Elektro-Pop

Futuro de Hierro + Dame Area @ Pension Noise #11, Köşk, München, 2018-06-07

Zwei lärmende und höchst anregende experimentelle Projekte vom jungen Duo Silvia Konstance und Víctor Hurtado aus Barcelona am vergangenen Donnerstag im Rahmen der Veranstaltungsreihe Pension Noise im Münchner Köşk: Eingangs abstrakte Noise-Drones, rhythmisches Industrial-Pochen, verzerrte Beats, Heavy Ambient Space-Out-Soundtracks und irrwitziges Synthie-/Sampling-/White-Noise-Gelichter im steten Flow von Futuro de Hierro unter Federführung und garniert mit Trance-verwandten Spoken-Word-/Post-Rap-Sprachfetzen im politischen Kontext von Multi-Instrumentalist Hurtado aka Viktor Lux Crux, der in der Vergangenheit bereits mit musikalischen Avantgarde-Größen wie Jochen Arbeit und Nurse With Wounds zusammenarbeitete und an dem Abend von Silvia Konstance Knöpfe-drehend und damit raumgreifendes Electronica-Dröhnen und -Pfeifen erzeugend an Korg-Gerätschaften begleitet wurde, die Selbstauskunft des spanischen Klangkünstlers blieb an dem Abend unwidersprochen: „His live performances are high octane and visceral sonic assaults of disjointed rhythms, noise and vocals“. Durchaus. Musik zum Erleben mit allen verfügbaren Sinnen.

Nach kurzer Umbau-/Verschnauf-/Getränke-Pause sodann im zweiten Teil des Experimental-Pakets das Projekt Dame Area mit Silvia Konstance als Chefin im Ring, weitaus tanzbareren Polter-Rhythmen und minimalistischer Elektro-Melodik. Tribalistischer, bewusst primitiv gehaltener Industrial-Beat traf auf synthetische Großstadt-Kälte in Gestalt von Post/Electropunk-, Achtziger-Proto-Industrial- und Synth/Wave-Pop-Reminiszenzen im Geiste von Genesis P-Orridge, Gary Numan und Alan Vega, zu denen die junge Frau frontal das Publikum animierend den gesamten Zuhörerbereich als Bühne nutzend als extrovertierte Electronica-Lolita ihre Stakkato-/Propaganda-artigen Schlagwörter schwadronierte, repetitive Kampfansagen, Statements, auf Kern-Aussagen reduzierte Schlaglichter, vermutlich auch hier mit politischen Inhalten, Zivilisations-Kritik/Verdrossenheit, was auch immer. Musik in Gedenken an eine Zeit, in der die Aufbruchstimmung gewaltig, der Forschergeist ausgeprägt und der Wille zum Aufbauen neuer Klangstrukturen, Zerstören althergebrachter Muster, Do-It-Yourself groß war, mit großartigen Ergebnissen auf Throbbing-Gristle-, Joy-Division-, Cabaret-Voltaire- und vielen anderen Tonträgern, so auch in der konzertanten, doppelten Intensiv-Bedienung am Donnerstag-Abend im Münchner Westend.

Reingehört (433): Caroline Rose

„Didn’t do it for the Neon Jesus… I did it for the Money!“
(Caroline Rose, Money)

Caroline Rose – LONER (2018, New West Records)

