Erika Michelle Anderson

Reingehört (424): EMA

EMA – Outtakes From Exile EP (2018, City Slang)

Seit ihrer herausragenden Konzertreise im letzten Herbst fressen wir ihr sowieso aus der Hand, da verstummt in dem Fall dann auch gleich wieder das in misanthropischen Hintergedanken aufkeimende Gemotze von wegen „den Konsumenten das Geld aus der Tasche ziehen, hätte man bzw. Frau ja auch gleich im ersten Wurf mitliefern können, das Zeug“, aber bevor es jahrelang in irgendwelchen Archiven vor sich hin gammelt, kommt es im Zweifel dann doch lieber gleich ans Tageslicht, das fürs Erste liegengelassene Material aus den Aufnahme-Sessions zum letzten, überaus genehmen EMA-Tonträger „Exile In The Outer Ring“ aus dem vergangenen Jahr.
Erika Michelle Anderson hängt auf den Outtakes weiter konzeptionell – wie in dem Kontext kaum anders zu erwarten – ihren Gedanken über das Leben in den amerikanischen Suburbs nach, im geistigen wie realen Prekariats-Niemandsland zwischen weitläufiger Prärie und den teuren Innenstädten der US-Metropolen, inhaltlich/im Sanges-Vortrag zwischen unterschwelligem, forderndem Zorn und heiserer, resignierter Agonie zu gesellschaftlichen und weltpolitischen Themen wie Armut im Industriestaat, sozialen Handicaps bei der Job-Vergabe und der weltweiten atomaren Bedrohung Stellung nehmend, von dunkel funkelnden Synthie-/Elektro-/Indie-Pop-Sounds, hypnotischen Loops und maschinellen Beats umspült.
Allein die alternative Instrumental-Version von „Breathalyzer“ in der zweiten Hälfte des Tonträgers lohnt die Anschaffungskosten und verdrängt letztendlich die böswilligen Unterstellungen über fragwürdige Geschäftspraktiken/Release-Politik, der zwanzig-minütige Elektro-Noise-/Trance-Drone-Trip, den die Herren Vega und Rev zu ihren besten Suicide-Tagen schwer vermutlich auch kaum besser hinbekommen hätten, bläst die Resteverwertung dann doch zum Volle-Länge-Werk im unteren Laufzeiten-Bereich auf und damit wollen wir der Nummer dann auch unseren Segen geben.
(**** ½)

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EMA + Dubais @ Kranhalle, München, 2017-09-27

Großartige Ladies-Night am vergangenen Mittwochabend in der Münchner Feierwerk-Kranhalle. Dabei ließen im Vorfeld zur Einstimmung auf den Abend abgerufene Videos der im Support-Programm auftretenden „Arabfuturist/Lo-fi Bedroom Pop/Dark-Disco“-Performerin Nadia Buyse aka Dubais Schlimmes an belanglosem Elektro-Pop-Gedöns vermuten, Erinnerungen wurden wach an Konzertabend-Standards vor etlichen Dekaden, als es an der Tagesordnung war, dass erst das Horror-Programm im Vorfeld überstanden werden musste, bevor man zum angenehmen Teil der Veranstaltung vordrang – doch Gottlob in dem Fall weit gefehlt. Die extrovertiert offensiv aufs Publikum zugehende Musikerin, die kosmopolitisch ihre Heimathäfen mit Berlin, Portland und Antwerpen benennt, gab zum Einstieg ein paar simple wie zupackende Folk-Songs zur E-Gitarre zum Besten, ließ sich zwischenzeitlich von EMA-Drummerin Susan begleiten und bestritt den Großteil des bizarren Auftritts dann Laptop-gestützt mit eingespieltem, groovendem Synthie-Pop-Playback formvollendet und Rampen-sauend als stimmlich groß auftrumpfende Disco-Soul-Queen, eine das Grinsen ins Gesicht treibende Aufführung so schräg wie unterhaltend, in der Form sowohl in den Grusel-Achtzigern in den Diskotheken jedes oberbayerischen (or elsewhere) Brunzkaffs wie auch als bereichernde Beigabe der cineastischen Auswüchse des Surrealisten-Maniacs David Lynch denkbar, circa „Blue Velvet“-Phase, befremdliche Dubais-Textpassagen wie „I don´t want to die alone so I´m gonna kill you when you sleep“ untermauerten letztere Einschätzung nachhaltig. Großer, schwer angeschrägter Entertainment-Sport, jedwede Befürchtung hinsichtlich Vorprogramm-Qualen in Luft auflösend.
(**** ½)

