Erinnerung

Reingelesen (46)

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„Als ich zu schreiben begann, gab es noch das Café `ino, mein Lieblingsmantel war noch da, meine Lieblingsshow lief noch im Fernsehen. Ich hatte keine Ahnung, das am Ende des Buches so vieles, was ich liebte, verschwunden sein würde. Sogar zwei meiner Katzen waren tot, als ich mit dem Buch fertig war.“
(Patti Smith im Interview mit Susanne Mayer, Zeit Literatur No. 13 / März 2016)

„In meiner Sehnsucht nach Dauerhaftem musste ich vermutlich daran erinnert werden, wie flüchtig Dauerhaftes ist.“
(Patti Smith, M Train, Abgeschrittene Erde)

Patti Smith – M Train. Erinnerungen (2016, Kiepenheuer & Witsch)

Der M Train als Titelgeber, die New Yorker U-Bahn-Linie, die bis 2010 nach Coney Island/Brooklyn fuhr, dort, wo sich Patti Smith in einem renovierungsbedürftigen Bungalow in der Nachbarschaft am Rockaway Beach ein neues Zuhause suchte, diese Geschichte wird auch erzählt im Buch, „M“ will die Autorin aber in erster Linie im Sinne von Mind, Gedanken verstanden wissen.
Nach den hochgelobten und eminent erfolgreichen Erinnerungen „Just Kids“ (2010, Kiepenheuer & Wirsch) an ihren langjährigen Freund und ‚Horses‚-Cover-Fotografen Robert Mapplethorpe nun im aktuellen Werk das Gedenken an verblichene literarische Helden, verschwundene Kaffeehäuser und die Toten aus dem engsten Familienkreis.
Patti Smith erzählt von Reisen nach Yorkshire an das Grab von Sylvia Plath und auf die zu Französisch-Guayana gehörende Teufelsinsel, um am Sehnsuchtsort des französischen poète maudit Jean Genet Steine von den Ruinen der örtlichen Strafkolonie für ihn zu sammeln, die sie ihm zu Lebzeiten nicht mehr überreichen konnte und bei einer Reise nach Marokko auf sein Grab in Larache legte, zu der Gelegenheit besuchte sie auch den Schriftsteller Paul Bowles für ein Interview für die deutsche Vogue. Die Nummer geht nicht ohne Pathos ab im Buch und das mitunter arg aufgesetzt wirkende Gewese um literarische Vorbilder/Helden muss von der Leserschaft des öfteren schwer verdaut werden, in Sachen Namedropping und Ikonenverehrung übertreibt das Werk in einigen Passagen gehörig in Richtung Besessenheit, weitere Größen wie Frida Kahlo, William Blake, Roberto Bolaño, Tolstoi, Schiller, Murakami erhalten die entsprechende (oft selbstredend trotz allem auch berechtigte) Beweihräucherung.

„Ich persönlich halte nicht viel von Symbolismus. Ich verstehe ihn nicht. Warum können Dinge nicht so sein, wie sie sind? Mir kam nie in den Sinn, Seymour Glass zu analysieren oder „Desolation Row“ aufzuschlüsseln. Ich wollte mich nur verlieren, mit etwas anderem eins werden, einen Kranz auf einen Turm stülpen aus dem einzigen Grund, weil ich es wollte.“
(Patti Smith, M Train, Tierkekse)

Weitaus unterhaltsamer ist die Schilderung ihrer Begegnung mit dem ehemaligen Schachweltmeister Bobby Fischer am Rande einer Tagung des dem Gedenken an den Polarforscher Alfred Wegener verpflichteten Continental Drift Clubs in Reykjavik, Smith war Mitglied der Gesellschaft bis zu deren Auflösung, nachdem Fischer rassistischen Müll und Verschwörungstheorien zum Besten gab (Patti Smith: „Hör mal, du verschwendest deine Zeit. Ich kann genau so widerlich sein wie du, nur in Bezug auf andere Themen.“), sang man gemeinsam Buddy-Holly-Lieder, an der Stelle endlich ein Bezug zur Popmusik ;-))
Parallel dazu ist die 330-Seiten-Textsammlung eine schöne Studie über die Kaffeehaus-Kultur, speziell das 2013 aus Patti Smith‘ Village-Nachbarschaft verschwundene Café `ino erhält ein würdiges literarisches Denkmal, stellvertretend für ihre geistige Heimat New York.

