Ethno-Folk

Reingehört (342): Oiseaux-Tempête

Oiseaux-Tempête – AL-‘AN ! الآن (And Your Night Is Your Shadow – A Fairy​-Tale Piece Of Land To Make Our Dreams) (2017, Sub Rosa)

Ursprünglich 2012 für eine Soundtrack-Arbeit zu einem Dokumentationsfilm über die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen in Griechenland angeheuert, hat sich das französische Duo Oiseaux-Tempête der beiden Pariser Musiker Frédéric D. Oberland und Stéphane Pigneul inzwischen zu einer ernst zu nehmenden Größe im europäischen Experimental-Postrock gemausert. 2015 setzte sich die Band auf „Ütopiya?“ mit den Perspektiven der türkischen Gesellschaft auseinander, durch Vertonung von Gedichten des ausgebürgerten Dichters Nâzim Hikmet, in einem faszinierenden Entwurf aus Field Recordings, Post- und Kraut-Rock und frei fließender Improvisation.
Auf der aktuellen Arbeit ist die Band weiter geographisch verhaftet im Mittelmeer-Raum unterwegs, die musikalische Reise der Sturm-Vögel geht in den Nahen Osten, hinsichtlich Öffnung hin zu komplexer stilistischer Vielfalt nimmt „AL-‘AN ! الآن“ den Faden der Vorgängerwerke auf und entwickelt das Klangbild der Formation zu einer Perfektion, die für sich steht, im ausgedehnten Werk immer organisch gewachsen, nie konstruiert in den Kompositionen wirkend, eine Palette an Einflüssen offenbarend, welche der heterogenen, von vielen Kulturen beeinflussten aktuellen Situation speziell im Libanon in der tonalen Umsetzung völlig gerecht wird. Die Erfahrungen und Eindrücke im von syrischen und palästinensischen Flüchtlingen, zahlreichen unterschiedlichsten kulturellen Gesellschaften und nicht zuletzt von der langjährigen Bürgerkriegs-Historie geprägten Beirut fließen ein in arabisch beeinflusste Folk-Drones, die sich in einen von Tablas-Rhythmik getriebenen, dunkel funkelnden Postrock-Flow steigern, angelehnt an ausgedehnte Instrumental-Exerzitien von Giganten des Genres wie den Swans oder Godspeed You! Black Emperor und die düstere Klangmystik der belgischen Church-Of-Ra-Band The Black Heart Rebellion, weit darüber hinaus bereichert durch gesampelte Kirchengesänge, in den Bann ziehenden Anschlag der elektrisch verstärkten Bouzouki, kontemplativen Moog-Synthie-Ambient, aufflackernde Saxophon-Jazz-Psychedelic, französische, arabische und englische Spoken-Word-Collagen, eingefangen in Field Recordings vor Ort, und wiederholten, wütend-verzweifelnden Ausbrüchen aus dem meditativen, gefangen nehmenden Trance-Drone.
Eine atmosphärisch dichtes wie sich zwischen vielfältigsten Eindrücken aufreibendes musikalisches Tage- und Skizzenbuch, das sich im Gesamtbild zu einem großartigen tonalen Kunstwerk zusammenfügt und im 17-minütigen „Through The Speech Of Stars“ seine Klimax findet.
Nichts weniger als eine der gelungensten und ergreifendsten Arbeiten der letzten Zeit aus dem weiten Feld des improvisierten Postrock, realisiert in Zusammenarbeit mit Musikern des libanesischen Johnny Kafta Anti-Vegetarian Orchestra, dem ägyptischen Sänger und Komponisten Tamer Abu Ghazaleh und G.W. Sok, dem langjährigen Frontmann der niederländischen Anarcho-Punk-Combo The Ex – „some live epiphanies improvised between Middle East and Europe during the year of chaos 2016“.
Schöner als Alexandre Francoise von der Plattenfirma kann man’s kaum zusammenfassen: „One thing is certain: the story of the night that Oiseaux-Tempête paints is one that moves towards the day, and is one in which Eros still has words left to say“.
(***** ½)

Soundtrack des Tages (176): Senyawa

Noise-Leckerbissen von Rully Shabara und Wukir Suryadi aus Java: Ohren auf für den Ethno-Doom-Metal-Experimental-Folk des indonesischen Duos Senyawa. Das zweite Video ist der Kurzfilm „Calling The New Gods“ des französischen Dokumentar-Regisseurs Vincent Moon über die Band. Be strong or be wrong.

Ippio Payo + Širom @ Bergschmiede, München, 2017-07-26

Exzellentes experimentelles Doppel-Konzert für Feinschmecker am vergangenen Donnerstagabend in den lauschigen Galerie-Räumlichkeiten der Sendlinger Bergschmiede von Denis Stepanovic, präsentiert vom hauseigenen Wild-Honey-Concerts-Improvisationstheater:

