Edition Steffan

Das Double

„Dat is dat Allerschönste, wenn se sehr schön spielen!“

Frank Steffan – Das Double – 1977/78: Die Dokumentation einer außergewöhnlichen Epoche (2017, Edition Steffan)

Was heutzutage durch die Dominanz des von Vorbestraften geführten Münchner Mia-san-Mia-Syndikats zur tödlich langweilenden Routine im nationalen Liga-Betrieb geworden ist, hatte bis Anfang der 2000er absoluten Seltenheitswert im deutschen Fußball: Der Gewinn von Bundesliga-Meisterschaft und DFB-Pokal innerhalb einer Spielzeit durch den selben Klub, das sogenannte Double. Bis zur Jahrtausendwende ist das seit 1937 – die Schalker waren seinerzeit die ersten – ganze vier Mal gelungen, seitdem ödet der Rekordmeister aus dem Süden mit nahezu unschöner Regelmäßigkeit durch Einfahren beider Titel die Sport-interessierte Republik an.
Für den 1. FC Köln war es 1978 soweit: Als gerade mal dritter Double-Gewinner schrieb das Team aus der Domstadt am Rhein Fußball-Geschichte.
Hennes Weisweiler, Trainer-Unikat und Meistermacher der Gladbacher „Fohlen“ in den frühen Siebzigern, kehrte nach einem kurzen, unerfreulichen Gastspiel beim FC Barcelona, das vor allem durch sein von Beginn an zerrüttetes Verhältnis mit dem holländischen Superstar Johan Cruyff geprägt war, 1976 als Trainer zu den „Geißböcken“ zurück, in der Spielzeit vor dem Double gelang Weisweiler 1977 bereits ein Titelgewinn mit den Kölnern im DFB-Pokalfinale. Für die folgende Spielzeit ging der knorrige Trainer mit der bei Fans und Funktionären nicht unumstrittenen Demontage von Club-Legende, Führungsspieler und Weltmeister Wolfgang Overath ein hohes Risiko, die Fäden im Spiel des FC sollte zukünftig der Weltklasse-Techniker Heinz Flohe mit Hilfe von Herbert Neumann und Bernd Cullmann im Mittelfeld ziehen, im Sturm war man seinerzeit mit dem deutschen Nationalstürmer Dieter Müller und seinem belgischen Kollegen Roger Van Gool exzellent aufgestellt, Müller sollte in der Double-Saison mit 24 Liga-Treffern die Torschützenkönig-Auszeichnung einfahren.

Der Kölner Regisseur Frank Steffan hat über die Ausnahme-Saison der „Geißböcke“ einen sehenswerten Dokumentar-Film gedreht. Wie bereits bei seinem exzellenten Spieler-Portrait über Heinz Flohe „Der mit dem Ball tanzte“ aus dem Jahr 2015 hält sich Informatives und Unterhaltsames gekonnt die Waage in der chronologischen Erzählung dieser turbulenten „Effzeh“-Saison 77/78, in der sich ein Deutscher Meister auch ab und an eine krachende Niederlage leisten konnte, wie auch der Ausgang in Sachen erster Platz bis zuletzt offen war, die im Film fein inszenierte Dramatik des Fernduells Köln/Gladbach inklusive der unerklärlichen Torflut der „Fohlen“ gegen den BVB am letzten Saison-Spieltag spricht dahingehend Bände. Insofern ist die Doku nicht zuletzt für Fußball-Nostalgiker eine lohnende Angelegenheit, jeder, der Jahr für Jahr etliche Wochen vor Saisonende vom uneinholbaren Punktestand und damit der vorzeitigen Meisterschaft der rot-weißen Münchner Arroganz-Truppe angenervt ist, kann sich nach jenen vergangenen Zeiten nur sehnen, als der Champion erst am letzten Spieltag Samstags gegen 17.15 Uhr dann langsam feststand…
Der Film zeigt einen Tor-Reigen zum Zungen-Schnalzen in historischem Film-Material, dokumentiert das frühe wie desaströse Aus der Kölner Ausnahme-Mannschaft gegen den FC Porto im Pokalsieger-Europacup wie auch die Geschichte vom ersten japanischen Profi in der Bundesliga und lässt vor allem Zeitzeugen zu Wort kommen, beinharte FC-Fans wie Kult-Trainer Peter Neururer, den Kölner Künstler Anton Fuchs oder Hardcore-Supporter Jacki Nimmesgern und damals aktive Spieler wie den späteren National-Keeper Harald „Toni“ Schumacher, den Sympathie-Träger Dieter Müller, FC-Manager Karl-Heinz Thielen, Kölner Originale wie den damaligen Mannschaftsarzt Dr. Alfons Bonnekoh und den dänischen Entertainer Preben Elkjær Larsen, der in jener Zeit vor allem das Kölner Nachtleben genoss und seine großen Fußballer-Momente erst nach seiner kurzen Zeit am Rhein haben sollte.
Relativ kurz kommt der einhergehende Pokalsieg der Kölner zur Sprache, das mag an mangelndem Filmmaterial liegen, wohl aber auch am Losglück, der FC traf erst ab dem Halbfinale mit Werder Bremen und dann im Endspiel mit den rivalisierenden Nachbarn von der Düsseldorfer Fortuna auf ebenbürtige Gegner.