„Ich hatte keine Ahnung, ob Bachs Kaffeekantate ein geniales Werk war, aber seine Begeisterung für Kaffee zu einer Zeit, in der er als Droge verpönt war, ist wohlbekannt. Eine Gewohnheit, die Glenn Gould vermutlich übernahm, als er mit den Goldberg Variationen verschmolz und ziemlich verrückt am Klavier rief: Ich bin Bach! Nun, ich war niemand. Ich arbeitete in einem Buchladen und nahm Urlaub, um ein Buch zu schreiben, das ich nie wirklich schrieb.“
(Patti Smith, M Train, Wheel Of Fortune)

Großartig ist das Buch in den Momenten, in denen Patti Smith ihren Songtexten gleich scheinbar fließend die Themen und Bilder wechselt und oft unvermittelt ihrer verstorbenen Liebsten gedenkt, ihrem Vater Ian Smith und der Kindheit in New Jersey, ihrem im Jahr 1994 früh verstorbenen Ehemann, dem MC5-Gitarristen Fred ‚Sonic‘ Smith, und dem ebenfalls kurz darauf früh verblichenen Bruder Todd. Hier werden ihre Gedanken persönlich, zupackend, direkt, oft sehr berührend, trotz des fühlbaren Schmerzes aber immer auch tröstlich, im besten Falle transportiert Patti Smith hier religiös anmutende, Religions-freie Weisheiten.

„Ich möchte die Stimme meiner Mutter hören. Ich möchte meine Kinder als Kinder sehen. Kleine Hände, flinke Füße. Alles verändert sich. Der Junge ist erwachsen, der Vater ist tot, die Tochter ist größer als ich und erwacht weinend aus einem schlimmen Traum. Bitte bleibt für immer, sage ich zu den Dingen, die ich kenne. Geht nicht fort. Werdet nicht groß.“
(Patti Smith, M Train, Sturmluftdämonen)

Die Gedanken zur eigenen Vergangenheit, zu nicht immer angenehmen oder rätselhaften Träumen, das Reisen um die Welt zu den Gräbern und Lieblingsorten der Helden und Vorbilder sind ergänzt mit Schwarz-Weiß-Polaroid-Fotos der Künstlerin, vom Schachtisch etwa, an dem sich Fischer und Spasski 1972 gegenüber saßen, Bilder diverser Cafés oder vom Strand in Far Rockaway nach den Verwüstungen des Orkans „Sandy“, mit einer persönlichen Note versehen wie die individuellen Gedanken zu den angerissenen Themen.
„Just Kids“ war durchgehend großer Autobiographie-Stoff, bei „M Train“ muss der Leser in etlichen Passagen Abstriche machen, zu erratisch ist das Wandeln zwischen den Sujets, zu Stakkato-haft werden die Eindrücke und Gedanken geschildert, der sprichwörtliche rote Faden ist oft schwer zu erkennen. Die große thematische Klammer bleibt die Erinnerung, die in einigen Kapiteln zu vieles gleichzeitig dokumentieren und wachrufen will.
Um einen im schlimmsten Fall hinkenden Vergleich zu den musikalischen Patti-Smith-Werken zu wagen: Wo „Just Kids“ qualitativ im Transport großer Momente und eindrücklicher Bilder auf literarischer Ebene dem 70er-NY-Punk-Meilenstein ‚Horses‚ gleichkommt, stagniert „M Train“ auf ‚Gung Ho‘-Level (2000, Arista), bestenfalls oder immerhin, je nach Sichtweise.
Erfreulicher, unterhaltsamer und gewinnbringender ist die M-Train-Lektüre nichtsdestotrotz allemal mehr als der Konsum von Patti Smith‘ zuletzt veröffentlichten, tendenziell belanglosen Alben ‚Twelve‘ (2007) und ‚Banga‘ (2012, beide Columbia).

