English Folk

Soundtrack des Tages (186): Richard Thompson

Englischer Folkrock par excellence: „Calvary Cross“ von Richard Thompson. Das Original des Songs findet sich auf dem hochgelobten Album „I Want To See The Bright Light Tonight“, dass der Londoner Songwriter, Gitarren-Virtuose und ex-Fairport-Convention-Musiker mit seiner damaligen Frau Linda Thompson im April 1974 veröffentlichte. Die wesentlich längere und mit Abstand beste Version der Nummer ist auf der Richard-Thompson-Compilation „(guitar, vocal)“ enthalten sowie auf den beiden hinsichtlich Titelauswahl identischen Best-Of-Sammlungen „The End Of The Rainbow: An Introduction To Richard & Linda Thompson“ und „The Best Of Richard & Linda Thompson: The Island Record Years“, live aufgenommen bei einem Konzert im Oxford Polytechnic im November 1975.

Reingehört (325): Kronos Quartet

Kronos Quartet – Folk Songs (2017, Nonesuch)

Die Streicher vom kalifornischen Kronos Quartet liefern seit weit über vierzig Jahren herausragende Arbeiten aus der weiten Welt der Avantgarde und der Neo-Klassik, ob in der Vertonung von Ginsberg-Gedichten, eigenwilligen Hendrix- und Monk-Interpretationen, in der Umsetzung afrikanischer Tondichtungen oder der Einspielung umfangreicherer Arbeiten von zeitgenössischen Komponisten wie Philip Glass, Steve Reich, Terry Riley, George Crumb oder Henryk Górecki, wo Kronos draufsteht, ist regelmäßig außergewöhnliche Qualität drin.
So nicht anders im jüngsten Werk der experimentierfreudigen Formation, auf „Folk Songs“ nähern sich die Musiker unter Mithilfe diverser Gäste traditionellem folkloristischem Liedgut aus dem angelsächsisch-gälischen Kulturraum, in einer Bandbreite zwischen leichtfüßiger Verspieltheit und schwerer, düsterer Dramatik, zwischen süßlichem Geigen-Schmeicheln und melancholisch-elegischem Cello-Dröhnen stellt das Quartett einmal mehr seine herausragenden Fertigkeiten am Streich-Instrumentarium unter Beweis, als begleitende Vokalkünstler beeindrucken die englische Folk-Sängerin Olivia Chaney, der US-Barde Sam Amidon, die Bluegrass-Musikerin Rhiannon Giddens und die ausgewiesene Indie-Folk-Expertin, Trump-Gegnerin, Songwriterin und ehemalige 10.000-Maniacs-Frontfrau Natalie Merchant, deren beide beseelten Interpretationen – die Klage aus dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg „Johnny Has Gone For A Soldier“ und die englischen Ballade „The Butcher’s Boy“ – besonders herauszuheben sind aus diesem rundum gelungenen Werk.
Schwere Empfehlung vor allem auch für die Verehrerinnen und Verehrer des traditionell beeinflussten nordenglischen Folk-Ansatzes der Unthanks-Schwestern, die dieser Tage – wie passend – auch ein neues Album mit Neuinterpretationen von Songs und Vertonungen von Gedichten von Molly Drake, der Mutter von Nick Drake, am Start haben. Besprechung folgt (vielleicht ;-)).
(**** ½ – *****)

Reingehört (304): Geir Sundstøl, Alasdair Roberts, John Craigie, Sean Rowe, Nadia Reid

Geir Sundstøl – Langen ro (2016, Hubro)

Obwohl seit über zwanzig Jahren im Geschäft, ist „Langen ro“ erst das zweite Album nach dem 2015er-Debüt „Furulund“ unter eigenem Namen des norwegischen Session-Gitarristen Geir Sundstøl, eine ruhig fließende, tiefenentspannte, umwerfend schöne Sammlung von Instrumental-Arbeiten im weiten Spannungsfeld von Ambient-Postfolk, Electronica, Minimal Music im Geiste von Steve Reich und John Adams, freien, an den Free Jazz angelehnten Improvisationen und artifiziellem Slide-Gitarren-/Sitar-Trance-Blues. Von den Begleitern auf dieser anregenden Klangreise dürfte zumindest der Keyboarder David Wallumrød der geneigten Hörerschaft bekannt sein. Die vielschichtige, grazile Arbeit, die wiederholte Male auch an getragene Filmmusiken erinnert, ist beim norwegischen Hubro-Label erschienen, der Firmen-Stempel mit der Eule allein ist ein verlässlicher Garant für die Erfüllung höchster Hörer-Ansprüche.
(*****)

