Einstein Kultur

frameless14: Noveller, Jung An Tagen, Clare Rae @ Einstein Kultur, München, 2017-10-11

Die Münchner frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter startete mit Auflage 14 nach ausgedehnter Sommerpause in den Winterhalbjahr-Zyklus mit einer Auswahl an internationalen Künstlern, New Yorker Gitarren-Noise traf auf Wiener Klangexperiment und australische Videokunst, präsentiert von Karin Zwack sowie dem fördernden Kulturreferat der Landeshauptstadt München, wie stets charmant anmoderiert von Dr. Daniel Bürkner.

Zum Einstieg in den experimentellen Abend lotete der Wiener Klangkünstler Stefan Juster aka Jung An Tagen vom Virtual Institute Vienna die Möglichkeiten elektronischer Musik aus, die sich in seinem Vortrag mit Hilfe gesampelter Beats und abstrakter Töne wiederholt in Richtung verstörender Klangkollagen, weißes Rauschen, dunkler Klang-Explosionen aus den Tiefen des Raums und schwergewichtiger Industrial-Drones entwickelte, atonale Grenzerfahrungen, die an den Nerven der Hörerschaft zerrten und den Herzrhythmus partiell Stress-bedingt in die höheren Frequenzen zu treiben wussten. In den überwiegend strukturierteren Passagen pendelte die futuristische Electronica des jungen Österreichers zwischen reduzierter, repetitiver, hart wie artifiziell pochender Minimal Music, künstlichem Kraut-Space und – mitunter – tanzbarem, Melodien-andeutendem Techno-Flow, der zu den Gelegenheiten dann tatsächlich auch angenehm ins Ohr gehen mochte. Synthetische, konzeptionelle Verfremdung von Tönen und Rhythmen ist der Aufhänger, unter dem die avantgardistischen Klanglandschaften von Jung An Tagen zu verorten sind, nicht jede/r aus der Hörerschaft mochte an dem Abend den reinen Kunstgenuss aus der Aufführung ziehen, eine hochspannende wie alles andere als alltägliche konzertante Erfahrung war es in jedem Fall.
(**** – **** ½)

Die unter dem Pseudonym Noveller auftretende Sarah Lipstate aus Brooklyn ist in der Welt der Noise-Gitarre kein unbeschriebenes Blatt, die junge Amerikanerin hat bereits mit gewichtigen Namen des Genres wie der australischen Experimental-Koryphäe Ben Frost, dem ex-Sonic-Youth-Gitarristen Lee Ranaldo oder dem kürzlich hier vorgestellten Kanadier Eric Quach und seinem Projekt thisquitarmy kollaboriert, dementsprechend war der Vorschusslorbeeren-Strauch ein ausgewachsener hinsichtlich anstehendem frameless-Auftritt, die Erwartungen wurden am Mittwoch-Abend indes nur bedingt erfüllt. Optisch wurde das Konzert von einer Video-Arbeit der Komponistin und Filmemacherin begleitet, auch hinsichtlich der abstrakten, beliebig wie zusammenhanglos wirkenden, bewegten Bilder hielten sich die Begeisterungsstürme in Grenzen. Der musikalische Vortrag von Noveller war bestimmt von Loop-gestütztem, Ambient-Sampling-begleitetem, hypnotischem Gitarren-Drone und schwergewichtig angeschlagenen Indie-/Noise-/Post-Rock-Phrasierungen, punktuell bereichert vom Spiel mit dem Geigenbogen auf den sechs E-Gitarren-Saiten zur Erzeugung dezenterer, elegischer Sphären-Klänge, leidlich gefällig im rein instrumentalen Gewand als einzelne Skizzen und Miniaturen, im Gesamtbild aber kaum mehr. Zu erratisch und zerklüftet in der stilistischen Ausgestaltung, zu sehr auf optische Präsenz und Frickeln an den zahlreichen Gitarren-Effektgeräten als auf einen stringenten, ein Konzept erkennen lassenden Flow war das knapp 45-minütige Solo-Konzert von Sarah Lipstate ausgerichtet, als dass am Ende mehr als der höfliche Applaus der frameless-Besucher_Innen hätte herausspringen können.
(*** ½)

Im Nebenraum des Konzert-Gewölbes wurde parallel zu den instrumentalen Aufführungen die Videoarbeit „The Good Girl And The Other“ der australischen Künstlerin Clare Rae gezeigt, der repetitive Endlosschleifen-Film, realisiert im Stop-Motion-Verfahren, zeigt die Video-Artistin, wie sie in einem Restaurant mit sich selbst Plätze tauscht. Der Film will sich mit dem Rollenverständnis des „braven Mädchens“ und dem ambivalenten Verhältnis zu digitalen Identitäten und den daran geknüpften Erwartungen auseinandersetzen.