„Sie verschwanden hastig um die Ecke und ließen einen schrumpfenden silbernen Luftballon zurück, der über dem Gehsteig schwebte. Ich ging hin, um ihn zu retten, als er gerade schlaff den Boden berührte.
– Ein ziemlich gutes Sinnbild für alles, sagte ich laut.“
(Patti Smith, M Train, Umschalten)

PATTI SMITH AND HER BAND perform HORSES @ Tollwood München 2015-07-13 (7)

‚Löwenfans gegen Rechts‘ erhalten ‚Münchner Bürgerpreis für Demokratie – gegen Vergessen‘

Preisverleihung 2015 der Stiftung ‚Münchner Bürgerpreis für Demokratie – gegen Vergessen‘ an die Initiative ‚Löwenfans gegen Rechts‘ sowie Ehrenpreis-Verleihung an den Münchner Alt-Oberbürgermeister Christian Ude @ NS-Dokumentationszentrum, München, 2015-07-28

„Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
(Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Epilog)

„So if you meet with these historians
I’ll tell you what to say
Tell them that the Nazis
Never really went away
They’re out there burning houses down
And peddling racist lies
And we’ll never rest again…
Until every Nazi dies…“
(Chumbawamba, The Day The Nazi Died)

MÜNCHNER BÜRGERPREIS FÜR DEMOKRATIE - GEGEN VERGESSEN 2015 (14)

Die Initiative ‚Löwenfans gegen Rechts‚ ist mit dem diesjährigen „Münchner Bürgerpreis gegen Vergessen – für Demokratie“ zur Erinnerung an die Herrschaft der Nationalsozialisten und zur Stärkung der Demokratie im Rahmen einer Veranstaltung im NS-Dokumentationszentrum ausgezeichnet worden, der Preis wurde von der ehemaligen FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher gestiftet, er wird in der Regel alle zwei Jahre verleihen und ist mit fünftausend Euro dotiert.

Die ‚Löwenfans gegen Rechts‘ wurden insbesondere für ihr Engagement im Fußballstadion gegen jegliche Art von Diskriminierung, rechtsradikaler Äußerungen, sexueller Diskriminierung, Homophobie, Rassismus und das Vergessen der NS-Verbrechen geehrt, besonders lobend erwähnt wurde ihre Unterstützung für den Münchner Stadtarchivar Anton Löffelmeier bei seiner Arbeit am Buch ‚Die „Löwen“ unterm Hakenkreuz: Der TSV von 1860 München im Nationalsozialismus‘ (2009, Verlag Die Werkstatt), einem wichtigen Beitrag zur Dokumentation und zur Auseinandersetzung des Vereins mit seiner Rolle im „Dritten Reich“.
In seiner Laudatio verwies der Münchner Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers (‚Bin ein Rot-Weißer…Rot-Weiß Oberhausen!‘) auf das energische Einschreiten der ‚Löwenfans gegen Rechts‘ gegen rechtsradikale Minderheiten im Stadion, auf ihren klaren Standpunkt, dass Diskriminierung beim Sport und insbesondere auf den Stadienrängen nichts zu suchen hat, im Besonderen würdigte er das Engagement der Initiative hinsichtlich der Verankerung dieser Grundsätze in den Vereinsstatuten des TSV 1860. Die Gruppierung veranstaltet darüber hinaus Aufklärungsabende, lädt Zeitzeugen zum „Dritten Reich“ ein, organisiert Ausstellungen, sie nimmt seit vielen Jahren an der Gedenkfeier für die Opfer des rechtsradikal motivierten Oktoberfest-Attentats von 1980 teil, engagiert sich in Demonstrationen gegen Pegida und Ausländer-Hetze, pflegt seit Jahren eine Freundschaft mit einem Fußball-Verein in Gambia und veranstaltet nicht zuletzt den alljährlichen, immer gerne besuchten Neujahrsempfang.
Dr. Küppers dankte der Gruppierung für ihre Aufklärungsarbeit im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur und verwies auf Zahlen einer jüngsten Umfrage, die dieses Engagement unvermindert notwendig machen – nach dieser Umfrage hegt jeder fünfte Münchner Antipathien gegen Muslime, jeder 11. ist fremdenfeindlich eingestellt und 6% der Befragten bekennen sich zum Antisemitismus.
Löwenfan Jonas bedankte sich im Namen der Initiative für die Preisverleihung und merkte an, dass nach wie vor Gegendemonstranten und kritische Journalisten in ihrem Engagement gegen die braune Gefahr von der Polizei behindert und wiederholt verhaftet und im Nachgang mit Verfahren belangt werden.
Der „Münchner Bürgerpreis“ ist nach der Auszeichnung durch den Deutschen Fußball-Bund mit dem renommierten „Julius-Hirsch-Preis“ im Jahr 2009 bereits die zweite bedeutende Ehrung, die die 1860-Fans für ihr Engagement erhalten. Der DFB-Preis ist nach dem ehemaligen deutschen Nationalspieler Julius Hirsch benannt, der 1943 wegen seiner jüdischen Religion in Auschwitz ermordet wurde.