Da erfindet sich jemand komplett neu: Ursprünglich im Country, Blues und Folk-Rock beheimatet, kommt die amerikanische Songwriterin Caroline Rose aus New York City auf ihrem dritten Longplayer „LONER“ aus völlig anderen und unerwarteten Richtungen um die Ecke, der Opener „More Of The Same“ entbehrt hinsichtlich Titel-Benamsung nicht einer gewissen Ironie, die junge Frau ist auf dem neuen Werk vom früher praktizierten Roots/Americana-Musizieren ungefähr so weit entfernt wie die derzeit in den Niederungen der vierten Liga bolzenden Münchner „Löwen“ vom Profi-Fußball-Geschäft. Ist sowohl als auch selbstredend nicht weiter schlimm, „Lebbe geht weiter“, um den großen Dragoslav Stepanović zu zitieren, Abhotten auf Giesings Höhen an Regionalliga-Spieltagen ist so lustig-nett wie das Mitschunkeln zum neu kreierten Sound der guten Caroline. Tanzbarer, freakiger Indie-Pop, mit allen möglichen angeschrägten Schlager-Ausprägungen aller möglichen Dekaden infiziert, hier ein wenig New-Wave/B-52’s-Überdrehen, dort eine Ladung Sixties-Georgel auf dem Farfissa-Keyboard, im nächsten Wurf ein semi-gespenstisches Kammerpop-Hallen aus dem nächsten David-Lynch-Film oder Aufgreifen von Einflüssen aus dem Fifties-Rockabilly, nebst vielerlei weiterem Wundertüten-Gelichter, immer mit einer charmanten, leicht ins Durchgeknallte kippenden DIY-Girlie-Weirdness garniert. Weder mit souligem Indie-Rock noch angespactem, bewusst simpel strukturiertem Elektro-Pop würde man dem Gesamtwerk gerecht werden, bereits im nächsten Song ist die gute Frau schon wieder ganz wo anders am Rumwerkeln, in der skurrilsten Ausprägung als Bontempi-begleitete Alleinunterhalterin für den nächsten Tanz-Tee im Drop-Out-Sanatorium.
Ein Tonträger, extravagant wie der Versuch der jungen Dame auf dem Plattencover, eine komplette Schachtel Kippen gleichzeitig zu rauchen, dem Wohlbefinden aber sicher weitaus zuträglicher als die dort demonstrierte Liebe zu den Tabak-Waren.
(**** ½)

Reingehört (380): Xao Seffcheque, Sammlung: Elektronische Kassettenmusik

„Wir hatten auch den Schizo-Look. Da war die halbe Seite vom Kopf so richtig gewachsen und wild. So richtig schwarzen Bart und Haare wachsen lassen. Die andere Seite war blond, ganz kurz, Augenbrauen abrasiert. Alles total rasiert. Und auch zwei Anzüge. In der Mitte geteilt. Der ganze Mensch war in der Mitte geteilt. In jeder Beziehung.“
(Xao Seffcheque, in: Jürgen Teipel, Verschwende Deine Jugend, Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave)

Xao Seffcheque – Ja, nein, vielleicht kommt sehr gut: A Selection of Electronic Beats 1980-82 (2017, Bureau B)

Gaudibursch aus der deutschen New-Wave-Ursuppe: Der Grazer Alexander Sevschek aka Xao Seffcheque, ab Ende der Siebziger Autor zu den Themen Punk und New Wave bei Sounds und später bei der Spex, 1981 zusammen mit Peter Hein von den Fehlfarben Gründer der Band Family 5, mit der er immer noch sporadisch auftritt, in den Achtzigern diverse eigene Projekte und Platten mit seinen Formationen Die Pest/ Die Post / Der Rest, heute vor allem als Drehbuchautor für diverse Kino- und Fernseh-Produktionen beschäftigt.
Das Hamburger Indie-Label Bureau B hat einen Best-Of-Sampler mit Arbeiten aus der solistischen Frühachtziger-Schaffensphase zusammengestellt, die den österreichischen NDW-„Scheckheft-Sektchef“ als lustigen Pionier der elektronischen Musik porträtiert.
Mit Synthies, Elektro-Beats/Drum-Maschinen und Texten, die weit mehr Lautsprache und Endlos-Schleifen-artiges Reproduzieren von Tönen und infantilem Geblubber im Geiste eines absurd-dadaistischen Statements als inhaltlich nachvollziehbares Geschichten-Erzählen sind, persifliert der Wahl-Düsseldorfer die damalige deutsche Speerspitze der Neuen Deutschen Welle von Deutsch Amerikanische Freundschaft bis Palais Schaumburg in ironisch-abgründiger Manier.
Bei allem sprachlichen Nonsens und humoristischen Gefeixe darf nicht übersehen werden, dass Seffcheque mit seinem Elektro-Punk-Ansatz hinsichtlich Sound & Vision durchaus als Vorreiter zu Techno, Trance, No Wave und Weiterentwickler vorangegangener Experimental-/Kraut-Electronica-Ansätze wahrgenommen werden darf.
Beatles-Allgemeingut kriegt auch sein Fett weg, die Fab Four waren in der Punk-Ära stets ein gern genommenes wie dankbares Opfer, in „Why We Hate The Residents“ lehnt sich der Künstler an das „Meet The Residents“-Konzept des kalifornischen Anonym-Multimedia-Kollektivs an und bringt „Eleanor Rigby“ in einem futuristisch-avantgardistischen Primitiv-Gezirpe in schwindlige Schräglage – C’mon and humor me
(**** ½)

