Elektronik

Reingehört (341): Alan Vega, Martin Rev

Alan Vega – IT (2017, Fader / Saturn Strip / Caroline)

„The fools made the rules, it’s all german engineer“ – Der Mann hatte den Durchblick, bis zum Schluss. Protopunk-Legende Alan Vega ist vor gut einem Jahr im gesegneten Alter von 78 Lenzen zur letzten Reise aufgebrochen, davor hat er in seinen letzten Jahren zusammen mit seiner Partnerin Liz Lamere sein finales Statement „IT“ eingespielt, in gewohnter Manier schont er mit dem posthum veröffentlichten Album weder sich noch die Zuhörerschaft, begleitet von beinhartem Industrial-/Synthie-Drone und höchst anregendem Minimal-Electro-Trance schwadroniert die New Yorker Kultfigur in völliger Realitätsverhaftung und Souveränität über das anstehende, eigene Ableben („DTM – Dead To Me“), den täglichen Irrsinn der Welt, den er zum Zeitpunkt der Aufnahmen absehbar bald hinter sich lassen wird („It’s days and night of pure evil“), und das Lebewohl auf die eigene Punk-Vergangenheit mit Suicide-Langzeit-Duettpartner Martin Rev, inspiriert vom Clash-of-Cultures- und Religions-verbrämten globalen Chaos dieser Tage wie durch lange nächtliche Spaziergänge durch das heimatliche New York. „Do not go gentle into that good night“, der Dylan-Thomas-Maxime verpflichtet, lebt Vega seinen Sarkasmus und seine abgeklärt-aggressive Wut auf diesem finalen Tonträger bis zum Anschlag aus, lässt den schmerzhaften Wahrheiten in einer Mantra-artigen Mixtur aus repetitivem Nihilismus und ungebremster Energie freien Lauf und demonstriert so ein letztes Mal, welchen Ausnahmekünstler die experimentelle Musikwelt im vergangenen Jahr mit ihm verloren hat. Beim Ableben von Leonard Cohen haben sich die Nachruf-Schreiber geradezu überschlagen, welch würdigen Abgesang der kanadische Song-Poet höchstselbst mit seinem „You Want It Darker“-Album lieferte, für Alan Vega trifft das hinsichtlich „IT“ nicht minder zu. Schade, dass der Meister das über die Maßen unterhaltsame Irrlichtern des Psychopathen im Oval Office nicht mehr mitkriegt, es hätte thematisch perfekt für eine Fortsetzung getaugt…
(**** ½ – *****)

Martin Rev – Demolition 9 (2017, Atlas Realisations)

Alan Vegas langjähriger Suicide-Kollaborateur Martin Rev sendet solistisch nach vielen Jahren der Funkstille mit „Demolition 9“ ein Lebenszeichen – der Legionen von nachfolgenden Industrial-, Experimental-, Techno-, Noise- und Ambient-Künstlern prägende New Yorker Ausnahme-Musiker unterstreicht auf dem aktuellen Werk in 34 Stücken seine breit gefächerten, ausgeprägten kompositorischen Fertigkeiten, in faszinierenden Miniaturen oft unter einer Minute Laufzeit steckt Rev ein weites Feld ab an heterogenen Sounds und Songs zwischen Requiem-artiger Chor-Klassik, Synthie-lastigen Abstrakt-Drones, minimalistischen Jazz-, Trash- und Rock’n’Roll-Übungen, tanzbarem Elektro-Experimental-Postpunk, Piano-Instrumentals, Filmmusik-tauglicher Sinfonie-Opulenz und Kontemplations-fördernden Ambient-Meditationen, ein spannendes wie erratisches und verwirrendes Werk, das aufgrund der breit gefächerten stilistischen Mixtur und der fehlenden, ausbaufähigen Entwicklung der einzelnen Stücke wiederholte Male ins völlig konzeptlose Nirvana abzudriften droht und sich doch immer wieder zwischen brachialem Industrial-Noise und schöner Melodik in die Spur kriegt, gleichwohl in seiner unkonventionellen, jegliche Rahmen sprengenden und sich nicht um Genres scherenden Vielfalt vor Ideen geradezu berstet und die Hörerschaft hinsichtlich Toleranz und Konzentration intensivst fordert. Ist ungefähr wie gleichzeitiges, sprunghaftes Bibel-, Ulysses-, Karl-May-, Zeitung- und Comic-Lesen. Und nebenher noch in die Glotze lunzen.
(****)

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Reingehört (239): Duchess Says

ZECHE ZOLLVEREIN ESSEN (6)

Duchess Says – Sciences Nouvelles (2016, Slovenly Recordings)
Die Band aus Montreal bezeichnet ihren Indie-Elektropunk selbst als „Moog Rock“, die mal überschwängliche, mal Gothic-düstere und mitunter auch tanzbare Postpunk-Nummer zitiert mit ihren klirrenden Achtziger-Keyboards den Science-Fiction-New-Wave jener Zeit im Geiste der B-52s und die heftigen Orgelattacken von Pionieren des Genres wie den kalifornischen Tuxedomoon. Der fordernde, offensive, hallende, ins Schrille neigende Gesang von Annie-Claude Deschênes und die kratzenden Gitarren im Rahmen des tendenziell deformierten Klangbilds des Quartetts tun ihr Übriges zur Verstärkung des Retro-Eindrucks, der Tonträger bietet kaum Neues, das Hergebrachte aber immerhin flott aufgepeppt, der auch schon nicht mehr taufrische Riot-Grrrl-Ansatz mag da noch den aktuellsten Bezug zur Pop-Historie repräsentieren.
(****)

frameless09: Hildur Guðnadóttir, Tarquin Manek, Scott Morrison @ Einstein Kultur, München, 2016-10-06