Alasdair Roberts – Pangs (2017, Drag City)

Der Schotte Alasdair Roberts hat in vergangenen Zeiten unter dem Band-/Projekt-Namen Appendix Out musiziert, unter anderem mit Label-Kollegen wie Will Oldham und Jason Molina und seiner Landsmännin (oder heißt das politisch korrekt in dem Fall Landsfrauin??) Isobel Campbell kollaboriert, auf seinem aktuellen Album hält er eine gelungene Balance zwischen Alt und Neu, zwischen frei fließendem, zeitlosem Indie-Folk, beschwingten Folk-Rock-Rhythmen und der Jahrhunderte-alten kaledonisch-gälischen Musiktradition seiner Heimat. Die filigrane Instrumentierung und der mit charakteristischem Akzent gefärbte Minnesang entwickeln einen ureigenen Sog, der die Hörerschaft in Torfstecher-Gegenden und nebelverhangenes Hochland entführt, Steigerung des Durstes nach einem ordentlichen Schluck Single Malt inklusive… sehr ordentliche Arbeit zur Traditionspflege des British Folk im modernen Gewand.
(**** ½)

John Craigie – No Rain, No Rose (2017, Zabriskie Point Records)

Portland-Folker John Craigie hat eine handvoll befreundeter lokaler MusikerInnen in seine alte viktorianische Behausung zum gemeinsamen Aufspielen eingeladen, die Sessions finden sich auf diesem feinen Tondokument wieder, das sich aus einer stimmigen Mixtur aus beherzter Alternative-Country-Americana, New-Orleans-Cajun-Zitaten und traditionellem, virtuosem Bluegrass speist, inklusive ausgedehntem, ungeschnittenem Gefeixe der Vortragenden zwischen den Stücken, in relaxter Atmosphäre im Stile der berühmten „Will The Circle Be Unbroken“-Aufnahmen der Nitty Gritty Dirt Band und ihrer zahlreichen prominenten Begleiter. Neben Eigenkompositionen Craigies im Akustik- und Slide-Gitarren-, Banjo- und Fiddle-Vortrag findet sich auch eine wunderbar entspannte, staubige Holzveranda-Version des Stones-Klassikers „Tumbling Dice“. Schmeichelt sich gut in den Gehörgang, dieses unkomplizierte Bardentreffen.
(**** ½)

Sean Rowe – New Lore (2017, Anti- / Epitaph)

Der naturverbundene Rauschebart Sean Rowe aus dem Staate New York beeindruckt mit Bariton-lastiger, tief-voluminöser, raumgreifender Sangeskunst, versiertem Fingerpicking auf der Wandergitarre und ordentlichem Indie-Folk-Songwriter-Handwerk, gepaart mit einer unverkennbaren Liebe zu Sixties-Soul, Gospel und R&B, vor allem die reduzierten, nachdenklichen Balladen entfalten auf „New Lore“ ihren ureigenen Charme. In den opulenteren Folk-Rockern schielt der Naturbursche wiederholte Male mehr als nur dezent in Richtung Mainstream, das hätte nicht Not getan, der punktuelle Hang zur Überproduktion und zum zuviel Hineinpacken an melodischen Reizen lässt nicht uneingeschränkt in Begeisterungsstürme ausbrechen, eigentlich schade, da wäre mit weniger Zutaten weitaus mehr drin gewesen…
(****)

Nadia Reid – Preservation (2017, Basin Rock)

„Du bist so schön wie die Blume auf der Wiese, und so langweilig wie diese“ hat der Kommilitone mal vor vielen Monden der Kommilitonin als Ansage vor den Latz geknallt, der Spruch passt wie A… auf Eimer in Bezug auf das Zweitwerk der jungen neuseeländischen Indie-Folk-Songwriterin Nadia Reid. Die wunderbare Singstimme der talentierten Dame vermag auf Dauer das Gähnen ob der im ewigen Gleichklang versinkenden Balladen-Kunst nicht aus dem Antlitz zu vertreiben, auch einige wenige, im Tempo etwas flotter galoppierende, luftig-leichtgewichtigere Tondichtungen lassen nicht in die allgemeinen, allerorts angestimmten Jubel-Arien über dieses letztendlich doch sehr durchschnittliche Geplätscher einstimmen.
(***)