V.A. – Sammlung: Elektronische Kassettenmusik, Düsseldorf 1982-1989 (2017, Bureau B)

Eine weitere schöne Sammlung zum Thema deutsche Electronica von Bureau B: scheinbar jeder aus der ortsansässigen Nachbarschaft, der sich mit dem Frühwerk der Düsseldorfer Kraut-/Elektro-/Synth-Pop-Vorreiter Kraftwerk und Neu! oder den Arbeiten der NDW-Experimental-Elektroniker Der Plan intensiver auseinandersetzte und an den entsprechenden analogen und digitalen Gerätschaften die relevanten Schrauben in die richtige Richtung zu drehen wusste, hat in den Achtzigern in Heimarbeit die eigenen Ergüsse auf Musikkassetten verhaftet, das Hamburger Kraut-/NDW-/Elektropop-Label veröffentlicht die spannendsten und wegweisendsten Arbeiten auf „Sammlung: Elektronische Kassettenmusik, Düsseldorf 1982-1989“.
Eigensinnige, unkonventionelle Elektronik-Trips aus der Post-Punk-Hochphase im Nachgang zur deutschen Kraut-Ära, vom Do-it-yourself-Geist des Punk-Bebens durchweht, eingespielt von heute weithin unbekannten Düsseldorfer Underground-Geistern und Projekten wie Konrad Kraft, Pfad der Tugend, Maria Zerfall, Strafe für Rebellion, um nur einige zu nennen, die trotz einiger technischer Unzulänglichkeiten und simpelster Produktionsbedingungen ein feines Gespür dafür zeigten, was in der experimentellen Pop-Musik hinsichtlich Trance, Ambient, Noise, Industrial-Drone und abstrakter Electronica in naher und ferner Zukunft, von einer Achtziger-Jahre-Warte aus betrachtet, fürderhin noch alles möglich sein sollte.
(**** ½ – *****)

EMA + Dubais @ Kranhalle, München, 2017-09-27

Großartige Ladies-Night am vergangenen Mittwochabend in der Münchner Feierwerk-Kranhalle. Dabei ließen im Vorfeld zur Einstimmung auf den Abend abgerufene Videos der im Support-Programm auftretenden „Arabfuturist/Lo-fi Bedroom Pop/Dark-Disco“-Performerin Nadia Buyse aka Dubais Schlimmes an belanglosem Elektro-Pop-Gedöns vermuten, Erinnerungen wurden wach an Konzertabend-Standards vor etlichen Dekaden, als es an der Tagesordnung war, dass erst das Horror-Programm im Vorfeld überstanden werden musste, bevor man zum angenehmen Teil der Veranstaltung vordrang – doch Gottlob in dem Fall weit gefehlt. Die extrovertiert offensiv aufs Publikum zugehende Musikerin, die kosmopolitisch ihre Heimathäfen mit Berlin, Portland und Antwerpen benennt, gab zum Einstieg ein paar simple wie zupackende Folk-Songs zur E-Gitarre zum Besten, ließ sich zwischenzeitlich von EMA-Drummerin Susan begleiten und bestritt den Großteil des bizarren Auftritts dann Laptop-gestützt mit eingespieltem, groovendem Synthie-Pop-Playback formvollendet und Rampen-sauend als stimmlich groß auftrumpfende Disco-Soul-Queen, eine das Grinsen ins Gesicht treibende Aufführung so schräg wie unterhaltend, in der Form sowohl in den Grusel-Achtzigern in den Diskotheken jedes oberbayerischen (or elsewhere) Brunzkaffs wie auch als bereichernde Beigabe der cineastischen Auswüchse des Surrealisten-Maniacs David Lynch denkbar, circa „Blue Velvet“-Phase, befremdliche Dubais-Textpassagen wie „I don´t want to die alone so I´m gonna kill you when you sleep“ untermauerten letztere Einschätzung nachhaltig. Großer, schwer angeschrägter Entertainment-Sport, jedwede Befürchtung hinsichtlich Vorprogramm-Qualen in Luft auflösend.
(**** ½)

