Elektronische Musik

Reingehört (353): bvdub

bvdub – Heartless (2017, n5MD)

Hochinteressanter Klangkunst-Experimentierer von der US-Westcoast: Brock Van Wey ist musikalisch in der Spät-Achtziger-Rave-Szene der San Francisco Bay Area verwurzelt, als DJ und Musiker hat er in vergangenen Dekaden seine Deep-House- und Ambient-Arbeiten in Kalifornien zu Gehör gebracht, 2001 ist er für 10 Jahre ins selbst gewählte Exil nach China gegangen, wo er mit der Veröffentlichung seiner diversen Tondichtungen und Electronica-Genres startete, im Bereich Ambient als bvdub wie unter seinem eigenen Namen, Deep House als Earth House Hold und Drum & Bass unter dem Projektnamen East Of Oceans.
Zurück in seiner Heimat, veröffentlicht er in den kommenden Wochen sein Album „Heartland“ beim ortsnahen Experimental-/Indie-Label n5MD in Oakland unter dem Pseudonym bvdub, im Übrigen die erste Volle-Länge-Vinylpressung seit Bestehen der Plattenfirma.
Für Brock Van Wey hingegen ist es bereits die 29. bvdub-Arbeit, davon etliches im Eigenvertrieb und zum Teil ausschließlich digital veröffentlicht. Auf „Heartless“ lässt er laut Labelinfo die Konzepte und Erfahrungen zahlreicher Live-Auftritte aus den vergangenen Jahren einfließen, die sich irgendwann verselbstständigten, ein Eigenleben entwickelten und sich so zu einem großartigen Ambient-Monolithen auswuchsen.
In acht ausgedehnten Sound-Entwürfen zwischen 6 und 12 Minuten nimmt sich Van Wey die nötige Zeit, um in entspannter, nahezu kontemplativer Ruhe wunderschöne, sphärische Ambient-Klanglandschaften zu komponieren, erhabene und getragene Soundtracks für klare und unberührte Winterlandschaften, in den dunkleren, mystischeren Ausprägungen Bilder des unwirtlichen Nordens hinter der „Game Of Thrones“-Mauer assoziierend, in den helleren Klangfarben Erinnerungen an Sonnen-durchflutete, Schnee-bedeckte Wälder und unberührte Natur weckend.
Glasklare Minimal-Music-Piano-Mediationen erheben sich wiederholt aus dem sphärischen Rauschen und halten so gekonnt die Balance zwischen greifbaren Instrumental-Strukturen und sanftem, abstraktem Wohlklang-Drone. Engelsgleiche Sangeskunst ist in diesem atmosphärischen Flow oft nur andeutungsweise wie durch dichten, verhallten Nebel vernehmbar, der entspannt-dunkle Grundton von „Limitless“ etwa wird durch dezente, aus dem Off erklingende Soul-Hymnen bereichert, die sich den Weg ins Ohr durch die gesampelten Schichten zu bahnen versuchen. Die Kunst liegt in der Reduktion, wie bereits die konzeptionelle Titelgebung andeutet – „Painless“, „Dreamless“, „Sleepless“, irgendwas fehlt – wie im richtigen Leben – immer, aber das tut in diesem Fall der Eindringlichkeit der meditativen Klangskulpturen keinen Abbruch – „But with ‚Heartless‘ this is only your introduction – easing you in before plunging to the deep end“.
„Heartless“ erscheint am 15. September beim kalifornischen n5MD-Label.
(*****)

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Reingehört (347): Ben Frost

Ben Frost – Threshold Of Faith EP (2017, Mute)