MÜNCHNER BÜRGERPREIS FÜR DEMOKRATIE - GEGEN VERGESSEN 2015 (18)

Mit dem Ehrenpreis der Stiftung wurde in diesem Jahr Schönwetter-Löwenfan und Alt-Oberbürgermeister Christian Ude für sein Engagement für das NS-Dokumentationszentrum und die jüdische Gemeinde in München und seinen Beitrag für die Entwicklung der demokratischen Gesellschaft und ein weltoffenes, buntes München ausgezeichnet.
Die Laudatio auf Ude hielt die Literaturwissenschaftlerin, Journalistin und auf jüdische Literatur spezialisierte Münchner Buchhändlerin und vormalige Preisträgerin Dr. Rachel Salamander, die sein Talent als Redner, seinen Beitrag zur Entfaltung jüdischen Lebens in München und als Integrator von Minderheiten in der Stadt ehrte. In ihrer Rede stellte sie den Bezug Udes zum ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner her, beide gehören in ihren Augen zu den ganz wenigen Politikern, die Kultur und Politik in Einklang brachten.
Zum Schluss ihrer Rede brachte sie ihr Bedauern über die verlorene Landtagswahl Udes im Jahr 2013 zum Ausdruck, ob dies im Saal jeder so sah, sei dahingestellt.
Alt-OB Christian Ude erinnerte in seiner Dankesrede an seine politischen Vorbilder, zu denen neben dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten und Hitler-Gegner Wilhelm Hoegner und seinem Amtsvorgänger Hans-Jochen Vogel auch die Preis-Stifterin und Udes ehemalige Lehrerin Hildegard Hamm-Brücher zählt, die als Münchner Stadträtin und bayerische Landtags-Abgeordnete die Bestrebungen der Stadt hinsichtlich Liberalität und Weltoffenheit stets durch ihr politisches Wirken unterstützte.
Ude betonte die Notwendigkeit, Erinnerungskultur als Bestandteil der Verteidigung der Demokratie zu begreifen. Die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung sei nach wie vor notwendig, als Beleg führte er die jüngsten Erhebungen und veröffentlichten Zahlen über rechtsradikal motivierte Morde in der Bundesrepublik in den letzten 25 Jahren ins Feld.
Er erinnerte an ein Interview, das er als ehemaliger Journalist mit dem SPD-Kanzler Willy Brandt führte, dieser betonte im Bezug auf den Nationalsozialismus nicht so sehr die Schuld des Kollektivs als vielmehr die Schuld der Schwäche, wie sie die Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, die akademische Elite und der Juristenstand im Vorfeld der Hitler-Diktatur zeigten.
Ude bezog sich aus aktuellem Anlass auf den derzeit im Münchner Stadtrat vertretenen NPD-Funktionär und schloss seinen Vortrag mit den Worten: „Folgen wir den ‚Löwenfans gegen Rechts‘, rechtzeitig Riegel vorzuschieben gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass!“, womit ihm der lange anhaltende Applaus der Anwesenden gewiss war.

Begleitet wurde der festliche Abend von Jury-Mitglied Lukas Muffler, der die Veranstaltung moderierte sowie von kurzen Begrüßungsworten von Verena Miriam Hamm, die ihre leider erkrankte Mutter Dr. Hildegard Hamm-Brücher vertrat, und von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, der neben den Geehrten Alt-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, die Münchener Stadträtin Beatrix Zureck (SPD und Mitglied im Verwaltungsrat des TSV 1860), die stellvertretende Landtags-Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Schulze, Christian Vorländer von der Münchner SPD, den Münchner Grünen-Vorsitzenden Hermann ‚Beppo‘ Brem sowie – zur besonderen Freude der Anwesenden – den hochverehrten Max Mannheimer im Saal des NS-Dokumentationszentrums willkommen hieß, der als Auschwitz-Überlebender seit Jahrzehnten wertvolle Aufklärungsarbeit, vor allem an deutschen Schulen, leistet.