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Die neunte Ausgabe der frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter startete am vergangenen Donnerstag mit einer unkonventionellen Aufführung des jungen Australiers Tarquin Manek, der seinen experimentellen Musik-Ansatz in eigenen Worten als „somewhere between folk-tale and science fiction“ beschreibt, in Anlehnung an den Dadaismus eröffnete Manek seinen Vortrag in Grenzen der Musik auslotender Manier durch Erzeugen von Klanggeräuschen, die er durch dezentes Klopfen von Salzgebäck gegen einen Metall-Bügel, Schaben von Gegenständen am Mikrophon oder etwas so Alltäglichem wie Zähneputzen erzeugte.
Im weiteren Verlauf trieb der Australier seine Performance radikal durch Punk-artiges Wälzen am Boden und Minuten-langes, Hunde-artiges, Nerven-zehrendes Jaulen auf die Spitze, unvermittelt gelang ihm der Schwenk in tonalere Gefilde mit einem wunderbaren A-Capella-Vortrag, der sich über Loops zum Kanon auswuchs, und einem bezwingenden Abgang in Form einer Mixtur aus hartem, pochendem, kaltem Elektro-Rhythmen und feinem Synthie-/Digital-Dub/Pop in Anlehnung an frühe Depeche Mode, Cabaret Voltaire oder die Singles der Industrial-Pioniere Throbbing Gristle.
Der/die ein oder andere mochte von Passagen des Auftritts befremdet gewesen sein, die Spannung konnte man diesem Wanderen zwischen atonalen Ausbrüchen und purer Pop-Schönheit kaum absprechen.
(**** – **** ½)

Die isländische Cellistin Hildur Guðnadóttir musste bei ihrem frameless-Auftritt zu Beginn mit den Unbilden der Technik kämpfen, mit tiefenentspannter Engelsgeduld nahm sie den Umstand hin, dass das angedachte Zusammenwirken zwischen digitaler Technik und ihrem „6 string fretted cello“ eingangs nicht funktionieren mochte, der spartanischen Klarheit ihres ätherischen Vokalvortrags, der in uralte Zeiten und die karge Natur-Mystik der nordischen Landschaft entführte, tat dies keinen Abbruch, im weiteren Verlauf des Konzerts mochte sich auch die Technik zur Kooperation bequemen und so konnte Guðnadóttir auch im Zusammenspiel von Streichintrument und Elektronik den Glanz ihrer Eigenkompositionen entfallten, die instrumentalen Werke bestachen durch stilistisch stimmigen Versatz aus isländischer Folklore, Kammermusik-artiger Neo-Klassik, dezent-behutsamen Elektronik-Loops und repetitiver Minimal-Music, die sich auf Augenhöhe der Kompositionen von Größen des Genres wie Philip Glass oder John Adams präsentierten. Hildur Guðnadóttir erwies sich einmal mehr als sattelfeste Grenzgängerin zwischen den Experimental-Welten, wie sie es bereits auf ihren eigenen Arbeiten und in der Kooperation mit so verschiedenen Vertretern der musikalischen Avantgarde wie Hauschka, Throbbing Gristle, Múm, Ben Frost, Jóhann Jóhannsson oder Sunn O))) unter Beweis stellte.
(**** – **** ½)

Fester Bestandteil jeder frameless-Veranstaltung ist die Präsentation einer Videoinstallation, am Donnerstag Abend zeigten die Veranstalter Karin Zwack und Daniel Bürkner Werke des australischen Medienkünstlers Scott Morrison, in denen er Naturbilder seiner Heimat mit digitalen Verfremdungen bearbeitete. Zu sehen war auch die Arbeit „tension sketch 3“, die eine idealisierte Landschaftsaufnahme im Kontrast zu Aussagen des namesgleichen australischen Politikers Morrison im Untertitel stellt, der Minister für Immigration und Grenzschutz ist für seine restriktive, abweisende Flüchtlingspolitik bekannt. Die Videoarbeit mit Karaoke-Spur zeigte: Landschaft gewinnt im Kontext der Globalisierung eine politische Bedeutung, sie wird zum angestrebten Lebens-/Schutzraum.

frameless10 findet am 16. November 2016 statt, wie immer bei freiem Eintritt im Einstein Kultur. Auftreten werden die japanische Band goat(JP), die Minimal Techno ohne Elektronik spielt, und der britische Home-Normal-Labelbetreiber Ian Hawgood, der im Bereich der elektronischen Avantgarde musiziert. Boris Labbé aus Frankreich wird im Nebenraum seine Videoarbeit „Kyrielle“ zeigen, in der er handgefertigte Aquarelle digitalisiert.

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