In Australien geboren, in Reykjavík ansässig, in den Grenzbereichen der experimentellen Musik beheimatet: Der Komponist und Musiker Ben Frost, hier bereits mit seiner exzellenten, in jeder Hinsicht rabenschwarzen Aufführung beim 2016er Münchner Frameworks-Festival sowie seiner letztjährigen Opern-Vertonung des Iain-Banks-Romans „The Wasp Factory“ bepriesen, hat sich mit dem Chicagoer Noise-Gott Steve Albini eine geistesverwandte Seele an seine Seite geholt und mit „Threshold Of Faith“ ein knapp halbstündiges, gewaltiges Brachial-Krach-/Elektro-Ambient-Epos produziert.
Abstrakte Instrumental-Drones, Samples, Verzerrungen, weißes Rauschen und pochende Finsterklänge lassen mystische Klanglandschaften zwischen artifizieller Schönheit und verstörender Beklemmung entstehen, im kristallklaren Flow im einen und Black-Metal-/Industrial-artiger Elektro-Atonalität im nächsten Moment, scheinbar sich verselbstständigende Synthies und Bass-lastige, schwergewichtige Elektrobeats beschwören Assoziationen an kalte, unwirtliche, menschenleere isländische Schnee- und Eisfelder vor dem inneren Auge herauf. Trotz düsterer Grundstimmung etwas mehr Licht und sporadisch freundlichere Klangfarben als in den letzten Begegnungen mit Meister Ben, immerhin. Hinsichtlich kunstvoll inszeniertem Lärm, tonalem Wahnsinn und vor nichts zurückschreckender Auslotung der klanglichen Möglichkeiten trifft für die Kombi Frost/Albini das alte bayerische Sprichwort voll ins Schwarze: „Die hätten die Tauben nicht schöner zusammentragen können“ – darauf 2 cl Black Death… ;-)))
(**** 1/2)

Reingehört (345): John Matthias & Jay Auborn

John Matthias & Jay Auborn – Race To Zero (2017, Village Green)

Geistesmenschen unter sich: Der britische Komponist und Musiker John Matthias promovierte im Parallel-Leben in theoretischer Physik und bekleidet die Position einer Professur für „Akustische Kunst“ an der Universität im südenglischen Plymouth, sein Landsmann und Komponisten-Kollege Jay Auborn hat sich bereits als akustischer Beschaller von Gerhard-Richter-Kunstausstellungen und dem Film „Broadmead“ des Radiohead-Spezis Stanley Donwood hervorgetan.
Auf „Race To Zero“ lassen die beiden Experimental-Musiker ihre Erfahrungen, Arbeitsansätze und Fertigkeiten aufeinanderprallen und schaffen so in unkonventioneller Herangehensweise einen berauschenden und sich permanent ausdehnenden Klangkosmos. Das in einer alten Kapelle in Devon und in einem isländischen Studio eingespielte Material wurde in vielen gemeinsamen Sitzungen digital seziert, nachbearbeitet, neu arrangiert, mit zahllosen Klangbeigaben bereichert und akustischen Fallstricken versehen. Herausgekommen ist ein wilder Ritt durch explodierende Instrumental-Klangfarben, von treibendem Piano-/Keyboard-Anschlag und -Wohlklang dominiert, schwer fassbar beim ersten (und auch weiteren) Hören vollumfänglich zu (be)greifen und einzuordnen, zuforderst bedingt durch eine überbordende Stil-Vielfalt, die sich von Folk-Zitaten über elektronischen Postrock, Dubstep, Trance und Electronica-Space-Drone bis hin zu neoklassischen Kompositions-Entwürfen der Minimal Music erstreckt, und die sich vehement einer eindeutigen oder auch nur annähernden, tendenziellen Kategorisierung widersetzt, oft mehr ein Neben- als Miteinander der Melodik und Rhythmik.
Ab und an mit einigen Spuren zuviel an klanglichem Zuckerguss und virtueller Digitalisierungs-Künstlichkeit versehen, immer aber ein eindringliches Hörerlebnis, ein Rausch für die Sinne, oft im oberen Intensitäts-Level agierend.
Geistiges/(a)tonales Onanieren hat bei weitem schon mal wesentlich weniger Freude bereitet – Jerome „Bronn“ Flynn würde an der Stelle wahrscheinlich sein Schwert zücken und ein beherzt-verächtliches „Miles Fuckin‘ Davis!!!“ in die Runde schmeißen…
(**** – **** ½)