frameless15 findet am 14. November an gewohnter Örtlichkeit im Einstein Kultur statt, Einsteinstrasse 42, München, 20.00 Uhr, Eintritt frei.
Die inzwischen weit über die Grenzen Münchens bekannte und außerordentlich geschätzte „Rumpeljazz“-Combo Hochzeitskapelle wird in einem gemeinsamen Konzert auf den japanischen „Native-Underground“-Musiker Takuji Aoyagi aka Kama Aina treffen, man darf sich bereits jetzt in den Zustand freudiger Erwartung versetzen. Darüber hinaus präsentiert die 15. Ausgabe der Experimentalmusik-Reihe ein Konzert des australischen Electronica-Tüftlers John Chantler und digitale Medienkunst des unter dem Label Qubibi arbeitenden Japaners Kazumasa Teshigawara.

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frameless13: Sam Prekop & John McEntire, Stefan Schneider, Karimah Ashadu @ Einstein Kultur, München, 2017-05-11

In der 13. Ausgabe der Münchner frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter warteten die Veranstalter Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner mit einem bemerkenswerten Line-Up aus der Welt der elektronischen Klangwelt auf, mit Stefan Schneider und den US-Musikern Sam Prekop und John McEntire verabschiedete sich die Veranstaltungsreihe in die Sommerpause, Fortsetzung findet die Serie dann im Oktober 2017.
Der Abend wurde wie gehabt vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München finanziell unterstützt und vom curt-Magazin präsentiert.

Der Elektronik-Pionier Stefan Schneider ist im Rahmen der frameless/frameworks-Reihe längst kein Unbekannter mehr, nach Auftritten mit seiner früheren Stammformation To Rococo Rot, mit der deutschen Experimental-/Krautrock-Legende Hans Joachim Roedelius und im vorigen Jahr zusammen beim beeindruckenden Duo-Vortrag mit Schlagzeuger Sven Kacirek gab sich Schneider am vergangenen Donnerstag erstmals im Kellergewölbe des Einstein Kultur solistisch die Ehre, sein Projekt „Mapstation“ war geprägt vom charakteristischen Sound der Düsseldorfer-Krautrock-Electronica, abstrakten Ambient-Drones, Techno-verwandtem Rhythmus-Pochen aus dem Bass-Synthie und Spoken-Word-Samplings, die ineinander greifenden Sequenzen und Klang-Entwürfe strahlten vehement die abstrakt-maschinelle Ästhetik der elektronisch erzeugten Musik aus und wussten wiederholt die hypnotische Faszination des experimentellen Krautrock-Flows zu entfalten, auch wenn wiederkehrende, reduzierte Passagen ab und an in allzu viel kaltem Industrial-Gleichklang versanken und die Kontemplation auflösten.
(**** ½)

Freunde der Chicagoer Postrock-Schule durften sich im zweiten Teil der konzertanten Aufführung über ein gemeinsames Projekt von Tortoise-Drummer/-Elektroniker John McEntire und seinem The-Sea-And-Cake-Bandkollegen Sam Prekop freuen, die beiden US-Musiker zogen das Publikum in ihrem knapp einstündigen Vortrag in einen faszinierenden, hypnotischen Flow aus sphärischem Kraut- und Space-Sound, der den Spannungsbogen nicht zuletzt dank treibender Rhythmik und feinem Herausarbeiten erkennbarer Melodik auf einem konstant hohen Level hielt.
John McEntire an elektronischen Drums und Sam Prekop mittels Tüfteln an modularen Synthesizern und minimalistischen Keyboards ließen auch im abstrahierten, von gängigen Strukturen losgelöstem Klangentwurf die fließende Lockerheit und den freien, mitunter fröhlich-beschwingten Ansatz aus den Werken ihrer Stamm-Bands erkennen. Bei Namen wie McEntire und Prekop waren die Erwartungen der Postrock-Gemeinde hinsichtlich massiv bereichernder musikalischer Experimentier-Kunst selbstredend keine geringen, enttäuscht dürfte an diesem Abend die Veranstaltung kaum wer verlassen haben.
(*****)

Im Nebenraum des Konzertgewölbes wurde eine 20-minütige Arbeit der britisch-nigerianischen Medienkünstlerin Karimah Ashadu gezeigt. In ihrer Filmmeditation „Makoko Sawmill“ thematisiert sie das Eindringen digitaler Überwachung in den täglichen Arbeitsablauf, die Ästhetik der Technologie trifft auf jahrhundertealtes Handwerk: Die Künstlerin filmte in einem Sägewerk im nigerianischen Lagos die Arbeiter bei ihrem Tagwerk, im Vordergrund schiebt sich ein blauer Balken in das Bild, der die arbeitenden Personen anvisiert und in ihren Bewegungen verfolgt – der durch Technik automatisierte Überwachungsprozess wird hier von Hand simuliert, eine groteske Inszenierung.