Steffan dokumentiert die Erfolgsgeschichte des FC im Kontext des damaligen Zeitgeschehens, Rock’n’Roll-King Elvis Presley stirbt 1977, das Beben des Punkrock ist vor allem durch die Krawall-Aktionen der Sex Pistols auf der britischen Insel zu vernehmen und wird später auch in der rheinischen Republik seine Spuren hinterlassen, Köln im Speziellen ist nicht nur wegen dem Fußball-Gekicke im Fokus, darüber hinaus ist die Stadt auch zentraler Schauplatz im „Deutschen Herbst“ mit der gewaltsamen Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer durch das „Kommando Siegfried Hausner“ der linksextremen RAF wie auch Epizentrum der deutschen Kunstszene in jenen Jahren, ein zeitweiliger Aufenthalt von Pop-Art-Ikone Andy Warhol in der Domstadt war diesem Ruf gewiss nicht abträglich. Der Chef der legendären New Yorker Factory outete sich als wahrer Fußball-Experte, für den stürmenden FC-Außenverteidiger Harald Konopka, der im Übrigen in seiner Funktion als rheinische Frohnatur, ehemaliger Spieler und befragter Zeitzeuge keinen geringen Anteil am Unterhaltungswert des Films hat, signierte Warhol einen Druck mit der Widmung „To the best soccer player in the world“„Who the fuck is Cruyff?“ mag sich da so mancher im Kölner Umkreis gefragt haben…

„Das Double“ wird wie bereits der Flohe-Film vom ex-Schroeder-Roadshow-Sänger Gerd Köster kommentiert, der ehemalige Musiker und Hörbuch-Sprecher bringt die Nummer unaufgeregt wie grundsolide und mit eigener Note zum Vortrag. Der angepunkte, perfekt zur damaligen Zeit passende Soundtrack stammt von der Früh-Achtziger New-Wave-Combo mit dem sinnigen Namen „The Cöln“ um den Gitarristen Dirk Schlömer, der später auch bei der Deutschrock-Legende Ton Steine Scherben zugange war.

Beim momentanen Tabellenstand kann man in Köln von diesen glorreichen Zeiten nur träumen, zur seelischen Erbauung und moralischen Stütze sollte die Doku in jedem Fall für alle Fans und Sympathisanten des „Effzeh“ in Reminiszenz an bessere Tage taugen, für alle anderen Fußball-Interessierten ist es immer noch ein herausragendes, informatives Stück Zeitgeschichte aus einer Ära, in der die Welt in Sachen Bundesliga-Fußball weitestgehend in Ordnung war – Platz zwölf, ein negatives Tor-Verhältnis, 13 Saison-Niederlagen, zwischenzeitliche Abstiegs-Gefahr sowie eine Derby-Klatsche inklusive Platzverweis für den späteren Luxusuhren-Schmuggler in der Saison-Endabrechnung 1977/78 des rot-weißen Großkotz-Vereins aus München sind dahingehend ein untrügliches Indiz, da muss man die tolle Saison der rot-weißen, hochsympathischen Jahrhundert-Mannschaft des 1. FC Köln jener Jahre noch gar nicht in die Waagschale schmeißen…

Die DVD „Das Double“ ist bei Edition Steffan erschienen, wie auch das bereits im November 2016 publizierte, um viele historische Foto-Aufnahmen bereicherte Buch mit gleichem Titel.