Der vielbeschäftigte musikalische Münchner Tausensassa Josip Pavlov wird bei seinem Postrock-Projekt Ippio Payo auf Tonträger rhythmisch vom ortsansässigen Trommler Tom Wu begleitet, bei seinem Solo-Konzert in der sehr gut besuchten Bergschmiede am Mittwochabend übernahmen den Job gesampelte Elektro-/Drum-Beats, der Intensität seiner instrumentalen Großtat tat dies keinen Abbruch. Pavlov nahm die hochkonzentrierten Gäste mit auf eine faszinierende Klangreise, in der er seine ausgewiesene, oft auch schon in anderen Formationen wie Zwinkelman oder den Grexits unter Beweis gestellte instrumentale Könnerschaft in Formvollendung präsentierte. Die Grenzen des Gitarren-dominierten Postrock wurde in experimenteller Manier gedehnt und gerne auch wiederholt überschritten. Filigranes Saiten-Anzupfen gab sich die Hand mit heftigen Ausbrüchen, um sich rauschhaft in frontal vorwärts driftendem Flow wiederzufinden, der Ausnahme-Musiker lotete Gefilde des Ambient und Trance wie des Kraut-, Space- und Prog-Rock gleichermaßen aus, gesampeltes Drumming und Rhythmik-Riffs, übereinander geschichtete, geloopte, repetitive Gitarrenschleifen und gegeneinander laufende Melodiebögen ließen die Illusion einer vollen Band-Besetzung entstehen. In den entspannten Wellen von „Fisherman“ perlten Reminiszenzen an Tortoise und Peter Green, ansonsten erlaubte die großartige Klangsprache von Ippio Payo keine Vergleiche, zu charakteristisch, eigen und herausragend ist das Werk des Künstlers.
Als abschließende Nummer der schwerst beeindruckenden Solo-Aufführung präsentierte Pavlov den neuen Titel „Another Green World“, der mit dem exzellenten Eno-Album aus dem Jahr 1975 zwar nur den Titel gemein hat, sich dort aber mit seinem herrlichen Ambient-Experimentalpop-Flow ohne Qualitätsabstriche nahtlos einfügen würde. Nach kurzem Innehalten und finalem Abschalten der Loop-Maschine war dem Klang-Magier der dankbare und lang anhaltende Applaus des Publikums gewiss, die Hörerschaft war sich des Umstands längst gewiss, Zeuge eines experimentellen Instrumental-Konzerts der Sonderklasse geworden zu sein. Das bis dato lauteste war’s auch im Rahmen dieser Veranstaltungen, die Sendlinger Nachbarschaft scheint eine tolerante zu sein, vielleicht haben die Anwohner aber auch einfach nur guten Musikgeschmack bewiesen und sich genauso delektiert am Postrock-Rausch wie die unmittelbar vor der Bühne Sitzenden…
(***** ½)

Der faszinierenden Klangwelt des slowenischen Trios Širom ist mit Worten schwer gerecht zu werden. Ana Kravanja, Samo Kutin und Iztok Koren sind in ihrer Heimat neben der gemeinsamen Formation in diversen anderen Bands engagiert, das mag zumindest in Teilen die unglaubliche Vielfalt an Einflüssen in der Musik der jungen Klangkünstler erklären. So reichhaltig die erkennbaren Musikgattungen in der experimentellen Ambient-Drone-Volksmusik der drei begnadeten Talente sind, so umfangreich ist ihr Instrumentarium, das tonale Feuerwerk in seiner ganzen Pracht entfaltete eine kontemplative Intensität zwischen Streich- und Saiten-Instrumente-dominierter Melodik von berückend-meditativer Schönheit bis hin zu Trance-artigen Perkussions-Experimenten, vorgetragen auf Gongs, Trommeln, Balafon, selbst entworfenen Klangkörpern und Schlagzeug. Ob in der Ethno-/Weltmusik-artigen Spielart des klagenden, schwermütigen Balkan-Folk/-Neoblues, in neoklassisch eingefärbter Experimental-Polyrhythmik, im Free-Jazz-Flow, Trance-verhafteter Minimal Music oder in sich auflösenden, abstrakten Drone-Strukturen, zu keiner Sekunde konnte sich das gebannte Publikum der Faszination dieses überbordenden, sich permanent ausdehnenden Klangkosmos entziehen. Was bei weniger versierten Musikern zu einem zusammengewurstelten Beliebigkeitsbrei verkommen kann, gestaltet sich bei Širom zu einem höchst stimmigen Austarieren der Möglichkeiten, hier sind Meister ihres Fachs am Werk, die sich ihrer ausgeprägten Fähigkeiten bewusst sind und diese völlig unerschrocken, unaufgeregt und uneitel zu einem akustischen Bravourstück zusammenfügen. Širom haben nichts weniger als eine eigene musikalische Sprache entwickelt.
Neben Werken des Širom-Debütalbums „I.“ kamen auch Arbeiten aus dem zweiten Tonträger der Band zum Vortrag, „Lahko Sem Glinena Mesojedka / I Can Be A Clay Snapper“ hat Walkabouts-Chef Chris Eckman im vergangenen Frühjahr in Ljubljana abgemischt und wird im September bei Glitterbeat/tak:til erscheinen.
(***** ½)

Unverhofft ging der Abend in eine dritte Runde: Kraut-/Weltmusik-Legende und Embryo-Gründer Christian Burchhard besuchte gesundheitlich schwer angeschlagen zu vorgerückter Stunde die Veranstaltung, ihm zu Ehren formierten sich Širom, Josip Pavlov und einige Musiker der aktuellen Embryo-Besetzung zu einer spontanen, ausgedehnten Jam-Session – ein würdiger Ausklang für einen wunderbaren Konzert-Abend.

Very special thanks an Katrin und Eike Klien/das klienicum für Verpflegung sowie Annette und Klaus/The Almost Boheme für technischen Support.