MÜNCHNER BÜRGERPREIS FÜR DEMOKRATIE - GEGEN VERGESSEN 2015 (20)

Musikalisch wurde die Verleihung stimmungs- und eindrucksvoll begleitet vom Duo „Salz & Pfeffer“, die Gitarristin Stefanie Böhm und der Hackbrett-Spieler Komalé Akakpo gaben dem Abend einen würdigen konzertanten Rahmen.

Das Kulturforum gratuliert den ‚Löwenfans gegen Rechts‘ – derzeit die einzige Institution im Umfeld des krisengeschüttelten TSV 1860 München, die für positive Schlagzeilen sorgt – ganz herzlich zur hochverdienten Preisverleihung und bedankt sich bei Stephanie Dilba für die Einladung zu dieser stimmungsvollen Veranstaltung.

Löwenfans gegen Rechts / Homepage

Duo Salz & Pfeffer / Hackbrettspieler.de / Ensembles

Stiftung „Münchner Bürgerpreis für Demokratie – gegen Vergessen“ / Muenchen.de

So Many Roads

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„Up here in Heaven, Mr Garcia, we are all grateful dead.“
(The Great Unknown)

„I opened for the Band a few times in the early 80s. You haven’t lived ‚til you’ve swung with the Dead. Jerry’s a bona fide Genius.“
(Warren Zevon, Deadicated)

Heute vor 20 Jahren hat die größte Live-Band ever ihre letzten 160 Minuten „on Stage“ im Soldier Field Football Stadium in Chicago, Illinois, gespielt. Wenige Wochen später, am 9. August 1995, ist der Ausnahmegitarrist Jerry Garcia im ‚Betty Ford Center‘, einer Entzugsklinik im kalifornischen Forest Knolls, an den Folgen einer Herzattacke im Alter von 53 Jahren gestorben, und damit hörte die Cosmic-American-Music-Legende und Mutter alles Jam-Bands, The Grateful Dead, auf zu existieren.
In den letzten Tagen gaben die Überlebenden der Dead in Chicago im Soldier Field drei allerletzte, bei Deadheads nicht unumstrittene Reunion-Konzerte, den Garcia-Ersatz durfte der Phish-Langweiler Trey Anastasio geben, aber im Ernst: The Grateful Dead sind ohne das Saiten-Genie Jerry Garcia ebenso wenig denkbar wie die Beatles ohne John und George, The Who ohne Pete Townshend, die Kinks ohne Ray Davies oder die Stones ohne den Affen und die lebende Leiche.
Das letzte Konzert der Reihe wäre am vergangenen Montag weltweit in ausgewählten Lichtspielhäusern gezeigt worden, in München hätte das ‚Cinema‘ in der Nymphenburger Straße das große Los gezogen, die Veranstaltung ist leider wegen geringem Interesse abgesagt worden. Hätte mir das selbstredend trotz erwähnter Bedenken reingezogen, und sei es nur wegen der nachfolgenden Schlaumeierei gewesen, haha ;-)) Aber wie ich die Vermarktungsstrategen der Band einschätze, kommt das über kurz oder lang sowieso als CD-Box mit DVD und allem möglichen Farewell-Schnick-Schnack auf den Markt…

Die ersten beiden Shows der Reunion-Sause gibt es bei nyctaper.com, wie es sich für Deadheads gehört, in ansprechender ‚Digital Master Audience Recording‘-Qualität in der ‚Taper’s Section‘ mitgeschnitten, guckst Du hier.

1995-05-28 - Grateful Dead- Portland Meadows, OR


 

Zum Gedenken an den Lieblings-Nikolaus aller Musikfreunde soll hier „So Many Roads“ erklingen, ein exzellenter Song der Band aus dem 1995 geplanten, aber nicht mehr offiziell veröffentlichten Album „Earthquake Country“, welcher der hervorragenden 5-CD-Box mit zuvor unveröffentlichten Liveaufnahmen (1999, Arista) aus drei Jahrzehnten der Band „on the Road“ ihren Namen gab.

Bitteschön: „So Many Roads“ vom allerletzten Konzert der Dead mit Jerry Garcia vor zwanzig Jahren, laut youtube „maybe the most soulful „So Many Roads“ Jerry ever sang“.