Herzlichen Dank an Frank Steffan.

Reingelesen (40)

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„Vor Ihnen liegt ein grandioses Buch, das beweist, dass das Leben spannend und dramatisch, aber auch tückisch und geheimnisvoll sein kann. Detlef hat es gelebt, hat agiert und reagiert. Er weiß heute, wovon er spricht. Man sollte ihm zuhören. Experto credite! Sein unbeugsamer Wille führte in die Heimat.“
(Dieter Beutel, in: Detlef Kowalewski,  Zur Hölle, Opposite Editorial)

Detlef Kowalewski – Zur Hölle – Kohle, Knast & Rock ’n‘ Roll (2015, Edition Steffan)

Vermutlich nichts für zartbesaitete Gemüter und mitunter auch wenig Erbauendes für literarische Feinschmecker, dafür jedoch eine an die Nieren gehende Beichte aus dem prallen Leben eines ehemaligen Heavy-Metal-Musikers und Drogenkuriers: Detlef Kowalewski verspricht nicht zuviel mit seinem griffigen Titel, auf 192 Seiten dokumentiert der Mann aus dem Rheinland sein wildes und an Dramen nicht eben armes Leben.
Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig, er erinnert eher an Interview-artige Statements und auf das Wesentliche reduzierte Aussagen, wie sie in Dokumentarfilmen zum Einsatz kommen, weitab von ausgefeilten Formulierungen, ein Ghostwriter wäre vielleicht eine Option gewesen, andererseits passt der Stil in seiner Stakkato-artigen Rhythmik zur Härte des Stoffs, bei der unter die Haut gehenden eigenen Vita redet Kowalewski Klartext und beschönigt nichts.

Im Musik-Business lief es für Kowalewski zunächst optimal, er hatte Erfolg als Diskotheken- und Hallenbetreiber, Konzertveranstalter und Gitarrist der deutschen Metal-Band High’n Dry, die in den achtziger Jahren unter anderem auch im Vorprogramm der britischen Heavy-Giganten Iron Maiden und bei Roger Chapman And The Shortlist zu sehen waren, irgendwann – wie bei so vielen Musiker-Schicksalen – lockte die Droge zur Leistungssteigerung und zur Entspannung, und so wurde das weiße Pulver zum ständigen Begleiter.
Der vielversprechenden Rockstar-Karriere wurde abrupt ein Ende gesetzt durch seine Verhaftung wegen Kokain-Besitz, während seines Aufenthalts im Kölner „Klingelpütz“ lernte er den RAF-Top-Terroristen Stefan Wisniewski kennen, der im Gefängnis der Domstadt wegen seiner Beteiligung an der Entführung und Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer einsaß.
Kowalewski gelang als erstem Insassen überhaupt der Ausbruch aus dem rheinischen Hochsicherheits-Gefängnis, auf seiner Flucht tauchte er in Amsterdam mit seiner Familie unter, wurde in Holland erneut verhaftet und im angeblich sichersten Gefängnis Europas im nord-niederländischen Horn verwahrt, auch diese Gefängnismauern konnten ihn nicht halten.
Mit Hilfe eines Segelschiffs und einer zusammengetrommelten Crew verließ er daraufhin den Kontinent, überquerte den Atlantik und tauchte in Brasilien unter, wo er vom kolumbianischen Cali-Kokain-Kartell bedroht und zu Kurierfahrten erpresst wurde, am Weihnachtstag 1991 endet eine dieser Aktionen für Detlef Kowalewski am Flughafen in Rio in den Fängen der Federales, für ihn begann damit ein über dreijähriger Höllen-Trip durch die Vollzugsanstalten Brasiliens, die albtraumhaften und erschütternden Schilderungen seiner größtenteils menschenunwürdigen Erfahrungen in diesen mit keinerlei europäischen Standards vergleichbaren brasilianischen Gefängnissen nehmen den Hauptteil der biografischen Schrift des ex-Musikers ein und verlangen beim Leser eine gewisse Abgebrühtheit gegenüber unappetitlichen Beschreibungen, die Vertrautheit mit dem amerikanischen Hardboiled-Krimi-Genre, Clive-Barker-Horror oder weniger zartbesaiteteren Autoren wie Bukowski, Selby, Ellroy ist von Vorteil, der Stoff ist für Feingeister denkbar ungeeignet. Wer davor nicht zurückschreckt, sollte unbedingt einen Blick in das Buch werfen, die Schilderungen über die Zustände in südamerikanischen Haftanstalten aus erster Hand sind authentisch, unvermittelt und unter die Haut gehend.