frameless12: Martin Messier, Lau Nau, Liam Young @ Einstein Kultur, München, 2017-05-05

Die Münchner frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter bot bei der Veranstaltung Nummer 12 am vergangenen Freitag im Gewölbe des Einstein Kultur ein kontrastreiches Programm.
Die Kuratoren Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner präsentierten zusammen mit dem fördernden Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem curt-Magazin den kanadischen Ars-Electronica-Preisträger Martin Messier, experimentellen Folk der Finnin Laura Naukkarinen und den kurzen Spielfilm „In The Robot Skies: A Drone Love Story“ des britischen Regisseurs Liam Young aus dem Jahr 2016.

Martin Messier aus Montreal eröffnete den Reigen mit einer faszinierenden Aufführung, in der er sich die Gesetze der Physik zur Erzeugung von schweren Elektro-Drone-Klängen zunutze machte. Seine gesampelten, abstrakten Ambient-Entwürfe und schweren Industrial-Beats bereicherte er im wahrsten Sinne des Wortes spannungsgeladen mit dem Erzeugen von Signalen aus elektromagnetischen Feldern. Messier verkabelte bei zwei korrespondierenden Schaltflächen die Ein- und Ausgänge und erzeugte damit zwischen den Polen dieser Hochspannungsanlage beeindruckende Blitzlicht-Effekte und explodierende Störgeräusche, optisch-akustische Entladungen und Ausbrüche, die in deren Hochzeit jeder Einstürzende-Neubauten-Performance zur Ehre gereicht hätten.
Gepaart mit dem Pochen aus fernen Throbbing-Gristle-Tagen, einem sicher nicht ungefährlichen Stromschlag, den der Künstler ungewollt im Rahmen seiner vitalen Aufführung abbekam, und dem finalen Bearbeiten der Strom-durchfluteten Drähte mit einem Geigenbogen zur Erzeugung schneidender Akustik-Attacken formte sich die Aufführung zu einer überwältigenden, kunstvoll-radikalen Gewitter-Entladung.
(*****)

Seelen- und Gehörgang-Massage zum Entspannen offerierte im zweiten Konzert des Abends als konträres Programm zum Magnetfeld-Spektakel die finnische Musikerin Laura Naukkarinen aka Lau Nau. Ihr kurzes Solo-Konzert eröffnete und beschloss die hochsympathische Frau aus Helsinki mit reduziert-minimalistischen Keyboard-Loops, Gesang-Samplings und engelsgleichem, faszinierendem Vokalvortrag. Zwischen den beiden Experimental-Pop-Perlen erging sich Lau Nau Gitarren-begleitet in entschleunigtem, melancholischen Psychedelic-Free-Folk und Slowcore-Songwriting, den Gleichklang der spartanischen Kleinode durchbrach sie sporadisch und dezent unter Verwendung von unkonventionellen Gerätschaften wie einer Mundharmonika und blinkendem Kleinkinder-Spielzeug zum Slide-Gitarrenspiel – ein kontemplativer Vortrag im Spannungsfeld zwischen finnischer Volksmusik, Experimental-Folk und luftigem, entrücktem Avantgarde-Elektronik-Pop im Geiste von Laurie Anderson und Julee Cruise.
(**** ½)

Mit dem 10-minütigen Kurzfilm „In The Robot Skies“ des britischen Regisseurs und Architekten Liam Young zeigten die frameless-Veranstalter im Nebenraum des Konzert-Gewölbes den ersten Spielfilm, der komplett mit automatisierten Drohnen gedreht wurde. Die Arbeit thematisiert eine Liebesgeschichte und setzt sich mit der Rolle der Drohne als Transport- und Überwachungsmittel und ihrer Einsatzmöglichkeit im subkulturellen Kontext und in der Hacker-Szene auseinander.

Bereits am kommenden Donnerstag, den 11. Mai, geht die frameless-Reihe mit hochkarätiger Besetzung in die nächste Runde, die Chicagoer Postrock-Legenden Sam Prekop (The Sea And Cake) und sein Bandkollege und Tortoise-Musiker John McEntire sowie der in diesem Rahmen wohlbekannte Stefan Schneider (ex-Kreidler, ex-To Rococo Rot) werden auftreten, Schneider spielte zuletzt im März 2016 zusammen mit Sven Kacirek im Rahmen des frameworks-Festivals im Einstein Kultur. Daneben wird eine experimentelle Filmarbeit der britisch-nigerianischen Künstlerin Karimah Ashadu gezeigt. frameless13: Einstein Kultur, Einsteinstraße 42, 20.00 Uhr, der Eintritt ist wie immer frei.