Dank archive.org ist das komplette Chicago-Konzert vom 9. Juli 1995 als Stream verfügbar:

The Grateful Dead @ Soldier Field, Chicago IL, 2015-07-09
Setlist:
(01) Touch Of Grey 07:45
(02) Little Red Rooster 08:47
(03) Lazy River Road 07:47
(04) When I Paint My Masterpiece 05:48
(05) Childhood’s End 04:44
(06) Cumberland Blues 04:41
(07) Promised Land 04:47
(08) Tuning 02:11
(09) Shakedown Street 14:33
(10) Samson And Delilah 08:19
(11) So Many Roads 12:33
(12) Samba In The Rain 06:54
(13) Corrina 14:48
(14) Drums 13:52
(15) Space 13:29
(16) Unbroken Chain 07:00
(17) Sugar Magnolia 09:28
(18) Crowd 02:17
(19) Black Muddy River 05:19
(20) Box Of Rain 05:35
(21) Fireworks 04:34

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The Grateful Dead / Wikipedia

Reingelesen (22)

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Coco Schumann – Der Ghetto-Swinger. Eine Jazzlegende erzählt (1997, dtv)
Der 1924 in Berlin geborene und aufgewachsene Heinz Jakob „Coco“ Schumann kam bereits als Halbwüchsiger in der Spree-Metropole mit der Swing- und Jazz-Szene der dreißiger Jahre in Berührung, als Autodidakt eignete er sich das Schlagzeug- und Gitarrenspiel an, spielte bis 1943 in diversen Swing- und Jazzbands und war so ein fundierter Kenner des damaligen Berliner Nachtlebens.
1943 wurde Schumann als Halbjude in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, konnte dort im ‚Vorzeige-Ghetto‘ der Nazis aufgrund seiner Musiker-Vita im Swing-Orchester von Fritz Weiss spielen, er ist in dem zu nationalsozialistischen Propagandazwecken produzierten Dokumentarfilm „Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ in einer kurzen Sequenz als Schlagzeuger der von Martin Roman geleiteten Band ‚Ghetto Swingers‘ zu sehen.
Im September 1944 wurde Coco Schumann in das Vernichtungslager Auschwitz verlegt, welches er nur überlebte, weil nach eigenen Aussagen sein „Schutzengel wiederholte Male kräftig hinlangte.“

„Der Mensch ist eine merkwürdige Erfindung. Unberechenbar und gnadenlos. Die Bilder, die ich in jenen Tagen sah, waren nicht auszuhalten, und doch hielten wir sie aus. Wir spielten Musik dazu, ums nackte Überleben. Wir machten in der Hölle Musik.“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, La Paloma)

Im Zug der Offensive der Roten Armee im Osten und der daraus resultierenden Auflösung des Lagers Auschwitz wurde Schumann in das bayerische Lager Kaufering, einem Nebenlager des KZ Dachau, transportiert, von dem aus er und die überlebenden Häftlinge völlig entkräftet und krank auf den sogenannten Todesmarsch Richtung Innsbruck geschickt wurden, dessen glückliches und jähes Ende in der Nähe von Wolfratshausen Coco Schumann in seiner unnachahmlich-humorigen Art wie folgt kommentiert: „(…) Als wir am nächsten Morgen abermals das Geräusch nahender Panzer hörten, schickten wir, klüger geworden, einen von uns voraus, der gucken sollte. Er meldete lakonisch: „Stern dran – Amerikaner!“ Das war’s.“

Pointiert berichtet er aus seinem Nachkriegsleben, dem Übersiedeln seiner Familie nach Australien und den dortigen Erfolgen als Swing- und Jazz-Musiker, der spontan getroffenen Entscheidung zur Rückkehr nach Berlin und den folgenden Jahrzehnten, die für Schumann geprägt waren durch den Überlebenskampf als Musiker und die Enttäuschung über die nicht geglückte Entnazifizierung im Nachkriegsdeutschland.

Der Humor ist das eigentlich Erstaunliche an diesem Buch, Coco Schumann, der als Insasse der Konzentrationslager mit den Grausamkeiten des ‚Dritten Reichs‘ konfrontiert wurde und in dieser Autobiografie tieftraurige und erschütternde Begebenheiten aus dem Lageralltag dokumentiert, hat ihn Zeit seines Lebens nie verloren, und das macht diese Buch so wertvoll. Nie gibt Schumann der Verbitterung über ein Schicksal Raum, über das er – wie so viele – erst nach Jahrzehnten sprechen und schreiben konnte, immer bewahrt er sich seinen zutiefst menschlichen und gewitzten Blick auf die Dinge.