„Die Irren schrieben von jedem den Namen auf ein Stückchen Papier, knüllten es zusammen und warfen es in einen Eimer. Dann zogen sie fünf Namen wieder heraus. Wie Geisteskranke fielen sie mit Messern über die Fünf her, deren Namen gezogen wurden. Ob das jemand überlebt hat, weiß ich nicht, ich glaube nicht. Ich hatte mir dabei vor Angst in die Hosen geschissen. Zweimal musste ich diesen Terror durchhalten.“
(Detlef Kowalewski, Zur Hölle, Zombiezeit, Hungerstreik und die Rückkehr nach Köln)

Mitte der neunziger Jahre wurde Kowalewski in Folge diverser Gesuche nach Deutschland abgeschoben und saß hier den Rest seiner Haftstrafe ab. Heute ist er als erfolgreicher Geschäftsmann im Tätowierer-Gewerbe tätig.
Während der Arbeiten am Buch meldete sich Dieter Beutel bei ihm, er hat Detlef Kowalewski im Rahmen seiner Tätigkeit als Hauptkommissar bei der Kripo Köln seinerzeit das erste Mal verhaftet, es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern, Beutel hat für das vorliegende Werk das Vorwort – oder „Opposite Editorial“, wie er es nennt – verfasst.
Über die stilistisch-literarische Qualität der Dokumentation mag man sich streiten, ein wertvoller Beitrag zur Aufklärung über die Irrwege und die mitunter tödlichen Abgründe der Drogen-Kriminalität ist „Zur Hölle“ von Detlef Kowalewski ohne Zweifel.

„Zunächst waren wir froh, jemanden kennengelernt zu haben der sich im Land auskannte. Aber dann stellte sich ziemlich schnell heraus, dass es grundsätzlich verkehrt ist, sich mit Deutschen im Ausland einzulassen. Mit anderen Worten: „Hüte Dich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind.““
(Detlef Kowalewski, Zur Hölle, Die Atlantiküberquerung)

Detlef Kowalewski wurde 1958 in Haan/Mettmann (Nordrhein-Westfalen) geboren, die Jugend und Schulzeit hat er in Dormagen bei Köln verbracht, dort ging er auch beim Bayer-Konzern als Chemiker in die Lehre. Ende der achtziger Jahre formierte er die Heavy-Metal-Band High’n Dry, die beim Major-Label EMI einen Plattenvertrag erhielt. 1988 veröffentlichte die Band das Album ‚Hands Off My Toy‘, es folgen Auftritte im Vorprogramm von Iron Maiden, Roger Chapman, Hermann Brod und The Cross, dem Seitenprojekt des Queen-Drummers Roger Taylor. In Köln gründete Kowalewski das ‚Empire‘, in dem ein Live-Club, Proberäume für Musiker und ein Sportcenter untergebracht waren.
1989 wird er wegen Drogenhandel verhaftet. Eine Odyssee aus Ausbrüchen, erneuten Verhaftungen und Drogenschmuggel beginnt, die in der über dreijähriger Haft im brasilianischen Rio de Janeiro und der anschließenden Abschiebung nach Deutschland ihr Ende findet. Heute ist Kowalewski erfolgreicher Tätowierer, er lebt abwechselnd in Deutschland, Florida und China und engagiert sich für die Hilfsorganisation Peace Full Sail.

Herzlichen Dank an Frank Steffan / Edition Steffan für das Rezensionsexemplar.