South-Dakota-Songwriterin/Gitarristin Erika M. Anderson/EMA, am Mittwoch-Abend exzellent unterstützt von der eingangs erwähnten Drummerin Susan und einem jungen, hochtalentierten Mann an Bass, Keyboard und elektrischer Violine, drehte das Intensitätslevel dann nochmal um einige Einheiten nach oben. Den Kontakt zum Konzertgänger-Volk von Beginn an suchend, ließ die einnehmende Musikerin ein paar abfällige wie willkommene Worte über den ein paar hundert Meter weiter stattfindenden Oktoberfest-Volksrausch und den Grenzdebilen im Oval Office fallen, selbstredend weitaus mehr noch glänzte das Trio im konzertanten Vortrag, die sozialkritischen Titel ihrer aktuellen Veröffentlichung „Exile In the Outer Ring“, die sich explizit mit dem aktuellen, heiklen Zustand ihrer US-Heimat auseinander setzen, präsentierte das Trio weitestgehend um jegliche Electronica entschlackt und ließ Gustostücke wie „I Wanna Destroy“ oder „Fire Water Air LSD“ im alternativen, dunklen, betörenden, in den Gitarren-Parts schwer krachenden Indie-Rock/Pop-Gewand glänzen, in den entschleunigten Passagen beeindruckten vor allem die selbst einem John Cale zur Ehre gereichenden Drone-Folk-Violinen-Fertigkeiten des Mitmusikers. Der Noise-Folk des 2011er-Tonträgers „Past Life Martyred Saints“ sollte an diesem Abend auch zu seinem Recht kommen, herausragende Nummer aus dieser Sammlung war zu der Gelegenheit die damals wie heute unvermindert bestechende Singles-Auskopplung „California“. EMA, passenderweise in Boxer-Shorts gewandet, gab sich dominierend im kontrolliert wütenden Angriffsmodus, nur um zu dezenteren, epischeren Slowcore-Klängen als sensible Songwriterin zu überraschen, eine Offenbarung an weitgefächerten Bühnentalenten.
Im Zugabenteil kramte Erika Anderson tief in der eigenen Vergangenheit und präsentierte die um jegliches Experimentelle entschlackte Nummer „Cherylee“ aus dem Fundus ihrer ehemaligen Drone-Folk-Band Gowns als erschütternde, herzergreifende Ballade im Solovortrag, um im Nachgang dann final den als viel zu kurz empfundenen Auftritt mit ihrer Band zu einem vehement-lärmenden Ende zu bringen.
Man vergaß ob der völligen Gefangennahme durch den intensiven Vortrag der jungen Amerikanerin und ihrer exzellenten Begleiter selbst die Erkundigung nach zwischenzeitlichen Spielständen im fernen Paris, umso erfreulicher im Nachgang dann das Vernehmen der 0:3-Abfuhr für den von Vorbestraften geführten Münchner Seitenstraßen-Bolzklub beim CL-Liga-Krösus PSG, die Abrundung für einen sowieso schon über die Maßen konvenierenden Abend – Geld schießt Tore, wussten Sie das schon, Herr Steuerhinterzieher? ;-)))) – im Indie-Rock hingegen, da befeuert das Leben auf schmalem Fuß und der Tanz am Abgrund prekärer Umstände den kreativen Forschungsdrang, wie EMA-Konzerte und -Tonträger eindrucksvoll unter Beweis stellen.
(***** ½)

Soundtrack des Tages (172): LEBENdIGITAL

„Gegen einen LKW kommt keiner an – Goodbye Joe, ich bin froh, dass wir Dich hatten!“
(Charles Bukowski)

Zu den Fragen der Zeit: Die Wuppertaler Musiker Jochen Rausch und Detlev Cramer haben unter dem Projektnamen LEBENdIGITAL 2005 auf dem nach wie vor sehr hörenswerten Album „FAUSERTRACKS“ (Random House Audio) Gedichte und Texte des vor 30 Jahren verunglückten Underground-Literaten, Poeten und Journalisten Jörg Fauser vertont, die Spoken-Word-Beiträge stammen vom Autor selbst. Rausch und Cremer waren in den Achtzigern in der deutschen Elektro- und Synthie-Pop-Szene unter dem Bandnamen Stahlnetz aktiv. Jörg Fauser wäre heute 73 Jahre alt geworden.