South-Dakota-Songwriterin/Gitarristin Erika M. Anderson/EMA, am Mittwoch-Abend exzellent unterstützt von der eingangs erwähnten Drummerin Susan und einem jungen, hochtalentierten Mann an Bass, Keyboard und elektrischer Violine, drehte das Intensitätslevel dann nochmal um einige Einheiten nach oben. Den Kontakt zum Konzertgänger-Volk von Beginn an suchend, ließ die einnehmende Musikerin ein paar abfällige wie willkommene Worte über den ein paar hundert Meter weiter stattfindenden Oktoberfest-Volksrausch und den Grenzdebilen im Oval Office fallen, selbstredend weitaus mehr noch glänzte das Trio im konzertanten Vortrag, die sozialkritischen Titel ihrer aktuellen Veröffentlichung „Exile In the Outer Ring“, die sich explizit mit dem aktuellen, heiklen Zustand ihrer US-Heimat auseinander setzen, präsentierte das Trio weitestgehend um jegliche Electronica entschlackt und ließ Gustostücke wie „I Wanna Destroy“ oder „Fire Water Air LSD“ im alternativen, dunklen, betörenden, in den Gitarren-Parts schwer krachenden Indie-Rock/Pop-Gewand glänzen, in den entschleunigten Passagen beeindruckten vor allem die selbst einem John Cale zur Ehre gereichenden Drone-Folk-Violinen-Fertigkeiten des Mitmusikers. Der Noise-Folk des 2011er-Tonträgers „Past Life Martyred Saints“ sollte an diesem Abend auch zu seinem Recht kommen, herausragende Nummer aus dieser Sammlung war zu der Gelegenheit die damals wie heute unvermindert bestechende Singles-Auskopplung „California“. EMA, passenderweise in Boxer-Shorts gewandet, gab sich dominierend im kontrolliert wütenden Angriffsmodus, nur um zu dezenteren, epischeren Slowcore-Klängen als sensible Songwriterin zu überraschen, eine Offenbarung an weitgefächerten Bühnentalenten.
Im Zugabenteil kramte Erika Anderson tief in der eigenen Vergangenheit und präsentierte die um jegliches Experimentelle entschlackte Nummer „Cherylee“ aus dem Fundus ihrer ehemaligen Drone-Folk-Band Gowns als erschütternde, herzergreifende Ballade im Solovortrag, um im Nachgang dann final den als viel zu kurz empfundenen Auftritt mit ihrer Band zu einem vehement-lärmenden Ende zu bringen.
Man vergaß ob der völligen Gefangennahme durch den intensiven Vortrag der jungen Amerikanerin und ihrer exzellenten Begleiter selbst die Erkundigung nach zwischenzeitlichen Spielständen im fernen Paris, umso erfreulicher im Nachgang dann das Vernehmen der 0:3-Abfuhr für den von Vorbestraften geführten Münchner Seitenstraßen-Bolzklub beim CL-Liga-Krösus PSG, die Abrundung für einen sowieso schon über die Maßen konvenierenden Abend – Geld schießt Tore, wussten Sie das schon, Herr Steuerhinterzieher? ;-)))) – im Indie-Rock hingegen, da befeuert das Leben auf schmalem Fuß und der Tanz am Abgrund prekärer Umstände den kreativen Forschungsdrang, wie EMA-Konzerte und -Tonträger eindrucksvoll unter Beweis stellen.
(***** ½)