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Heinz Flohe – Der mit dem Ball tanzte

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„Er ist so unglaublich gut gewesen, hat Dinge gemacht, die keiner von uns konnte, auch die ganz großen Spieler Deutschlands nicht.“
(Günter Netzer)

„Heinz Flohe würde heute die 100-Millionen-Grenze oder generell jede Transfer-Rekordsumme sprengen.“
(Jupp Kapellmann)

„Einer der besten Techniker der Welt.“
(Franz Beckenbauer)

Am 1. Dezember 1979 beim Bundesligaspiel des TSV 1860 München gegen den MSV Duisburg standen vorab die beiden Löwen-Neuzugänge Horst Wohlers und Harry Ellbracht im Mittelpunkt des Interesses, nach dem Spiel interessierte sich für die beiden Kicker kein Mensch mehr, zu sehr waren die meisten Beteiligten geschockt von einem der brutalsten Fouls der Bundesligageschichte – an diesem unseeligen Tag beendete der seitdem von allen Löwen-Fans älteren Semesters abgrund tief gehasste Knochentreter Paul Steiner jäh die Karriere von 1860-Regisseur Heinz Flohe, durch einen gezielten Tritt auf dessen Standbein brach er ihm das Schien- und Wadenbein, von der verabscheuungswürdigen Tat erholte sich einer der begnadetsten deutschen Fußballspieler ever nie mehr. Ich kenne mehrere Löwenfans, die an diesem Tag im Münchner Olympiastadion zugegen waren und bezeugen, dass das Brechen der Knochen bis auf die obersten Tribünen-Ränge zu hören war…

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Begonnen hat Flohes Karriere im rheinischen Euskirchen, hier gab er bereits den Regisseur auf dem Bolzplatz und auch neben dem grünen Rasen zeigte er künstlerische Fähigkeiten als Zeichner – zwei Talente, die er fortan als Fußballer formvollendet zur Perfektion bringen sollte. Der Weg des von Günther Netzer als „Brasilianer“ bezeichneten Ausnahmekickers führte ins nahe Köln zum FC, bei den „Geißböcken“ bildete Flohe zusammen mit Wolfgang Overath bis 1977 mit das kreativste und technisch versierteste Mittelfeld-Duo im deutschen Fußball, 1968 und 1977 holten die Kölner unter maßgeblicher Beteiligung Flohes den DFB-Pokal und im Jahr 1978, in „Flockes“ wohl stärkstem Jahr gar das Pokal- und Meister-Double.
Für die Nationalmannschaft ist Flohe 39 mal aufgelaufen und hat dabei 8 Tore erzielt, die WM 1974 im eigenen Land verlief für ihn glücklos, die Dresdner Knollennase Schön wusste seine überragenden technischen Fertigkeiten nicht zu schätzen, ausgerechnet bei der Niederlage gegen die DDR wurde er von Beginn an auf für ihn ungewohnter Position eingesetzt und musste im Nachgang als Sündenbock für das verlorene innerdeutsche Prestige-Duell herhalten. Bei der EM 1976 lief es für Flohe besser, zusammen mit seinem Kölner Team-Kollegen Dieter Müller rettete er gegen Jugoslawien den Finaleinzug (der in den Prager Nachthimmel gejagte Elfer vom Steuerhinterzieher, ihr wisst schon ;-)), ganz groß aufgetrumpft hat er bei der WM 1978 in Argentinien bis zu seiner Verletzung gegen Italien, aufgrund der er dann im Nachgang seine Turnierteilnahme abbrechen musste – danach kam Cordoba und wer weiß, ob mit „Flocke“ auf deutscher Seite der unnachahmliche österreichische Sport-Reporter Edi Finger zu seinen herrlichen Jubel-Arien angesetzt hätte, aber sei’s drum, der Spaß mit’m Finger war die Niederlage wert…;-))
Heinz Flohe wurde nach seinem bei der Weltmeisterschaft zugezogenen Muskelfaserriss nie mehr ganz der Alte, und so führte das vermeidbare Ausscheiden im Europapokal-Halbfinale gegen Nottingham und ein 0:6-Debakel in der Bundesliga beim HSV inklusive Platzverweis Flohes zum Zerwürfnis mit der Trainerlegende Weisweiler und dem 1. FC Köln, für den Flohe in 329 Bundesligaspielen 77 Tore erzielte und so manchen großartigen Sieg der „Geißböcke“ maßgeblich durch sein herausragendes Dribbling, seine feine Technik und sein Spielverständnis mitgestaltete.
Zum Leidwesen der Kölner Fans wechselte Heinz Flohe zum TSV 1860 nach München, welcher die Gunst der Stunde nutzte, für den Wechsel machte sich zudem Flohes ehemaliger Kölner Teamkollege Jupp Kapellmann stark, der damals nach fünfjährigem Gastspiel beim FC Bayern auch bei den Löwen gelandet war.
„Flocke“ bestritt für die Sechziger 14 Spiele und erzielte 4 Tore – bis zu eben jenem schicksalhaften 1. Dezember 1979, möge Paul Steiner dafür einst qualvoll bis ans Ende aller Tage in der Hölle schmoren (Grausamkeit des Schicksals am Rande: der Knochenbrecher trieb von 1981 bis 1991 beim 1. FC Köln sein Unwesen)…
Die Münchner Löwen konnten in dieser Saison die Klasse halten, stiegen aber im folgenden Jahr wieder einmal in die 2. Bundesliga ab und auch hier mag man sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn die Mannschaft von 1860 in diesen schweren Zeiten von einem erfahrenen Weltklasse-Kicker wie Heinz Flohe geführt worden wäre.

