Ethno-Folk

Reingehört (354): Tanzania Albinism Collective

„It´s a very Western idea that input equals output. It´s wrong to assume that in order to be a good musician, ‚I have to listen to this person and that person, or I have to be taught‘ – Good musicians are good because music comes from inside of them.“
(Ian Brennan)

Tanzania Albinism Collective – White African Power (2017, Six Degrees)

Der Blues der weißen Schwarzen: In keinem Land der Welt leben mehr Albinos als im ostafrikanischen Tansania, Schätzungen gehen von 200.000 Menschen aus, und nirgendwo leben sie – bedingt durch ihre helle Haut-Pigmentierung – gefährlicher als in der Republik am Indischen Ozean. In früheren Zeiten sofort nach der Geburt ertränkt, später in Einzelfällen von den eigenen Eltern verkauft und von der Bevölkerung als „Geister“ verspottet, sind die unter der Albinismus-Hautstörung leidenden Tansanier heute regelrechten Hexenjagden ausgesetzt, bedingt durch einen im Volk weit verbreiteten Aberglauben werden sie von professionellen Mördern gejagt, welche Medizinmänner mit abgetrennten Gliedmaßen, der Haut und dem hellen Haar der Albinos zum Braunen Wohlstands- und Gesundheits-fördernder Zaubertränke beliefern.
Im Rahmen der zahllosen Verwerfungen unserer globalisierten Lebenswelten mag dieser tödliche Aberglauben nur eine Randnotiz darstellen, für die Leidtragenden offenbart sich mitunter die Hölle auf Erden.
Die Künstler des Tanzania Albinism Collective widmen sich als selbst unmittelbar Betroffene auf ihrem Debüt-Werk diesen lebensbedrohlichen und diskriminierenden Umständen, in musikalischer Form buchstäblich zum ersten Mal, insgesamt sind 18 Sänger und Musiker an diesem 2016 gegründeten Projekt beteiligt, vor den Aufnahmen hatte nur ein einziger von ihnen ein Instrument gespielt – in den ostafrikanischen Communities und Glaubensgemeinschaften ist den Albinos in der Regel selbst in Kirchen das Singen und Tanzen verboten.
„White African Power“ wurde auf der Viktoria-See-Insel Ukerewe in einem von ortsansässigen Lehrern geschützten Refugium für Albino-Tansanier aufgenommen und begleitet von Tinariwen-Produzent Ian Brennan, der die Beteiligten zum Erlernen traditioneller und moderner Instrumente ermutigte – Tanzania Albino Country Folk, Ground Zero, quasi.
In psalmodierenden Gesängen, rauen, afrikanischen Ur-Raps und eindringlicher rhythmischer Monotonie trägt das Kollektiv in 23 oft Kurz- und Kürzest-Beschwörungen seine Klagen, Eindrücke, Gedanken und herzergreifenden, schlichten Balladen vor über den Fluch des Gen-Defekts, die unmenschlichen Mythen und den gefährlichen Irrglauben an übernatürliche Kräfte und erzeugt so eine ureigene, einnehmend-intime Atmosphäre.
Generell sowieso unzweifelhaft und hier einmal mehr im Besonderen: Der wahre Ur-Blues kommt aus Afrika, immer schon…
(*****)

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Reingehört (342): Oiseaux-Tempête

Oiseaux-Tempête – AL-‘AN ! الآن (And Your Night Is Your Shadow – A Fairy​-Tale Piece Of Land To Make Our Dreams) (2017, Sub Rosa)

Ursprünglich 2012 für eine Soundtrack-Arbeit zu einem Dokumentationsfilm über die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen in Griechenland angeheuert, hat sich das französische Duo Oiseaux-Tempête der beiden Pariser Musiker Frédéric D. Oberland und Stéphane Pigneul inzwischen zu einer ernst zu nehmenden Größe im europäischen Experimental-Postrock gemausert. 2015 setzte sich die Band auf „Ütopiya?“ mit den Perspektiven der türkischen Gesellschaft auseinander, durch Vertonung von Gedichten des ausgebürgerten Dichters Nâzim Hikmet, in einem faszinierenden Entwurf aus Field Recordings, Post- und Kraut-Rock und frei fließender Improvisation.
Auf der aktuellen Arbeit ist die Band weiter geographisch verhaftet im Mittelmeer-Raum unterwegs, die musikalische Reise der Sturm-Vögel geht in den Nahen Osten, hinsichtlich Öffnung hin zu komplexer stilistischer Vielfalt nimmt „AL-‘AN ! الآن“ den Faden der Vorgängerwerke auf und entwickelt das Klangbild der Formation zu einer Perfektion, die für sich steht, im ausgedehnten Werk immer organisch gewachsen, nie konstruiert in den Kompositionen wirkend, eine Palette an Einflüssen offenbarend, welche der heterogenen, von vielen Kulturen beeinflussten aktuellen Situation speziell im Libanon in der tonalen Umsetzung völlig gerecht wird. Die Erfahrungen und Eindrücke im von syrischen und palästinensischen Flüchtlingen, zahlreichen unterschiedlichsten kulturellen Gesellschaften und nicht zuletzt von der langjährigen Bürgerkriegs-Historie geprägten Beirut fließen ein in arabisch beeinflusste Folk-Drones, die sich in einen von Tablas-Rhythmik getriebenen, dunkel funkelnden Postrock-Flow steigern, angelehnt an ausgedehnte Instrumental-Exerzitien von Giganten des Genres wie den Swans oder Godspeed You! Black Emperor und die düstere Klangmystik der belgischen Church-Of-Ra-Band The Black Heart Rebellion, weit darüber hinaus bereichert durch gesampelte Kirchengesänge, in den Bann ziehenden Anschlag der elektrisch verstärkten Bouzouki, kontemplativen Moog-Synthie-Ambient, aufflackernde Saxophon-Jazz-Psychedelic, französische, arabische und englische Spoken-Word-Collagen, eingefangen in Field Recordings vor Ort, und wiederholten, wütend-verzweifelnden Ausbrüchen aus dem meditativen, gefangen nehmenden Trance-Drone.
Eine atmosphärisch dichtes wie sich zwischen vielfältigsten Eindrücken aufreibendes musikalisches Tage- und Skizzenbuch, das sich im Gesamtbild zu einem großartigen tonalen Kunstwerk zusammenfügt und im 17-minütigen „Through The Speech Of Stars“ seine Klimax findet.
Nichts weniger als eine der gelungensten und ergreifendsten Arbeiten der letzten Zeit aus dem weiten Feld des improvisierten Postrock, realisiert in Zusammenarbeit mit Musikern des libanesischen Johnny Kafta Anti-Vegetarian Orchestra, dem ägyptischen Sänger und Komponisten Tamer Abu Ghazaleh und G.W. Sok, dem langjährigen Frontmann der niederländischen Anarcho-Punk-Combo The Ex – „some live epiphanies improvised between Middle East and Europe during the year of chaos 2016“.
Schöner als Alexandre Francoise von der Plattenfirma kann man’s kaum zusammenfassen: „One thing is certain: the story of the night that Oiseaux-Tempête paints is one that moves towards the day, and is one in which Eros still has words left to say“.
(***** ½)

Soundtrack des Tages (176): Senyawa

Noise-Leckerbissen von Rully Shabara und Wukir Suryadi aus Java: Ohren auf für den Ethno-Doom-Metal-Experimental-Folk des indonesischen Duos Senyawa. Das zweite Video ist der Kurzfilm „Calling The New Gods“ des französischen Dokumentar-Regisseurs Vincent Moon über die Band. Be strong or be wrong.