„Eine besondere Vorliebe hatte ich für die coole Art von Dave Brubeck, Paul Desmond, Gery Mulligan, Astrud Gilberto, deren Musik ich genoß, deren Weise, Melodien zu empfinden, mir sehr entsprach. Das gleiche gilt übrigens auch für Jimi Hendrix, den ich gewissermaßen für sein Können bewunderte, dessen Spielweise ich aber nicht nachzuempfinden versuchte, weil ich nicht in meine kostbaren Gitarren beißen wollte.“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, Razzle dazzle)

Coco Schumann kannte sie alle, unseren hochverehrten Altkanzler Willy Brandt, dessen Wahlkampf er musikalisch unterstützte, ebenso wie die Jazz-Größen Ella Fitzgerald und Louis Armstrong, die bekannten deutschen Musiker Botho Lucas und Bert Kaempfert, und nicht zuletzt seinen jahrzehntelangen guten Freund, den Swing-Geiger Helmut Zacharias, er hat sie alle überlebt und so kann er uns noch heute seine Interpretation des Welthits ‚La Paloma‘ spielen und erzählen von einer Zeit, die uns Nachgeborenen, durch den Schleier der Zeit, zusehends unwirklicher vorkommt, dem Frieden und dem Lernen aus der Geschichte nicht trauend und immer mit einem gepackten Koffer im Schrank für den Fall, dass es noch einmal hart auf hart kommen sollte…

„Im Lauf der Zeit kam etwas anders hinzu: die Erkenntnis, daß dieses Land keinen Moment lang ernsthaft bestrebt war, Gerechtigkeit walten zu lassen und die eigene Geschichte zu verarbeiten; der Eindruck, daß es den Schuldigen, den Mitschuldigen und den „unschuldigen“ Tätern ein leichtes gewesen war, sich wieder ins reine, ins rechte Licht, in Amt und Würden zu setzen und abermals das Leben der „Überlebenden“ zu bestimmen. Mein Freund, der Autor Henryk M. Broder, sagte vor ein paar Jahren einen treffenden Satz, den ich nicht vergessen kann: ‚Coco, die werden uns nie verzeihen, was sie uns angetan haben!'“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, Autumn leaves)

Die Biografie ist eine ganz dicke Lese-Empfehlung für jeden, der auch nur einen Funken Interesse an der deutschen NS-, Nachkriegs- und Musik-Historie hat. Lange nicht mehr habe ich gleichzeitig so viel gelacht und getrauert wie bei der Geschichte vom Ghetto-Swinger.
(******)

Vinyl und CDs von Coco Schumann gibt es beim renommierten Münchner Indie-Label Trikont.

Reingelesen (21)

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„Hitlers Fähigkeit, die Massen zu begeistern, wirkte schon länger nicht mehr. Gleichwohl blieben Strukturen und Mentalitäten von Hitlers charismatischer Herrschaft bis zu seinem Tod im Bunker wirksam. So uneins wie die herrschenden Eliten waren, besaßen sie weder den gemeinsamen Willen, noch verfügten sie über die Mechanismen der Macht, um Hitler daran zu hindern, Deutschland ins Verderben zu stürzen.“
(Ian Kershaw, Das Ende, Anatomie der Selbstzerstörung)