Warum erzähle ich das eigentlich alles? Ganz einfach: der Kölner Regisseur Frank Steffan, der Heinz Flohe persönlich kannte, hat zusammen mit John Seidler einen tollen, stimmungsvollen, unterhaltsamen und höchst informativen Dokumentarfilm über das Leben eines der größten deutschen Ausnahmekicker produziert und bringt damit einen Mann zurück ins Bewusstsein, den heute außerhalb Kölns beziehungsweise der Fanszene der Münchner „Löwen“ kaum noch jemand kennt. Alte Kölner Weggefährten kommen in dem sehenswerten Film zu Wort, unter anderem Hannes Löhr, Wolfgang Overath, Jupp Kapellmann, Dieter Müller und Harald Konopka, sie alle geben ehrlich und bewegt Zeugnis von den Wundertaten des Heinz Flohe, ebenso wie die ganz großen Sachverständigen des deutschen Fußballs, Kaiser Beckenbauer himself, der auch hier mit Eloquenz nur so strotzende Günther Netzer sowie Meistertrainer „Osram“ Heynckes, von den Jungstars darf Prinz Poldi als „Kölscher Jong“ ran und selbst der von mir seltenst geschätzte Johannes B. Kerner punktet mächtig durch sein Outing als Flohe-Fan der ersten Stunde.

Eine besondere Freude beschleicht den Fußballfreund beim Genießen der zahlreichen Spielszenen im Film, eine Abfolge an tollen Toren, Dribblings und Pässen Flohes wird dokumentiert, die auch heute noch mit der Zunge schnalzen lassen und die vor allem auch aktuelle Meister ihres Fachs wie ein Lionel Messi oder ein Zlatan Ibrahimović nicht gekonnter hinkriegen würden. Besonderes Entzücken riefen bei mir selbstredend Szenen hervor, in denen Heinz Flohe den auch schon in den siebziger Jahren großen FC Bayern wiederholte Male fast im Alleingang demütigte.

Im Mai 2010 wurde Heinz Flohe nach einem Schlaganfall in ein künstliches Koma versetzt, aus dem er nicht mehr erwachte. Am 15. Juni 2013 ist er im Alter von 65 Jahren gestorben. Er wurde auf dem städtischen Friedhof seines Geburtsorts Euskirchen beigesetzt.

Ich halte das Schicksal Heinz Flohes durchaus vergleichbar mit den Lebensdramen begnadeter Kicker wie Reinhard „Stan“ Libuda, George Best, Jimmy Johnstone oder dem herausragenden Brasilianer Garrincha und wünsche der Dokumentation von Frank Steffan viele Zuschauer, um so die Erinnerung an einen großartigen Fußballer aufrecht zu erhalten.

Beim Berliner Fußballfilmfestival „11mm“ im Jahr 2015 erreichte die Produktion den zweiten Platz beim Publikumspreis und wurde somit bester deutscher Film in dieser Kategorie.

Sprecher des Films ist der ehemalige „Schroeder-Roadshow“-Sänger Gerd Köster, der Heinz Flohe völlig richtig mit Jimi Hendrix verglich, beides auf ihre Art Genies vor dem Herrn…

Edition Steffan / Homepage

Ich bedanke mich herzlich bei Frank Steffan für das vor kurzem geführte Telefonat und die Zusendung des DVD-Rezensionsexemplars.

1860-Journal (August 1979)-712455