial-Noise, No-Wave-Attacken, tribalistisch-tranceartiger Kontemplation und lautsprechender Kampfansage im Sangesvortrag. Widerstand gegen den globalisierten Kapitalismus ist das zentrale Thema, nicht weiter überraschend bei diesem Album-Titel.
Gnod bewegen sich dabei inhaltlich wie musikalisch in der Tradition von systemkritischen Establishment-Gegnern und Verfechtern der Sub- und Gegen-Kultur wie den amerikanischen Detroit-Protopunks von MC5 oder, mit aktuellerem Bezug, den britischen Zeitgenossen von Crippled Black Phoenix und den Sleaford Mods und treiben diesen Ansatz vor allem hinsichtlich tonaler wie atonaler Intensiv-Präsentation auf die Spitze, selbstredend eine Herausforderung an die Hörerschaft, Pop-musikalisches Wohlfühl-Geplänkel und Easy Listening sind was komplett anderes.
Independent im besten Sinne: radikal in der musikalischen Umsetzung, unbequem, unnachgiebig, kompromisslos in der Ansage. „Rebel! Rebel! We are many, they are few!“
(**** ½ – *****)

Reingehört (280): Sun Kil Moon

KULTURFORUM Portugal II www.gerhardemmerkunst.wordpress.com 31

Sun Kil Moon – Common As Light And Love Are Red Valleys Of Blood (2017, Rough Trade)

Hinsichtlich Fleiß und Inspiration ist Mark Kozelek dieser Tage schwer zu toppen, mit seinem Indie-Rock-/-Folk-Betrieb Sun Kil Moon hat er im vergangenen Jahr zusammen mit dem Godflesh-Industrial-Metal-Pionier Justin Broadrick aka Jesu eine herausragende, weit über das Musikjahr 2016 hinausstrahlende Postmetal-/Free-Folk-Kollaboration unter das Volk gebracht, nebenher war er mit geschätzten Musikern wie Minnie Driver und Will Oldham beim Einspielen seiner Lieblingslieder aus fremder Feder für die Sammlung „Sings Favorites“ zugange, im noch jungen Jahr 2017 hat er mit „Common As Light…“ bereits wieder ein gewichtiges Werk im Doppelalbum-Format am Start, in sechzehn langen bis sehr langen Arbeiten lässt Kozelek sein persönliches Jahr 2016 Revue passieren, in einem Spoken-Word-artigen, Stakkato-haften Redefluss unter HipHop-Einfluss erzählt er in seinem charakteristischen, ab und an gefährlich ins Lamentieren abkippenden Sprechgesang seine in Songs gegossenen autobiographischen Short Stories und gibt seine persönlichen Eindrücke wieder von Reisen und Tournee-Aufenthalten wie in „God Bless Ohio“ oder „I Love Portugal“ (wer nicht?), Reflexionen über eigene Befindlichkeiten, als er die Nachrichten vom Ableben geschätzter Helden wie Muhammad Ali oder David Bowie vernahm, Gedanken zum Jarmusch-Film „Stranger Than Paradise“ oder zum mysteriösen Verschwinden und Tod der kanadisch-chinesischen Studentin Elisa Lam in einem Hotel in Los Angeles im Jahr 2013. „Lone Star“ handelt in einem vor der Wahl geschriebenen Text vom aktuellen US-Fake-Präsidenten, Kozelek hat den Finger am Puls der Zeit, wie ihm auch Songwriter-Kollege Conor Oberst jüngst in einem Interview attestierte.
In den improvisierten Aufnahmesessions musikalisch begleitet wurde Kozelek auf diesem in den Lyrics ausufernden, individuell geprägten Trip vom ehemaligen Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley, der das Werk in einem entspannten Flow in einer Art Post-Indierock im Geiste von Tortoise mit frei fließenden, an beschwingten Jazz angelehnten Drums und unaufdringlichen, nichtsdestotrotz schwer und treibend einwirkenden Dub-Bässen über die volle Distanz trägt, der spartanisch wirkende, zurückgenommene Alternative-Triphop wird nur durch sporadische Ausreißer wie den zum Titel passenden Motown-Soul-Funk in „Seventies TV Show Theme Song“ ergänzt.
Einiges über zwei Stunden Laufzeit des Tonträger-Großwerks nötigen Respekt und Konzentration beim Hören ab, wie bei vorab hinsichtlich Filmdauer furchteinflössenden cineastischen Überlänge-Produktionen vom Kaliber „Manchester By The Sea“ oder „Toni Erdmann“ sind die Bedenken letztlich hinfällige, zu keiner Minute kommt im Rahmen dieses gehaltvollen, formvollendeten Entertainments Leerlauf oder gar Langeweile auf.
(*****)

D’Aqui Dub @ Great Bavaria Reef / Stadtstrand, München, 2016-08-11

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Nachdem es in den letzten Monaten zu etlichen Verwerfungen in der Münchner Kulturpolitik hinsichtlich des sommerlichen, mittlerweile traditionellen Kulturstrands am Vater-Rhein-Brunnen in Form einer einstweiligen gerichtlichen Verfügung und konzeptioneller/juristischer Streitigkeiten bezüglich des Vergabe- und Förderverfahrens gekommen ist, hat das jährliche Kultur- und Freizeit-Programm an der Isar in der Nähe des Deutschen Museums seit ein paar Wochen unter dem neuen Logo „Great Bavaria Reef – Stadtstrand“ doch noch ordentlich Fahrt aufgenommen.
Am vergangenen Donnerstag warteten die neuen Veranstalter mit einem besonderen musikalischen Leckerbissen auf der Musikbühne auf: Der von den geneigten Münchner Konzertgängern vor allem als Gitarrist der wunderbaren Postrock-/Prog-/Experimental-Band Majmoon geschätzte Musiker Asmir Šabić hatte seine Freunde Arnaud Fromont, Sylvain Bulher und Manuel Castel aus Marseille bzw. Paris zu Gast, mit denen er seit einigen Jahren die Trance-/World-Formation D’Aqui Dub betreibt.
Mit elektrisch verstärkter Bouzouki, Klarinette, E-Gitarre, Gesang und rhythmischen Elektro-/Trance-/Dub-/Ambient-Loops/Beats begeisterte das Quartett die Besucher am gottlob regenfreien frühen Abend von der ersten Minute an.
Die Band versteht es meisterhaft, ihre Geschichten über Wanderschaft, Flucht und Gefangenschaft in einen stimmigen, einnehmenden Mix aus orientalischer Volksmusik, Balkan-Folk, schweren, westlich geprägten Rockriffs, hypnotischer, experimenteller Electronica, melancholischen Klarinetten-Klängen und den Postrock-artigen Flow der griechischen Laute einzubetten. Würde die friedliche, sich gegenseitig befruchtende Koexistenz der Kulturen öfter so gut funktionieren wie im mediterranen Konglomerat dieser Frankreich-/München-Connection, die Welt wäre eine bessere.
Der perfekte Soundtrack für die Fabio-Montale-/Marseille-Krimi-Trilogie von Jean-Claude Izzo oder einfach nur supergute, zum Mitgrooven einladende Musik für einen etwas zu kühlen Sommerabend am schönsten Fluss der Welt…
(**** ½ – *****)

D’Aqui Dub / Bandcamp