Ian Kershaw – Das Ende (2011, Deutsche Verlags-Anstalt)
Vor siebzig Jahren ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen und unter welch erschütternden Umständen dies aus deutscher Sicht geschah, hat der britische Historiker Ian Kershaw auf eindrucksvolle Weise in seiner Abhandlung „Das Ende. Kampf bis in den Untergang – NS-Deutschland 1944/45“ dokumentiert. Kershaw war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Professor für moderne Geschichte an der University of Sheffield. Einer breiteren, geschichtsinteressierten Leserschaft ist er vor allem durch seine zweibändige Hitler-Biografie bekannt geworden.
Kershaw dokumentiert in „Das Ende“ die wesentlichen historischen Fakten nach dem Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 bis zum Tag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 wie die Ardennen-Offensive, den Massenexodus der Zivilbevölkerung aus dem Osten, die Auflösung der Konzentrationslager und die anschließenden Todesmärsche der bis dahin überlebenden Häftlinge und erörtert vor allem die zentrale Frage, warum so viele Deutsche Hitler und seinem Verbrecher-Regime bis zum bitteren Ende folgten und keinerlei Form von Widerstand oder Ablehnung der Ideen der Nationalsozialisten erkennen ließen, bis der Feind buchstäblich vor der Tür stand. Die wesentlichen Gründe dafür sieht Kershaw vor allem in den von den Nazis missbrauchten Tugenden wie Ehrgefühl und Pflichterfüllung, der von vielen empfundenen Alternativlosigkeit des politischen Systems, im Terror von SS und Gestapo gegen Zivilisten und Deserteure und der Angst der Bevölkerung vor dem „bolschewistischen Terror“ der Roten Armee. Vor allem letzteres führte zur Mobilisierung des Volkssturms, in dessen Aktionen unzählige Jugendliche und längst dem wehrfähigen Alter entwachsene Senioren sinnlos ihr Leben an der Front lassen mussten.
Kershaw zeigt auf, dass weit mehr als die Hälfte der Opfer des zweiten Weltkriegs auf deutscher Seite in den letzten 10 Kriegsmonaten zu beklagen waren, in dem Zeitraum fielen 2,7 Millionen der insgesamt 5,3 Millionen im Krieg getöteten Angehörigen des Heeres, der Luftwaffe, der Marine und der Waffen-SS. Im gleichen Zeitraum kamen abseits der Front über 400.000 Menschen aus der Zivilbevölkerung durch Luftangriffe und Flächenbombardements der Alliierten ums Leben, 800.000 wurden verwundet, 1,8 Millionen Wohnungen wurden vor allem durch die Bombenabwürfe der alliierten Luftwaffe zerstört und 5 Millionen Menschen wurden aus ihren Wohnstätten evakuiert.

„Der Führer erwartet, dass die Gauleiter die ihnen damit gestellte Aufgabe mit der erforderlichen Härte und Folgerichtigkeit durchführen und rücksichtslos jede Auflösungserscheinung, Feigheit und Defaitismus mit den Todesurteilen der Standgerichte niederhalten. Wer nicht für sein Volk zu kämpfen bereit ist, sondern ihm in ernstester Stunde in den Rücken fällt, ist nicht wert, weiter zu leben und muss dem Henker verfallen.“
(Martin Bormann, Verordnung über die Errichtung von Standgerichten, 15. Februar 1945)

Im Besonderen analysiert Ian Kershaw das Agieren der vier ergebensten Hitler-Paladine im Jahr des Niedergangs des Dritten Reichs. Beleuchtet wird das Agieren und politische Taktieren von Propagandaminister Goebbels, Partei-Kanzlei-Leiter Bormann und vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler, allesamt nationalsozialistische Fanatiker, sowie des Karrieristen und Organisationstalents Albert Speer, von denen nur Goebbels dem „Führer“ bedingungslos bis in den Freitod folgte, Speer, Himmler und Bormann suchten in den letzten Kriegswochen ihr Heil in Separat-Verhandlungen mit den westlichen Alliierten oder in der Flucht aus dem Berliner Führerbunker.

„Wir geben in Berlin Befehle, die unten praktisch überhaupt nicht mehr ankommen, geschweige denn, dass sie durchgeführt werden können. Ich sehe darin die Gefahr eines außerordentlichen Autoritätsschwundes.“
(Joseph Goebbels, Tagebuch, 28. März 1945)

Ian Kershaw versteht wie kaum ein zweiter Historiker, Geschichte detailgetreu zu dokumentieren, nachvollziehbar zu analysieren und gleichzeitig durch gut lesbaren Schreibstil zu unterhalten, nichts liegt ihm ferner als die hochtrabende, verkopfte Sprache des Akademiker-Elfenbeinturms. Dafür Respekt und eine dringende Leseempfehlung für „Das Ende“ an jeden Interessenten der jüngeren deutschen Geschichte.
Das Thema Hitler-Biografien hatte ich für mich bereits abgeschlossen, von Fest über Hamann, Haffner und Pätzold/Weißbecker bis Höhne habe ich hier in den letzten Jahrzehnten einiges mit Spannung gelesen, aber bei Ian Kershaw werde ich künftig noch einmal eine Ausnahme machen müssen.
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